Theater-Skandal Attacke des Papst-Lästerers

Theater-Skandal: Attacke des Papst-Lästerers Fotos
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Stinkbomben, Terrordrohungen, Straßenschlachten: Das Debüt eines deutschen Dramatikers sorgte 1963 weltweit für Aufruhr. "Der Stellvertreter" warf Papst Pius XII. Mitschuld am Holocaust vor. Ein Skandal, der seinen Urheber zur umstrittenen Berühmtheit machte - und den Vatikan in Zugzwang brachte. Von

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In der Innenstadt von Basel war kein Durchkommen. Tausende Schweizer protestierten vor dem Stadttheater, flankiert von mehreren Polizei-Hundertschaften. Der Aufstand - Schweigemarsch und Fackelzug inklusive - brachte an diesem Septembertag 1963 laut der "Zeit" den gesamten Verkehr im Stadtzentrum zum Erliegen, während die Polizei mit Gummiknüppeln auf Randalierer einschlug. Wer nicht krakeelte, hielt eines der zahlreichen Banner in den Abendhimmel: "Freiheit für die Kunst" stand darauf, "Gegen Meinungsterror der Katholiken", oder: "Der konfessionelle Friede ist gestört". Bis der wieder hergestellt war, sollten in der Schweiz noch einige Wochen vergehen.

Ausgelöst hatte die Unruhen die Aufführung eines Theaterstückes mit dem Titel "Der Stellvertreter". Es war das Debüt eines 31-jähriger Bertelsmann-Lektors aus dem westfälischen Gütersloh: Rolf Hochhuth, seit Frühjahr 1963 urplötzlich einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller - und zugleich der wohl umstrittenste. Denn die These seines Stückes war hochbrisant: Papst Pius XII. habe während des Zweiten Weltkrieges zum Holocaust geschwiegen, statt ihn zu verurteilen. Hätte der 1958 verstorbene Pius seine Stimme erhoben, so der Vorwurf, wären Abertausende Juden dem Tod in den NS-Vernichtungslagern entgangen. Hochhuths Urteil: Der Papst habe sich am Massenmord mitschuldig gemacht, indem er ihn tolerierte.

Die Entrüstung über diese Anklage war so groß, dass sie sich zu einem internationalen Theaterskandal ausweitete: Die moralische Empörung war innerhalb weniger Wochen zu blankem Hass geworden - gefolgt von Bombendrohungen, Bürgerinitiativen und Massenaufständen. Hochhuths provokantes Stück brachte schließlich sogar den Vatikan dazu, sich in die Theaterdebatte einzumischen.

Heimliche Inszenierung

Die politische Sprengkraft des Werks hatte sich schon einige Zeit vor dessen Uraufführung an der Berliner "Freien Volksbühne" am 20. Februar 1963 abgezeichnet: In Buchform hatte der junge Autor sein Drama "Der Stellvertreter" im August 1961 zunächst dem Hamburger Verlag Rütten & Loening vorgelegt. Der Verlag gehörte zur Bertelsmann-Gruppe, für die auch Hochhuth tätig war, doch für eine Veröffentlichung der papstkritischen Schrift fehlte Rütten & Loening bis zum Herbst 1962 der Mut. Hochhuth wandte sich daraufhin an den Rowohlt-Verlag, der bereit war, den Text herauszubringen - sofern es zeitgleich eine Bühneninszenierung gab.

Rowohlt gewann dafür den Intendanten Erwin Piscator, einen politischen Theatermacher, bekannt vor allem für seine pazifistischen Dokumentarstücke aus den zwanziger Jahren. Piscator ahnte früh die Risiken des brisanten Stoffes: Bis zum Tag der Premiere verpflichtete er daher alle Beteiligten zu absoluter Verschwiegenheit.

Vergeblich: Die Katholische Nachrichten-Agentur gelangte an einen Vorabdruck des Dramas und veröffentlichte die provokantesten Stellen noch vor der Erstaufführung.

"Hitler verteidigt jetzt Europa"

Hochhuths Stück handelte von einem Jesuitenpater namens Riecardo Fontana, der den Papst bestürmt, er solle offen und scharf gegen Hitlers Massaker an den Juden protestieren. Doch das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, nach eigenem Selbstverständis Gottes Stellvertreter auf Erden, weigert sich: "Die Staatsräson verbietet", lässt der Autor Pius XII. sagen, "Herrn Hitler als Banditen anzuprangern, er muss verhandlungswürdig bleiben. Hitler allein (…) verteidigt jetzt Europa. Und er wird kämpfen, bis er stirbt, weil ja den Mörder kein Pardon erwartet. Dennoch, der Westen sollte ihm Pardon gewähren, solange er im Osten nützlich ist." Als der Papst schließlich auch angesichts der Verschleppung der Juden aus Rom nicht reagiert, heftet sich Pater Riccardo einen Judenstern an die Soutane und geht zusammen mit den Deportierten nach Auschwitz in den Tod.

Die Reaktionen auf das Stück zeigten, dass Hochhuths "Stellvertreter"-Drama einen empfindlichen Nerv getroffen hatte. Der amtierende Papst Paul VI. meldete sich zu Wort und warf Hochhuth "unverschämte Fabeleien" und "undankbares Geschrei" vor. Und die deutsche Bundesregierung unter dem bekennenden und praktizierenden Katholiken Konrad Adenauer (CDU) stellte sich auf die Seite der Kirche: Sie bedauere zutiefst, "dass in diesem Zusammenhang Angriffe gegen Papst Pius XII. gerichtet worden sind", teilte CDU-Außenminister Gerhard Schröder im Mai 1963 im Bundestag mit.

Der junge Autor hatte ganz offensichtlich ein Tabu gebrochen - wohl vor allem, weil sein Stück nicht einfach eine fiktive Polemik war. Hochhuth hatte sich an einer dramatisch zugespitzten Rekonstruktion versucht: Aus Memoiren, Biographien und Tagebüchern. Drei Jahre lang hatte er seine Erkenntnisse zusammengesammelt und dazu unter anderem die Protokolle der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, private Aufzeichnungen Goebbels und die Reden von Pius XII. ausgewertet. Seine Quellen fügte er zum Beleg im Anhang der Buchausgabe bei.

Phantasie und Fakten

"Der Verfasser des Dramas", so erklärte Hochhuth, hat "sich die freie Entfaltung der Phantasie nur soweit erlaubt ... als es nötig war, um das vorliegende historische Rohmaterial überhaupt zu einem Bühnenstück gestalten zu können. Die Wirklichkeit blieb stets respektiert, sie wurde aber entschlackt."

Neben dem fiktiven Pater ließ Hochhuth in seinem Stück auch historische Personen auftreten, etwa den SS-Obersturmführer Kurt Gerstein, auf den Hochhuth durch eine Veröffentlichung der "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" aufmerksam geworden war. Gerstein war Experte für Desinfektion im Berliner "Hygiene-Institut" und als solcher mitzuständig für die Beschaffung und Verteilung des Vernichtungsgases "Zyklon B". 1942 hatte er versucht, Hitlers Vernichtungspläne zu sabotieren und die internationale Öffentlichkeit über den Holocaust zu informieren. Juristisch als Mitverantwortlicher für die Judenmorde entlastet wurde Gerstein allerdings erst 1965, zwei Jahre nach der Premiere des "Stellvertreter"-Dramas.

Die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, erst Recht die mit der Rolle der Kirche im Nationalsozialismus und ihrem Verhältnis zum Antisemitismus standen damals noch ganz am Anfang. Mit seiner effektvollen Mischung aus Phantasie und historischen Fakten hatte sich der junge Dichter Hochhuth leicht angreifbar gemacht. "Allzuoft erwies sich", so konstatierte 1964 DER SPIEGEL, "dass dem Ankläger historiographisch einwandfreie Unterlagen fehlten, mit denen er seine Thesen belegen konnte".

Vatikan öffnet Geheimarchiv

Das amtierende Kirchenoberhaupt Paul VI. ging wenig später selbst in die Offensive. Er veröffentlichte Unterlagen aus den vatikanischen Geheimarchiven, die Hochhuths Vorwürfe entkräften sollten. Rund 5000 solcher Dokumente aus der Kriegszeit publizierte der Kirchenstaat laut SPIEGEL zwischen 1965 und 1981. In den Archiven lagen unter anderem vertrauliche Berichte von Diplomaten der Kurie, die an Judenrettungen beteiligt waren. Diese Tatsache allerdings widersprach den anfänglichen Behauptungen von Verteidigern des Papstes, der Vatikan habe das wahre Ausmaß der Judengreuel nicht gekannt.

Noch bis in das neue Jahrtausend hinein sollte die Diskussion über eine Mitschuld der katholischen Kirche am Holocaust andauern. 2003 öffnete der Vatikan sein Geheimarchiv erstmals für unabhängige Forscher.

Über die Haltung des Papstes im Zweiten Weltkrieg herrscht bis heute keine Einigkeit. Dass die Debatte andauert, dafür hatte Hochhuths "Stellvertreter" auch noch viele Jahre nach der Premiere gesorgt. 1988 etwa, als das Wiener Burgtheater das berühmte Hochhuth-Drama pünktlich zum Besuch von Papst Johannes Paul II. ins Programm aufnahm, worin der österreichische Vizekanzler Alois Mock laut SPIEGEL einen Affront witterte. Im bayerischen Ottobrunn erreichte ein katholischer Pfarrer im gleichen Jahr bei der Stadtverwaltung sogar die Absetzung des Stücks und die Entlassung des verantwortlichen Kulturreferenten.

Dass die Aufregung um das Pius-Drama so schnell kein Ende findet, dafür hat Hochhuth inzwischen selbst gesorgt und seinem Werk ein Denkmal gesetzt - mit einem spektakulären Coup: 1996 kaufte der Schriftsteller mittels einer Stiftung gleich ein ganzes Theater, das Berliner Ensemble - und sicherte sich so auf Lebenszeit und vielleicht sogar darüber hinaus einen Ort für die Inszenierung seines Historiendramas.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Elyseo da Silva 20.02.2013
Ein mutiges und ausgesprochen lesens- bzw. sehenswertes Stück von Hochhut. Ich ziehe meinen Hut vor einer solchen Courage im Deutschland der frühen 60-er Jahre.
2.
Marianne Zamani-Kieffer 21.02.2013
Ich sah einen Film, der es so darstellte, dass der Papst die reale Gefahr durchaus richtig einschätzte und vorsichtig und weise reagierte. Wenn die Gefaht vorbei ist, ist es immer einfach, zu sagen, man hätte sollen ... Wer tut denn jetzt den Mund auf, um unrechte Gewalt einzudämmen? Tatsächlich werden unschuldige Bürger mit maßlosen Maßnahmen durch Polizisten gequält, verstehen die Welt nicht mehr und verlieren ihren Glauben an den Staat, und ihre psychische Gesundheit.
3.
Ignatz Westerholt 21.02.2013
Schon mal was ueber die Aussagen des uebergelaufenen General der rumaenischen Securitate Ion Mihai Pacepa gehoert? Diese legen die Involvierung des KGB in die Entstehung des Machwerks "der Stellvertreter" nahe. Gab es diese Hlfe duch den KGB tatsaechlich?
4.
Stanislaus Bonifatz 21.02.2013
Da geht einem ja der Hut hoch. 1937 gab es die bekannte Enzyklica "Mit brennender Sorge" des Papstes Pius XI. gegen die Judenverfolgung der Nazis. Eine unglaublich hasserfüllte Geschichtsklitterung von Hochhuth, hier der römisch-katholischen Kirche eine Mitschuld an dem Holocaust zu geben. Statt seine Verwandten zu benennen, die KZ´s bewachten.
5.
Peter Müller 21.02.2013
Die dunkle Seite des Ralf Hochhut Ralf Hochhut pflegt Umgang mit dem verurteilten Holocaustleugner David Irving und hat ihn mit den Worten verteidigt: "Irving ist ein fabelhafter Pionier der Zeitgeschichte, der großartige Bücher geschrieben hat. Ganz zweifellos ein Historiker von der Größe eines Joachim Fest. Der Vorwurf, er sei ein Holocaustleugner, ist einfach idiotisch!? ( Quelle wikipedia.de) Das ist eine große Schande und disqualifiziert ihn. Pfui Teufel!
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