Beach-Boys-Sänger Mike Love "Die Drogen wurden immer härter"

Mit den Beach Boys lieferte er einer ganzen Generation den Soundtrack zum Strandurlaub. Mike Love über geklaute Songs, kreischende Mädchen - und die Verbindung seiner Band zu Charles Manson.

Michael Ochs Archives

Ein Interview von


Zur Person
  • Mike Love wurde am 15. März 1941 als Michael Edward Love in Los Angeles geboren. 1961 gründete der Sänger zusammen mit seinen Cousins Brian, Carl und Dennis Wilson in Los Angeles die Beach Boys. Mit Hits wie "Surfin¿ USA", "Good Vibrations", "Fun Fun Fun" und Alben wie "Pet Sounds" (1966) gehören sie zu den einflussreichsten Bands der Pop-Geschichte. Heute lebt Love, der seit 1967 Transzendentale Meditation betreibt, in Lake Tahoe, Kalifornien, und ist nach wie vor als "Beach Boy" auf Tour, allerdings ohne seinen früheren Partner Brian Wilson.

Tourdaten im Juni 2017: 7. Juni Hamburg, 8. Juni Berlin, 9. Juni Zwickau, 11. Juni München, 12. Juni Wien, 15. Juni Stuttgart, 16. Juni Frankfurt am Main, 17. Juni Düsseldorf

einestages: Herr Love, einer Ihrer größten Hits war "Surfin' USA". Warum haben Sie den Song eigentlich so schamlos bei Chuck Berrys "Sweet Little Sixteen" abgekupfert?

Love: Wir wollten Chuck Berry nie kopieren, aber wir liebten seine Musik und seine Texte. Noch bevor wir mit den Beach Boys loslegten, sangen mein Cousin Brian Wilson und ich hobbymäßig Berry-Titel wie "Johnny B. Goode". Später saß ich mal mit Chuck im selben Flieger. Da meinte er zu mir: "Gefällt mir, was ihr mit 'Sixteen' gemacht habt." Gefallen hat ihm sicher auch, dass er ordentlich Tantiemen dafür bekam. Er war ziemlich hinter dem Geld her, was ich heute gut verstehen kann.

einestages: Auch Sie dürften sich über das Geld, das die Beach Boys Ihnen bescherten, gefreut haben. Sie waren in Los Angeles ja alles andere als reich aufgewachsen.

Love: Ich stamme aus bescheidenen Verhältnissen. Musik war für uns die einzige Abwechslung. Meine Eltern hatten sich vom Ersparten einen Steinway-Flügel, eine Hammondorgel und eine Harfe geleistet. Es wurde gemeinsam musiziert. Wir hörten klassische Musik, Opern, aber auch zeitgenössischen Sound. Von meiner Mutter habe ich die Liebe zur Musik und wohl auch das Talent geerbt.

einestages: Und Ihr Vater?

Love: Der schuftete für kargen Lohn in einer Wellblechfabrik. Im Zweiten Weltkrieg mussten sie dann Küchen für die US-Kriegsschiffe im Südpazifik bauen. Ich bin 1941 geboren, in dem Jahr, als die Japaner Pearl Harbor bombardierten und Amerika dadurch in den Krieg hineinzogen.

einestages: Wie kam es, dass die frühen Beach-Boys-Songs trotzdem so sorgenfrei klangen?

Love: Wir konzentrierten uns auf die positiven Dinge, die man mitbekommt, wenn man in Kalifornien aufwächst. Die Strände, das Meer, surfen, die Schule mit all den hübschen Cheerleader-Girls. Das hat auch das restliche Amerika angesprochen und schließlich den Rest der Welt.

einestages: Wie kam es denn vom Hobbymusizieren - erst mit Brian Wilson, später auch mit seinen Brüdern Dennis und Carl - überhaupt zur Profikarriere als "Beach Boys" 1961?

Love: Schon 1959 hatten Brian, Dennis, Carl und ich einen kleinen Auftritt bei einer Party an meiner Highschool. Wir sangen "Bermuda Shorts" von The Delroys. Es war die Liebe zur Musik, die uns verband. Sie musste einem ein gutes Gefühl geben. Als sich der Gitarrist Al Jardine hinzugesellte und wir die Beach Boys gründeten, ging es uns nie um Ruhm, Promistatus oder Geld, nur um Spaß.

einestages: Ruhm und Geld bekamen Sie trotzdem.

Love: Unsere erste Single "Surfin'" wurde gleich ein Erfolg. In den Radiocharts in Los Angeles stieg sie bis Platz zwei, in Las Vegas sogar auf Platz eins. Weil wir aber bei einem kleinen Independent-Label waren, gab es keinen richtigen Vertrieb, so dass der Rest der Staaten nichts von uns mitbekam. Das Label meldete Insolvenz an - auch, um uns nicht bezahlen zu müssen. Mehr als 900 Dollar haben wir fünf damals nicht bekommen. Bitter.

Fotostrecke

22  Bilder
Beach Boys: Die Könige des Surf-Sounds

einestages: Wie gelang dann trotzdem der Durchbruch?

Love: Durch den Erstlingserfolg war das große Label Capitol Records auf uns aufmerksam geworden. 1962 unterschrieben wir bei ihnen einen neuen Vertrag. Danach brachten wir die Singles "Surfin' Safari", "Surfer Girl", "Surfin' USA", "I Get Around", "Fun Fun Fun", "California Girls" und "Help Me Rhonda" raus - alles Hits. Und wir Hobbymusiker hatten plötzlich einen Beruf.

einestages: Der Erfolg traf Sie unvorbereitet?

Love: Ja, die Beach-Boy-Mania war Wahnsinn! Als wir 1964 in Sacramento unser erstes Livealbum aufnahmen, hört man darauf unsere Musik, aber noch lauter das Gekreische der Mädchen. Eine verrückte Zeit.

einestages: Nur wenige andere Bands waren so erfolgreich. Am 4. Juli 1985 spielten Sie etwa vor weit über einer Million Fans in Philadelphia und Washington und kamen ins Guinnessbuch. Stolz?

Love: Ja, doch! Nachmittags waren 900.000 zum Konzert in Philadelphia gekommen und abends 750.000 zur Show in Washington, D.C. Von der Bühne aus konnte ich das Weiße Haus sehen, es war spektakulär. Man empfing uns mit Standing Ovations, später gab es ein riesiges Feuerwerk. Im Vorfeld hatte der frühere Innenminister James Watt protestiert, Rockmusik und die Beach Boys seien für den Nationalfeiertag nicht angemessen. Lächerlich - Rock'n'Roll ist ja uramerikanisch. Nancy Reagan hat sich nach dem Konzert persönlich bei uns für Watts Entgleisung entschuldigt.

einestages: Ihr Image war von Anfang an das der fünf netten, adretten kalifornischen Jungs…...

Love: ...das nicht ausgedacht war. So waren wir wirklich - zumindest anfangs.

einestages: Mitte der Sechzigerjahre änderte sich das.

Love: Weil Drogen ins Spiel kamen. Um 1966 verfiel Brian dem Stoff zusehends. Er musste eine Zeit lang aus der Band aussteigen. Die Drogen wurden immer härter, LSD, Kokain, Heroin. Bei Brian wurde es so schlimm, dass er sich mal im Rausch sein Wohnzimmer komplett mit Sand aufschütten ließ, um sich zu Hause wie am Strand zu fühlen. Er driftete ab.

einestages: Sie haben diese Experimente nie mitgemacht?

Love: Zumindest die harten nie. Ich habe die Transzendentale Meditation kennengelernt, der Maharishi Mahesh Yogi wurde mein Guru. Er hat mich gelehrt, ohne Drogen und Alkohol zu relaxen. Meditation ist der deutlich bessere Lifestyle. Ich konnte viele dafür begeistern, nur meine Bandkollegen nicht (lacht).

einestages: Es heißt, durch ihre Begeisterung für Transzendentale Meditation hätten sie sich auch mit George Harrison von den Beatles angefreundet.

Love: 1968 habe ich einige Zeit mit ihm beim Maharishi in Indien verbracht. Auch Clint Eastwood, Donovan und Mia Farrow waren dabei. George und ich wurden gute Freunde, haben meditiert, Yoga und Musik gemacht. Ich habe den Song "Pisces Brothers" über diese Zeit geschrieben, eine Hommage an George, wie ich Sternzeichen Fische. Er hatte ein großes Herz, ich vermisse ihn.

einestages: Stimmt es eigentlich, dass es Kontakt zwischen den Beach Boys und Charles Manson gab?

Love: Mein Cousin Dennis teilte sich ein Apartment mit diesem Verrückten. Das war alles andere als witzig. Manson hatte den Song "Cease to Exist" geschrieben, den Dennis für die Beach Boys umtextete in "Never Learn Not to Love". Das war alles sehr schräg, besonders weil Dennis uns drängte, der berüchtigten Manson Family beizutreten. Die waren hinter uns her, weil wir populär waren. Aber nicht mit mir! Denn da ging es nur um Drogen, Drogen, Drogen!

einestages: Brian Wilson und Sie sind gegensätzliche Charaktere. Wie hat das funktioniert?

Love: Ich war immer der positiv Denkende, er oft depressiv. Es hat die Zusammenarbeit spannend gemacht, wie Yin und Yang. Dank seiner Melancholie schrieb Brian so wunderbare Balladen wie "In Your Room". Ich dagegen stehe mehr für Stücke wie "Good Vibrations".

einestages: Für ihr epochales Album "Pet Sounds" hatte Brian 1966 Tony Asher engagiert, Werbetexter beim Spielwarenhersteller Mattel. Er sollte Lyrics beisteuern. Hat Sie das als Texter nicht geärgert?

Love: Tony Asher hat großartige Texte wie "God Only Knows" und "Wouldn't It Be Nice" abgeliefert. Ich hatte aber bereits zuvor viele Texte für Songs wie "Help Me Rhonda" oder "California Girls" geschrieben, für die ich jedoch keinerlei Songwriting-Credit bekam. Brian saß am Piano und komponierte, während ich nebendran stand und mir Melodien und Texte ausdachte. Mein Name wurde auf den Platten aber einfach nicht erwähnt. Schuld daran war Onkel Wilson, der Vater von Brian, Dennis und Carl, der damals unser Manager war. Ich habe ihm vertraut und wurde abgezockt - von der eigenen Familie. Das hat mich geärgert!

einestages: Klingt, als sei es in der Familie nicht besonders harmonisch gelaufen.

Love: Besonders schlimm wurde es, als Brian später mit dem Musiker Van Dyke Parks zusammenarbeitete. Brian und er hauten sich Drogen rein ohne Ende, bis zur Besinnungslosigkeit. Das war definitiv nicht der Lifestyle, der mir für unsere Gruppe vorschwebte. Ich meine, das sind ja meine Cousins. Die will man nicht zugrunde gehen sehen. Ich habe Brian deutlich meine Meinung gesagt, es gab heftigen Streit. Ich habe alles versucht, aber er war auf einem Selbstzerstörungstrip und uneinsichtig. Die Quittung ist, dass er heute Menschen braucht, die ihm helfen. Alleine ist er so gut wie nicht mehr lebensfähig. Schlimm.

einestages: Trotzdem hat er weiter großartige Songs geschrieben.

Love: Das stimmt schon. Allerdings hatte er dann einen Nervenzusammenbruch und verhinderte, dass das fertige "Smile"-Album veröffentlicht wurde. LSD hat einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Viele Musiker reden sich ein, nur mit Drogen kreativ sein zu können. Ich dagegen sage, dass Brian trotz der Drogen kreativ war. Junge Leute sollten sich das zu Herzen nehmen.

einestages: Hat sich Ihre Beziehung zu ihm im Alter gebessert?

Love: Es gibt keine. Ich hätte gern Kontakt zu ihm, doch es wird mir untersagt von den Menschen, die ihn umgeben, ihn abschirmen und sein Leben bestimmen. Die Drogen haben Brian ruiniert und es ist furchtbar, das mitansehen zu müssen. Er tut mir sehr leid.

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Marcel Drillisch, 29.05.2017
1. Onkel Wilson?
Hat er seinen Onkel mit dem Nachnamen angesprochen oder heißt der wirklich Wilson Wilson?
Klaus Rathjens, 29.05.2017
2.
Leider beschreibt Mike Love die Wahrheit, soweit man das aus der Ferne beurteilen kann. Brian Wilson war sicherlich einer der begabtesten Pop-Musiker aller Zeiten, aber anfällig für Drogen. Und damit hilflos gegenüber Menschen, die ihn schamlos ausnutzten. Man muss sich bitte vorstellen, dass er fast alle großen Hits der Band komponiert, arrangiert und produziert hat. Die jährlich zufließenden Tantiemen müssen immens sein. Und dieser Mensch verirrt sich derartig in einer Drogen-Welt, dass seine Psyche schweren Schaden nahm. Er kann heute kaum noch fließend sprechen, ganz zu schweigen von seinem großen Talent, dem Komponieren. Dieser Zustand zieht Schmarotzer an, die sein Vertrauen erschleichen und es auf sein Vermögen abgesehen haben. Normalerweise sollte er einen Vormund bekommen, der solche Zustände verhindert. Aber wer will Derartiges schon bei einem schwerreichen Multimillionär initiieren? Traurig.
Oskar Varon, 30.05.2017
3. Mike Love
war und ist völlig ungeeignet, etwas zur Geschichte der Beach Boys zu erzählen. Der Mann war und ist ein Angeber und ein Egomane. Die genannte Ballade von Brian Wilson heißt im übrigen "In my room". Dass Love nach eigenem Bekunden eher auf "Good Vibrations" steht, halte ich für ein Gerücht. Er war es, der mit dieser Art von Musik zunächst nichts anfangen konnte und das auch bei jeder Gelegenheit raushängen ließ. "Good Vibrations" ist Brian Wilsons Meisterstück, Mike Love hat damit, außer beim Gesangspart, nichts zu tun. Der wahre Kopf der Beach Boys, derjenige, der die Band groß gemacht hat und der einen Hit nach dem anderen geschrieben hat, ist und bleibt Brian Wilson. Seine Musik wird überdauern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.