"The Smiths" in Deutschland Atemlos schön

Er sagte "Hello" und ram-bamm ging es los: Nur ein einziges Mal spielte "The Smiths" in Deutschland. Alexander Lorani war dabei und erinnert sich noch gut an Sänger Steven Morrissey - mit offenem Hemd, hängender Jeans und einem Strauß Narzissen.


Es war Silkes Schuld, dass ich Zeuge eines historischen Rock-Ereignisses wurde und der britischen Independent-Musik verfiel. Aber der Reihe nach: Am 1. Januar 1984 küsste sie mich auf einer Silvesterparty in Hamburg. Danach gingen wir zusammen, wie es damals hieß. Zu ihrem Geburtstag im März bekam Silke eine Schallplatte mit rotem Cover geschenkt, auf dem "The Smiths" stand. Die Platte war ganz frisch auf dem Markt. Wir lauschten den Songs "Hand in Glove", "Reel around the fountain" und "Still Ill", das seit Ewigkeiten mein Lieblingslied ist.

Zufälligerweise kündigte just zu dieser Zeit der WDR-Rockpalast an, dass er Anfang Mai im Hamburger Musiktempel "Markthalle" mal wieder eine Woche mit Aufnahmen neuer Künstler veranstalten wolle. Mit dabei: "The Smiths". Für Silke war die Sache klar, für mich allerdings nicht. Ich war noch nicht so weit für diese Musik. Aber was tut man nicht für seine Freundin: Ich besorgte zwei Karten.

Der Hammer war, dass das Konzert im Fernsehen übertragen wurde. Damit stellten sich uns zwei Probleme, die in der heutigen YouTube-Zeit natürlich trivial erscheinen. Erstens: Unsere Eltern hatten keinen Videorecorder, um das Ereignis aufzunehmen. Zweitens: Unsere Eltern empfingen nur NDR 3. Das Konzert wurde aber auf WDR 3 übertragen, empfangbar nur 300 Kilometer Richtung Südwesten. Meine famose Tante Barbara rettete uns. Sie hatte nicht nur einen VHS-Videorecorder, sondern wohnte auch noch in Hagen, wo es ein glasklares WDR-Signal gab.

... und dann kam Steven Morrissey

Am 4. Mai pilgerten wir also in die Markthalle. Die Bühne war klein und dort, wo gewöhnlich getanzt wurde, standen zwei riesige Fernsehkameras. Ein paar Ordner wiesen das Publikum vor Konzertbeginn mit bewundernswerter Gelassenheit immer wieder daraufhin, dass sie auf der Tanzfläche nicht stehen dürften. Es war nicht einmal erlaubt, die Beine hinein baumeln zu lassen. Die Kameramänner hätten ja behindert werden können.

Es muss ungefähr 23 Uhr gewesen sein. Das Licht ging aus, die Bühnenbeleuchtung an. Alan Bangs, der die Sendung "Rockpalast" moderierte, sabbelte etwas von "der Band ginge es schlecht" und "Krankheit". Doch das war schnell vergessen, als Steven Morrissey kam. Er sagte einfach "Hello" und ram-bamm ging es los: mit "Hand in glove".

Vor den Smiths war ich eigentlich ganz anderer Musik verfallen, dem sogenannten Prog-Rock: King Crimson, Pink Floyd, Yes, Genesis. Gut fand ich auch das ganze Pop-Rock-Zeug der frühen Achtziger: Saga, Level42, Asia. Was mich anmachte war: Anspruch, Komplexität in Harmonie und Performance, Pathos und Virtuosität. Britische Independent-Musik hatte ich bisher einmal bewusst wahrgenommen: Als mein Vater gegen den Fernseher klopfte, weil er bei einem Fernsehauftritt der "Jesus and Mary Chain" dachte, der Ton wäre kaputt.

Musik, die keiner kannte

In den Smiths erkannte ich plötzlich meine musikalischen Wurzeln wieder: Die Beatles. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang: Klarheit, Reduktion, Melodie, Text. Es konnte doch so einfach sein. Morrissey trug ein rotes Hemd - gehalten von nur einem Knopf. Seine Jeans hing tief über dem Po. In der hinteren Hosentasche hatte er einen ganzen Strauß Narzissen. Er drehte sich wie ein Derwisch auf der Bühne, jaulte und kiekste, hielt das Mikrofon hoch über sich. Dazu Gitarrist Johnny Marr mit seinen noch nie gehörten Akkorden und Melodien. Vier Männer machten Musik, die noch niemand zuvor gehört hatte.

Das Publikum war beim ersten Lied innerlich begeistert, aber noch reserviert. Wir standen auf den höheren Plätzen und sahen hinunter. Zum Zuhören und Taktwippen verdammt. Der Schlussakkord des ersten Lieds verstummte. Morrissey schien die leere Tanzfläche vor seiner Bühne zu stören. Er sagte: "Come closer, Come, Come". Der Bann war gebrochen. Das Publikum stürmte die Tanzfläche, umzingelte die beiden Kameras und tanzte einfach darum herum. Wir waren auf unseren höheren Plätzen geblieben und lachten über die armen Kameraleute, die nur noch ihre Kameras hochfahren konnten, um das Bühnengeschehen so gut es eben ging einzufangen.

"The Smiths" entfachte eine Energie, die ich bei noch keinem anderen Konzert erlebt hatte. Ich hatte Joe Cocker stockbetrunken für 30 Minuten auf dem Zehn-Jahre-Woodstock-Festival in Bad Segeberg gesehen, "Schröders Roadshow" mit einem nackten Bassisten in der Harburger Ebert Halle und Mike Oldfield auf seiner allerersten Tournee. Selbst "Supertramps" Abschiedskonzert im Volksparkstadion konnte da nicht mithalten. Diese vier Herren spielten ihr LP-Programm plus Single in 40 Minuten durch, eine kurze Zugabe, Licht an. Atemlos schön. Ich glaube Silke fing sogar eine von Morrisseys Narzissen, die er irgendwann ins Publikum warf.

Aufnahme mit Bildstörung

Das Konzert in der Markthalle war der Auftakt einer steilen Karriere: Von 1984 an revolutionierte die Indie-Band aus der postindustriellen Kreativschmelze Manchester heraus die Musikwelt. Allerdings traten sie nie wieder in Deutschland auf. 1987 lösten sich "The Smiths" auf und versuchte zum Glück kein gemeinsames Comeback.

Tante Barbara hatte also ein historisches Musikereignis aufgenommen. Leider hatten die ersten fünfzehn Minuten der Aufzeichnung eine Bildstörung. Trotzdem schauten sich meine Eltern - als sie dann endlich einen Videorecorder hatten - mit Silke spätnachts das legendäre Konzert noch einmal an. Das hatte etwas.

Alles was danach kam, war Geschichte. 1984 - ich machte mein Abitur, Silke begann ihre Ausbildung, ging nach England. Ich kam zum Bund nach Buxtehude, alle meine eigenen Bands lösten sich auf. Ich studierte, wurde Doktor und Manager. Die revolutionäre Konstanten meines erwachsenen Lebens blieben jedoch bis heute: "The Smiths", Morrissey und sogar Gitarrist Johnny Marr mit seinen neuen Bands "Electronic" oder "The Healers". Danke dafür - Moz und Johnny.



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