Tempodrom in Berlin Zirkuszelt der Träume

Im West-Berliner Tempodrom liefen legendäre Konzerte von Nina Hagen bis Bob Dylan. Jetzt erzählt Gründerin Irene Moessinger ihre Geschichte: wie sie von ihrem Erbe ein Zirkuszelt kaufte und später Schiffbruch erlitt.

Jim Rakete

Von


Auf der Bühne stand ein bleicher Junge aus West-Berlin, der sich Blixa Bargeld nannte. In Gummistiefeln und Gummimantel schrie er sich im Tempodrom, einem Zirkuszelt am Potsdamer Platz gleich an der Mauer, die Seele aus dem Leib, die Einstürzenden Neubauten machten dazu grandiosen Lärm. Es war der 4. September 1981, die "Große Untergangs-Show" beim "Festival Genialer Dilletanten" - aus Überzeugung dilettantisch und darum gleich mit Schreibfehler auf dem Flyer.

Auch andere Künstler des Festivals sollten noch von sich hören lassen. Die Tödliche Doris, der spätere Techno-DJ WestBam mit einer Münsteraner Punkband, der spätere Loveparade-Initiator Dr. Motte mit der Band Deutsch-Polnische Aggression. Rund um das große Grüne Zelt wohnte in Zirkuswagen die Belegschaft, unter ihnen eine junge Frau namens Irene Moessinger: die Mutter des Tempodroms.

Lange ist das her. Berlin war eine geteilte Stadt mit surrealen Zügen. Der Kabarettist Arnulf Rating erinnert sich: "Hier lebte man in einer Zwischenwelt. Hart an der Grenze. Westberlin, die Stadt mit nur einer Himmelsrichtung: rundherum alles Osten."

Wie war das genau mit diesem Zelt? Nach dem Motto "Wer soll unsere Geschichte aufschreiben, wenn nicht wir selbst" hat Irene Moessinger viele Schauplätze und Akteure noch einmal aufgesucht. Herausgekommen ist eine Autobiografie.

Was tun mit so viel Geld?

Sie erzählt von ihrer Kindheit in Andalusien am Meer, der Jugend in Süddeutschland, wie sie ein Sixties-Hippie wird. Und im März 1971 von München nach West-Berlin zieht. Moessinger schreibt: "Wenn ich aus dem Fenster meiner ersten Wohnung auf die Kottbusser Brücke über den Landwehrkanal schaute und die in der Luft kreisenden Möwen beobachtete, stellte ich mir vor, Berlin liegt am Meer."

Sie arbeitet in einem Kinderladen und schließt sich der Stadtteilgruppe Kreuzberg an. Zusammen mit anderen Jugendlichen und Musikern von Ton Steine Scherben besetzt sie ein Fabrikgebäude als Jugendzentrum. Die Polizei nimmt alle fest, sie singen fröhlich in der Zelle. Bald darauf besetzen 200 junge Linksradikale, Moessinger mittendrin, einen Teil des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses und nennen es "Georg-von-Rauch-Haus". Der Anarchist Rauch war eine Woche zuvor erschossen worden, von einem Polizisten in Zivil.

Fotostrecke

22  Bilder
Berliner Tempodrom: Ein Träumchen im Schatten der Mauer

Zwei Freunde von Rauch, genannt Müller und Schulze alias Peter Knoll und Bommi Baumann von der Bewegung 2. Juni, wollen Moessinger für den bewaffneten Kampf rekrutieren. Beim Zerlegen von Pistolen in einer Fabriketage löst sich ein Schuss. Für Moessinger ein Warnschuss. Sie hat Angst, in den Untergrund zu gehen, und hält es für politisch falsch, einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Stattdessen beginnt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Moessinger lebt im Rauchhaus, als sie per Telegramm erfährt, dass ihr Vater in Italien an einem Gehirnschlag gestorben ist. Mit ihrer Schwester erbt sie "Geld in Millionenhöhe" und kauft zunächst ein Mietshaus in Frankfurt am Main, der Rest geht an linke Projekte.

Eines Nachts liegt sie wach und hat, inspiriert von einem "Festival of Fools", einen Zirkus vor Augen: Wagen, Tiere, viele Menschen. Musik, Lachen. Das ist ihr Traum. Soll sie versuchen, ihn Wirklichkeit werden zu lassen?

Moessinger trifft Holger Klotzbach, der als gelernter Lehrer mit dem Zirkus Busch durch die Lande tingelte und heute die "Bar jeder Vernunft" betreibt. Er schlägt einen festen Standort für ein Zelt vor. Sie kauft vom Zirkus Busch in Hannover ein großes grünes Zelt für 2500 Zuschauer.

Eine wilde, einmalige Mischung

Ein TV-Moderator beginnt ein Interview mit ihr: "Es war einmal eine Krankenschwester, die erbte eine Million. Anstatt sich eine Eigentumswohnung zu kaufen, erfüllte sie sich einen Traum. Sie gründete einen Zirkus."

Das Sterntaler-Märchen mit der Kreuzberger Krankenschwester läuft, auf Berlinisch gesagt, "wie Bolle". Moessinger erklärt Journalisten, sie wolle "eine neue Form von Zirkus schaffen, die Kabarett, Artistik und Musik einer modernen Revue vereint". Arnulf Rating von der Sponti-Kabarett-Truppe Die 3 Tornados findet beim Brainstorming den Namen - Tempodrom. "Es war die Zeit, als der heutige Wirtschaftslobbyist Joschka Fischer im Blaumann bei Opel am Fließband stand, um die Arbeiterklasse zu revolutionieren", schreibt er im Nachwort zu Moessingers Buch.

Mit ihrem Freund und Geschäftspartner Norbert Waehl mietet sie den Platz, an dem vor dem Krieg das Kaffee Vaterland, einst Teil des Amüsierpalastes Haus Vaterland, Vergnügungswillige aus der Provinz angelockt hatte.

ANZEIGE
Irene Moessinger:
Berlin liegt am Meer

Galiani-Berlin; 464 Seiten; 26,00 Euro.

Die Eröffnungsrevue ist ausverkauft und bringt dennoch Verluste. Die Revuen im Tempodrom sind eine wilde, einmalige Mischung. Es kommen: Buster Edwards, einer der legendären Posträuber aus London. Die Transis Romy Haag und Zazie de Paris. Die Schlagersängerin Manuela, Ton Steine Scherben, die Punkerin Nina Hagen,. Klassische Musik gibt es auch mal.

Das Zelt ist Schauplatz politischer Versammlungen. Als bei Gorleben die Republik Freies Wendland geräumt wird, drängen sich 3000 Atomgegner zur Protestveranstaltung im grünen Zelt.

Doch nichts währt ewig. Nach vier Jahren haben sich Lärmbeschwerden von Anwohnern derart gehäuft, dass das Tempodrom umziehen muss, vom Potsdamer Platz in den Tiergarten an die Spree. Neben der Kongresshalle gibt es wieder großartige Konzerte, etwa unter dem Rubrum "Heimatklänge" Weltmusik aller Art. Monika Döring, eine der Initiatorinnen des Tunix-Kongresses, stellt Festivals wie "Monster, Mythen, Mutationen" auf die Beine. Auch Bob Dylan spielt im Tempodrom.

Ein teures Betonzelt

Dann beugt sich Helmut Kohl über die Pläne des künftigen Regierungsviertels. Der Dicke befindet, das Zirkuszelt müsse da weg, denn gleich am anderen Spreeufer sollte das Kanzleramt entstehen. Nach langen Verhandlungen gibt es sechs Millionen Mark Entschädigung für den Umzug in ein neues Haus.

1995 beginnen Moessinger und Freunde, mit der Stiftung Tempodrom Geld für ein festes Haus zu sammeln, ohne ständigen Ärger wegen Lärms. Per Wettbewerb wird der Entwurf der renommierten Architekten Gerkan, Marg und Partner ausgewählt: ein stilisiertes Zelt aus Beton, spitz in den Himmel strebend, darunter ein kreisrunder Saal für 2000 Menschen.

Womit Moessinger nicht gerechnet hat: Große Teile des Tempodrom-Publikums wollen den Weg nicht mitgehen. Das temporäre Zelt symbolisierte Nomadentum, Improvisation, Freiheit - und nun die Betonhalle am Anhalter Bahnhof. Freunde der Utopie sehen Moessingers Monument als Ausdruck von Hybris, wenn nicht von Größenwahn.

Es geschieht, was so oft bei Bauvorhaben in Berlin und anderswo passiert: Die Baukosten laufen aus dem Ruder. Statt der geplanten 15 Millionen kostet das Betonzelt am Ende rund 33 Millionen Mark. Auch Stadtentwicklungssenator Peter Strieder hat sich für das Projekt starkgemacht. Nun gilt er im Berliner Subventionssumpf als sozialdemokratische Sumpfblüte - und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (ebenfalls SPD) kann sich eines Rivalen entledigen.

Der große Traum hat ein bitteres Nachspiel. Moessinger erlebt wieder mal eine Hausdurchsuchung, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue: Sie und Norbert Waehl sollen sich überhöhte Gehälter ausgezahlt haben. Dabei hatten beide drei Jahre umsonst gearbeitet, sich dann 8000 Euro im Monat ausgezahlt, ihr Nachfolger bekam dreimal so viel. Am Ende steht der Freispruch. Und 2010 verkauft das Land Berlin das Tempodrom für um die sechs Millionen Euro an einen privaten Investor.

Es drängt sich die Frage auf: Was lief schief? Doch Selbstkritik ist nicht die Sache von Moessinger. Sie verteidigt das Gebäude noch immer, auch wenn sie nicht wirklich verteidigen kann, dass es so viel teurer wurde als geplant.

Heute lebt Irene Moessinger in einem märkischen Dorf östlich von Berlin in einer Künstlerkolonie und macht therapeutisches Reiten mit Kindern. So kann das gehen mit Träumen.

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Achmed Adolf Wolfgang Khammas, 20.11.2018
1. Bleibend...
Danke Irene, es waren unvergesßliche Events bei Dir im Zelt. Die Sache mit der Dornenkrone aus Beton ignorieren wird einfach mal...
Katja Kondziella , 20.11.2018
2. Träume
Ja, so soll das gehen mit den Träumen. Leben solange sie den Menschen glücklich machen. Danach kommt was Neues. Das Ende des Traums klingt etwas abfällig im Artikel, schade. Nichts ist von Dauer. Ich bin 100% sicher, dass sie glücklicher in ihrem Leben gewesen ist, als wenn sie den Abzweig Eigentumswohnung genommen hätte.
Nina Pourlak, 21.11.2018
3. Träume müssen nicht für immer sein
Jemand hatte einen Traum, er hat getraut ihn zu selben, aber nichts ist für immer und so ist auch von diesem Traum nur mehr Erinnerung an Erlebtes geblieben. Und das ist schön, denn genau so ist das Leben selbst, und es macht diesen Traum nicht unbedeutender oder gar nichtig, wenn die Frau mit dem Zirkuszelt nun Ponyreiten mit Kindern macht- so what! Irgendwann hat sie ein Zelt gekauft damit andere mit ihr dort feiern.
Nathalie Percillier, 23.11.2018
4. Frustrierter Journalist?
Ich weiß nicht, was Michael Sontheimer dazu bewegt hat das Tempodrom als 'Träumchen' zu etikettieren. Herablassender Ton in der ganzen Besprechung... Dabei ist dieses Buch lesenswert, spannend und poetisch. Keinesfalls die Beschreibung eines Abstiegs, wie es hier anklingt, sondern ein mitreissender Lebensweg. Und zugleich ein Zeitdokument. Danke für die Fotostrecke, die ist schön.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.