Tempo-Kleinlaster Als ganz Deutschland Dreirad fuhr

Der Motor des Wirtschaftswunders machte Räng-Täng-Täng: Auf den Pritschen der dreirädrigen Tempo-Laster karrten die Deutschen den Schutt des Zweiten Weltkriegs weg, bauten ihren ersten Wohlstand auf - und fuhren unter dem stoischen Hämmern des Zweitakters bis nach Afrika. Jetzt feiert der Tempo-Laster 80. Geburtstag.

Tempo-Archiv Museum der Arbeit

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Der soziale Aufstieg, das große Glück, kam in einer stürmischen, verregneten Nacht über die Familie Börger. Es war der Sommer 1947, die Börgers hatten 1943 in der heftigsten Hamburger Bombennacht ihre Wohnung in der Innenstadt verloren und bewohnten seitdem eine Behelfsbehausung in einer Schrebergartensiedlung in Lurup, einem Vorort der Hansestadt.

Eines Nachts schreckten die Börgers aus dem Schlaf, geweckt von lautem Getöse direkt vor ihrem Schrebergarten. Als Fritz Börger hinaus in den Regen trat, bot sich ihm ein ungewöhnlicher Anblick: Direkt vor ihrer Haustür hatte sich ein Konvoi der britischen Besatzer im Schlamm festgefahren, genaugenommen der erste Wagen: ein dreirädriger Kleinlaster der Marke Tempo.

Hinter der Hecke hervor betrachtete Fritz Börger das von lauten Flüchen begleitete Treiben der britischen Soldaten, gespannt, wie sie das Fahrzeug wieder flott bekommen würden. Doch nach kurzer Zeit gaben die Soldaten das Vorhaben auf. Sie begannen, die Ladung von der Ladefläche des Tempo auf die anderen Fahrzeuge umzuverteilen - und schoben den kaputten Kleinlaster in den nächstbesten Bombenkrater. Fritz Börger traute seinen Augen kaum.

Das Glück in einem abgesoffenen Bombenkrater gefunden

Tag für Tag wartete er nun darauf, dass die Besatzer den gestrandeten Tempo wieder bergen würden. Doch nichts geschah. Als eine Woche vergangen war, fasste Fritz Börger einen Entschluss: Er trommelte die Nachbarn zusammen, barg mit ihrer Hilfe den Laster, schob ihn in einen Schuppen auf dem Grundstück und begann mit der Reparatur. Ein Karnickel wurde gegen die Beize getauscht, mit der die Tarnfarbe entfernt werden konnte, Helene Börger tauschte ihr Hochzeitsgeschenk, ein Silberbesteck, gegen blaue Farbe für die neue Lackierung.

Die Investition sollte sich lohnen: Mit Hilfe des kleinen Lasters konnten die Börgers eine florierende Schweine- und Kaninchenzucht aufbauen. In der Woche sammelten sie mit dem Tempo die Küchenabfälle aus der Umgebung als Futter ein, am Wochenende fuhr die Familie damit in die Stadt und verkaufte die Tiere auf dem Hamburger Fischmarkt. Brauchten sie ihren Tempo gerade mal nicht, verliehen sie ihn an ihre Nachbarn in der Straße, von denen niemand ein Auto besaß - gegen einen kleinen Obulus, versteht sich.

So wie den Börgers ging es vielen Deutschen, auch wenn wohl die wenigsten ihren Tempo-Kleinlaster in einem abgesoffenen Bombenkrater fanden. Trotzdem ist ihr Schicksal beispielhaft für das vieler Nachkriegsfamilien, die sich aus den Trümmern des zweiten Weltkriegs auf den drei Rädern der Tempo-Laster eine neue Existenz aufbauten. Ob Kohlehändler oder Klempner, ob Glaser oder Gemüsehändler, der aufstrebende Mittelstand schwor auf die robusten Kasten- oder Pritschenwagen der Hamburger Tempo-Werke. Oder, anders gesagt: Der Motor des deutschen Wirtschaftswunders hatte 400 Kubikzentimeter, zwei Arbeitstakte, gerade mal 12,5 PS und thronte über einem einzelnen Vorderrad.

Jeder dritte deutsche Kleinlaster war ein Tempo

Der Clou mit den drei Rädern hatte einen ganz einfachen Grund: Bereits im Jahr 1928 erließ die Reichsregierung ein neues Gesetz, welches Fahrzeuge mit weniger als vier Rädern und einem Hubraum von weniger als 350 Kubikzentimetern weder Steuer- noch Führerscheinpflichtig waren - ein regelrechter Boom dreirädriger Nutzfahrzeuge war die Folge.

Mitten in dieser automobilen Aufbruchsstimmung beschlossen der Hamburger Kohlehändler Max Vidal und sein Sohn Oscar 1928, in die Dreiradproduktion einzusteigen. Doch die ersten Gehversuche waren nicht leicht: Weil ihnen die nötige Erfahrung fehlte, ließen sie die ersten Tempo-Wagen bei Fremdfirmen im Hamburger Umland fertigen - mit verheerenden Folgen. Die Qualität der dort gefertigten Fahrzeuge war schlecht, Reklamationen am laufenden Band drohten das Schicksal der gerade erst angelaufenen Werke zu besiegeln.

Dann wendete sich das Blatt: Im Frühjahr 1929 wurde der Techniker Otto Daus von Vidal+Sohn als Chefingenieur eingestellt und erwies sich als absoluter Glücksgriff. Das von ihm konstruierte Modell T6 wurde allein bis Ende 1930 rund tausendmal verkauft, 1937 fuhren bereits 25.000 Tempo-Laster auf deutschen Straßen - jeder dritte deutsche Kleinlaster kam damals aus Hamburg.

Florierende Geschäfte dank Unterstützung für die Wehrmacht

Zudem sorgten die Lastesel aus dem Norden immer wieder durch spektakuläre Aktionen für Aufsehen: Ein rumänischer Tempo-Vertreter bewältigte die Strecke Hamburg-Bukarest auf drei Rädern in nur acht Tagen ohne technische Pannen - damals eine enorme Leistung. 1933 stellte das Tempo-Modell Front 7 auf der Berliner Rennstrecke Avus in seiner Fahrzeugklasse einen neuen Rekord über die 1000-Kilometer-Distanz auf: 18 Stunden, 44 Minuten und 48 Sekunden brauchte das Tempo-Dreirad für die Strecke, das ergab einen Schnitt von 54,1 km/h. Angesichts der von derart prestigeträchtigen Meldungen befeuerten Bestellungen kamen die Arbeiter an der Elbe mit der Produktion kaum hinterher.

Daran änderte sich auch während des Zweiten Weltkriegs nichts. Denn die Tempo-Werke waren in dieser Zeit vor allem für die Rüstungsindustrie aktiv und bauten unter anderem Lafetten für das Raketenprojekt V2. Und weil Oscar Vidal vorsorglich alle Unterlagen, die eine Verbindung der Hamburger mit Hitlers Wehrmacht hätten belegen können, 1945 vernichtete, durften die Mitarbeiter auch sofort nach dem Krieg weiterproduzieren. Denn die Fabrikationshallen in Harburg hatten wie durch ein Wunder die Bombenangriffe überstanden, und weil Vidal+Sohn unter dem NS-Regime augenscheinlich nur zivile Fahrzeuge hergestellt hatte, gestatteten die Besatzer schnell eine Wiederinbetriebnahme.

Und so fand sich das Tempo-Werk nach dem Krieg plötzlich auf der Pole-Position, als es darum ging, die arbeitende Bevölkerung zu mobilisieren. Die liebte die Tempo-Dreiräder wegen ihrer Einfachheit: Alle Teile der Antriebseinheit waren leicht zugänglich vorne auf dem Rad versammelt, hinten hing wie ein lebloser Appendix nur noch die Hinterachse am zentralen Rahmenrohr.

Mit dem Dreirad bis nach Nordafrika

Getreu dem Motto "was nicht da ist, kann auch nicht kaputtgehen" beschränkte sich auch die Ausstattung auf das Nötigste. Auch die Liste der aufpreispflichtigen Extras war nicht eben lang: "Elektrische Fahrtrichtungsanzeiger, "Rückspiegel, Sekuritwindschutzscheibe, elektrischer Scheibenwischer, Stopplampen, Rücklicht, Sicherheitstürschloss", das war's schon. Komfort? Fehlanzeige.

Trotzdem hielt die spartanische Ausstattung viele Menschen nicht davon ab, mit ihren Tempo-Lastern vom Typ "Hanseat" oder "Matador" in den Urlaub zu fahren. Unter dem stoischen Hämmern des Zweitaktmotors ging es mit 40 Sachen an die Ostsee, nach Italien - oder gar nach Nordafrika.

Doch die Liebesbeziehung der Deutschen zu ihrem robusten Dreirad war nicht für die Ewigkeit gemacht. Kaum war der Schutt des Krieges den Tempo-Pritschen weggekarrt, die ersten neuen Waren in den Tempo-Kastenwagen herangeschafft, kaum hielt ein bisschen Wohlstand Einzug, wurden die Kleinlaster aus Hamburg zum Auslaufmodell - drei Räder taugten einfach nicht als Statussymbol des wirtschaftlichen Aufschwungs, das aufdringliche Räng-Täng-Täng des Zweitakters schon gar nicht.

Und so wurde im Jahre 1956 die Produktion der Tempo-Laster nach 110.000 in den verschiedenen Baureihen gefertigten Fahrzeugen eingestellt - zumindest in Deutschland. In Indien wurden die "Bajaj-Hanseat" bis ins Jahr 2000 in Lizenz gebaut. Das Tempo-Dreirad der Familie Börger verbrachte seinen Lebensabend übrigens an der Ostsee - umgebaut zum Strandsegler.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Wolf Jahn, 26.09.2008
1.
Schöner Artikel über eine Automarke, von der viele Hamburger nicht mal mehr wissen, daß sie aus Hamburg kam. Der Artikel erscheint übrigens wenige Tage nachdem das Große Treffen des Tempo-Dienst am vergangenen Wochenende in Hitzacker stattfand.
detlef nicolaus, 19.01.2010
2.
Detlef nicolaus Bild 26 ist meiner Meinung nach ein Goliath
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