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Telefongeschichte Oper am Hörer

Telefongeschichte: Oper am Hörer Fotos
Corbis

Wozu, fragten sich Ende des 19. Jahrhunderts findige Unternehmer, soll ein Telefon gut sein, wenn es kaum Gesprächspartner gibt? Sie fanden eine verblüffende Antwort. Von

"Wie Edith es versprochen hatte, begleitete mich Dr. Leete (…) in mein Schlafzimmer, um mir den Gebrauch des musikalischen Telefons zu zeigen": Mit diesem gestelzten Satz leitete 1888 der Autor Edward Bellamy ("Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887") ganz beiläufig die Beschreibung einer der populärsten technologischen Verheißungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein - die Nutzung des Telefons als Übertragungsweg für Konzerte, Nachrichten und Unterhaltungssendungen.

Wozu sollte der Apparat auch sonst gut sein? Telefonanschlüsse waren atemberaubend teuer. Reiche hatten zwar das nötige Kleingeld, aber kaum Gesprächspartner. Und das Telegramm war den meisten noch immer schnell genug.

Dass Kunden für Musikübertragungen bezahlen würden, schien dagegen vorstellbar. Und das sowohl in öffentlichen Musikräumen gegen Eintritt oder Gebühr als auch zu Hause. So begann um 1880 ein heute fast vergessenes Kapitel der Telekommunikations- und Rundfunkgeschichte.

Live und in Stereo

Telefon-Musikräume wurden zu den Attraktionen häufig stattfindender Elektrizitätsausstellungen. In Paris und London übertrug man 1881 ganze Opern - und das in einer Technik, die später "Stereo" heißen sollte. Das Publikumsinteresse war so groß, dass jeder nur ein paar Minuten zuhören durfte. Die internationale Presse berichtete begeistert.

Im Herbst des Folgejahres setzten Tüftler anlässlich der Münchner "Electricitätsausstellung" noch eins drauf: Es wurden nicht nur mehrere Hörräume zugleich mit verschiedenen Musikübertragungen beschickt. Sie kamen auch noch aus Tutzing und Oberammergau - die ersten Live-Übertragungen über satte hundert Kilometer.

Bereits 1889 gelang dann erstmals die Übertragung eines Konzerts in einen mit Lautsprechern ausgerüsteten Hörsaal. Bald darauf folgte die erste, auf einer Live-Übertragung basierende Tanzveranstaltung.

Das öffentliche Interesse war damit mehr als nur geweckt. "Die Wissenschaft vom Telefon", berichtete die "New York Times" am 9. Oktober 1890, "macht dieser Tage riesige Fortschritte. (...) Möglichkeiten entwickeln sich rapide zu Tatsachen, die (…) sogar die Träume von Edward Bellamy wahr werden lassen."

Vor allem die Kombination von Telefon, Phonograph und Lautsprecher verhieß Großes: Vielleicht schon in Jahresfrist, schwärmte der Reporter wie elektrisiert, könne man die Reden berühmter Intellektueller zeitgleich an vielen öffentlichen Orten hören, so wie man sicher Konzertübertragungen dazu nutzen werde, abendlich Bälle überall im Land zu beschallen.

Die "Telefon-Zeitung"

In Europa war es schon soweit. Auf der Pariser Weltausstellung 1889 kündigte die Firma Theatrophone für das Folgejahr den kommerziellen Betrieb an. Was sie seinen Abonnenten bot, war spektakulär: Der Kunde hatte die Wahl zwischen verschiedenen, parallel übertragenen Bühnenereignissen. Es war der Beginn einer bis 1932 anhaltenden, erst durch das Radio beendeten Erfolgsgeschichte.

Abends gab es Übertragungen von den Bühnen der Stadt, während tagsüber elektrische Walzen-Pianos erbauliche Melodien klimperten. Schon bald folgten auch Nachrichten, mit denen man zunächst die Theaterpausen füllte, bald aber auch zu festen Zeiten Hörer lockte.

Neue Maßstäbe der Programmvielfalt setzte ab 1893 das Telefon Hirmondo in Budapest. Erstmals stand Information im Vordergrund: Bis in die zwanziger Jahre versorgte Hirmondo seine Hörer mit News und Börsennachrichten, Konzerten und Bildungsangeboten. Dann wurde es zum Radiosender.

Wirtschaftlich gesehen agierte das Pariser Theatrophone allerdings pragmatischer. Erfinder Clément Ader hatte seine Theatrophone-Box als Münzapparat konzipiert, was eine Nutzung im eigenen Haus wie im öffentlichen Raum ermöglichte. Gezahlt wurde nur für das, was man konsumierte: Der Münzeinwurf setzte einen Uhrmechanismus in Gang, der den Apparat für eine gesetzte Zeit freischaltete. Hirmondo hingegen verlangte eine monatliche Abo-Gebühr.

In den folgenden Jahren entstanden weitere Dienste, die ihren Weg zwischen diesen zwei Grundkonzepten suchten. 1898 sang der britische Journalist Arthur Mee, begeistert vom Service des 1895 gestarteten Londoner Electrophone, dem "Pleasure Telephone" ein Loblieb: Selbst Edward Bellamy müsse wohl verblüfft darüber sein, in welchem Maße die Realität seine Visionen überholen werde, noch "bevor die Morgenröte des 20. Jahrhunderts anbricht". Mee, fernab jeder Objektivität: "Es wird Millionen froh machen, die nie zuvor froh waren."

Das Kommerz-Modell versagt

Die Realität sah etwas nüchterner aus. Das "musikalische Telefon" blieb ein Dienst der großen Städte. Vor allem in den USA kamen viele Services zudem zu spät: James F. Lands machte dort erst 1906 mit "Tellevent" (Detroit) einen ersten Anlauf - und ging drei Jahre später Bankrott.

George E. Webb wollte es ab 1909 in Wilmington, Delaware, besser machen. Seine Vision: Musikabruf on demand. Seinen "Tel-Musici"-Service rief man an und buchte entweder ein Programm oder sogar das Abspielen eines bestimmten Stückes. Das kostete drei Cent Gebühr, eine ganze Oper sieben Cent. Eine Abo-Gebühr gab es in diesem Dumping-Modell nicht, aber einen Mindestumsatz von 18 Dollar im Jahr. Das reichte nicht: Tel-Musici hielt sich nur bis 1911.

Im Jahr davor investierte erstmals ein großes Medienunternehmen in eine "Telefon-Zeitung". Satte 100.000 Dollar ließ sich die "Herald"-Gruppe den Aufbau mehrerer Telephone-Herald-Redaktionen kosten. Nach zwei Jahren war das Geld erfolglos verbrannt - in Amerika funktionierte das Telefon-Radio einfach nicht.

Die meisten europäischen Services hingegen erlebten die Weiterentwicklung zu Radiosendern. Zumindest einer davon sendet sogar heute noch: Die italienische RAI hat ihre Wurzeln im 1910 gegründeten Telefondienst "L'Araldo telefonico".

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1. letzter Versuch
Malte Baehr, 21.04.2014
In Hamburg gab es meines Wissens in den 80er Jahren noch mal einen Versuch mit der Telefon-Soap 'Widerliche Zeiten'. War aber kein großer Erfolg, da es ja inzwischen Hörspiel-Kassetten zu kaufen gab.
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