Europe-Sänger Joey Tempest "The Final Countdown" - die ewige Silvester-Fanfare

Da-da-da-daaa-da-da-da-da-daaa... was für eine Hymne. Die Band Europe hatte die Haare schön und diesen einen Riesenhit. Joey Tempest, alter Schwede, spricht über "Pudelrocker" und Inspiration durch David Bowie.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Joey Tempest wurde am 19. August 1963 als Rolf Magnus Joakim Larsson in Upplands Väsby bei Stockholm geboren. 1979 gründete er mit Schulfreunden die Hardrock-Band Force, aus der Europe entstand. 1986 landete er mit "The Final Countdown" einen Welthit, 1992 wurde die Band aufgelöst. Seit einem Comeback 2003 sind Europe wieder weltweit live unterwegs. Tempest lebt heute mit seiner Familie in London.

einestages: Wer zum Jahreswechsel "The Final Countdown" hört, weiß, was die Uhr geschlagen hat. Es wird wieder aus allen Winkeln dröhnen - bei Ihnen zu Hause auch?

Tempest: Sicher nicht. Klar, der Song passt zu Silvester. Aber meine eigene Musik lege ich privat nie auf.

einestages: Haben Sie den Song etwa satt?

Tempest: Ich liebe ihn noch immer und werde nicht müde, ihn live zu performen. Ein Silvester-Highlight war 1999 der Millenniumswechsel in Stockholm. Europe waren getrennt, aber dafür trommelte ich alle Musiker zusammen. Wir spielten unter freiem Himmel vor einer halben Million Menschen. Spektakulär.

einestages: Stimmt es, dass David Bowie Sie vor über 30 Jahren zu "The Final Countdown" inspiriert hat?

Tempest: Stimmt! "Space Oddity" war eine meiner ersten Singles als Teenager - Major Tom, so ganz allein unterwegs im Weltall. Als ich später den Text zu "The Final Countdown" schrieb, erinnerte ich mich an das Thema: "We're leaving the earth". Ich habe schon sehr früh angefangen, Songs zu komponieren. Da waren Bowie und auch Elton John meine großen Vorbilder, auch wenn mein Sound Hardrock war. Sie motivierten mich, Gitarre und Klavierspielen zu lernen. David Bowie war mein Hero, ein Chamäleon, er überraschte immer wieder mit neuem Image und neuen Sounds.

einestages: Wie oft haben Sie bisher wohl "Final Countdown" gesungen?

Tempest: Gut tausend Mal in 30 Jahren, schätze ich. Es kann kein Europe-Konzert ohne diesen Song geben. Er vereint das Publikum, alle liegen sich in den Armen, singen aus voller Kehle mit. Als wir mal beim Wacken-Festival auftraten, gingen selbst hartgesottene Slayer-Fans darauf ab. Das fanden wir unglaublich.

einestages: Die Single erschien 1986. Wann hatten Sie die Idee dazu?

Tempest: Viel früher, Anfang der Achtziger, ich ging noch zur Schule. Es war wohl wie bei Eddie Van Halen, als der mal mit einem Oberheim-Keyboard experimentierte und der Megahit "Jump" herauskam, der nicht nach typisch Van Halen klang. Ich hatte mir ein Keyboard ausgeliehen und dokterte damit herum. Im Keller meines Elternhauses in Upplands Väsby hatte ich mir ein kleines Studio eingerichtet und tüftelte bis tief in die Nacht an Sounds. Plötzlich hatte ich diese Melodie, nahm sie auf, speicherte sie: Da-da-da-daaa-da-da-da-da-daaa…... Später wurde "The Final Countdown" daraus.

einestages: So hieß 1986 auch Ihr drittes Album. Warum haben Sie die Melodie nicht schon früher verwendet?

Tempest: Weil die Band noch nicht dafür bereit war. Europe machte ja gitarrenlastigen Hardrock ohne Keyboards. Aber ein Ereignis ließ mich an der Melodie festhalten: Wir feierten oft im Berns Club in Stockholm. Samstags um Mitternacht gab es dort eine Lasershow, im selben Gebäude war auch unser Proberaum und das Büro unseres Managers. Er bat den DJ, meine Keyboardhymne, bis dahin nur ein Instrumental, zur Lasershow laufen zu lassen. Dass die Leute positiv reagierten, hat mich ermutigt, sie auszuarbeiten. Es dauerte noch einige Zeit, bis ich den geeigneten Text hatte.

einestages: War früh klar, dass Sie mal mit Musik Ihr Geld verdienen würden?

Tempest: Ich komme aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, wollte aber nie, was man einen "normalen Job" nennt. In Bands spielte ich, seit ich zehn Jahre alt war. "Made in Hongkong" hieß meine erste Gruppe Mitte der Siebziger, wir waren geschminkt wie David Bowie und wie Kiss. Ich hoffe, es existieren keine Fotos mehr aus dieser Zeit (lacht).

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"The Final Countdown": Kein Europe-Konzert ohne diesen Song

einestages: Kein Schwede wird als Joey Tempest geboren. Wie kamen Sie, Rolf Joakim Magnus Larsson, zu diesem Künstlernamen?

Tempest: Mit 13 oder 14 machte ich mit meinen Eltern Urlaub in den USA. Joakim konnte keiner aussprechen, alle nannten mich Joe, daraus wurde Joey. Die Namen meiner großen Vorbilder David Bowie, Bob Dylan und Elton John fand ich cool - alles Künstlernamen, und mir gefiel die Idee eines "lyrisches Ich" für die Bühne. Auf Tempest kam ich, weil ich ständig in der Schulbibliothek abhing, um englische Musikmagazine wie "NME" oder "Melody Maker" zu lesen. Dort fiel mir Shakespeares Werk "The Tempest" (deutsch: "Der Sturm") in die Hände. Das blieb hängen, so wurde ich zu Joey Tempest. Und habe mit dem neuen Namen heimlich Autogrammschreiben geübt.

einestages: Keyboarder Mic Michaeli stieß erst bei den Aufnahmen des "Final Countdown"-Albums zu Europe. Mussten Sie ihn zwingen, dann Ihr Keyboard-Riff zu spielen?

Tempest: Nee. Auf unserer Tour 1984 hatte ich gemerkt, dass unser Sound stellenweise zu dünn klingt. Zunächst spielte ich die Keyboards auf der Bühne selbst, aber das schränkte mich als Frontmann zu sehr ein, also holte ich Mic, einen klassischen Hammond-Orgel-Spieler. So wurde unser Sound größer, atmosphärischer, keyboardlastiger - was manche Fans verstörte, uns aber ein neues, breiteres Publikum erschloss.

einestages: Schielten Sie schon auf den amerikanischen Markt?

Tempest: Egal ob man mir Kommerzialisierung vorwirft: Mein Traum war es, auch im US-Radio gespielt zu werden. Darum haben wir Kevin Elson als Produzenten geholt, der zuvor mit der US-Band Journey Riesenerfolge wie "Don't Stop Believin'" hatte. Bei uns hat das ebenfalls funktioniert.

einestages: Warum wurde der Song in der Schweiz statt in Schweden produziert?

Tempest: In einem, sorry, Kuhdorf namens Maur nahe Zürich. Beim Kennenlernen in Stockholm hatte Kevin Elson zuvor schnell gemerkt, dass wir gern Party machen und auch mal zwei, drei Bier trinken. Das Studio kannte er und wusste: Da sind weder Clubs noch Bars, die uns von der Arbeit abhalten könnten.

einestages: Und dann weitere Aufnahmen in den USA - ganz schön aufwendig für eine noch unbekannte Band.

Tempest: Wir hatten einen amerikanischen Plattenvertrag, man glaubte an uns. Nach einigen Wochen in der Schweizer Provinz wurden die Backgroundvocals in Atlanta produziert. Ein Großteil meines Gesangs wurde in Stockholm aufgenommen, der Rest in San Francisco - eine ziemlich internationale Angelegenheit.

einestages: Kaum hatten Sie alles im Kasten, streikten Ihre Bandkollegen. Warum waren sie geschlossen gegen "The Final Countdown" als Single?

Tempest: Die Jungs mochten die Nummer, konnten sie aber nicht einordnen. Sie ist über sechs Minuten lang, obwohl Radiosingles drei Minuten in der Regel nicht überschreiten dürfen. Und wir hatten bis dahin noch nie ein Keyboardriff verwendet. Bereits in Maur kam es zum Streit, so dass ich den Song kurzzeitig in "The Final Breakdown" umtaufte (lacht). Ich blieb aber stur, "The Final Countdown" wurde die erste Single. Gott sei Dank.

einestages: Zum Videodreh im Mai '86 hatten Sie sich wieder vertragen?

Tempest: Ja. Wir drehten während eines Konzerts in den Solnahallen bei Stockholm. Ich wollte unbedingt auch ein paar Filmeffekte haben: Wir ließen ein riesiges Europe-Logo aufs Hallendach sprayen, Außenaufnahmen aus einem Helikopter zeigten unsere Heimatstadt von oben. Nach der Show ging es im Nachtclub Alexandra weiter, wo wir die ersten Goldenen Platten unseres Lebens bekamen für den Hit. Wir waren alle Stammgäste in diesem Club - und plötzlich Helden!

einestages: Ihrem Gitarristen war bald alles zu viel. John Norum verließ die Band schon im Herbst 1986.

Tempest: Ein großer Schock. John war mein bester Freund. Wir hatten im Oktober '86 noch den Zirkus Krone in München gerockt, urplötzlich wollte er nicht mehr. Interviews und Fotosessions, der ganze Trubel langweilte ihn, außerdem war er in einer unglücklichen Beziehung. Aber seine Attitüde schadete der Band. Zuletzt sprachen wir nicht mehr miteinander, fuhren in getrennten Limousinen, kommunizierten nur noch über unseren Tourmanager. Es war lächerlich. Naja, wir haben daraus gelernt.

einestages: Über Nacht avancierten Sie zum Teeniestar. "Bravo"-Poster, kreischende Fans, das ganze Programm. Mussten Sie aus Imagegründen Ihre Freundin verstecken?

Tempest: Nein, so was müssen nur Boybands. Dass ich damals tatsächlich mit einem Mädchen zusammen war, sie hieß Lenita, habe ich in Interviews nie an die große Glocke gehängt, weil es mir immer um die Musik ging. Ich spreche nicht über mein Privatleben, über Liebesgeschichten oder wilde Partys. Wir haben es zwar auch krachen lassen, aber nie PR daraus gemacht wie etwa Mötley Crüe oder Guns N' Roses, die vom Party-Image lebten. Wir hatten eher ein Saubermann-Image. Manche fanden das sicher langweilig.

einestages: In der Zeit des "Hair Metal" spielten Frisuren eine wichtige Rolle. Wie haben Sie all die Witze über die Matten der Europe-Musiker verkraftet?

Tempest: Ich wollte immer aussehen wie Robert Plant von Led Zeppelin. "Pudelrocker" nannten uns manche Journalisten. Typisch, die brauchen für alles eine Schublade (lacht). Wenn du jung bist, nimmst du dir solche Kritik zu Herzen. Später stehst du drüber. Aber klar, wenn jemand findet, dass wir lustig aussahen, ist das okay.

einestages: Und wenn Kritiker sagen, "The Final Countdown" nerve wie "Last Christmas"?

Tempest: Akzeptiere ich. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen für einen Song - manche lieben, andere hassen ihn. Er lässt die Leute jedenfalls nicht kalt.

einestages: Die slowenische Industrial-Band Laibach hat "The Final Countdown" gecovert. Wie finden Sie die Version?

Tempest: Soundmäßig ziemlich cool. Im Video haben Laibach allerdings eine politisch angehauchte, Nato-kritische Nummer daraus gemacht - und wir sind definitiv keine politische Band. Wollten wir nie sein.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Lutz Holzapfel, 31.12.2016
1. Wieder so ein klasse Interview von
Alex Gernandt :)) Es scheint so zu sein, dass Alex ein super Gespür für Musiker hat, sonst würden sich diese ergiebigen und witzigen Interviews nicht ergeben. Bei mir selbst, selber Jahrgang wie der Sänger von Journey, zeichnete sich zu Zeiten des Hairmetall schon die Glatze ab, damals eine mittelprächtige Katastrophe, hilft sie heute dabei der schnellste im Bad zu sein :) Kommen Sie gut ins Neue Jahr, Alex Gerlandt ??
Volker franz, 01.01.2017
2. Da Da Da gab's schon vorher
Trio (1982). Sehr geistreicher Song; hab Ihn bis heute nicht verstanden!
Metalfan, 01.01.2017
3. Europe hat in diesem
Jahrtausend ausnahmslos hochklassige Alben veröffentlicht, welche allerdings einen deutlich höheren Härtegrad aufwiesen. Der gleichgeschaltete Dudelfunk wäre auch mit den durchaus vorhandenen Balladen überfordert.
ralf tonkel, 02.01.2017
4. So geht Interview!
Eine Frage hätte ich zuletzt noch rausgehauen: "Kann man von den Songrechten einigermaßen anständig leben?" Schöne Grüsse aus Brasilien auch an die gesamte Redaktion (Minas Greais 32°C).
Jens Böttcher, 04.01.2017
5.
die Kind sagten neulich, wieso spielst du the final countdown, es ist doch gar nicht Silvester? schön einfältige Meinung.
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