Tibet in den Achtzigern Mit 4000 Liter Benzin an das Tor zum Himmel

Von den Klöstern Tibets standen nach der chinesischen "Kulturrevolution" nur noch Ruinen. Als einer der ersten westlichen Ausländer durchquerte Fotograf Jaroslav Poncar in den Achtzigern auf abenteuerlichen Wegen ein abgeschottetes Land.

Jaroslav Poncar/ Edition Panorama

Insgesamt vier Mal bin ich nach Tibet gereist, zuerst im Sommer 1985. Höchstwahrscheinlich hat vor mir noch kein Europäer oder Nordamerikaner das "Dach der Welt" von der Ostgrenze in Sichuan bis nach Tsaparang und Tholing im äußersten Westen durchquert. Das zur Volksrepublik China gehörende Autonome Gebiet Tibet lernte ich erst kennen, nachdem die Rotgardisten im Namen der "Kulturrevolution" zwischen 1966 und 1976 katastrophale Zerstörungen angerichtet hatten. Auf der 6240 Kilometer langen Strecke sah ich damals überall traurige Klosterruinen.

Nach dem Tod von Mao Zedong 1976 hatte sich China nur zögerlich geöffnet. Erst allmählich begann sich die jahrzehntelang unterdrückte Religion und Religiosität der Tibeter zu entfalten, bauten sie ihre Klosteranlagen wieder auf. Ausländische Touristen durften anfangs nur wenige Städte besuchen und dies auch nur mit Genehmigung der Kommunistischen Partei Chinas. Lhasa, die Verwaltungshauptstadt Tibets, war viele Jahre nicht für Ausländer zugänglich. Erst im Herbst 1984 erfuhr ich, dass es der Bruder einer Freundin dorthin geschafft hatte.

Jaroslav Poncar/ Edition Panorama

Mein Reiseziel für den folgenden Sommer stand somit fest. An der Fachhochschule Köln, wo ich als Professor im Fachbereich Fotoingenieurwesen tätig war, studierten damals bereits einige Chinesen. Einen von ihnen wollte ich als Assistenten mitnehmen. Wie ich hörte, hatten die Sicherheitsbehörden westlichen Besuchern, die mit dem Flugzeug kamen, den Zugang nach Lhasa verwehrt. Daher wollte ich die Stadt auf dem Landweg erreichen. Von einem Schweizer Reiseunternehmen bekam ich zudem im Frühjahr 1985 die überraschende Nachricht, dass ich als Fotograf im Sommer an der ersten genehmigten Gruppenreise zu dem heiligen Berg Kailash im Westen Tibets teilnehmen könnte.

Tibetische Kultbauten, sogenannte Chörten, in Tholing, fotografiert 1993
Jaroslav Poncar/ Edition Panorama

Tibetische Kultbauten, sogenannte Chörten, in Tholing, fotografiert 1993

Flüsse ohne Brücken

Da ich die Anreise auf dem Landweg schon fest geplant hatte, wollte ich mich der Gruppe erst in Lhasa anschließen. Zunächst fuhr ich mit dem öffentlichen Bus über Chengdu, die Hauptstadt von Sichuan, nach Ya'an und Kangding (tibetisch "Dartsedo"). Dort begann die Passstraße, die das Tor in die tibetische Welt ist. Der sogenannte Tibet Highway war in jenem Sommer wegen zahlreicher Erdrutsche unpassierbar, daher musste ich den längeren und noch beschwerlicheren Weg über Chamdo und Naqchuka nehmen.

Hinter dem Pass erwartete mich die osttibetische Provinz Kham. Ich war sehr enttäuscht, denn so hatte ich mir das Land nicht vorgestellt: Statt eines Hochplateaus mit spärlicher Vegetation und Yak-Herden sah ich in dem wild zerklüfteten Gebirge bis zu einer Höhe von über 4000 Metern grüne Wälder. Mir kamen endlose Konvois mit Baumstämmen entgegen. Kham wurde entwaldet.

Landschaft am Cho La-Pass, Kham, 1985
Jaroslav Poncar/ Edition Panorama

Landschaft am Cho La-Pass, Kham, 1985

Zusammen mit der Reisegruppe fuhr ich von Lhasa aus weiter gen Westen. Der kürzeste Weg zum Kailash folgt dem Tsangpo-Tal, das vom Hauptkamm des Himalaja und dem Transhimalaja begrenzt wird. Kurz vor dem Ziel erhielten wir die Nachricht, dass der Wasserstand von drei Flüssen, die wir ohne Brücken passieren mussten, zu hoch sei. Auf der viel längeren Nordroute würden wir jedoch mehr vom Land sehen. Aus der Kailash-Manasarovar-Region reisten wir ins ehemalige Königreich Guge im äußersten Westen. Von dort aus ging es über das Hochplateau Aksai Chin nach Yarkand und Kashgar und dann weiter nach Urumchi, bevor wir schließlich nach Hause zurückflogen.

Das politische Tauwetter in China, dem ich meine lang erträumte erste Tibet-Reise verdankte, erlaubte es auch den tibetischen Flüchtlingen, endlich wieder ihre Heimat zu besuchen. Bei meiner zweiten Exkursion im Sommer 1986 nahm ich einen Assistenten mit, der seit 1959 zuerst in Indien und später in Nepal lebte. Als Tenpa Woeser mich in Kathmandu fragte, wohin denn die Reise gehen solle, antwortete ich: "Dorthin, wo du herkommst." Da erzählte er mir, dass er in einer Nomadenfamilie im Südwesten Tibets aufgewachsen sei.

Zwei Wochen unter Nomaden

Nach dem Aufstand in Lhasa und der Flucht des Dalai Lama im Frühjahr 1959 waren Tausende von Tibetern, zumeist Hirten, nach Nepal und Indien ins Exil gegangen. Ihre Yak-, Schaf- und Ziegenherden hatten sie mitgenommen. Tenpa, damals erst 13 Jahre alt, half dabei, die Herden des reichsten Hirten der Region über den Pass nach Mustang, ein tibetisches Königreich innerhalb Nepals, zu treiben. Nach einem Jahr ging er nach Indien, wo er eine Schule besuchen und Englisch lernen konnte.

Tenpas Geschwister blieben in Tibet zurück. Die traditionelle Sommerweide für ihr Vieh lag im Distrikt Saka auf halbem Weg zum Kailash. Auf der Straße zwischen Katmandu und Lhasa fuhren wir zuerst mit einem Geländewagen bis Lhatse. Damals gab es dort eine Fähre über den Tsangpo. Am anderen Ufer konnten wir in einem Lastwagen, der mit einer Pilgergruppe zum Kailash unterwegs war, bis zum Ort Saka mitfahren. Tenpa traf seine Geschwister am anderen Ufer des Tsangpo. Es war bewegend, ihre Begegnung nach so vielen Jahren mitzuerleben. Nach zwei Wochen unter den Nomaden traten wir den Rückweg nach Katmandu an. Diesmal nicht mit einem Lastwagen, sondern zu Fuß.

Blick von der Festung auf die Stadt Gyantse, 1986
Jaroslav Poncar/ Edition Panorama

Blick von der Festung auf die Stadt Gyantse, 1986

Die aufregendste meiner Tibet-Reisen sollte 1987 folgen und mich schließlich zur Quelle des Indus führen. Ich hatte zunächst die verrückte Idee, den Tsangpo von der Quelle aus mit Schlauchbooten zu befahren, um einen Dokumentarfilm über Land und Leute zu drehen. Die schriftliche Genehmigung sollte uns allerdings erst in Katmandu ausgehändigt werden. Mit einem unguten Gefühl flog Mitte Juli ein sechsköpfiges Team aus Frankfurt ab.

80 Jahre nach Sven Hedin an der Indus-Quelle

In Katmandu angekommen, hieß es: Die Genehmigung würden wir nunmehr an der Grenze zu Tibet erhalten. Die Straße dorthin war jedoch auf mehreren Kilometern vom Monsunregen weggerissen worden. Statt wie erhofft in drei Stunden konnten wir die Grenze erst in zwei Tagen erreichen. Die jeweils 60 Kilogramm schweren Boote machten das Unterfangen noch beschwerlicher. An der Grenze erfuhren wir, dass der China International Travel Service (CITS) die Genehmigung für die Bootsfahrt auf dem Tsangpo "aus Sicherheitsgründen" zurückgezogen hatte.

Nach langen Verhandlungen verkauften wir schließlich die Boote an den CITS, um sie zwei Monate später als Touristenattraktion auf einem Teich unter dem Potala-Palast in Lhasa wiederzusehen. Wir beschlossen, nicht mehr zur Quelle des Tsangpo, sondern zu der des Indus vorzudringen. Auf die Fahrt mit zwei Geländewagen und einem Lastwagen mussten wir 4000 Liter Benzin sowie eine große Menge an Lebensmitteln mitnehmen. Yaks und Viehtreiber mieteten wir bei den Nomaden. Genau 80 Jahre nach dem Entdecker Sven Hedin erreichten wir schließlich die Indus-Quelle.

Auf dieser dritten Reise entstand die 90-minütige Dokumentation "Tibet - Tor zum Himmel", die auch im deutschen Fernsehen lief.

Wenige Wochen nachdem wir 1987 Tibet mit dem gesamten Film- und Fotomaterial unversehrt verlassen konnten, brachen in Lhasa schwere Unruhen aus. Danach waren keine freien Reisen mehr möglich, sondern nur noch Gruppenexpeditionen - für mich keine Option. 1993 nahm ich noch eine Einladung an, um die Wandmalereien in Tholing zu dokumentieren. Es war mein letzter Besuch auf dem "Dach der Welt".

Nomadenzelt auf dem Chang Thang, einer Hochlandsteppe im nordwestlichen Tibet, 1987
Jaroslav Poncar/ Edition Panorama

Nomadenzelt auf dem Chang Thang, einer Hochlandsteppe im nordwestlichen Tibet, 1987

Selbst wenn sich wieder eine Reisemöglichkeit bieten sollte, würde ich mit aller Wahrscheinlichkeit darauf verzichten. Zu drastisch waren die politischen Veränderungen in der jüngsten Vergangenheit. Nur wenn der jetzige Dalai Lama nach Lhasa reisen sollte, würde ich noch alles daran setzen, dabei zu sein.



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insgesamt 7 Beiträge
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Andreas Bergamo, 12.12.2014
1. Man sollte nicht vergessen das in Tibet die Leibeigenschaft herrschte.
Die Kloester haben teilweise leider auch diese elende Unterdrueckungsform unterstuetzt. Klar waren die Kloester Hochburgen der Kultur, das kann man auch der katholischen Kirche zuschreiben, allerdings zu welchem Preis (z. B. Inquisition, Beschlagnahmung usw.)..
Bruno Toussaint, 13.12.2014
2. Extrem kontrastreiche und satte Farben - wie kommt das zustande?
Hallo Herr Poncar, an Ihren Namen kann ich mich noch aus meinen Zeiten damals an der Kunst-FH am Ubierring erinnern, und an das Gesicht aus der Südstadt noch sehr vage. Trotzdem, ich bin ebenfalls ein Farbmensch und befasse mich mit Reflexion und Lichtleitenden 3-D Lacken. Daher fällt mir auf, dass die Farben auf den Fotos ganz fein aber deutlich hell-dunkel kontrastiert sind, und insgesamt sehr satt, im Sinne von Farbe ohne allzu viel Grauwerte. Eigentlich kann es nur zwei Gründe dafür geben: die ultraklare Luft in der Landschaft Tibets zu der Zeit, und das mehr oder minder parallel gerichtet einstrahlende Sonnenlicht, vor allem nachmittags. Dieses führt zu solchen präzisen Strukturdarstellungen und Kontrasten bei Fotos. Würde man nämlich jetzt bei der Weiterverarbeitung solcher Fotos im Fotoshop den Farbwert um 90 % herausziehen, so würde man sehen, dass das gerichtete Sonnenlicht die Strukturen noch stärker als räumliche Hell-Dunkel-Kontraste heraus modelliert. Die Bildinformation samt Zeitaspekt nimmt immer weiter zu. Dies nur nebenbei. Da Sie damals noch Analog-Gelatine-Filme benutzten, wäre interessant zu wissen, ob sich bei der damaligen Farbfotografie mit hochwertigen Filmen im belichteten Negativ selber, und danach beim Positiv, eine durchgehende (in sich geschlossene?) Farbsubstitution ergeben hat. Wie wirkt sich dies aus, wenn solche Filme anschließend digitalisiert werden? Macht sich dann trotzdem immer noch der Vorteil der ursprünglichen besseren Farbwertigkeit bei Analogfotografie bemerkbar? Gruß aus Berlin, Bruno Toussaint
Thorsten Latz, 13.12.2014
3. Dia
@Bruno Toussaint Also ich hab letztens einige alte Diafilme auf die Leuchtplatte gelegt und die sahen dem hier gezeigten hinsichtlich Farb- und Kontrastumfang sehr ähnlich. Starker Kontrast bei knalligen Farben. Im Sommer hatte ich zuletzt einen Dia-Film in der alten Kamera (Provia 100F). Sah natürlich etwas anders aus, weil anderer Film, war aber im Grunde zumindest sehr vergleichbar.
Ka Sam, 14.12.2014
4. Tibet---sie haben es nicht entdeckt---aber wiederentdeckt
Hallo, Sie waren nicht der Erste---sorry für sie---- Eine bzw einige kleinere Gruppen aus Deutschland, Niederlande und Italien haben wir während der Reise getroffen--nicht nur kleine Gruppen, sondern auch vereinzelte Biker, bzw. Fahrrad-Touris. Es sind viele junge neugierige Individualreisende gewesen, die vor einer Grenze gewartet haben, bis sie aufmachte und sie herein liessen vor 1984. In Lhasa waren fast alle Unterkünfte mit Europäern voll. Und ich würde allen raten wieder dorthin zu gehen .Es ist ein wunderschönes Reiseland. Man trifft die unterschiedlichsten Menschen dort--und jeder hat mindestens eine Kamera dabei--solche Farben wie dort habe ich noch nirgends anders gesehen. Und----Die Menschen mögen ehrliche Menschen.
Michael Jäckel, 15.12.2014
5. Die Klöster wurden vor der Kulturrevolution zerstört …
Schade, dass der Beitrag einen alten Propaganda Mythos wiederholt, der faktisch nicht richtig ist. Der Beitrag behauptet, dass die meisten Klöster bei der Kulturrevolution zerstört wurden. Damit will sich die chinesische Führung rein waschen von dem Vorwurf, dass sie systematisch die tibetische Kultur bereits zuvor – als Strategie militärischer Intervention und Okkupation – zerstörten. Mit dieser falschen Behauptung schiebt China die Schuld an der Zerstörung sog. "linksextremen Kräften" bei der "Kultrurrevolution" zu. Die Stuttgarter Zeitung vom 20. Juli 1987 berichtete anlässlich des Besuchs von Helmut Kohl in Tibet im Juli 1987 auf Seite 4 im Artikel „Kohl spricht Menschenrechtsfragen an“ von der Pressekonferenz der „tibetischen Provinzregierung“ (gemeint ist die „Provinzregierung“ der sog. Autonomen Region Tibet): „Zum ersten Mal wurden bei der Pressekonferenz detaillierte Angaben über das Ausmaß der Zerstörung des religiösen Lebens in Tibet seit 1959 und dem Umfang der seit 1978 wieder begonnenen Rehabilitierung genannt. Vizegouverneur Pu Quiong berichtete, daß es vor der Rebellion 1959, die zur Flucht des Dalai Lama führte, 2700 Tempel und Klöster mit 114.000 Mönchen sowie 1.600 ‚lebende Buddhas’ gegeben habe. Die ‚demokratischen Reformen’ reduzierten die Klöster auf 550 mit 6.900 Mönchen bis 1966. Nach den Wirren der Kulturrevolution von 1966 an blieben 1978 nur noch acht Klöster mit 970 Mönchen übrig. Seit 1978 seien bis zum Mai dieses Jahres 230 Klöster wieder renoviert oder neue aufgebaut worden.“ weitere Quellen finden Sie hier: http://info-buddhismus.de/Wann-wurden-die-Kloester-in-Tibet-zerstoert.html @Redaktion: Ich verstehe nicht, wieso Sie meinen vorherigen Beitrag nicht veröffentlichten? @Andreas Bergamo: Der Begriff "Leibeigenschaft" ist unter Wissenschaftlern umstritten. Näheres dazu in »Authenticating Tibet: Answers to China’s 100 Questions«, herausgegeben von Anne-Marie Blondeau und Katia Buffetrille. Vorwort von Donald Lopez. Berkeley: University of California Press, 2008, Seiten 81-84.
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