50 Jahre "Die Vögel" Pickt der noch richtig?

50 Jahre "Die Vögel": Pickt der noch richtig? Fotos
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Krah! Kraaah! Kreisch! In "Die Vögel" ließ Alfred Hitchcock ausgerechnet sonst harmlose Piepmätze über ein Küstendorf herfallen. einestages erinnert an die Dreharbeiten, bei denen die Darsteller schlimmer gequält wurden als die Vögel - und an die Tierhorror-Welle, die dem Klassiker folgte. Von

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Der Angriff kam mitten in der Nacht. Die meisten Anwohner des nordkalifornischen Küstenorts Pleasure Point lagen bereits in ihren Betten, als sie gegen zwei Uhr von lauten Schreien und dumpfen Schlägen gegen ihre Hauswände aus dem Schlaf gerissen wurden. Mit Taschenlampen traten sie vor die Tür und blieben fassungslos stehen. Ihr Dorf war voller Vögel. Einige der Tiere, die gegen Autos und Mauern geflogen waren, lagen verletzt am Boden. Viele waren in Panik und spien unverdauten Fisch aus. Es war eine Szene wie aus einem Film. Aber es war keiner.

Die Seevögel hatten in dieser Augustnacht des Jahres 1961 im Nebel die Orientierung verloren. Einige Anwohner, die den panischen Tieren zu nahe kamen, wurden von Schnäbeln und Krallen verletzt. Erst am nächsten Morgen konnte man das ganze Ausmaß der Verwüstung sehen: zerstörte Fensterscheiben, Tierkadaver auf den Straßen. Der "Santa Cruz Sentinel" eröffnete seine Freitagsausgabe mit dem reißerischen Titel "Invasion von Meeresvögeln erschüttert Küstenhäuser". In dem Artikel fand sich eine interessante Randnotiz: Ein Brite habe in der Redaktion angerufen, um sich über den Angriff zu informieren. Es war Alfred Hitchcock.

Der "Master of Suspense" besaß ein Haus in der Nähe der Monterey-Küste. Doch das war nicht der Grund für seinen Anruf. Hitchcock suchte nach Stoff für einen neuen Film. Ein Jahr zuvor hatte er mit "Psycho" seinen größten kommerziellen Erfolg gefeiert und stand nun unter Druck. "Hitch" entschied sich, den Vogelangriff zu verfilmen - als apokalyptische Erzählung, ohne Erklärungen und mit einem offenen, sehr düsteren Ende. Es sollte sein teuerster Film werden - und das Werk, an dem sich alle späteren Tierhorror-Streifen orientieren würden.

Auf keinen Fall Science-Fiction

Als Hitchcock auf die Idee zu seinem Meisterwerk "Die Vögel" kam, gab es bereits einige Horrorgeschichten mit wild gewordenen Tieren. Schon 1933 kam "King Kong und die weiße Frau" in die Kinos, das Urwerk über die entfesselte Natur. In den fünfziger Jahren entstanden mit "Formicula" und "Tarantula" zwei B-Movie-Produktionen, in denen radioaktiv verseuchte Ameisen oder Spinnen zu baumgroßen Monstern mutieren. Der kalte Krieg hatte Einzug gehalten in die Kinosäle und mit ihm die Sorge um genetisch veränderte Lebensformen.

Doch Hitchcock wählte für seinen Film einen neuen Ansatz. Im Gespräch mit Drehbuchautor Evan Hunter erklärte der Regisseur sein Konzept: "No science fiction". Er wolle keine wissenschaftlichen Experimente zeigen, schon gar keine radioaktiv verseuchten Monstervögel. Die Tiere sollten einfach angreifen. Grundlos. Und dafür umso erschreckender.

Der Vogelangriff in Pleasure Point erinnerte den Hollywood-Regisseur an eine Kurzgeschichte von Daphne du Maurier, die er in seinem Sammelband "My Favorites in Suspense" veröffentlicht hatte. Hitchcock kannte die britische Autorin persönlich, er hatte bereits ihre Romane "Rebecca" und "Die Riff-Piraten" verfilmt. Du Mauriers Novelle "Die Vögel" spielte in Cornwall und erzählte von einer Bauernfamilie, deren Farm von einheimischen Vögeln angegriffen wird. Hitchcock übernahm die Idee der aggressiven Spatzen, Möwen und Krähen, verlegte die Handlung jedoch in die USA. Und wählte als Hauptfigur statt einer Bauernfamilie das reiche Society-Girl Melanie Daniels, das in den Küstenort Bodega Bay nahe San Francisco reist und erlebt, wie die Natur plötzlich Amok läuft.

Der Star bin ich

Die Hauptrolle besetzte Hitchcock mit dem New Yorker Model Tippi Hedren. Er hatte sie in einer Fernsehwerbung für Diätgetränke gesehen. Hedren, gerade mit ihrer Tochter Melanie (dem späteren Filmstar Melanie Griffith) nach Los Angeles gezogen, besaß noch keine schauspielerischen Erfahrungen, doch das war dem Regisseur gerade recht. Auf diese Weise konnte er sie "formen", wie er später erklärte.

Für die männliche Hauptrolle war zuerst Cary Grant vorgesehen. Doch auch hier entschied Hitchcock sich bewusst gegen einen großen Namen. Seine Wahl für die Rolle des Anwalts Mitch Brenner fiel auf den Australier Rod Taylor, der nur mit dem Abenteuerfilm "Die Zeitmaschine" einige Beachtung gefunden hatte. "Die einzigen Stars in diesem Film sind die Vögel und ich selbst", sagte der Regisseur.

Dementsprechend harsch ging Hitchcock mit seinen Schauspielern um. Vor allem Hedren war ein Opfer von Hitchcocks Pedanterie und musste Szenen so lange wiederholen, bis der Regisseur zufrieden war. Für den finalen Showdown, bei dem Melanie Daniels in einem Dachboden von Vögeln überfallen wird, brauchte Hitchcock sieben Tage. Hedren verbrachte den Großteil der Aufnahmen auf dem Boden, während Crew-Mitglieder Vögel auf sie warfen oder vor ihr Gesicht hielten. Als ein Rabe die Schauspielerin am Auge verletzte, brach sie in einen Heulkrampf aus. "Es war die schlimmste Woche meines Lebens", sagte Hedren später. Wegen Überanstrengung wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert und musste eine Woche pausieren.

Kopfüber an der Regenrinne

Doch auch Hitchcock, der für seinen Perfektionismus berüchtigt war, empfand die Dreharbeiten als Qual. Um bessere Kontrolle über die Lichtverhältnisse zu haben, ließ der Regisseur einen Großteil des Dorfes im Universal-Studio nachbauen und drehte nur die nötigsten Szenen vor Ort. Die größte Herausforderung stellten die Tieraufnahmen dar. Im Film sollten die Vögel Menschen anfallen, Augen ausstechen, auf Köpfe einhacken. Das alles in prächtigen Technicolor-Farben. Doch wie bringt man harmlose Krähen dazu, auf Kinder loszugehen?

Ursprünglich wollte man mechanische Tiere verwenden, doch die sahen zu künstlich aus. Deswegen engagierte Hitchcock den Tiertrainer Ray Berwick, bekannt für seine Arbeit bei der TV-Serie "Lassie". Berwick schrieb eine Prämie von zehn Dollar für jeden Seevogel aus, der ins Universal-Studio gebracht wurde. Die Tiere sollten möglichst jung sein, damit man ihnen leichter Tricks beibringen konnte.

Um das Wohl der Tiere zu sichern, waren Mitarbeiter der "Society for the Prevention of Cruelty to Animals" beim Dreh. Doch bei Hitchcock drückten die Tierrechtler gerne mal ein Auge zu. So erlaubten sie ihm, für eine Szene Magnete an den Füßen der Tiere zu befestigen, damit diese auf den Metallrinnen der Hausdächer kleben blieben. Einige Vögel versuchten dennoch, wegzufliegen und hingen plötzlich kopfüber an der Regenrinne.

Mehr Tierhorror

Mit 371 Trickaufnahmen war "Die Vögel" nicht nur der teuerste, sondern auch der aufwendigste Film von Alfred Hitchcock. Weil die Effektzeichner mehr Zeit benötigten, verzögerte sich die Premiere um ein halbes Jahr. Erst am 28. März 1963 wurde der Film präsentiert. Der italienische Regisseur Federico Fellini war begeistert und nannte den Film ein "apokalyptisches Gedicht". Die amerikanische Presse blieb verhaltener: "Time" bemängelte die "sinnlose Handlung" und der "New Yorker" schrieb, Hitchcock sei an seinen eigenen Zielen gescheitert. Das Publikum kam dennoch ins Kino - letztlich spielte "Die Vögel" fünf Millionen Dollar ein. Der große Wurf wie mit "Psycho" gelang Hitchcock damit aber nicht.

Erst im Laufe der Jahre wurde "Die Vögel" zum Kassenschlager. Auch weil sich viele Horror-Regisseure auf Hitchcocks Film bezogen. Ab den späten sechziger Jahren erfasste eine regelrechte Rache-der-Natur-Horrorwelle die US-Kinos. Nach Hitchcocks Vögeln griffen plötzlich Ameisen und Bienen die Menschheit an, dann noch Katzen und Hunde, schließlich sogar Würmer.

So unterschiedlich die Filme auch waren, sie alle bezogen sich auf Hitchcocks Meisterwerk. Es ging nicht mehr um atomare Monstertiere oder Zombiewesen, sondern um meist zahmes Getier, das plötzlich zum Killer wird. Die wenigsten Regisseure hatten dabei Hitchcocks Mut, auf eine Erklärung zu verzichten. Sie erfanden Laborversuche und giftige Gase, um ein Motiv für die aggressiven Tiere zu haben.

Hitchcock selbst, so besagt die Legende, soll sich in der Nähe von Vögeln unwohl gefühlt haben. Im Kinotrailer zu seinem Film rächt er sich an den Tieren, indem er genüsslich ein Brathähnchen aufschneidet und dabei über seine "guten Freunde, die Vögel" spricht. Als er gefragt wurde, wie ihm sein Werk gefiele, sagte er: "Es könnte der furchteinflößendste Film sein, den ich je gemacht habe." Wohl die wenigsten wussten damals, dass für einige Nordkalifornier im August des Jahres 1961 der Horror Realität war.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Albert Müller 27.03.2013
Ein etwas oberflächlicher Artikel, der den bemerkenswertesten Aspekt von "The Birds" nicht einmal erwähnt: Die innovativen Toneffekte (so etwas nennt man heute "Sound Design"), die der französische Avantgarde-Komponist Remy Gassmann zusammen mit dem deutschen Mixturtrautonium-Experten Oskar Sala (mit dessen exotischem elektronischen Instrument die Effekte letztlich auch erzeugt wurden) und Hitchcocks "Hauskomponisten" Bernard Herrmann zusammen entwickelt wurden.
2.
Thomas Wibbe 27.03.2013
Der authentische Vorfall des Jahres 1961 wird, laut Wikipedia, darauf zurückgeführt, dass "die Tiere von Domoinsäure, einem von Kieselalgen der Gattung Pseudo-nitzschia produzierten Nervengift, befallen waren" ( http://de.wikipedia.org/wiki/Die_V%C3%B6gel_%28Film%29 )
3.
Juliette Brungs 28.03.2013
Ich muss sagen der vorgebrachte Hinweis bezueglich der Musik stimmt natuerlich, dabei muss ich gleich mal fragen was aus dem Studio von Oskar Sala denn nun eigentlich nach seinem Tod geworden ist. Die letzte Nachricht, die ich dazu gelesen habe war, dass sich leider niemand gefunden hat es zu bewahren... Dennoch, ich fand den Artikel durchaus amuesant, so oft wie man ueber "Die Voegel" lesen kann; ich muss bisher die Gemeinheit mit den Magneten und der Regenrinne wohl uebersehen haben. Ich konnte mir allerdings eine leichte Amuesiertheit dazu nicht verkneifen, das ist natuerlich vollkommen schaebig von mir...
4.
Karl Nollert 28.03.2013
Was Raben wirklich aushalten können Sie im Video sehen. Ein Rabe mit heraushängenden Magen beobachtete ich zwei Jahre lang. http://www.youtube.com/watch?v=OpevIkTnEY8&feature=g-upl
5.
Christiane Stahl 28.03.2013
Das Oskar Sala Archiv befindet sich im Deutschen Museum München und wurde über 3 Jahre hinweg in vorbildhafter Weise sehr aufwändig archiviert. Oskar Salas Trautonium und seine anderen Apparaturen kann man in den Ausstellungsräumen des Museums besichtigen. Das Deutsche Museum wirbt übrigens damit, dass es ein Plakat hat anfertigen lassen, auf dem Harald Schmidt das Instrument vermeintlich spielt. Auch hübsch ...
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