Tibet 1959 Aufstand für den Gottkönig

Tibet 1959: Aufstand für den Gottkönig Fotos
AP

Ein ganzes Volk für den Dalai Lama: Vor 50 Jahren rebellierten die Tibeter gegen die Besatzer aus China. Mao nutze den Aufstand, um das Land endgültig zu unterwerfen. Doch der Dalai Lama entkam - verkleidet gelang dem Symbol des freien Tibet eine abenteuerliche Flucht über den Himalaja. Von Andreas Hilmer

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.9 (59 Bewertungen)

Die chinesischen Generäle luden zur Tanzvorführung mit Tee. Ihrem Gast bedeuteten sie höflich aber bestimmt, doch bitte alleine zu erscheinen. Die Entourage des Dalai Lama samt der 25 bewaffneten Leibwächter möge vor der Steinbrücke zum chinesischen Hauptquartier vor den Toren Lhasas warten. Wie ein Lauffeuer machte das durchsichtige Manöver des ungeliebten Riesennachbarn, dessen Armee seit 1951 im Land stand, am 5. März 1959 in der Hauptstadt die Runde: Der Dalai Lama, religiöses und politisches Oberhaupt der Tibeter, das vom Volk geliebte "Wunsch-erfüllende Juwel", war offenbar in höchster Gefahr.

Gerüchte von Verrat und Besatzung machten in den folgenden Tagen die Runde in den engen Straßen rund um Lhasas berühmten Jokhang-Tempel. Durchziehende Nomaden tuschelten von Zehntausenden chinesischen Soldaten draußen vor den Toren. Pilger warfen sich verzweifelt in den Staub und murmelten unentwegt heilige Mantras, um die Heimat zu schützen. Alles strömte zum Palast des Dalai Lama.

Am 10. März war die Stimmung in Lhasa auf dem Siedepunkt. Etwa 30.000 Menschen hatten sich an den Mauern des flachen Sommerpalastes Norbulinka versammelt. Alle wollten die befürchtete Entführung ihres Oberhaupts vereiteln, waren bereit, ihren Gottkönig mit dem eigenen Leben zu schützen. Während Mönche die Götter um Schutz anriefen, rösteten Frauen Tsampa-Gerstenmehl zur Stärkung der Wachen an den Barrikaden. Das tiefgläubige buddhistische Volk war uneins über die Anwendung von Gewalt. Und doch flogen bald Steine gegen China-freundliche tibetische Minister; ein hoher Beamter, der chinesische Kleidung trug, wurde von der Menge gelyncht.

Der Dalai Lama in der Falle

Gefangen in seinem eigenen Palast erlebte der junge Dalai Lama, gerade 23 Jahre alt, seine schwersten Stunden. Im Licht von Hunderten Butterlampen, umgeben von den mächtigen, greisen Mönchen des alten Tibet meditierte er über einen Weg aus der Krise. Doch er saß in einer moralischen Falle ohne Lösung: Bliebe er, würde es Gewalt geben. Wenn er ginge - ebenso. Draußen wurde derweil in Flugblättern offen zum Kampf gegen die Invasoren aufgerufen. Waffen waren in aller Eile aus Indien herangeschafft worden.

Der Konflikt gärte schon länger. Im Oktober 1950 hatten chinesische Soldaten in der Region Kham erstmals tibetischen Boden besetzt. Maos gerade gegründete Volksrepublik nannte den Einmarsch "friedliche Befreiung" und "Wiedervereinigung mit dem Mutterland". In einem fragwürdigen "17-Punkte-Abkommen" sagte Peking 1951 Religionsfreiheit zu, die Klöster und der Dalai Lama sollten nicht angetastet werden. Doch noch im gleichen Jahr waren 3000 chinesische Soldaten in der Hauptstadt Lhasa eingezogen - und die meisten Tibeter begannen zu ahnen, dass Peking sich ihr Land einverleiben, ihre buddhistische Kultur zerstören wollte.

Mehrmals war der Dalai Lama Mitte der fünfziger Jahre nach Peking gereist, um mit Mao persönlich über die Zukunft Tibets zu verhandeln. "Sie haben eine große Geschichte, vor langer Zeit haben Sie sogar weite Teile Chinas erobert", schmeichelte Mao, um dann zu drohen: "Aber jetzt sind Sie im Rückstand, und wir wollen Ihnen helfen."

Die Chinesen schaffen Fakten

In Tibet schufen die Chinesen derweil Fakten: Klöster wurden enteignet, Landreformen mit Gewalt durchgesetzt, ganze Regionen "Korrekturen und Umerziehungsmaßnahmen" unterzogen. Die chinesische Politik trieb Tausende Tibeter in den Untergrund. In kleinen Gruppen und schlecht ausgerüstet kämpften in den folgenden Jahren gerade einmal 8000 Tibeter gegen 40.000 Soldaten der chinesischen "Volksbefreiungsarmee" - etwa die sagenumwobene tibetische Untergrundarmee "Chusi Gangdrung". Einige der Kämpfer wurden sogar in Amerika ausgebildet, aus US-Flugzeugen Waffen für die Rebellen abgeworfen. 1956 kontrollierten Freischärler wieder weite Gebiete Osttibets.

Mao aber brauchte Tibet: Zunächst als unüberwindliche Bergfestung gegen Indien, dann als Aufmarschgebiet für Atomwaffen, später als Lebensraum für sein Milliardenvolk und als Rohstofflieferant. Also musste Tibet chinesisch werden, um jeden Preis. Den Buddhismus wollte er ohnehin ausradieren. "Die tibetischen Probleme sind mit Gewalt zu lösen", telegrafierte der "Große Vorsitzende" in den aufregenden Märztagen 1959 nach Lhasa - es war das offizielle Papier zur Eskalation.

Am 10. März 1959, als die Menschenmenge den Norbulinka-Palast umringte, hatten sowohl die tibetische Regierung als auch die chinesischen Besatzer längst die Kontrolle über die Stadt verloren. Per Lautsprecher forderten Volksarmisten die Tibeter auf, nach Hause zu gehen. Sogar zwei Mörsergranaten gingen am Palastgarten nieder. Aber niemand rührte sich - auf keinen Fall durfte der Dalai Lama den Chinesen in die Hände fallen.

Flucht im Boot aus Yakfell

Sieben Tage später fiel die Entscheidung. In Lhasa war es dunkle Nacht, als der Dalai Lama am 17. März 1959 um kurz vor 22 Uhr seine rote Mönchsrobe auszog und stattdessen eine weite schwarze Hose und einen dunklen Mantel überstreifte. Den Schutzgottheiten auf seinem persönlichen Altar hatte er weiße Glücksschleifen umgelegt - Zeichen für Abschied, aber auch für Wiederkehr. Ohne Aufsehen wollte das Oberhaupt der Tibeter fliehen und mit dem Gang ins Exil einen blutigen Verteidigungskampf in den Straßen von Lhasa verhindern.

Unerkannt bahnten sich der verkleidete Dalai Lama und vier Begleiter einen Weg durch die aufgeheizte Menge, die inzwischen auf fast 300.000 Menschen angeschwollen war. Im Schutze der Dunkelheit und mitten in einem Sandsturm verließ die kleine Gruppe heimlich Lhasa. Auf Trittsteinen ging es durch Bäche, mit einem winzigen Boot aus Yakfell über den mächtigen Kyichu-Fluss. Zu Fuß, zu Pferd, immer weiter, meist in der Nacht. Die Flucht war von Freischärlern gut organisiert und bewacht. Unterwegs stießen Minister, hohe Mönche, Leibwächter und Familienmitglieder des Dalai Lama zu der Gruppe.

Erst zwei Tage später sprach sich die Flucht des Dalai Lama vor dem Palast in Lhasa herum - die Folge war Chaos. Brutal griff die düpierte chinesische Armee jetzt gegen die Tibeter durch, tagelang überzog sie Lhasa mit Zerstörung und Gewalt. Allein zwischen dem 20. und 22. März 1959 starben rund zehntausend Tibeter bei Gefechten und Bombardements von Häusern und Klöstern; organisierter Widerstand brach im Feuer der chinesischen Soldaten schnell zusammen.

"Dann haben wir die Schlacht verloren"

Der Dalai Lama überquerte derweil mit 37 Getreuen im Schneegestöber den Sabo-La-Pass, das letzte Hindernis in Richtung Indien. Noch auf tibetischem Boden widerrief er auf einer improvisierten Versammlung in der Siedlung Lhüntse das berüchtigte 17-Punkte-Abkommen mit China von 1951, welches Tibet der Volksrepublik zugeschlagen hatte. Im fernen Peking soll Mao auf die Nachricht von der Flucht des Dalai Lama gesagt haben: "Dann haben wir die Schlacht verloren."

Am 30. März 1959 erreichte der Tross des Dalai Lama Indien. Dessen Regierungschef Nehru nahm die Flüchtlinge freundlich auf; bei Dharamsala am Fuße des Himalaja stellte er ihnen ein Stück Land zur Verfügung. Dort entstand über die Jahre eine kleine, funktionierende Demokratie, denn auf der Flucht vor Pekings Knute folgten Zehntausende Tibeter ihrem Oberhaupt dorthin ins Exil. Auch der Dalai Lama, inzwischen 73, lebt noch immer dort, ganz in der Nähe der tibetischen Grenze. Seine Heimat wiedergesehen hat er seit seiner dramatischen Flucht vor 50 Jahren nicht.

Artikel bewerten
3.9 (59 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Michael Schenk 06.03.2009
Dieser Artikel und die dazugehörigen Bilder sind von großer Einseitigkeit und ideologischer Sicht. Wie fast alles, was in Deutschland über China in den Medien erscheint. Tibet war jahrhunderte Teil des chineischen Reiches. Erst in den Wirren nach dem Untergang des Kaisertums besetzten die Briten Tibet. Nach dem Rückzug der Briten am Ende des 2. Weltkrieges errichtete die tibetische Oberschicht ein rückständiges Feudalregime, ohne Menschenrechte und Demokratie, dafür mit Sklaverei. Heute würden wir zu einem solchen Staat Taliban-Regime sagen. Der Dalai Lama war zu dieser Zeit ein Kind und wurde völlig abgeschirmt erzogen. In Tibet selbst kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen der Obrigkeit und fortschrittlichen Kräften, die von China unterstützt wurden. Nachdem sich zeigte, das die Obrigkeit nicht breit war, das Land zu modernisieren, marschierte die chinesische Armee unterstützt von tibetischen Einheiten ein und gliederte es wieder in China ein. Auch jetzt noch suchte China den Dialog mit dem Dalai Lama, der sich aber entzog (siehe Artikel). Weiterhin muß man bedenken, das alles unter den Bedingungen des kalten Krieges ablief. Der Autor gibt das sogar zu, wenn er schreibt, das die chinafeindlichen Kämpfer in den USA gebildet und von dort bewaffnet wurden. Die Unabhängigkeit Tibets von China zu fordern ist genauso unsinnig, wie zum Beispiel Bayerns von Deutschland. Und wenn das einige mit Waffengewalt versuchen würden, wären sie Terroristen. Das nach der Wiedereingleiderung Tibets in China auch hier die schlimmen Exesse wie Großer Sprung und Kulturrevolution stattfanden und dabei Klöster u.a. zerstört wurden ist traurig, betrifft aber ganz China. Die Tibeter sind genauso frei oder unterdrückt wie alle Chinesen. Nach meiner Erfahrung nicht unfreier als wir. Tibet hehört heute noch zu den rückständigsten Teilen Chinas. Wenn die chinesische Zentralregierung versucht, das mit Entwicklungshilfe zu ändern, wird immer gleich behauptet, das damit die tibetische Kultur unterdrückt wird. Nach dieser Logig sind die USA extrem böse, so wie diese die deutsche Kultur unterdrückt und verändert haben. Das die Enklave des Dalai Lama in Indien eine Demokratie ist, soll wohl ein Witz sein. Eine Demokratie mit einem nichtgewähltem, lebenslangen Staatsoberhaupt und seinem Hofstaat an der Spitze? Wenn dem Dalai Lama wirklich sein Volk und Tibet am Herzen leigen würde, würde er nach Tibet zurückgehen. Ich denke, das sich das heute ohne kalten Krieg und unter internationaler Beobachtung sicher machen ließe. Dann könnte er sein Land selbst entwickeln. Zu den Bildern: Eine Frau mit Rucksack als als Flüchtling mit allem Habe darzustellen ist absurd. Da kann ich auch unter ein Bild eines Wanderers mit Rucksack in den Alpen behaupten, er flieht mit seinem Hausstand vor dem Regime in Deutschland.
2.
Kurt Tropper 06.03.2009
Das Foto Nr. 8 zeigt nicht Lhasa sondern das ca. 40 km östlich davon gelegene Kloster Ganden (dGa' ldan).
3.
Enna Leppiz 08.03.2009
Ist Herr Schenk vielleicht doch nicht nicht Herr Schenk? Ich bin in der DDR aufgewachsen, lebe seit vielen Jahren in China und habe viele Déjà-vu-Erlebnisse hier im Forum ... Natürlich werden die Tibeter in ihrer Religionsfreiheit ebenso eingeschränkt wie überall, natürlich werden alle Chinesen kontrolliert wie überall, natürlich sind alle Tibeter so frei oder unfrei wie alle anderen Chinesen --- soll das ein Witz sein, Herr Parteifunktionär? Ihnen muss es recht gut gehen ...
4.
Hans Michael Kloth 06.03.2009
Danke für den Hinweis auf die falsche Bildunterschrift zu Foto Nr. 8! Ursache waren falsche Angaben in den Daten der Bildagentur - ein Hoch auf die einstages-Leser! :-)
5.
Michael Jäckel 08.03.2009
Danke für den Artikel. Hilfreich wäre wenn man auf die unseriöse Bezeichnung "Gottkönig" verzichtet. Weder Tibeter noch der Dalai Lama selbst sehen den Dalai Lama als einen Gottkönig. Der Dalai Lama (oder die Dalai Lamas / deren Amt) hatte zudem weit weniger Einfluss in Tibet als ihm einige heute zuschreiben - was nicht seine guten Taten mindern soll - aber Dinge in Perspektive rückt. In Tibet herrschte eher eine Art Stammesherrschaft in der der Einfluss Lhasa's und damit des Dalai Lama eher gering war. Trotzdem genießt der Dalai Lama höchstes Ansehen unter Tibetern - und mittlerweile auch weltweit - zurecht finde ich. Die Chinesischen Besatzer erzählten ja den Tibetern zuerst sie würden vom "imprialistischen Amerika" befreit, kein Tibeter verstand was sie wollen, weil es kaum Ausländer gab.... Eine empfehlesnwerte und mehfach ausgezeichnete Doku mit Zeitzeugen und Historikern (allerdings in English) ist: "Tibet: Cry of the Snow Lion" [2003] [DVD] von Tom Peosay.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen