Tattoos Abschied vom Arschgeweih

Tattoos: Abschied vom Arschgeweih Fotos
dpa

Nackte Frauen, die auf Werwölfen reiten, ein versifftes Tattoo-Studio, Aids-Test: Als sich Philipp Kohlhöfer 1993 tätowieren ließ, war das noch ein echtes Abenteuer. Und das Motiv war offenbar total daneben. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.6 (4944 Bewertungen)

Ich bin gewöhnlich. Ich habe Angst vor der Klimakatastrophe, aber fliege in den Urlaub. Ich mag Fußball, aber hasse es, wenn schlecht gespielt wird. Ich sehe mir RTL-Shows an, aber meckere am nächsten Tag über die Idioten im Fernsehen. Ich kaufe Öko-Produkte, aber ich esse gerne Fleisch. Ich gehe wählen und überlege andauernd, ob ich es lassen sollte. Ich habe eine Geldanlage, die so beständig an Wert verliert, dass es ein Jammer ist. Ich bin tätowiert ...

... und damit so wenig individuell, dass es knallt. Und hier beginnt das Problem: Was soll man denn bloß über Tätowieren schreiben? Es ist doch so normal, so unendlich unspektakulär.

Irgendwann traf ich mal einen Menschen in einem Club namens Ausweg, der sagte: "Soll ich dir mal meinen gepiercten Penis zeigen?" Rammstein sangen im Hintergrund "Du riechst so gut" und obwohl das thematisch vielleicht gepasst hätte, lehnte ich ab. Der Mensch war beleidigt. Zugegeben, diese kleine Anekdote hat nicht wirklich was mit Tattoos zu tun, aber immerhin firmieren Piercings und Tattoos in der öffentlichen Wahrnehmung ungefähr in derselben Ecke. Was noch? Ich habe mir einen Indianer tätowieren lassen, ein Motiv aus dem fantastischen Buch "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses", weil ich immer schon für die Schwachen war.

Nackte Frauen, die auf Werwölfen ritten

Außerdem war das gerade ziemlich modern damals. Die Red Hot Chili Peppers hatten 1991 "Blood Sugar Sex Magik" veröffentlicht und jeder von ihnen hatte auf den Bildern im dazugehörigen Booklet irgendetwas Indianisches tätowiert. Weil ich die Band seit 1985 gut finde - da wurde "Freaky Styley" veröffentlicht -, hat mir das die Entscheidung für ein Tattoo leicht gemacht. (Nebenbei: "One Hot Minute" ist komplett unterbewertet, auch von der Band selber. Grandioses Album!)

Der Laden, in dem ich mich tätowieren ließ, war direkt neben dem Hauptbahnhof, konnte nur durch eine schwere Eisentür mit einem kleinen, runden Kuckloch betreten werden und der Tätowierer sah aus wie Rick Rubin, der großartige Musik-Produzent, der wiederum aussieht wie ein Hells Angel, war es aber leider nicht. Als Motive bot er mir nackte Frauen an, die auf Werwölfen ritten und Totenköpfe, die Zombies verspeisten(!). Zu meinem Indianer fiel ihm nichts ein außer: "Was hast du denn da für einen Scheiß?" Der Laden war ziemlich dreckig, ich habe danach einen AIDS-Test gemacht. Unnötig zu erwähnen, dass das Bild besser hätte umgesetzt werden können.

Ich erinnere mich zwar an eine Szene, als ich am örtlichen Baggersee lag und eine Klassenkameradin staunend meinen Oberarm bewunderte, aber eigentlich war Tätowieren 1991 schon nichts besonders mehr.

Tätowieren - so spannend wie auf Klo gehen

Und es ist ja sogar noch schlimmer geworden: Mittlerweile ist Tätowieren ähnlich spannend wie ein Besuch auf dem Klo und so unspektakulär wie Nase putzen. Ich will das um Gottes willen nicht verurteilen, ich gehöre ja selbst zu den elf Prozent aller Deutschen, die laut einer Umfrage des Offenbacher Meinungsforschungsinstituts Marplan tätowiert sind. Zwar ist das Arschgeweih tendenziell eher in den unteren Einkommensschichten beliebt, die meisten Tattoo-Träger gehören aber laut Studie zu den Besserverdienenden, die das nur machen, um sich ein bisschen rebellisch zu fühlen.

Rebellion hatte aber selten was mit Tätowierungen zu tun. Das ist spätestens klar, wenn man einen Blick auf die Geschichte der Hautbilder wirft.

Woher die Tätowierung kommt, weiß allerdings keiner so genau. Sie hat sich wahrscheinlich parallel in verschiedenen Regionen der Welt entwickelt und ist fast so alt wie die Menschheit selber: Schon der 1991 gefundene, knapp 5300 Jahre alte Steinzeitmann "Ötzi" hat Tätowierungen - knapp fünfzig Stück. Bei ihm hatten die Tattoos aber scheinbar eher therapeutische Zwecke. Einer Akupunktur ähnlich hat er an Stellen, die besonders beansprucht waren, wie Knie und untere Wirbelsäule, Tätowierungen, die sich motivmäßig in simplen, geraden Linien erschöpfen. Tattoos als Mittel gegen Gelenkverschleiß - weniger Rebellion geht ja wohl kaum.

Hautbilder für die Fortpflanzung

Eher skurril als rockig sind die Gründe bei den Nubiern, 2000 vor Christus: Sie stachen sich Tattoos, um die Fortpflanzungsfähigkeit der Verstorbenen im Jenseits zu sichern. Und beinahe spießig kommen die Inuit daher. Sie nähten sich bunte Fäden unter die Haut, um die Zugehörigkeit zwischen Mann und Frau zu verdeutlichen.

In Europa wäre Tätowieren ohne James Cook aus England nicht vorstellbar, hatte er doch auf seinen Fahrten nach Polynesien einen tätowierten Bewohner namens Omai von dort mitgebracht und ihn 1775 in London ausgestellt. Cook brachte auch die Bezeichnung mit: Den tahitianischen Ausdruck Tatu, der vermutlich entstand, weil sich das Schlagen auf den in Polynesien üblichen Tätowierkamm so ähnlich anhörte.

Ausgehend von den Seeleuten bildeten sich dann auch erste Tätowierzentren in den Hafenstädten. Matrosen sammelten nun von Hafen zu Hafen neue Tattoos. Und auch wenn das Tätowieren vorwiegend auf diesen Berufstand mit eher negativem Image beschränkt war, durchdrangen die bunten Hautbilder die Gesellschaft immer tiefer. Sogar unter Adligen wurde es im Zuge der französischen Revolution in den europäischen Herrschaftshäusern recht populär, sich die wie auch immer gelagerten Sympathien in die Haut zu stechen.

Hippies, Werber, alte Römer

Während Tätowieren in Europa also zunehmend durch alle gesellschaftlichen Schichten wanderte, langsam zwar, aber immerhin, wurde es überall dort, wo Europäer in Übersee tätig waren, verboten. Die christlichen Missionen stuften die Körperbilder als heidnisches Teufelszeug ein. Die Missionare waren diesbezüglich allerdings schlecht informiert, galt doch das schicke Handgelenktattoo mit einem Fisch, einem Kreuz oder einem Lamm im alten Rom als Erkennungszeichen für eine neue In-Group namens Christen. Wen wundert's, Jesus sah ja auch aus wie ein Hippie.

Apropos: Besonders Hippies und Biker kamen in den sechziger und siebziger Jahren auf den Geschmack - und verpassten den Tattoos das Image, das sie heute nur noch bei Werbern und anderen Besserverdienern genießen. Wer Zeit hat, kann's ihnen von mir aus übelnehmen. Unstrittig saublöd ist allerdings folgendes: Seit drei Jahren schenkt der Reifenhersteller Dunlop in den USA jedem ein kostenloses Reifenpaket, der sich das Firmenlogo auf den Körper tätowieren lässt. Der Erfolg ist allerdings übersichtlich: 98 Leute haben sich bis jetzt dazu bereit erklärt.

Artikel bewerten
3.6 (4944 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Oliver Hering 16.03.2008
Tja, erst denken, dann tättoowieren lassen. Habe einiges in der Haut, und nur eine Sache daran bereut, und zwar, daß mein erstes Tattoo das einzige bleiben sollte. Und deswegen zu klein ist.
2.
Thomas Reusch 26.03.2008
Schön geschriebener Artikel. ich bin zwar erst sein etwas über 10 Jahren im Club der tattooierten, kann das aber genau so alles bestätigen.
3.
Tim Sievers 26.03.2008
Sehr schöner Tatsachenbericht! Ich habe ewig überlegt ob ich mich tätowieren lassen soll, fand aber nie das richtige Muster/Motiv. Und ein "Tribal" ist wohl das einfallsloseste was man sich nur stechen lassen kann! Ich bin heilfroh dass ich standhaft blieb auch wenn in meinem Bekanntenkreis immer mehr sich haben stechen lassen. Mittlerweile habe ich schon das Gefühl einer Minderheit anzugehören. Fühlt sich cool an, kommt schon eher einer Rebellion gleich als das schwimmen mit dem Strom... Mal ehrlich, tätowieren ist doch mittlerweile so provokativ wie Rauchen oder Motorradfahren, was in meiner Wahrnehmung eher ein Alt-Herren-Hobby geworden ist. Übrigens: Meine vollste Zustimmung bzgl. "One Hot Minute"! Meiner Meinung nach, ist es nach "Californication" das beste Peppers-Album aller Zeiten. Mit allem was danach kam, konnte ich mich, von ein paar Singles abgesehen, nicht recht anfreunden. Gruß vom Unbemalten :-)
4.
Pierre Kerchner 26.03.2008
Aber woher kommt genau der Erfolg des "Arschgeweihs" ? mit den RHCP hat das wohl nichts zu tun. sondern? gab es ein initiales, prominentes Vorbild?
5.
marcus bender 26.03.2008
hm... der älteste tätowierer ist doch meiner meinung nach herbert hoffmann... zumindest hat dem mal die älteste tätowierstube gehört und wenn ich mich an den film "flammend herz" erinner war er da nicht mehr so gut zu sprechen drauf ansonsten guter beitrag, auch wenn jesus ganz sicher kein hippie war, weder vom aussehen, was wohl eher dem typischen nahost-bewohner entsprochen haben düfte und nicht dem blonden langhaarigen aus diversen bibelfilmen, als auch von der botschaft her, die etwas mehr war als peace and love und sonst nix ausserdem glaube ich, dass tätowieren bzw tätowiert sein heute durchaus noch einen bestimmten ruf hat... hängt natürlich davon ab wieviel und an welchen stellen... aber tätowierte hände oder hals oder allgemein viele tattoos haben immer noch blick zur folge, gerade wenn man nicht in der grossstadt rumläuft sondern im dorf oder der kleinstadt
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen