Tauch-und TV-Pionier Hans Hass Halb Tarzan, halb Grzimek

Heute quälen B-Promis sich und ihre Zuschauer in drögen Dschungelcamps, früher zeigte das Fernsehen noch echte Abenteuer: In den Fünfzigern erkundete Tauchpionier Hans Hass erstmals auf Fernseh-Expeditionen exotische Unterwasserwelten und lieferte den Bundesbürgern faszinierende Bilder von Trompetenfischen, Haien und Oktopoden in die Wohnzimmer.

Die zweite "Xarifa"-Expedition von 1957/58 erbrachte nicht nur erstklassige Forschungsresultate, sondern war auch eine Pioniertat der Populärwissenschaft.

Die zweite "Xarifa"-Expedition von 1957/58 erbrachte nicht nur erstklassige Forschungsresultate, sondern war auch eine Pioniertat der Populärwissenschaft.

Von Ralf Bülow


Cannes, 15. Oktober 1957. Der schnittige Dreimaster mit dem leicht gerundeten Bug und der österreichischen Flagge am Heck, dem man noch immer seine Vergangenheit als Luxusyacht des Nähmaschinenkönigs Singer ansieht, hat ablegt und strebt der offenen See entgegen. An der Reling steht der in Wien geborene und in Liechtenstein ansässige Hans Hass. Es ist seine zweite Expedition auf der "Xarifa". Sie führt ins Rote Meer und den Indischen Ozean bis nach Singapur - und wird Fernsehgeschichte schreiben.

Der 38-jährige Hass ist bereits ein Veteran der Meeresforschung. Die Unterwasserjagd mit Handspeer hatte er bereits als Teenager an der Riviera vom amerikanischen Taucher und Journalisten Guy Gilpatrick gelernt. Mit Kamera und angehaltenem Atem war er dann 1938 in der Adria getaucht, 1939 in der Karibik. Von 1940 an studierte Hass Zoologie und promovierte 1943 in Berlin. Parallel dazu entwickelte er mit der Lübecker Firma Dräger das autonome Schwimmtauchgerät, das einem Menschen zum ersten Mal volle Bewegungsfreiheit unter Wasser garantierte.

Von Anfang an sorgt der umtriebige Österreicher für die mediale Begleitmusik zu seinen Taten. Vorträge, Bücher, Presseartikel und der Kurzfilm "Pirsch unter Wasser" verschafften ihm mitten im Krieg eine erste Fan-Gemeinde. Nach Kriegsende folgten neben neuen Büchern die abendfüllenden Produktionen "Menschen unter Haien" (1947), "Abenteuer im Roten Meer" (1951) - bei den Dreharbeiten traf er seine zweite Ehefrau Lotte - und das technicolorbunte "Unternehmen Xarifa" (1954). Darin hatte der gleichnamige Dreimastschoner seinen ersten großen Auftritt gehabt und das Kinopublikum zu den Korallenriffs der Karibik, den Seelöwen des Galapagos-Archipels und den Walen und Haien der Cocos-Inseln entführt.

Das Fernsehen als Forschungs-Finanzier

Mitte der Fünfziger präsentierte das Ehepaar Hass dann die erste Unterwasser-Serie im Fernsehen - allerdings im Wortsinne auf dem Trockenen sitzend: Im Studio der BBC plauderten Lotte und Hans, am Kamin sitzend, für sechs Folgen der Sendung "Diving for Adventure" über ihre Erlebnisse, gelegentlich unterbrochen durch eingespielte Unterwasser-Filmclips.

Als nächstes Projekt plante Hass eine neue, große Expedition mit der "Xarifa", an der auch mehrere Wissenschaftler teilnehmen sollten. Hass setzte dabei auf die Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) - doch vergeblich: Die DFG lehnte das Projekt als überdimensioniert ab. Die Resultate, so der Ablehnungsbescheid, seien auch auf anderem Wege mit bedeutend geringeren Mitteln erreichbar. In die Bresche sprangen die Max-Planck-Gesellschaft und das nordrhein-westfälische Kultusministerium für zwei Wissenschaftlerstellen und zahlreiche Sponsoren für die Ausrüstung.

Den Löwenanteil der Kosten aber übernahmen BBC und Süddeutscher Rundfunk: Hans Hass verpflichtete sich, den Sendern 26 Folgen à 30 Minuten mit den Wundern der Unterwasserwelt abzuliefern. Nun kann er sechs Wissenschaftler an Bord nehmen, darunter den Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der schon beim ersten "Xarifa"-Unternehmen dabei war.

Premiere vor den Malediven

Nach dem Start in Cannes und der Fahrt durch den Suezkanal verbringen Hass und sein Team zunächst einige Wochen im Roten Meer. Hauptziel ist wieder die Untersuchung von Korallenriffen und der Strukturen und Lebensvorgänge in diesen Großstädten des Meeresgrunds. Im Dezember lichtet die "Xarifa" den Anker, und nach zwei Fehlversuchen gelingt ihr gegen Sturm, Strömung und Wellengang die Passage in den Indischen Ozean.

Mit sieben Seemeilen Durchschnittsgeschwindigkeit segelt die "Xarifa" den Malediven entgegen. Die westlich von Indien gelegene Inselgruppe liegt 1958 noch abseits des Weltgeschehens und internationaler Touristenströme. Das von einem Sultan regierte britische Protektorat verwendet eigene, bei keiner Bank erhältliche Münzen; Staatsreligion ist ein liberaler Islam. Hans Hass und seine Expedition sind die ersten Besucher, die die Unterwasserlandschaften des Archipels erforschen. Sie bleiben vier Monate.

Parallel zur wissenschaftlichen Arbeit kümmert sich Hass um die vereinbarte TV-Serie. Neben der erprobten 16-mm-Arriflex kommt eine Grundig-Fernsehkamera zum Einsatz, die 100 Meter tief abgesenkt werden kann. Anfang Mai fliegt er nach England, um im BBC-Atelier die ersten sechs Folgen zu schneiden und zu sprechen. Dann geht es zurück zur "Xarifa", die inzwischen vor Colombo auf Sri Lanka - damals sagte man noch Ceylon - liegt. Das nächste Ziel sind die unter indischer Verwaltung stehenden Nikobaren.

Dor entdeckt die Crew vor der Insel Tillanchong eine bisher unbekannte Oktopus-Art, die im Inneren einer Muschel wohnt. Außerdem stößt sie auf das Wrack eines kleinen Kriegsschiffs, das 1925 auf ein Riff gelaufen und gesunken war. Die Expedition endet in der Strasse von Malakka, welche die Halbinsel Malaya von der Insel Sumatra trennt. Nach einem knappen Jahr unter Segeln lässt Hans Hass sein Schiff im Hafen von Singapur und kehrt gemeinsam mit der Besatzung nach Europa zurück.

Lyrische Höhenflüge und wohlinszenierte Tauchgänge

"Expedition ins Unbekannte" heißt die Südfunk-Serie, die die deutschen Fernsehzuschauer erstmal am 12. September 1958 in den Bann schlägt. In der ersten Folge ("Fische unter sich") erleben sie eine völlig unbekannte, aufregende Unterwasserwelt mit Maulputzer- und Trompetenfischen auf dem heimischen Bildschirm - natürlich noch in Schwarz-Weiß. Bis August 1962 folgen 25 weitere Episoden.

"Keine Grotte ohne Lotte" reimt der SPIEGEL-Fernsehkritiker "Telemann" am 9. Dezember 1959 und schildert mit einem ironischen Seitenhieb auf Hass' Gattin das Leben und Treiben der TV-Pioniere im feuchten Element: "Ihr langes Blondhaar wogt wirkungsvoll über Klüfte und Riffe, durch düstere Höhlen und die lichten Verästelungen seltener Korallenformen, während Gatte Hans nicht müde wird, die gefährdete Gefährtin schützend zu umgaukeln."

Zu lyrischen Höhenflügen reizten die wohlinszenierten Hass'schen Tauchgänge auch den Rezensenten der englischen Satirezeitschrift "Punch": "Supple, elegant and sleek / They swim before me once a week. / Now it's time to leave the Hasses / In their submarine crevasses - / Symbolizing, one supposes, / Ocean-bottom symbiosis."

Synthese aus Tarzan und Grzimek

Doch "Expedition ins Unbekannte" machte nicht nur Hans und Lotte Hass zu frühen Fernsehstars. Ihre Expedition erbrachten wichtige Forschungsergebnisse - und ebnete überdies dem Tauchsport den Weg ins junge Medium Fernsehen. Bereits 1959 verfolgten die Zuschauer im Vorabendprogramm gebannt die Abenteuer des Froschmanns Mike Nelson in der Serie "Abenteuer unter Wasser" und in den sechziger Jahren wurde der Delfin "Flipper", der Freund aller Kinder, zum maritimen Megastar des ZDF. Die ARD legte ihrerseits mit dem französischen Meeresbiologen und Abenteurer Jacques Cousteau sowie weiteren Auftritten von Hans Hass nach.

Heute ist der Ruhm des ersten deutschen Unterwasser-Fernsehstars, den die "FAZ" zu seinem siebzigsten Geburtstag 1989 als Synthese aus Tarzan und Grzimek beschrieb, etwas verblasst. Doch wer in den Fünfzigern und Sechzigern aufwuchs, lernte meist durch Hans Hass die faszinierende Wunderwelt unter Wasser kennen - und oft genug lieben. Noch 1985 widmete der Süddeutsche Rundfunk Hass die 13-teilige Serie "Meine Abenteuer und Forschungen im Meer".

Auch wenn Hass nach seinen "Xarifa"-Fahrten das Metier wechselte unter anderem als Humanethologe und Unternehmensberater arbeitete - eine ganze Generation assoziiert bei seinem Namen auf ewige Zeiten Tauchen und Schnorcheln, Meer und Korallen, Haie und Oktopoden.



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Ernst Pelzing, 30.04.2010
1.
"Spanischer Grzimek" Dahinter verbirgt sich der Spanier Dr. Félix Samuel Rodríguez de la Fuente, bei seiner spanischen Fan-Gemeinde bekannt unter "Félix der Tierfreund" bekannt. Seine in den 60er und 70er Jahren der heimischen Flora und Fauna gewidmeten populärwissenschaftlichen TV-Sendungen sind wegweisend zu einer Zeit, in der das Franco-Regime die hemmungslose industrielle Entwicklung auf ihre Fahnen geschrieben hat. Der Film "Señores del espacio", etwa "Herren der Lüfte", ist den Wanderfalken und Habichten gewidmet. Der Streifen wird ein Erfolg. Danach macht sich Rodríguez de la Fuente mit verschiendenen erfolgreichen TV-Dokumentationsserien über die Tierwelt, unseren Planeten und die in diesen Tagen vom spanischen Fernsehen zum Thema Mensch und seine Umwelt erneut ausgestrahlte Produktion "El Hombre y la Tierra" einen Namen. Mit ihnen gelingt ihm auch der internationale Durchbruch. Er versteht es dank seiner rednerischen Begabung, komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge allgemeinverständlich und packend darzustellen. Er bringt seinen Zuschauern über das Pantoffelkino faszinierende Szenen aus der Natur in die heimische Wohnung. Der wirtschaftliche Erfolg, den seine Publikationen und Sendungen mit sich bringen, ermöglicht ihm, einen lange gehegten Wunsch in die Tat umzusetzen: das Leben der Wölfe. Félix wird zum Alpha-Tier, zum Leitwolf mehrer Rudel. Er überspringt die Grenze zwischen den Spezies. Seine gesammelten Erfahrungen machen ihn weltweit zum Wolfsexperten und zum Fürsprecher für dieses Tier. Das "Proyecto Félix" setzt die Tradition von Dr. Rodríguez de la Fuente in der Verkörperung des "spanischen Grzimek" und seiner wegweisenden Rolle und Aufklärungsarbeit fort. Heute scheint der fast ausgerottete Wolf neben anderen Artgenossen wieder auf dem Vormarsch. Dieses Projekt reiht sich wie die Grzimeksche Stiftung "Hilfe für die bedrohte Tierwelt" nahtlos in die sich erfreulicherweise ändernde Einstellung gegenüber Natur und Umwelt ein. Das von der UNO für 2010 ausgerufene Internationale Jahr der Biodiversität gibt dem Ganzen einen globalen Anstrich.
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