Techno auf dem Dorf Während der Freistunde in die Disco

Techno - ein Phänomen der Metropolen? Nicht nur. Mitte der Neunziger entstand im oberbergischen 25.000-Seelen-Dorf Wipperfürth eine kleine, aber feine Szene. Sven Schlickowey gehörte dazu. Und erinnert sich, mit welchen Tricks sie sogar Star-DJs in die Provinz lockten.

Andreas Weis/www.aw-photos.de

Die Anfangszeiten von Techno habe ich schlicht und ergreifend verpasst. 1992, als bei der Berliner Love Parade zum ersten Mal Wagen von außerhalb teilnahmen und sie damit zu einem echt "großen Ding" wurde, war ich gerade 14 Jahre alt. Und meine Eltern hätten mir gar nicht erlaubt, zu einer Demonstration, die die Parade damals ja noch war, nach Berlin zu fahren. Abgesehen davon: Ich wusste auch gar nicht, dass es die Loveparade überhaupt gab.

Techno trat erst später in mein Leben, da war ich schon in der Oberstufe. Ich war gerade von der Realschule im heimischen Hückeswagen auf das Gymnasium im nicht viel größeren Wipperfürth gewechselt. Dabei hatte ich einen Teil meiner Schulfreunde hinter mir gelassen - und damit auch unsere gemeinsame Vorliebe für amerikanischen HipHop, die Sitcom "Der Prinz von Bel Air" und alles, was nach Vanilla Ice und seinem Leinwanddebüt "Cool as Ice" aussah.

Techno trat überraschend in mein Leben, dafür umso plötzlicher und heftiger. Schnell wurde mir klar, dass das aber nicht einfach der Wechsel von der einen Szene in eine andere sein würde, vom HipHop zum Techno. Techno war mehr als der Oberbegriff für das gemeinsame Abhängen mit Freunden. Techno war viel mehr, war viel ernster - obwohl er gar nicht ernst genommen werden wollte.

Die Techno-Stars gaben sich in der Dorfdisco die Ehre

Es war die Zeit, die man heute wohl als kommerzielle Hochphase des Technos bezeichnen würde. Eine Zeit, über die Shöppy, ein Disco-Betreiber aus eben jenem Wipperfürth, später sagte: "Du machtest die Tür auf und schriest: 'Techno!', und schon hattest du die Bude voll."

Shöppy war damals schon nicht mehr der Jüngste. Ich will mich nicht unbeliebt machen und sein Alter schätzen - aber er war deutlich älter als wir. Und flog trotzdem noch regelmäßig zum "Full Moon Rave" nach Goa. Und er hatte irgendwie gute Beziehungen zu bekannten Techno-DJs, die damals wie Stars verehrt wurden - und entsprechend hohe Gagen verlangten. Eines der damals zahllosen Techno-Magazine bezeichnete Deutschland als das "Land der baumhohen DJ-Gagen". Shöppy kannte die meisten DJs persönlich, so dass es ihm immer wieder gelang, sie "neben" ihrer Agentur zu buchen. Die Gage, oft ein paar tausend Mark, gab es dann bar auf die Hand.

So gelang es, aus einer Wipperfürther Dorfdisco einen Techno-Geheimtipp zu machen. Zumindest für ein paar Jahre. Das Kesselhaus existiert bis heute und hat sich baulich und optisch kaum verändert. Kaum zu glauben, aber wahr: Da, wo heute Ü30- und Neunziger-Partys laufen und am Anfang dieses Jahrtausends deutscher Schlager und Single-Partys zuhause waren, legten Ende der 90er eigentlich alle Stars der Szene auf - mit Ausnahme des unbezahlbaren Sven Väth. Dafür gaben sich Hooligan, der damals auch noch so hieß, Marusha, Steve Mason, vor seiner Professoren-Karriere beim Radiosender BFBS zu Hause und bestimmt sechsmal pro Jahr auch im Kesselhaus, und, worauf wir besonders stolz waren, Westbam die Ehre.

DJ Hooligan versucht sich als Klofrau

Gelegentlich hatten wir auch einfach Glück. So buchte das Kesselhaus Andry Nalin - kurz bevor er sich als eine Hälfte von "Nalin and Kane" mit seinem Sommerhit "Beachball" plötzlich in den Charts wiederfand. Über Nacht wurde ein namenloser Plattendreher zum Star - und seine Gage explodierte. Im Kesselhaus legt er dank eines bestehenden Vertrages aber noch für ein paar Mark auf.

Ich gab damals den Pressesprecher des Kesselhauses - damit fühlte ich mich als wichtiger, gar zentraler Bestandteil der kleinen Wipperfürther Techno-Szene. Dabei bestand mein Job nur daraus, einmal die Woche eine kleine Terminankündigung an ein paar Zeitungen und Radiosender zu faxen. Ein Fax hatte ich natürlich nicht, ich benutzte immer das Gerät in der Redaktion der Zeitung, für die ich damals als freier Mitarbeiter schrieb. Als Gegenleistung für meinen Einsatz als Pressesprecher gab es freien Eintritt im Kesselhaus, hin und wieder mal ein paar Drinks for free - und die Gelegenheit, die Stars der Szene zu interviewen.

Das Gespräch mit Westbam ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein unglaublich lustiger und sympathischer Mensch. Vielleicht auch, weil er zum Zeitpunkt des Interviews schon ein paar Getränke intus hatte. Legendär auch das Interview mit DJ Hooligan vor der Damentoilette, währenddessen er sich als Toilettenfrau versuchte. Dass die Interviews schließlich auf einer Regionalseite meiner Zeitung immer ein wenig unter Wert verkauft wurden, war hinzunehmen.

In der Freistunde in den House-Club

Das Kesselhaus war bereits die Hälfte aller für unsere kleine Szene relevanter Orte. Die andere Hälfte war eine Kneipe mit dem schönen Namen "House". Deren allergrößter Vorteil bestand darin, dass sie schräg gegenüber unserer Schule lag - und wir Wirt Heiko, der über seiner Kneipe wohnte, bei Bedarf (also Freistunde) wachklingeln konnten, wenn er noch nicht aufhatte. Darüber hinaus war das "House" aber auch eine echte Heimstatt für uns Techno-Fans. Hinter der Theke stand ein DJ-Pult, entsprechend war, zumindest abends, die Musikauswahl sehr elektronisch.

Inhaber Heiko war DJ, der beste, den das kleine Dorf zu bieten hatte und damit, auch wenn er das gar nicht wollte, Kopf unserer kleinen Techno-Truppe. Er war wirklich gut, allein seine eher massenuntaugliche Musikauswahl und seine Unangepasstheit verhinderten eine echte Karriere an den Plattentellern. Trotzdem kam er viel weiter als wir alle, die wir uns natürlich auch mal mit Auflegen und Mixen versuchten. Heiko legte in verschiedenen Clubs in ganz NRW auf, veranstaltete Partys, spiele Live-Sets in einem Kabel-Radiosender - und war Resident im Wuppertaler "U-Club". Und er hatte einen Vertrag mit einer der wichtigsten DJ-Agenturen des Landes. Mit der lag er allerdings heftig im Clinch, weil man seinen Künstlernamen einfach von H.E.M.I.X in "Dr. Wipp" geändert hatte - wohl aus kommerziellen Gründen.

Der "U-Club" im gut eine Autostunde entfernten Wuppertal war für uns die große weite Techno-Welt. Zwar lagen auch die bekannten Kölner und Düsseldorfer Clubs in etwa in der gleichen Reichweite, die aber waren für uns die Ausgeburt der Kommerzhölle, die damals gerade über den Techno rollte. Und deren Bestandteil wir längst waren - auch wenn wir sie ablehnten. Aber natürlich kauften wir diverse Szene-Zeitschriften, die "richtigen" Klamotten und auch sonst alles, was nach Techno roch. Genauso so, wie es clevere Werbestrategen wollten.

Dass die Kommerzialisierung das Ende des Technos einläutete, kann ich gar nicht sagen. Bei uns auf dem Dorf war eher das Gegenteil der Fall. Techno ging, als kein Geld mehr kam. Irgendwann machte Heiko seinen Laden zu, der wohl, das hatten wir alle irgendwie geahnt, nie ein wirtschaftlicher Erfolg gewesen war. Auch die Partys im Kesselhaus wurden immer kleiner. Als bei einem spontan einberufenen Freitagabend mit Heiko und D-Nox nur 120 Gäste kamen, wurde auch dem Letzten klar, dass Techno-Partys mit DJ-Gagen im fünfstelligen Bereich dort keine wirkliche Zukunft mehr hatten. Am längsten hielt der U-Club durch, der sich aber auch irgendwann dem Konkurrenzdruck eines neuen Clubs am anderen Ende der Stadt beugen musste - und heute eher für Reggae und den "Super Club" am Donnerstag bekannt ist.

Auch wir trugen unser Geld irgendwann woanders hin, spätestens als wir mit der Schule fertig waren und getrennte Wege gingen. Wenn es wirklich so etwas wie eine Wipperfürther Techno-Szene gab, starb sie endgültig mit dem Verteilen der Abiturzeugnisse.



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