Kinotechnische Meilensteine Wie der Film erwachsen wurde

Bioskope, Stereoskope, Zoopraxiskope - die Geschichte des Kinos ist auch eine Geschichte komplizierter Gerätschaften und abstruser Erfindungen. einestages erinnert an die größten technischen Durchbrüche des Films.

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Film des Jahres? Ach was! Als James Camerons 3D-Epos "Avatar - Aufbruch nach Pandora" am 17. Dezember 2009 in den Kinos dieses Planeten anlief, wurde Kinogeschichte geschrieben und der Film neu erfunden - mindestens! Jedenfalls, wenn man den Fans glaubt.

Der Erfolg oder Misserfolg des mit Spannung erwarteten Streifens galt vor fünf Jahren als Lackmustest für das moderne 3D-Kino. Im digitalen Animationsfilm hatte sich die neue Technologie weitgehend etabliert, aber ob sie auch beim Realfilm eine Zukunft hatte, sollte sich erst mit Camerons erhofftem Blockbuster zeigen.

Die Rechnung ging auf: Keine Kinoproduktion hat jemals so viel Geld eingespielt wie Camerons Sci-Fi-Streifen um die blauhäutigen Na'vi, deren Pech es ist, dass wir Erdbewohner auf ihrem idyllischen Dschungelmond Pandora einen begehrten Rohstoff entdecken. Dennoch lässt sich darüber streiten, ob Cameron den 3D-Film, die filmische Stereoskopie, wirklich revolutioniert hat - oder lediglich verbessert.

Spektakel mit menschenfressenden Löwen

Die Ursprünge des 3D-Kinos reichen bis zu den Anfängen des Films zurück. Der erste abendfüllende Spielfilm in 3D, "The Power of Love", eine melodramatische Liebesgeschichte mit Stummfilmstar Barbara Bedford, wurde am 27. September 1922 in Los Angeles präsentiert.

30 Jahre später löste ein Abenteuerstreifen um zwei menschenfressende Löwen in den USA einen kurzen, aber starken 3D-Boom aus: "Bwana Devil" war 1952 der erste abendfüllende Spielfilm in der neuen Natural-Vision-Technologie. Dabei wurden zwei Filmstreifen gleichzeitig belichtet und hinterher über zwei miteinander gekoppelte Projektoren abgespielt. Außerdem war "Bwana, der Teufel", so der deutsche Titel, die erste komplett in Farbe gedrehte 3D-Produktion.

Arch Oboler, der sich in Hollywood als unabhängiger Produzent jahrelang mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte, erwarb die Rechte für die Nutzung des Natural-Vision-Verfahrens und fand mit United Artists einen Verleih, der das Rennen um den technischen Rekord forcierte. Um der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein, kam "Bwana, der Teufel" bei seiner Europapremiere unsynchronisiert, mit hastig zusammengeschusterten, flimmernden Untertiteln in die Kinos. Sowohl in Deutschland als auch in den USA fielen die Filmkritiken zum Teil vernichtend aus. Die "New York Times" lästerte über die schlechte Fotografie des "unbeholfenen" Streifens. Und für den renommierten US-Kritiker Hollis Alpert war "Bwana Devil" gar der "schlechteste Film", den er je gesehen hatte.

Dem 3D-Hype, den das Werk auslöste, tat das jedoch keinen Abbruch. Die Polaroid-Kamerawerke steigerten ihre Produktion der benötigten 3D-Brillen innerhalb kürzester Zeit von 100.000 auf zwölf Millionen Stück im Monat. Daran, dass mit "Bwana Devil" ein neues kinotechnisches Zeitalter angebrochen sei, glaubten selbst diejenigen, die sonst von dem Film wenig hielten. Und sogar für die 3D-Brille sah der damalige Ufa-Direktor Gustav Kemna eine goldene Zukunft voraus. In den USA, so Kemna, laufe praktisch schon "jeder mit seiner 3D-Brille in der Westentasche umher, wie wir hier mit unserer Sonnenbrille." Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser Trend auch hierzulande durchsetze - "besonders dann, wenn die Damen erst mal erkannt haben, dass sie aus der 3D-Brille einen beliebten Gegenstand des Flirtens und Kokettierens machen können." Irgendwie scheint die Damenwelt bis heute nicht dahinter gekommen zu sein. Und auch mit einem anderen Irrtum hat die Filmgeschichte mittlerweile aufgeräumt. Lange Zeit wurde "Bwana, der Teufel" als erster 3D-Film überhaupt gehandelt - allerdings zu Unrecht.

"Wie er das macht, soll der Teufel wissen"

Nur selten in der Historie der Filmtechnik herrschte Einvernehmen darüber, wer was wann als Erstes erfand. Fast immer gab es Vorgänger und Konkurrenten. Das fängt schon ganz am Anfang an: Als der englische Fotograf Eadweard Muybridge 1878 mit mehreren in einer Linie aufgestellten Kameras in Sekundenbruchteilen eine Serie von Fotos eines galoppierenden Pferdes erstellte, die er später mit dem von ihm entwickelten Zoopraxiskop auf eine Leinwand projizierte, hatte das Bild da schon das Laufen gelernt - oder krabbelte es noch? Muybridge hatte ursprünglich den Auftrag erhalten, herauszufinden, ob es im Galopp eines Pferdes einen Moment gab, in dem das Tier mit keinem Bein den Boden berührte. Seine Aufnahmen lieferten den Beweis dafür. Doch waren das, was man dank Elektrischer Schnellseher, Chronofotografischer Flinten und ähnlich obskurer Gerätschaften im 19. Jahrhundert an Bewegtbildern betrachten konnte, bereits fertige Filme oder nur pränatale Vorläufer?

Als erster richtiger Film wird heute gemeinhin "Roundhay Garden Scene" gehandelt. Vermutlich am 14. Oktober 1888 filmte der französische Erfinder Louis Le Prince im Garten seiner Schwiegermutter in Roundhay, Leeds (England) mit einer von ihm entwickelten Kamera eine nur zwei bis drei Sekunden dauernde Szene, in der sein Sohn, seine Schwiegermutter und zwei weitere Personen lachend im Kreis gehen. Das war alles. Und doch eine Sensation.

Am 1. November 1895 veranstalteten die Brüder Max und Emil Skladanowsky im Berliner Theater "Wintergarten" dann die erste verbürgte öffentliche Filmvorführung. Im Anschluss an ein Varietéprogramm zeigten sie mit dem Bioskop, einem von ihnen erfundenen Projektionsapparat, 15 Minuten lang acht ihrer Kurzfilme. Darunter auch "Das boxende Känguruh", in dem ein Mann mit einem Känguru kämpft, dem zuvor Boxhandschuhe über die Vorderpfoten gebunden worden waren. Das Publikum, das so etwas noch nie gesehen hatte, reagierte enthusiastisch bis verängstigt. Ein Gefühlswirrwarr, das vier Tage nach der Urpremiere des Kinos auch in einem Artikel der "Staatsbürger-Zeitung" anklang: "Der ingeniöse Techniker", hieß es in der vielleicht ersten deutschen Filmkritik, "benutzt hier ergötzliche Momentphotographie und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht, soll der Teufel wissen."

Mit 1219 Metern Film zum Rekord

Elf Jahre später, am zweiten Weihnachtsfeiertag 1906, war in der Melbourner Athenaeum Hall die von Charles Tait inszenierte australische Produktion "Die Geschichte der Kelly-Bande" zu bewundern. Auf einer Länge von 1219 Filmmetern, zwischen 60 und 70 Minuten, erzählte der erste Langfilm der Kinogeschichte aus dem Leben des Outlaws Ned Kelly.

Weitere elf Jahre später, am 21. September 1917, wurde in New York mit dem Liebesdrama "The Gulf Between" der erste abendfüllende Technicolor-Farbfilm gezeigt. Der erste lange Film in Farbe war das aber nicht. Bereits am 2. Februar 1912 war im Londoner Scala-Theater ein im Kinemacolor-Verfahren mit Hilfe roter und grüner Filter produzierter und projizierter Farbfilm gezeigt worden: "With Our King and Queen Through India". Der mehrstündige Streifen, von dem heute noch gut zwei Stunden erhalten sind, dokumentierte die Zeremonie, bei der Englands König Georg V. am 12. Dezember 1911 in Delhi zum indischen Kaiser gekrönt wurde. Doch selbst das war nicht der erste Farbfilm gewesen - handkolorierte Farbfilme existierten vermutlich bereits seit 1895.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurden die richtungsweisenden technischen Wegmarken der Kinogeschichte dann fast nur noch in den USA gesetzt: Vom ersten abendfüllenden Tonfilm über den ersten Cinemascope-Film bis hin zum ersten vollständig computeranimierten Langfilm. Verfolgen Sie die Geschichte dieser filmtechnischen Meilensteine in der einestages-Bildergalerie.

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Filmtechnische Meilensteine: Die Erfindungen hinter dem Kinozauber
Dr. Stefan Volk ist freier Filmkritiker und Autor. Er hat unter anderem mehrere Bände zur Filmanalyse im Unterricht verfasst.



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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Eric Red, 16.12.2014
1. Avatar
Avatar war auch so ziemlich der einzige Film, bei dem 3D von der Handlung und von der Umsetzung Sinn machte. Bei allen anderen 3D Filmen, die ich gesehen habe (z.B. der große Gatsby) war der 3D Effect eher störend. zum einen schlecht umgesetzt, zum anderen gab es die Handlung nicht her.
Albert Meier, 16.12.2014
2.
Dieser ganze 3D-Quatsch ist eine Sackgasse, ein Randphänomen des Kinos. Eigentlich gibt es nur zwei relevante technische Neuerungen der Filmtechnik und die sind schon lange her: der Tonfilm und der Farbfilm.
Christian Duerig, 16.12.2014
3. Hugo cabret-2011
Ein Kinderroman in Buchform entwickelt sich zu einer der tiefgründigsten Rahmenerzählung auf der Leinwand. Vom Nachdenken mit Zeno via mechanistisches Weltbild bis hin zur Quantenwelt durchlaufen wir die Entwicklung des Menschen. Wer inspiriert wird, der leistet weiterhin einen Beitrag zur Entwicklung. Ich kenne keine tiefgründigere Erzählung. Goethes Faust schrumpft in sich zusammen mit all seinem Kitsch. Hugo Cabaret verliert den Menschen nie aus seinen Augen. Die menschlichen Beziehungen (Empfindungen und Gefühle) sind das wertvollste, was wir besitzen. Niemand kann uns diesen Besitz rauben. Wir sind Erinnerung.
Lüder Behrens, 16.12.2014
4. Handlug? Avatar?
Hab uich den gleicehn Flm gesehen? Die Handlung vin Avatar lässt sich in drei Worten zusammenfassen :Pocahontas im Weltall. Tut mit leid, aber Avatar hatte zwar einige nette 3D Effekt (die blauen "Indianer" und Tier waren allerdings furchtbar), aber eine selten dämliche Story.
Andreas David, 16.12.2014
5.
3D ist keine Errungenschaft, es ist ein Sargnagel fürs Kino. Es bringt mir null gewinnbringenden Effekt, unterstützt nur, dass Kinofilme fast immer nach Plastik aussehen, mich überhaupt nicht mehr einfangen können und zudem noch teurer werden. Die Abnahme an Echtheit von einem Jurrassic Park 1 zu 4, oder von Herr der Ringe zu den Hobbitfilmen ist eklatant. Und wenn Kino nicht mehr echt wirkt, ist es tot.
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