Tiananmen-Massaker 1989 "Diese Menschen leben bis heute in Verzweiflung"

Als 1989 im Zentrum Pekings ein Studentenprotest blutig niedergeschlagen wird, schrieb Liao Yiwu ein wutentbranntes Gedicht - und musste dafür ins Gefängnis. Im Interview mit SPIEGEL TV erklärt er, wie er Jahre später Augenzeugen traf.

AFP

Von Michael Kloft


Ewiggestrige, in die Enge Getriebene, die versuchen, die Sonne abzuschießen / Du hast nur dein Schreien, du schreist noch, schreiiist / Schrei / Sie erdrosseln dich, dehydrieren dich, stecken dich in Brand. Und du schreist

Liao Yiwu weint, wenn er über die Überlebenden des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens spricht. Über die Festgenommen, die Verurteilten und die, die in der Haft gefoltert wurden: "Diese Menschen leben bis heute in Verzweiflung. Sie sind nichts mehr", sagt er.

Liao ist Schriftsteller aus China. Seit 2011 lebt er in Berlin im Exil. In seiner Heimat könnte er für seine Werke ins Gefängnis kommen. Vier Jahre verbrachte der Intellektuelle hinter Gittern, weil er unter dem unmittelbaren Eindruck des Mordens vor 25 Jahren sein Gedicht "Massaker" aufschrieb und auf Audiokassetten verbreitete. Die Zeilen am Anfang dieses Artikels sind ein Auszug daraus.

Freundlich und bescheiden erscheint der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 2012 zum Fernsehinterview mit SPIEGEL TV. Er selbst war in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 zu Hause im fernen Sichuan, in Chengdu, und verfolgte im Radio gebannt die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz. Ein Freund aus Kanada übersetzte ihm quasi live, was die BBC berichtete. Die ganze Nacht hörten sie der Übertragung zu. Aus diesem Gefühl schrieb er später das Gedicht, für das er ins Gefängnis kommen soll.

Die Studentendemonstrationen begannen bereits im April 1989, als der ehemalige Generalsekretär der chinesischen KP, Hu Yaobang, starb. Hu sei "der chinesische Gorbatschow" gewesen, erinnert sich Liao Yiwu. "Er war der einzige und wahre Liberalist in der Kommunistischen Partei." Der Generalsekretär hatte versucht, China auf den Weg politischer Reformen zu führen und ließ all jene gewähren, die moderne Ideen verbreiteten und auf Veränderungen drängten. Sogar von Demokratie war auf Wandzeitungen die Rede, erinnert sich Liao im Interview: "Ich war ein arbeitsloser Jugendlicher und las verbotene Bücher, die im Untergrund hergestellt und verbreitet wurden."

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Tiananmen-Massaker: Chinas blutiger Protest

Als es dem Regime nicht gelang, die Studentendemonstrationen einzudämmen, entschloss sich der Parteipatriarch Deng Xiaoping zum militärischen Durchgreifen und ließ das Kriegsrecht verhängen. Den Protestierenden auf dem Platz des Himmlischen Friedens hatten sich inzwischen Hunderttausende aus dem ganzen Land angeschlossen, darunter viele Arbeiter und Angestellte. "Deng Xiaoping kann man nur als einen Henker bezeichnen", sagt Liao Yiwu, "1989 hat er einen Schießbefehl gegeben und ist mit 200.000 Soldaten auf die Bürger losgegangen." Als die Orgie der Gewalt am 4. Juni 1989 vorüber war, schrieb Liao Yiwu sein Gedicht:

Man trampelt dich platt wie ein weichgeklopftes Schnitzel. / du schreist / Man dreht dich durch den Fleischwolf, du schreist / Restlos verputzt von einem Hund, schreist du noch aus dem Hundebauch / Schrei / Dieses beispiellose Massaker überleben nur die Hundesöhne.

"Wenn ich heute zurückblicke", sagt er, "da war ich fast wie von einem Monster, von einem Gespenst besessen. Ich war total außer mir und hatte nur ein Ziel: das Gedicht so weit es geht zu verbreiten."

Als er schließlich wegen seiner Worte vor Gericht landete, sagte der Richter zynisch: "Zur Mao-Zeit hätte man Sie erschossen." Zweimal versuchte Liao sich im Gefängnis umzubringen, um den menschenunwürdigen Haftbedingungen zu entrinnen. Doch er blieb am Leben. Nach der Entlassung fühlte sich Liao wie ein Ausgestoßener. Viele seiner alten Freunde hatten sich auf einmal der Gier des chinesischen Wirtschaftswunders verschrieben, das Deng Xiaoping in den Neunzigerjahren entfachte und das bis heute anhält.

Der Schriftsteller suchte das Gespräch mit Augenzeugen und Angehörigen der Opfer, die ihm zögernd ihr Herz öffneten. Veröffentlicht hat Liao die Zeitzeugenberichte schließlich in seinem Buch "Die Kugel und das Opium". "Die Leute, die ich interviewt habe", sagt er, "die standen zunächst am Rande, haben aber dann das Leben der Studenten retten wollen. Und genau die haben sich vor die Panzer gestellt, und dafür sind sie als 'Rowdys' verurteilt worden."

Zum 25. Jahrestag des Tiananmen-Massakers gibt der Friedenspreisträger SPIEGEL TV ein Interview.

"Massaker - Liao Yiwu im Gespräch mit Michael Kloft" läuft am 4. Juni 2014 um 12.25 Uhr bei SPIEGEL Geschichte auf Sky.

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Seite 1
Alexander Hüls, 02.06.2014
1. China ist auch heute eine gefährliche Diktatur,
die mit kapitalistischen Mitteln politisch Andersdenkende unterdrückt und notfalls vernichtet. Gegen ein solches System hat die soziale Marktwirtschaft im direkten Wettbewerb keine Chance.
Lisa Bellweg, 02.06.2014
2. Herr Hüls, werden Sie bezahlt?
Woher haben Sie diese Weisheiten? Aus Ihrer Presse?
wauz, 04.06.2014
3. Schwieriger Weg
Redefreiheit und Rechtssicherheit gehören auch zu einer sozialistischen Gesellschaft. Solche Dinge müssen sich aber entwickeln. Da muss man auch im Auge behalten, wie die Zustände im Jahr 1949 waren. So schlimm, was da am Tiananmen und danach passiert ist, was wäre die historische Alternative gewesen? Der Vorsitzende Deng hat sich entschlossen, zuerst einmal die wirtschaftliche Entwicklung (mit all ihren Schattenseiten) voran zu treiben. In dieser weit fortgeschritteren wirtschaftlichen Situation werden sich Redefreiheit und auch Rechtssystem deutlich entwickeln. Einfach deswegen, weil eine komplexer werdende Gesellschaft das zum funktionieren benötigt. Das ist kein Trost für die Opfer. Aber der Gang der Geschichte ist eben nicht von der Gerechtigkeit, sondern von der Ökonomie geprägt.
wauz, 04.06.2014
4. Schwieriger Weg
Redefreiheit und Rechtssicherheit gehören auch zu einer sozialistischen Gesellschaft. Solche Dinge müssen sich aber entwickeln. Da muss man auch im Auge behalten, wie die Zustände im Jahr 1949 waren. So schlimm, was da am Tiananmen und danach passiert ist, was wäre die historische Alternative gewesen? Der Vorsitzende Deng hat sich entschlossen, zuerst einmal die wirtschaftliche Entwicklung (mit all ihren Schattenseiten) voran zu treiben. In dieser weit fortgeschritteren wirtschaftlichen Situation werden sich Redefreiheit und auch Rechtssystem deutlich entwickeln. Einfach deswegen, weil eine komplexer werdende Gesellschaft das zum funktionieren benötigt. Das ist kein Trost für die Opfer. Aber der Gang der Geschichte ist eben nicht von der Gerechtigkeit, sondern von der Ökonomie geprägt.
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