"Teddy Girls" Die Alpha-Frauen von London

Die Attitüde: rebellisch. Die Klamotten: aristokratisch. Im Nachkriegs-London sorgten "Teddy Girls" für Aufsehen - spitzer Dolch, weiße Handschuhe. Fotograf Ken Russell porträtierte die lässigen Mädchengangs.

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London in Trümmern. Die Kurzhaarfrisur sitzt. In den Überresten des britischen Empires lungern sie herum. Lässig, Kippe im Mund, mit hochgestellten Hemdkragen: Teddy Girls. Ihre schlanken Regenschirme sind die Spazierstöcke einer neuen Anarcho-Aristokratie.

Die Jungs waren zuerst da. Alle sprechen nur über sie. Wie immer. Aber die Mädchen spielen in der gleichen Liga. Tagediebe, die mit ihren Klappmessern spielen. Die "The Creep" von Ken Mackintosh hören - und die Klamotten tragen, wie die Dandys zur Zeit Edwards VII., nur mit diesem rebellischen Twist: Gehröcke, Anzugjacken, hochgekrempelte Jeans und polierte Oxfords; ein eleganter Kontrast zur zerbombten Hauptstadt.

Als der "Daily Express" am 23. September 1953 einen Artikel mit dem Wort "Teddy Boy" überschrieb, hatte die Zeitung Englands neuer Jugendbewegung ihren Namen verpasst. Teddy war die Abkürzung für Edward, jenen Monarchen, unter dem um die Jahrhundertwende Männer in feinen Ausgehröcken das Straßenbild der Insel geprägt hatten. Nun, ein halbes Jahrhundert und zwei Weltkriege später, entdeckte eine neue Generation den Stil der Vorväter für sich. Eine Generation, die in den Ruinen des alten Imperiums gegen ihre Eltern rebellierte.

Bunte Söckchen und ein kleiner Dolch

In den Medien dominierten zunächst Berichte über die Teds, die wilden Jungs in Tweed, die britische Antwort auf Rock'n'Roll-Bewegung und James Dean. Doch schon bald sollten auch die Teddy Girls für Aufsehen sorgen.

"Sie hatte rotbraunes Haar und war 15 Jahre alt", schrieb der "Daily Express" im Juni 1954. "Sie trug enganliegende Hosen, einen Pullover und leuchtend bunte Socken. Und sie trug einen kleinen Dolch." Die Protagonistin war nach Angaben der Polizei in Southsea in einen Kampf mit anderen Mädchen verwickelt gewesen, die sie "Teddy Girl" gerufen hatten.

Ein Jahr später porträtierte Ken Russell die Teddy Girls. Der junge Fotograf, der später als Regisseur des oscarprämierten Films "Women in Love" und der Rockoper "Tommy" von The Who berühmt wurde, arbeitete frei für britische Zeitungen. Als Student hatte er eines der Mädchen kennengelernt, die sich so seltsam kleideten.

"Sie erzählte mir, sie sei ein Teddy Girl, und mir wurde klar, dass sie eine weibliche Version der Teddy Boys war", erklärte der Fotograf später der "Times". Bald schon traf Russell immer mehr der jungen Frauen, die ihren männlichen Pendants in Sachen Coolness in nichts nachstanden. Auf dem Markt in Walthamstow und in seinem Viertel Notting Hill fotografierte Russell, 27, die jungen Rebellinnen.

Toughe Kriegskinder

Im Juni 1955 veröffentlichte das Magazin "Picture Post" die Bilderstrecke, an der Ken Russell in den heruntergekommenen Vierteln Londons gearbeitet hatte. Bereits der erste Satz zeichnete ein verruchtes Bild der Mädchenmode: "Teddy-Kleidung kann eine Vielzahl von Sünden oder jugendliche Vergehen beinhalten."

Doch der Tenor des Artikels war ein anderer. Kurz zuvor hatte sich die Öffentlichkeit noch mit der kriminellen Energie der Straßenbanden im feinen Zwirn beschäftigt, etwa mit dem Mord an einem 17-Jährigen in Londons Süden durch eine Bande von Teddy Boys im Juli 1953. Die Teddy Girls seien hingegen hart arbeitende, modebewusste Frauen, berichtete das Magazin: "Ein willkommenes Aufblitzen von Masseneleganz in der britischen Szene."

Tatsächlich stammte viele aus ärmlichen Verhältnissen und hatten ihre Kleidungsstücke selbst angefertigt - oder aus den Resten alter Mode neu kombiniert. Russell sagte später: "Sie waren tough, diese Kids. Sie waren während des Krieges geboren worden, und die Essensrationierung hatte erst 1954 geendet - ein Jahr, bevor ich die Aufnahmen machte. Sie waren stolz. Sie kannten ihren Wert."

Eines der Mädchen aus seiner Fotoserie war Rose Shine, auf Russells Fotos 15 Jahre alt. "Wir putzten uns so heraus, weil immer nur die Teddy Boys die Aufmerksamkeit bekamen. Uns nahmen sie gar nicht wahr", erklärte sie der "Times" 50 Jahre später.

Auch DER SPIEGEL berichtete über die britischen Mädchengangs in feinen Anzügen. "Als Abart des Teddy-Boys entwickelte sich das 'Teddy-Girl'", so die Beschreibung in der Ausgabe vom 31. August 1955 . "Es trägt sich recht maskulin, bevorzugt - wie das männliche Exemplar der Gattung - ein tailliertes, wenn auch kürzeres Jackett und enge Hosen, im Gegensatz zu den Boys aber weiße Handschuhe, Armreifen, Damen-Regenschirm und Handtasche. Eine überlange Zigaretten-Spitze gehört ebenfalls zur Ausstattung des Teddy-Girls."

Pfirsich Melba statt Gin Tonic

Dass London sich heute an die Teddy Girls erinnert, liegt an Judy Westacott, selbst Anhängerin der lässigen Nachkriegsmode. Den Großteil der Bilder hatte die "Picture Post" 1955 nicht verwendet. Westacott fand die gesamte Serie 2003 in einem Fotoarchiv in der Grafschaft Kent. Selbst Ken Russell war überrascht, dass die Fotos noch existierten.

Nach der Entdeckung berichteten Zeitungen über die coolen Gören aus den Bombenkratern. Auch die Bloggerin Eve Bawoud war begeistert. Ihr gelang es, mehrere der Frauen ausfindig zu machen und zu interviewen.

"Auf den Fotos war ich 15 und hatte die Schule schon für meinen ersten Job in einer Fabrik verlassen", erzählte ihr Mary Toovey. "Wir trugen nicht sonderlich viel Make-up. Haar war wichtig. Immer kurzes Haar. Wir hatten Quiff-Frisuren, genau wie die Jungs. Später in diesem Jahr färbte mir Rosie die Haare blond. Ich hatte Angst, denn mein Vater hätte mich umgebracht, also trug ich einen Turban in seiner Nähe, um es zu verstecken."

Dass die verruchten Mädchen in Wirklichkeit eher mit dem Klischee der Rebellin spielten, beschrieb auch Rose Shine in ihrem Interview: "Wir waren nicht böse, nicht wie einige der Jungs. Es gab diesen Song namens 'Rip it up', naja, die Jungs, die zogen los und zerfetzten die Sitze." Für die Teddy Girls gab es statt Alkohol Pfirsich Melba in einer der Milchbars - und cooles Nicken zur Musik. "Wir waren keine schlimmen Mädchen", erklärte Shine. "Wir waren in Ordnung."

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Johannes Bachmann, 04.05.2016
1. Eigentlich enervierend bieder. Aber was wirklich auffällt:
Mitte der Fünfziger wurden in Großbritannien endlich die Rationierungen aufgehoben. Da war Deutschland schon auf dem Höhepunkt der Fresswelle. Wie kommt's ?
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