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Horrorfilm-Klassiker "Shining" Verdammte Axt!

"Shining": Das Grauen aus Raum 237 Fotos
AP

Blutfontänen im Fahrstuhl, endlose Korridore und ein Hausmeister als Axtmörder. 1980 verstörte Stanley Kubricks "Shining" das Kinopublikum. Für den perfekten Horrortrip gingen seine Darsteller durch die Hölle. Von

Rote Schlieren, weiße Bläschen. Langsam sickern die Tropfen durch die Schaumreste. Im Spiegel ein dunkelhaariger Mann, an dessen Wange das Blut hinunterrinnt. Es ist 7 Uhr morgens. Vor ein paar Sekunden hat das Telefon geklingelt. Seine Frau ist ins Badezimmer hineingestürzt, um ihm den Anrufer aus Übersee anzukündigen, der ihn während des Rasierens überrascht hat.

Nun hält sich der Schriftsteller Stephen King fassungslos den Telefonhörer ans Ohr, das halbe Gesicht noch voller Schaum. "Ich denke, übernatürliche Geschichten sind durch und durch optimistisch, oder nicht?", fragt eine tiefe Stimme am anderen Ende. "Wenn es Gespenster gibt, bedeutet das, wir überleben den Tod." Stille. King zögert. "Und was ist mit der Hölle?", fragt er schließlich. In das Schweigen tönt wieder die Stimme: "Ich glaube nicht an die Hölle."

Am Ende der Leitung ist kein Geringerer als Stanley Kubrick, der geniale Regisseur, der mit "2001" und "Uhrwerk Orange" Filmgeschichte geschrieben hat. Jahre später erinnerte sich Stephen King in seinen Lesungen an diese erste und einzige Diskussion vor der Verfilmung seines Romans "Shining". Doch schon damals hätte der Horror-Autor ahnen können, dass Kubrick mit seiner Geschichte um ein verfluchtes Hotel etwas ganz eigenes vorhatte.

Höllen-Hotel

Schon bei seinen ersten Filmen hatte Kubrick stets auf Buchvorlagen zurückgegriffen. Ob bei "2001", das sich an der Kurzgeschichte "The Sentinel" von Arthur C. Clarke orientierte, oder bei "Barry Lyndon", der auf dem Roman von William Makepeace Thackeray basierte. Nachdem "Barry Lyndon" abgeschlossen war, suchte der Regisseur eine neue Inspiration - und fand sie im Horrorroman "The Shining" von Stephen King. Sein letzter Film war an den Kassen gefloppt. Kubrick brauchte einen Blockbuster. Aber einen, der seinen Ansprüchen genügen würde.

"Ich fand, dass es eine der genialsten und aufregendsten Geschichten war, die ich je gelesen hatte", sagte Kubrick später über Kings Buch. Darin hatte der Autor seine Alkoholabhängigkeit thematisiert - und den Konflikt zwischen Vater und Sohn. Der gescheiterte Autor Jack Torrance nimmt einen Aushilfsjob als Hausverwalter eines im Winter geschlossenen Hotels an. Sein kleiner Sohn und seine Frau Wendy begleiten ihn. Das Hotel selbst scheint ein Ort des Bösen zu sein und nimmt zunehmend Einfluss auf die Familie. Vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten suchen Geister den Familienvater heim. Bis Torrance ausrastet und versucht, seine Frau und Sohn Danny, der selbst übernatürliche Fähigkeiten besitzt, umzubringen.

Einen Monat lang diskutierten Kubrick und die Autorin Diane Johnson über die Geschichte und ein mögliches Skript. Sie lasen Freuds Essay "Das Unheimliche", beschäftigten sich mit dem kammerspielartigen Horror in den Erzählungen von Edgar Allan Poe. Die Psychologie des Grauens sollte im Herzen von Kubricks Version von "Shining" stehen. Sein erklärtes Ziel war schließlich schon Jahrzehnte zuvor klar gewesen. "Ich will den beängstigendsten Film der Welt machen", hatte Kubrick schon 1966 in einem Interview erklärt. Nun, beinahe 20 Jahre später, schrieben er und Johnson auf der Grundlage von Kings Roman ein Drehbuch, mit dem der Regisseur nach "2001" erneut einem ganzen Filmgenre seinen Stempel aufdrücken sollte.

Hier ist Johnny

"Huaaaa." Jack Torrance schüttelt wild seinen Kopf. Er legt ihn in den Nacken, bellt, heult wie ein tollwütiger Hund. Seine Augen rollen, der ganze Körper bebt. Eine rohe animalische Kraft scheint durch die Adern des Mannes zu pulsieren. Auf dem Bett neben der Tür liegt eine Axt. Torrance packt das Mordinstrument und beginnt zu grunzen: "Axtmord. Töten. Töten." Dann holt er aus - und erschlägt beinahe den Kameraassistenten, der hinter ihm durch die Kulisse huscht.

Wenige Sekunden, bevor Jack Nicholson in einer ikonischen Szene die Badezimmertür zertrümmert, hinter der seine Kollegin Shelley Duvall kauerte, verlor sich der Schauspieler schon in seiner Rolle. Dokumentiert hatte die Situation Kubricks damals 17-jährige Tochter Viviane. Mit einer Handkamera begleitete sie die Dreharbeiten ihres Vaters. Später wurde der Film als "Making 'The Shining'" von der BBC ausgestrahlt. Er zeigt die teils chaotischen Bedingungen am Set. Und den Perfektionismus, mit dem es Kubrick dennoch gelang, ein Meisterwerk des Genres zu schaffen.

Eigentlich hatte das Studio 17 Wochen für den Dreh veranschlagt, doch Kubrick konnte sich nicht beschränken. Erst nach 14 Monaten und beinahe 200 Drehtagen war er mit dem Ergebnis zufrieden. Um seine Vision zu verwirklichen, nutzte er neue Aufnahmetechniken wie die Steadycam, die schnelle, sehr präzise Kamerafahrten ermöglichte. Doch nicht nur beim Zeitplan hakte es: Bereits beim Casting war es zu Unstimmigkeiten zwischen dem Regisseur und dem Autor gekommen. Kubrick wollte Nicholson. Ganz zum Missfallen von King. Der Schriftsteller hatte sich einen Darsteller wie Christopher Reeve oder Jon Voight gewünscht. Einen Jedermann, dessen Verfall zum Bösen das Publikum stärker treffen würde. Jack Nicholson, der auch abseits der Kamera pfeifend und mit irrem Blick durch die Hallen des Hotels streunte, war ihm schon von Beginn an zu psychopathisch. Doch Kubrick ließ sich nicht beirren.

Terror am Set

Aus der Heimsuchung durch ein verfluchtes Hotel machte der Regisseur das Psychogramm eines Wahnsinnigen. Im Mittelpunkt von "Shining" stand nun nicht mehr die fremde Macht, die das Leben einer Familie aus dem Gleichgewicht bringt. "Mit dem menschlichen Wesen ist etwas fundamental falsch. Es hat eine böse Seite", sagte Kubrick über seine Version der Geschichte. "Horrorgeschichten zeigen uns diese Archetypen des Unterbewussten. Wir können die dunkle Seite betrachten, ohne direkt mit ihr konfrontiert zu werden."

Während der Dreharbeiten wurden auch die Darsteller mit der dunklen Seite des Regisseurs konfrontiert. Besonders Shelley Duvall, die im Film Nicholsons Frau spielte, trieb Kubrick an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Immer wieder isolierte er sie vom Rest der Crew. Er stritt mit ihr über Dialogzeilen und verunsicherte sie. Die Szene, in der sich Duvall mit einem Baseballschläger gegen Nicholson verteidigt und dabei rückwärts die Treppe hinaufgeht, ließ er 127 Mal wiederholen. Der Stress für die Schauspielerin wurde so groß, dass ihr die Haare ausfielen.

Der Terror am Set ist auch heute noch im Film sichtbar. Duvall ist ein Nervenbündel, verunsichert und stets der Verzweiflung nah. Noch während des Drehs änderte Kubrick zudem immer wieder das Skript und baute neue Elemente in Kings Geschichte ein. Selbst nach den ersten Kinovorführungen 1980 kürzte er noch Passagen des Films und arrangierte den Schnitt neu. Das Ergebnis war ein Monument des psychologischen Horrors.

Raum Nr. 237

"Shining" überwältigte das Publikum. Kubrick hatte auf dem Gerüst von Kings Geschichte eine vielschichtige Horror-Collage angelegt. Bis heute entwickeln Forscher und Fans Theorien, um den Film zu entschlüsseln. Vor zwei Jahren erschien die Dokumentation "Room 237", benannt nach dem Raum, in dem Jack Torrance eine verfallende Frau liebkost und seinem Sohn Danny die ermordeten Töchter des ehemaligen Verwalters erscheinen. "Room 237" zeigt am Beispiel von fünf Cineasten exemplarisch, wie das Publikum versucht, den "Shining-Code" zu knacken.

Hinter der indianischen Symbolik, die das Interieur des Hotels durchzieht verstecke sich die Kritik am Völkermord an den amerikanischen Eingeborenen, behaupten die einen. Wieder andere lesen aus der starken Labyrinth-Metaphorik des Films einen weiteren Hinweis auf die psychologischen Gedankenspiele des Regisseurs. Sogar Hinweise auf eine Beteiligung Kubricks an der angeblich gefälschten Mondlandung 1969 wollen Zuschauer entschlüsselt haben.

Offenbar der Einzige, den der Film kalt ließ, war Stephen King. "Der grundsätzliche Fehler an Kubricks Version von 'The Shining' ist, dass es ein Film von einem Mann ist, der zu viel nachdenkt und zu wenig fühlt", sagte der Autor kurz nach dem Filmstart. 1997 drehte King eine eigene Version des Stoffes für das Fernsehen.

"Meine Version endet mit einem brennenden, seine mit einem eingefrorenen Hotel", sagte er über die Unterschiede zwischen ihm und dem legendären Regisseur. "Ich bin eben warm und schnulzig, während Kubrick der kälteste Typ im Universum ist."

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1.
Jan T. Sott, 20.05.2015
---Zitat--- Schon bei seinen ersten Filmen hatte Kubrick stets auf Buchvorlagen zurückgegriffen. Ob bei "2001", das sich an der Kurzgeschichte "The Sentinel" von Arthur C. Clarke orientierte, oder bei "Barry Lyndon", der auf dem Roman von William Makepeace Thackeray basierte. ---Zitatende--- Es ist ja nicht falsch, dass der Autor erwähnt, dass Kubrick gerne Buchvorlagen verfilmt hat. Nur: wieso werden dann nicht auch seine “ersten Filme” als Beispiel herangezogen? Nach Kubricks eigener Zählweise (also ohne Fear & Desire) ist 2001 sein siebter und Barry Lyndon sein neunter Film — bei einem Gesamtwerk von 12 Filmen.
2. Klärungsbedarf
Olga Ternow, 20.05.2015
der Film ist einzigartig, Shelley Duval besonders. Was ich bis heute nicht verstehe ist - 1. Wie ist Jack aus dem Vorratsraum rausgekommen, denn dann waere es die einzige aktive Handlung der Geister 2. Auf dem alten Bild am Ende ist Jack in feiner Garderobe zu sehen. Sieht nicht wie der mordende Hausmeister aus, den der Kellner ihm zusagt ("Sie waren schon immer hier")?
3. Buch und Film
Harald Vogler, 20.05.2015
Ich weiß nicht, wer sowohl den Film gesehen als auch das Buch gelesen hat. Ich hatte lange nur den Film im Kopf, den ich oft gesehen und dabei immer wieder Neues entdeckt habe. Neulich habe ich auch das Buch gelesen, eher zufällig, und dabei die Genialität des oft verkannten Stephen King bewundert. Auch ich hatte nicht Nicholson im Visier beim Lesen, sondern einen eigentlich normalen (?) Vater, den der Alkohol immer mehr zum Monster werden lässt. Verstörend ist aber, dass er schon seinem kleinen Sohn den Arm gebrochen hatte. Das blitzt im Buch immer wieder auf. Auch die Heckentiere und deren gruseliges Eigenleben finden eher im Buch statt. Dort wird auch viel detaillierter die ganze Entwicklung geschildert, von der Übernahme der Stelle als Hausmeister über die Fahrten durch die Berge und auch die telepathischen Szenen zwischen dem Kind und dem Schwarzen, der ihm zu Hilfe eilen will und dafür praktisch alles aufgibt. Keine Frage, Nicholson ist ein klasse Irrer, und wie er am Ende durch das verschneite Labyrinth seinen Sohn jagt, ist genial und ebenso furchterregend. Aber das Buch ist in sich stimmiger, und dass es am Ende in Flammen aufgeht, ist konsequent angesichts der Vorgeschichte. Sowohl Buch als auch Film sind gut, aber man darf sie nicht vergleichen, sie sind zu unterschiedlich aufgebaut.
4. Bild 10
Herbert Küster, 20.05.2015
Das Foto erinnert mich an die Kurzgeschichte "Der Wunsch" von Roald Dahl, in der ein Junge beim Spielen auf einem Teppich von ebendiesem verschluckt wird (eine Zusammenfassung der gruseligen Geschichte kann man im Netz finden). Womöglich hat Kubrick hier eine Anleihe genommen.
5.
Cyrus Darbandi, 20.05.2015
Ich sah den Film als Jugendlicher Ende der 1980er nachts im Fernsehen und war sowohl schwer beeindruckt wie auch verängstigt. Kings Roman ist vor allem das geniale Porträt eines Alkoholikers ( Jack Torrance ist Kings Alter Ego) während Kubrick die dunkle Architektur eines Mannes ausstellt, der den Verstand verliert. "Shining" ist pures Kino (wie auch "2001") und rational nur schwer fassbar. Selbst nach so langer Zeit ist der Film immer noch relevant. Schwer vorstellbar, dass ein heutiger Horrorfilm noch einmal eine solch sogartige Wirkung erzielen wird.
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