Thailand nach dem Tsunami Vor uns die Sintflut

Thailand nach dem Tsunami: Vor uns die Sintflut Fotos
Marko Schubert/Nadja M.

Zerstörte Häuser, weggespülte Straßen, freundliche Gastgeber: Wenige Monate nach dem Jahrhundert-Tsunami sah Marko Schubert in Thailand die verheerenden Auswirkungen der Katastrophe - und geriet selbst in einen Monsun, der ein ganzes Dorf wegspülte.

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Wir waren zwei Wochen durch das fantastische und abenteuerliche Laos gereist, hatten Thailands Hauptstadt Bangkok und die alte Königsmetropole Ayuttahya bestaunt, doch für die letzten Tage der Reise mit unseren Freunden hatten wir uns noch etwas anderes verdient - Badeurlaub! Da wir es nicht so touristisch wollten, einigten wir uns auf einen kleinen Ort an der Ostküste des Landes, Ban Krut. Kilometerlange, feine Sandstrände, kleine lauschige Bungalows und kaum Touristen - ein Bilderbuch-Paradies. Und dies alles auf der vor Tsunamis sicheren Seite des Königreiches.

Die Anfahrt dauerte natürlich viel länger als gedacht, aber mittlerweile tickten unsere Uhren auch schon gemächlich asiatisch. Über Bangkok fuhren wir im 3.-Klasse-Waggon Richtung Süden. Durch die Hauptstadt ratterte die Bahn mit etwa 22 Kilometern pro Stunde, so dass wir fast zwei Stunden Zeit hatten, auch mal die hässliche, ärmliche und heruntergekommene Seite der Glitzerstadt zu sehen.

In Bang Saphan kamen wir um 20.30 Uhr an. Dort standen etliche Motorradtaxis vor dem Bahnhof, die uns ins 25 Kilometer entfernte Ban Krut hätten bringen können. Wir feinen Europäer zogen es natürlich vor, zu sechst plus Fahrer im einzig vorhandenen normalen Taxi dorthin chauffiert zu werden. Ich saß auf dem Beifahrersitz, Tesse, Jenna und Troppa saßen hinten und zwei Rucksäcke lagen auf ihnen, Sylvie und ein weiterer Rucksack hockten "bequem" auf meinem Schoß, im Kofferraum war der Rest des Gepäcks und natürlich der wagemutige Jay. Nach dem Trip spürten wir unsere Beine zwar nicht mehr, dafür hatten wir wahrscheinlich jeder 50 Cent gespart, viel gelacht und hervorragende Urlaubsstimmung. Vor Ort buchten wir traumhafte Bungalows und genossen, in Vorfreude auf die nächsten Tage, den lauen Novemberabend. Doch gegen 23 Uhr begann es fürchterlich zu regnen.

Land unter

Am nächsten Tag versuchten wir die wunderschöne Anlage mit Hängematten, riesigem Pool und vor allem direkten Meerzugang - natürlich, wie erhofft, mit weißem Sandstrand unter Palmen - zu genießen. Leider regnete es mit kurzen Unterbrechungen monsunartig weiter. Es kam also dementsprechend sehr wenig Beach-Feeling auf. An diesem Abend fiel der Strom im Ort komplett aus.

Am darauf folgenden Morgen wachte ich auf, trat vor die Tür der Hütte und war geschockt. Die komplette Anlage stand unter Wasser und es schüttete weiterhin wie aus Eimern. Unsere Bungalows standen zum Glück auf Stelzen, aber in einige Häuser strömten schon die Wassermassen. Knietief wateten wir ins Restaurant zum Klo, denn bei uns ging jetzt weder Strom noch Toilettenspülung - im Restaurant aber auch nicht. Jay stand mit Badehose und Regenjacke vorn am Meer und trank gefrustet ein Bier. Hohe Wellen spülten Geröll, Äste und Kokosnüsse ans Land.

Irgendwann ließ der Regen ein wenig nach. Mittlerweile wurden richtige Bäume angeschwemmt und irgendwann kamen ganze Schränke, Decken und sogar ein Kühlschrank dazu. Wir dachten sofort, ein Schiff wäre gekentert. Wir holten Teddys, Motorradhelme, Kommoden und Kleidung aus dem Meer. Vielleicht würden wir ja einen Schatz finden! Doch es sollte ganz anders kommen.

Gelassenheit angesichts der steigenden Flut

Sylvie und Troppa kamen plötzlich ganz aufgeregt auf uns zu gerannt. Sie waren gerade im Dorf gewesen und berichteten etwas umständlich, dass sie sozusagen aus dem "Ex-Dorf" kämen. Der komplette Ort versank dort scheinbar gerade in den Fluten, samt Hütten, Fernsehern und eben Kühlschränken.

Leider - ich muss ja bei der Wahrheit bleiben - liefen wir erst zurück in die Anlage, um unsere Fotoapparate zu holen, anstatt darüber nachzudenken, ob wir nicht vielleicht sofort helfen könnten. Was wir dann in dem kleinen Fischerdorf sahen, war unbeschreiblich und eine wahre Katastrophe. Der Fluss, gestern noch ein winziges Rinnsal, war mittlerweile ein riesiger gewaltiger Strom, der alles mit sich riss, was sich ihm in den Weg stellte. Aber nicht nur das. Auch ringsherum waren sämtliche Häuser, die noch standen, vollkommen überflutet. Viel schlimmer konnte es beim katastrophalen Tsunami vor einigen Monaten auch nicht ausgesehen haben.

Und dennoch: Dafür, dass hier die meisten Menschen ihr ganzes Hab und Gut verloren hatten, nahmen sie es, zumindest nach außen schien es so, ziemlich gelassen und unaufgeregt. Sie schauten eigentlich nur, ähnlich wie auch wir, staunend dem Schauspiel zu. Niemand weinte oder klagte, einige scherzten sogar. Es wurden sofort für die vielen Betroffenen Suppenküchen eingerichtet. Sogar uns bot man lächelnd etwas zu Essen an. Eine wirklich bewundernswerte Einstellung. Das ist Thailand!

Thai-Whiskey zur Vorbeugung

In unsere nur minimal höher gelegene Anlage wurden am Nachmittag zwei deutsche Frauen einquartiert. Sie mussten evakuiert werden, da ihre Koffer samt Hotel weggespült worden waren. Mittlerweile war klar, dass durch die Regenfälle ein Staudamm landeinwärts gebrochen war. Ihre Sachen suchten die beiden auch am nächsten Morgen noch vergeblich. Auch wir mussten jetzt schon hüfttief durch den Modder zu unseren Bungalows waten.

Am Abend nieselte es nur noch. Die Brühe um unsere Häuser begann bereits fürchterlich zu stinken, allerlei Viehzeugs, besonders riesige Ochsenfrösche, tummelten sich darin. Jenna war bereits richtig krank geworden. Im Dunkeln saßen wir mit unseren Stirnlampen auf einer trockenen Terrasse und begannen achtzigprozentigen Thai-Whisky zu trinken, "Versiegeln" nannten wir das. "Mit dem Zeug im Körper fangen wir uns keine Krankheiten ein" - so zumindest der Plan. Irgendwann ging es uns dadurch auch ein bisschen besser und wir versuchten ein wenig zu schlafen. Tote oder Schwerverletzte hatte es wohl bisher keine gegeben. Ein wahres Wunder! Am Abend begann der Regen erneut lautstark auf unsere Dächer zu trommeln.

Einige Zeit später, kurz nach dem Jahreswechsel 2005 - jetzt reiste ich nur noch allein mit Sylvie durch Asien - wollten wir zum Nationalpark Khao Sok, in den Dschungel des thailändischen Festlandes fahren. Doch wie immer in Thailand verrechneten wir uns mit den Busfahrzeiten und strandeten auf dem Weg dorthin in einem kleinen Örtchen namens Khao Lak an der Westküste des Landes. Mit einem anderen deutschen Pärchen, das einen aktuelleren Reiseführer hatte, stiegen wir aus dem Bus und versuchten gemeinsam ein Hotel für die Nacht zu finden.

Spuren der Verwüstung

Erst bei der dritten vergeblichen Anfrage, wo dieses oder jenes günstige Hotel wäre, merkte ich, dass ich mich nicht verhört hatte! Die Thais hatten mit trauriger Miene auf englisch gesagt: "Das gibt es nicht mehr". Okay, natürlich wussten wir, dass der Tsunami in Thailand vor fast genau einem Jahr eingeschlagen hatte. Aber dass Khao Lak der Ort war, den es hier am schlimmsten getroffen hatte, hörten und vor allem sahen wir erst jetzt, mit eigenen Augen. Im Reiseführer war eine Straße verzeichnet, mit mehreren günstigen Unterkünften, wahrscheinlich alles typische Holzbungalows. Um es kurz zu machen: Es gab die gesamte Straße nicht mehr!

In der Zwischenzeit hatte Khao Lak zwar wieder seinen Badebetrieb aufgenommen, aber die Schäden waren überall in einer derartigen Deutlichkeit zu sehen, dass es uns kalte Schauer verursachte. Teilweise standen hier nur noch vereinzelte Palmen in der Gegend, selbst die Steinhäuser, an denen wir vorbei kamen, waren entweder nagelneu oder hatten keine Fenster, Türen und Dächer. Alle Hütten direkt am Strand, gebaut aus Holz mit Strohdächern, waren sowieso komplett in den Fluten verschwunden. Wir suchten deshalb auch ewig nach einer Unterkunft und zahlten letztendlich richtig viel Geld für etwas sehr spartanisches. Aber egal, denn bei der gedrückten Stimmung wären wir sowieso lieber gleich wieder gefahren. Andererseits bekamen so die zwei rundlichen Typen aus den Niederlanden, die hier gerade eine Anlage komplett neu aufbauten, wenigstens ein bisschen touristisches Geld nach der Tragödie. Wenn wir nur vorher gewusst hätten, wem wir da unsere thailändischen Bath in den Rachen warfen!

Am späten Abend gingen wir mit dem anderen Paar zum Essen in den Ort. Direkt neben dem uns empfohlenen Restaurant bemerkten wir plötzlich dieses riesige umgekippte Polizeischiff. Es war mindestens 15 Meter lang, komplett aus Stahl und lag dort am Waldesrand. Wir befanden uns an dieser Stelle etwa drei Kilometer vom Strand entfernt. Das Schiff war tatsächlich durch die Kraft der Welle bis hierher gespült worden. Das konnten wir uns wirklich nicht vorstellen.

Pietätloser Blumenklau

Der Kellner erklärte uns, dass dieses Boot mittlerweile ein wichtiges Mahnmal von Thailand sei und vor wenigen Tagen die Gedenkfeierlichkeiten zum ersten Jahrestag des Tsunami hier stattgefunden hätten. Kurze Zeit später schrie er plötzlich wie wild herum und deutet auf zwei Mopedfahrer, die in der aufkommenden Dunkelheit zum Denkmal-Boot fuhren. Er erklärte uns, dass "diese Schweine" bereits zum vierten Mal am selben Tag hier aufgetaucht seien, um die dort abgestellten Topfpflanzen und eingepflanzten Blumen der Hinterbliebenen zu klauen. Er fing richtig an zu weinen und wir konnten seinen Schmerz gut verstehen, denn wir hatten hier in kürzester Zeit sehr viele herzzerreißende Geschichten von trauernden Menschen gehört.

Das schlimmste an dieser Begebenheit: Die beiden Typen auf dem Moped waren Ausländer und wir waren uns ziemlich sicher, die Jungs erkannt zu haben. Es schienen die fetten Holländer zu sein, in deren neuer Apartmentanlage wir diese Nacht wohnten. Als wir in der Nacht zurückkehrten, sahen wir dann wirklich den frisch angelegten Garten. Das mussten wir erst einmal schlucken. Links und rechts Wellblechhütten, in denen Leute hausten, an denen die Spendengelder scheinbar vorbei gegangen waren und diese Mistkerle klauten Grabblumen. Mir wurde schlecht. Wir mussten hier weg.

Am nächsten Morgen zu früher Stunde konnten wir unsere "Gastgeber" leider nicht antreffen. Wir hatten schon am Vorabend bezahlt. Vor unserer Abreise gingen wir noch einmal zu dem Restaurant und rieten dem Kellern, er solle doch die Polizei informieren, eher er sich selbst mit solchen Gangstern herumschlägt. Er versprach uns, dies auf jeden Fall zu tun - und dann machten wir uns auf den Weg.

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