Davis-Cup-Sieg 1988 "Das nimmt uns niemand mehr!"

Sie kamen als Außenseiter und gingen als Champions: Mit Boris Becker bezwang Carl-Uwe Steeb 1988 in einem legendären Davis-Cup-Finale die besten Tennisspieler der Welt. Für einestages erinnerte er sich an die Anspannung und Schreckmomente des Turniers, das sein Leben veränderte.

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Im Dezember 1988 erreichte die Tennisbegeisterung in Deutschland ihren Höhepunkt: Millionen verfolgten vor dem Bildschirm die Siege von Steffi Graf und Boris Becker. Doch um endlich die wichtigste Mannschaftstrophäe der Welt, den Davis Cup, zu gewinnen, brauchte selbst Becker Hilfe - und bekam sie von Carl-Uwe Steeb. Ihr Gegner Schweden war nicht nur seit sieben Jahren zu Hause ungeschlagen geblieben, sondern dominierte mit dem Weltranglistenersten Mats Wilander und Wimbledon-Sieger Stefan Edberg vollständig die Tenniswelt. Doch das sollte sich mit jener schicksalhaften Begegnung am 17. Dezember ändern. Carl-Uwe Steeb erinnert sich:

Unser Teamchef Niki Pilic hatte damals genaue Regeln. Immer am Mittwoch vor dem Davis-Cup-Wochenende wurde das Team benannt. Als Gastgeber durften die Schweden den Spielbelag fürs Finale auswählen. Sie haben Sand genommen - das war der Belag, auf dem Boris am schlechtesten spielen konnte. Ich hingegen fühlte mich auf dem langsamen Sandplatz wohl. Daher wusste ich schon vorher, dass ich wohl ein zweites Einzel neben Boris spielen würde.

Im Viertel- und Halbfinale, als auf schnellem Teppichboden gespielt wurde, war Eric Jelen der zweite Einzelspieler. Das war der Schlüssel für den Teamerfolg. Alle haben nur gedacht: "Wie können wir das Ding gewinnen?" Jeder hat dem anderen den Einsatz gegönnt. Das galt auch für unseren Ersatzspieler Patrik Kühnen.

Normalerweise erfährt man im Tennis erst sehr kurzfristig, gegen wen man spielt. Diesmal aber hatte ich fast fünf Wochen Zeit zur Vorbereitung. Nach einem Trainingsblock mit meinem Heimtrainer Günther Metzger haben wir uns alle eine Woche vor der Abreise zur Sandvorbereitung in Düsseldorf getroffen. Das war selbst für ein so enges Team wie uns außergewöhnlich.

Nummer 70 gegen den Champion

Trotz Boris waren wir vor dem Finale klare Außenseiter. Wir mussten drei der fünf Matches gewinnen. Die Schweden hatten nicht nur die starken Einzelgegner Mats Wilander und Stefan Edberg, sondern mit Anders Järryd und Edberg auch das beste Doppel der Welt.

Aber wer Boris kennt und auch die Mentalität unseres Kapitäns Niki Pilic, der weiß: Bei denen wird nirgendwo angereist, um zu verlieren. Boris hatte gerade das Masters in New York gewonnen und war in super Form. Außerdem hatten die Schweden einen taktischen Fehler gemacht: Stefan Edberg war zwar ein absoluter Gigant, aber Sand war nicht sein bester Belag. Mit dem Sandplatzspezialisten Kent Carlson hätten sie eine bessere Chance gehabt.

Trotzdem wollte ich nicht gegen Edberg spielen, der lag mir von der Spielweise her nicht. Mein Fokus war auf Mats Wilander. Daher war ich froh, als ich im Eröffnungsmatch gegen ihn ausgelost wurde. Mats hatte zwar kaum Schwächen in seinem Spiel - aber ich wusste, gegen ihn kann ich mein eigenes Spiel gestalten. Die Aufmerksamkeit vor der Partie war so groß wie nie zuvor. Ich war damals die Nummer 70 der Welt, und Mats hatte in dem Jahr alles gewonnen.

Aus der Mannschaft gab es aber keinen Druck. Boris war zwar sportlich der Anführer, ohne Frage. Aber menschlich waren wir alle auf einer Ebene. Wir haben schon mit zwölf gemeinsame Lehrgänge gehabt. Man kann sagen: Wir sind im Tennis zusammen groß geworden, als Team.

"Ein Wahnsinnsgefühl"

Direkt vor dem Match war ich sehr aufgeregt. Aber ich habe dann trotzdem schnell zu meinem Spiel gefunden und im ersten Satz mit 5:2 geführt. Obwohl ich den Satz 8:10 verloren habe, hat mir der Anfang Vertrauen gegeben. Ich wusste immerhin, dass ich nicht auf verlorenem Posten bin. Den zweiten Satz habe ich auch verloren. Aber ab dem dritten merkte ich, dass bei Mats nicht mehr alles ganz so selbstverständlich ging. Niki Pilic hat mir während des Matches sehr geholfen. Beim Davis Cup darf man im Gegensatz zu anderen Turnieren ja gecoacht werden. Er hat meine Strategie klar vorgegeben. Es gibt nur einen Weg zu gewinnen, hat er gesagt: "Du musst mutig sein, viel riskieren!" Er hat mir die Angst genommen, Fehler zu machen.

Das Blatt wendete sich. Den dritten und vierten Satz gewann ich. Zum Glück wusste ich damals nicht, dass Wilander noch nie eine Zweisatzführung abgegeben hatte. Aber auch so hatte ich noch einen Riesenberg vor mir. Im fünften Satz war ich nochmals 2:5 und 5:6 mit Break hinten. Mats hatte sogar Matchball. Da wusste ich, dass ich volles Risiko gehen muss, den Punkt dominieren. Wenn ich an das Match denke, kommen sofort wieder meine Gedanken und Gefühle von damals hoch. Ich weiß noch: Mats’ erster Aufschlag war im Aus. Ich habe dann beim zweiten Aufschlag extrem meine Rückhand umlaufen und bin mit meiner stärkeren Vorhand auf den Returnwinner gegangen. Erst wurde er Aus gegeben. Mats hatte für zwei Sekunden das Match gewonnen. Aber dann hat der Schiedsrichter bestätigt, dass der Ball auf der Linie war.

Ich hab mich danach in einen kleinen Rausch reingespielt und hatte zehn Minuten später selbst einen Matchball. Wieder hat Mats den ersten Aufschlag nicht ins Feld bekommen und ich hab gedacht: Ich will nicht, dass er jetzt den Punkt bestimmt. Ich habe eine sehr harte Vorhand auf seine Rückhand gespielt, direkt vor die Linie. Beim nächsten Schlag hatte ich die Chance ans Netz zu gehen. Er hat noch den Lob zurückbekommen, aber ich wusste: Das ist der Moment. Ich muss nur noch den Schmetterball schlagen, dann hab ich das Ding gewonnen. Ein Wahnsinnsgefühl.

Einzigartiger Sieg

Natürlich war ich euphorisch nach dem Match, aber in erster Linie erschöpft und enorm zufrieden. Wenn ich so zurückblicke, ist das schon eine Riesensensation - den besten Spieler der Welt in so einer Atmosphäre niederzuringen. Als ich in die Kabine kam, war Boris schon in der Vorbereitung auf seine Partie gegen Edberg. Er wirkte extrem konzentriert. Boris hatte zwar das Wimbledon-Finale gegen Edberg verloren, aber nach meinem Sieg wusste ich: Boris holt heute den zweiten Punkt. Dass er dann so glatt in drei Sätzen gewinnt, damit hatte aber selbst ich nicht gerechnet.

Am Samstag war das Doppel. Boris und Eric Jelen lagen zwei zu null Sätze hinten. Da gingen auch bei mir die Gedanken schon Richtung Sonntag. Kann Boris das vierte Match gegen Wilander gewinnen? Könnte ich Edberg in einem entscheidenden fünften Match schlagen? Wenn mein so hart errungener Sieg gegen Wilander nicht mit einem Mannschaftssieg belohnt worden wäre, das wäre schon undankbar gewesen. Gott sei Dank kam es dann ja nicht so. Nachdem die Schweden den dritten Satz verloren hatten, wurden sie nachdenklich. Die hatten Angst, das Ding zu verlieren. Und dann schaffte Boris es tatsächlich - und schlug den Volley zum Sieg. Wir spürten nur noch extreme Euphorie und realisierten, wirklich etwas Historisches geschafft zu haben. Wir wussten: Das nimmt uns niemand mehr!

Abends wurde natürlich gefeiert - wir sind aber trotz allem rechtzeitig ins Bett gegangen. Ich musste ja am nächsten Tag noch gegen Edberg spielen. Die Feier am Sonntagabend aber ging bis in die Morgenstunden. Patrik Kühnen und ich haben keine Sekunde geschlafen. Am Montag hatten wir direkt einen Empfang beim Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Das war ein Wahnsinnshighlight, eine richtige Ehre. Toll war für mich auch der Empfang in meinem Heimatort. Ich komme aus einem sehr kleinen Ort, Mögglingen, mit 3000 Einwohnern. Ich kannte eigentlich jeden. Dass ich auf einmal so eine Stellung einnehme, das war schon völlig ungewohnt.

Natürlich hat der Sieg gegen Mats meine Karriere schlagartig verändert. Meine Leistung war auch eine Verpflichtung - ich wollte nicht als Eintagsfliege gelten. Das nächste Jahr wurde nach einem durchwachsenen Start aber dann das beste meiner Karriere. Ich habe Agassi in Key Biscayne geschlagen, war Top 20 in der Welt, und im Davis Cup ging es für uns wieder ins Finale. Das war auch noch mal was Besonderes, im eigenen Land, in Stuttgart. Trotzdem: Der Sieg von 1988 wird immer einzigartig für mich bleiben.

Aufgezeichnet von Philipp Joubert



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Achim Pricken , 18.12.2013
1.
Millionen habe es an dern Fernsehern verfolgt?! Tja, schön wärs gewesen! Ich war sehr tennisbegeistert - und musste die Matches am Radio mitverfolgen. Die Übertragungsrechte für die Davis-Cup-Auswärtsspiele hatte damals SAT 1. Und wer hatte seinerzeit schon Kabelfernesehen? Meine Eltern jedenfalls nicht ... :-(
Carl Micheal, 18.12.2013
2.
Der Artikel hat in mir viele Erinnerungen hervorgerufen. Zwar war ich damals erst knapp fünf Jahre alt und Tennis hat mich noch nicht soo interessiert, aber meine Eltern, Oma und die Nachbarn haben wie gebannt vor dem Fernseher gesessen und die Partien verfolgt. Schöne Zeit. =)
Werner Mueller, 19.12.2013
3.
Wirklich eine schöne Zeit! Ich habe damals alle Daviscupspiele der deutschen Mannschaft verfolgt. Ab Sommer 1988 konnte man in meinem Heimatort auch Sat1 und RTL+ über die normale Dachantenne (als sogenannte Low Power Sender) empfangen. Ausgerechnet das entscheidende Doppel am Samstag habe ich allerdings größtenteils verpasst, weil etwas Wichtigeres dazwischen kam: Bei einem Schulfreund musste ich "dezentrale Sicherheitskopien" von Spielen für mein Weihnachtsgeschenk, einen Atari ST 512 Heimcomputer, anfertigen. ;-)
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