Tiefseeforscher Georges Houot "Da ist das Ungeheuer!"

Tiefseeforscher Georges Houot: "Da ist das Ungeheuer!" Fotos
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Mit der Stahlkapsel in die Tiefe: 1954 tauchte der Franzose Georges Houot mit seiner "FNRS 3" als erster Mensch mehr als 4000 Meter unter den Meeresspiegel. Nur kurz feierte die Welt den Tauchpionier, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Dann versank er in der Vergessenheit. Von

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Mit einem dumpfen Krachen fällt die 250 Kilogramm schwere Panzertür zu. Georges Houot nimmt einen Schraubenschlüssel und beginnt, die Stahltür mit Hilfe von 16 großen Schrauben immer fester zu verschließen. Es ist, als würde sich ein verrückt gewordener Gefangener endgültig in sein eigenes Gefängnis einschließen: eine enge, sauerstoffarme Zelle mit zwei Metern Durchmesser und einem winzigen Fenster.

Es ist der 15. Februar 1954, und mit jeder Schraube kappt der französische Marineoffizier Georges Houot die Verbindung zu der gewohnten, sicheren Außenwelt. Er ist mit seinem Begleiter Pierre Willm auf dem Weg in eine völlig unbekannte Welt fern des Sonnenlichts: 4000 Meter unter dem Meeresspiegel, auf dem Grund des Atlantiks.

So tief ist noch kein Mensch getaucht. In vier Kilometern Tiefe wird das Gewicht von 50.000 Tonnen Wasser auf dem Tauchboot "FNRS 3" liegen, 400 Kilogramm auf jedem Quadratzentimeter der stählernen Taucherglocke. Und gleichzeitig werden auf den beiden Pionieren die Erwartungen der französischen Marine lasten. Drei Jahre lang hatte ein Team aus Spezialisten an dem Tiefsee-U-Boot gebaut. Houot selbst hatte ein Dutzend Probetauchgänge durchgeführt. 2000-Watt-Spezialscheinwerfer waren gegen die totale Finsternis konstruiert worden. Jetzt sollte die "FNRS 3" endlich ihre Feuertaufe bestehen.

Die Zeit drängte, denn die Franzosen wollten unbedingt die Ersten sein, die in solche Tiefen vorstießen, deutlich weiter als der weltberühmte Schweizer Physiker Auguste Piccard und sein Sohn Jacques, die es zuletzt auf 3150 Meter gebracht hatten. Der Wettlauf in der Tiefsee hatte damit seinen ersten Höhepunkt erreicht, auch wenn die beiden Hauptprotagonisten - Houot und Auguste Piccard - später höflich bestritten, jemals Konkurrenten gewesen zu sein.

Unbekannter Meeresgrund

Die Welt war zu dieser Zeit längst vermessen, doch über das Leben in der Tiefsee gab es kaum Gewissheiten. Neben wilden Gerüchten von Meeresungeheuern kursierten gleich mehrere wissenschaftliche Theorien. Manche Gelehrten glaubten etwa, dass in großer Tiefe nicht einmal Mikroben lebensfähig seien und schlussfolgerten: Ohne Mikroben gebe es keine Fäulnis - und ohne Fäulnis könnte man auf dem Meeresboden gänzlich unzersetzte Kadaver aus dem Zeitalter der Dinosaurier finden.

Grund dieser Unwissenheit waren die enormen technischen Schwierigkeiten für bemannte Tauchgänge in solche Tiefen. Tausende Tonnen Wasserdruck mussten ausgehalten werden, und wie sollte ein derart weit gesunkenes Boot wieder auftauchen können? Die beiden Amerikaner William Beebe und Otis Barton hatten zwar bereits 1934 eine Tiefe von 923 Metern erreicht, doch ihr Tauchgerät, eine Stahlkugel, war nicht mehr als ein notdürftiges Provisorium: Es hing an einem langen Kabel des Versorgungsschiffs; an ein selbständiges Manövrieren war nicht zu denken.

Georges Houot und Pierre Willm hingegen sitzen 1954 mit der "FNRS 3" in einem Tauchboot, das einen entscheidenden Entwicklungsschritt weiter ist: Es kann selbständig die Höhe regulieren und sich per Motorantrieb wie ein U-Boot fortbewegen. Ihre Tauchkugel, elf Tonnen schwer, hängt unterhalb eines 16 Meter langen Schwimmkörpers. Der wurde mit 78.000 Litern Benzin befüllt - einer Flüssigkeit, die leichter als Wasser ist und der schweren Konstruktion damit die nötige Tragfähigkeit verleiht.

Um zu sinken, kann die Crew eine Art U-Boot-Turm fluten und zusätzlich jederzeit bis zu 1800 Liter Benzin ablassen, um das Boot schwerer zu machen. Der steigende Wasserdruck und die abnehmende Wassertemperatur pressen das Benzin mit zunehmender Tiefe immer weiter zusammen. Um den rasanten Absturz abzubremsen und wieder auftauchen zu können, kann - fein dosiert - Ballast in Form von kleinen Eisenkügelchen abgeworfen werden; im Notfall würde Houot zudem noch zwei Tonnen Blei und zwei 600 Kilogramm schwere Akkus ausklinken können.

"Welch berauschendes Wort!"

"Bathyskaph" hieß dieses Prinzip, ein Kunstbegriff, zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern für "Tiefe" und "Boot". Erfunden hatte es Auguste Piccard, ein unbemannter Tauchversuch brachte sein Gefährt 1948 in knapp 1400 Meter Tiefe. Doch nach dem Auftauchen wurde der teure Schwimmkörper bei schwerer Dünung beschädigt; Piccard und sein Dienstherr, die französische Marine, trennten sich.

Das war die Chance für den früheren Sporttaucher Houot und den Ingenieur Willm, der sich bis dahin eher auf Zerstörer spezialisiert hatte. Für die Marine sollten die beiden ein robusteres Gerät mit deutlich klügerer Innenausstattung entwerfen. "Mir schwindelte", erinnerte sich Willm später an den Moment der unerwarteten Berufung. "Bathyskaph, welch berauschendes Wort!"

Doch mitunter verzweifelte Willm an seiner neuen Aufgabe. Es gab so viele technische Details zu beachten, aber keine Industrie, die seine Vorgaben umsetzen konnte. Spezialscheinwerfer, die einen Außendruck von 600 Kilogramm pro Quadratzentimeter aushalten? Glühbirnen, die in destilliertem Wasser angebracht sind? 1-PS-Motoren für U-Boote, die noch in 4000 Metern Tiefe laufen? Oft sei er schier ausgelacht worden, sobald er mit seinen Wünschen an Konstrukteure herantrat, schrieb der Franzose später.

"Da ist das Ungeheuer!"

Bis zum Stapellauf des 28.000-Kilo-Kolosses am 3. Juni 1953 dauerte es drei Jahre. Dann aber ging plötzlich alles Schlag auf Schlag. Houot drängte seine Vorgesetzten, die Testfahrten zu genehmigen: 750 Meter, 1500 Meter, 2100 Meter. Während des ersten Tauchgangs prophezeite er kühn, schon bald würden sich Weltraumfahrer in einer vergleichbaren Kapsel einschließen. Erfolglos suchte sein Kollege Willm derweil nach den passenden Worten für die unendlichen Facetten der Farbe Blau, die immer dunkler wurde, je tiefer die Männer im "Bathyskaph" sanken.

Bei ihrem ersten Treffen fand Houot seinen überkorrekt wirkenden Partner noch ziemlich unsympathisch, doch die Enge der vier Kubikmeter schweißte die Männer zusammen. Sie scherzten über jede unbedachte Bewegung - Gläser, Uhren und Werkzeuge fielen dann sofort hin. Dünne Klappstühle - die einzigen, die in die Kabine passten - brachen zusammen. Das Bullauge aus 15 Zentimeter dickem Plexiglas war so klein, dass immer nur einer durchschauen konnte. "Da ist das Ungeheuer!", ärgerte Willm gern seinen Partner, Houot hastete hinüber - und sah einen gewöhnlichen Ruderfußkrebs.

Mitunter sahen sie aber wirklich seltsam fluoreszierende Tiere oder merkwürdige, auf ihrem Schwanz schwimmende Fische. Zu dumm, dass sie keine Ahnung von Meeresbiologie hatten! An ihnen konnten unbekannte Arten vorbeiziehen, ohne dass sie es merkten.

Mit viel Humor schilderten die Pioniere ihre Probleme später gemeinsam in einem Buch, und Humor brauchten sie auch für den pannenanfälligen "Bathyskaph": Ständig versagte das Echolot, Messgeräte zeigten falsche Werte an, die Sicherungen brannten durch und tauchten die Kabine in die unheimliche Finsternis. Sogar die außen angebrachten Akkus stürzten aus ihren Halterungen und verliehen dem Boot damit einen ungewollten Auftrieb.

Butterbrot in der Kälte

Um ihr Leben bangten die beiden jedoch nicht - auch jetzt nicht, am 15. Februar 1954 um 10 Uhr morgens: Mit 30 Zentimetern pro Sekunde fallen Houot und Willm in die Tiefe. Der erste Kilometer ist nach einer knappen Stunde geschafft, der zweite nach insgesamt 90 Minuten. Das Boot wird immer schneller. Um 12.27 Uhr sind die Franzosen 3300 Meter tief und haben damit Piccards Weltrekord geknackt. "Ein paar Röhrenquallen und Garnelen", notiert Willm nüchtern ins Logbuch. Sonst passiert nichts. Eine halbe Stunde später nähern sich die beiden dem Meeresboden. Das Echolot versagt diesmal nicht, die Anspannung steigt.

"Ich reiße die Augen auf, um besser zu sehen, was die Tiefe birgt", erinnert sich Houot später an den historischen Moment. "Ein großer Lichtkreis fällt auf sehr feinen und weißen Sand. Der Boden weist lauter kleine Unebenheiten und Hügelchen auf. Kleine Erhöhungen wechseln mit Rillen ab. Ich erkenne Löcher. Wie merkwürdig sieht hier die Erde aus!" Dann ruft er aufgeregt: "Ich sehe Fußspuren!", doch sein Partner entlarvt die Sinnestäuschung sofort: "Sagen Sie mir Bescheid, wenn der Himalaja-Mensch der Tiefsee kommt!"

Schnell melden die Männer den Rekord von 4050 Metern per Funk an ihre Versorgungsschiffe. Während sie zwischen Haien über den Grund gleiten und sich in der zunehmenden Kälte ihre Wollpullover überstreifen, lässt ihr Team vier Kilometer höher die Sektkorken knallen und in Paris freut man sich über das "Weltecho" für die französische Marine. In der Kabine hingegen herrscht wenig euphorische Stimmung. Schweigend kauen die beiden Männer beim Aufstieg auf ihren Butterbroten herum.

Wieder zurück, wurden die Franzosen wie Volkshelden gefeiert. Einige Wissenschaftler waren erstaunt, dass es in so großer Tiefe noch derart ausgeprägte Meeresströmungen und so vielfältiges Leben gibt. Sechs Jahre lang hielt Houots Rekord, dann erreichte Jacques Piccard 1960 im Pazifik bei 10.916 Meter den Grund des Marianengrabens. Der Franzose Houot, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, blieb hingegen fortan nur noch Kennern ein Begriff, obwohl auch er noch einmal 9545 Meter tief tauchen sollte.

Erst als Houot 1977 starb, erinnerte sich Frankreich wieder an ihn: Staatstragend vermeldete "Le Monde", der "Vater des Bathyskaphs" sei verschieden. Ein paar Tage später musste sich die Zeitung bei ihren Lesern entschuldigen: Der Erfinder des "Bathyskaph" sei natürlich der Schweizer Auguste Piccard gewesen - und wieder geriet einer der größten Pioniere der Tiefsee in Vergessenheit.

Zum Weiterlesen:

Georges Houot, Pierre Willm: "4000 Meter tief", Wiesbaden 1955.

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1.
Bodo Kälberer 29.08.2013
"Platzangst" - immer wieder gern gelesen. Vor welchen Plätzen hatten die im U-Boot wohl Angst? Ist aber natürlich nicht so geil wie der oft in den Medien zu findende "Rettungschirm" der Griechenland bisher auch sehr erfolgreich vor der Rettung geschützt hat.
2.
Ralf Heitmann 30.08.2013
Agoraphobie ist Platzangst. Muss ein großes U-Boot sein mit ner Menge Menschen drumherum, dass es Plätze darin gibt. Gemeint ist wohl die Angst vor engen Räumen, Klaustrophobie. Wie heisst eigentlich die Angst vor mangelhaftem Grundwissen? Bald ist es soweit, dass es wie bei km/h läuft. Wenn genügend Leute falsch Stundenkilometer sagen wird es allgemeingültig. Allgemeinbildung braucht nicht viel Zeit.
3.
Juergen Sauter 30.08.2013
Wen es interessiert, das Boot steht heute im Park beim Tour Royale in Toulon.
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