Tierische Kriegshelden Die Katze im Wrack

Dreimal dem Tod geweiht, dreimal gerettet: Im Zweiten Weltkrieg wurde der deutsche Kater Sam zur britischen Legende. Am Ende musste er ins Heim - andere Bordtiere bekamen für ihren Kriegseinsatz Orden.

Corbis

Von Ariane Stürmer


Einen Tag, nachdem der britische Flugzeugträger "HMS Ark Royal" von einem deutschen U-Boot torpediert worden war, wurde das letzte Besatzungsmitglied aus dem Wasser gefischt. Am 13. November 1941 hatte U 81 vor Gibraltar zugeschlagen, die Mannschaft des getroffenen Trägers war sofort evakuiert worden. Am Tag darauf sollte die "Ark Royal" in den nächsten Hafen geschleppt werden, doch sie rollte sich auf die Seite und sank. Zurückblieben nur im Wasser treibende Wrackteile - und ein triefnasser Kater.

Er klammerte sich, "verärgert, aber weitgehend unverletzt" an ein Holzstück. Ein britischer Marinesoldat entdeckte das Tier, als er von einem der zur Rettung herbeigeeilten Schiffe auf das Wasser hinunterblickte. Die tropfende Katze wurde an Bord der "HMS Legion" gehievt. Dort strich bereits eine Tigerkatze umher, die bereits während der Evakuierung "in den Armen eines königlichen Marineinfanteristen" das Schiff gewechselt hatte.

So beschrieb der Autor William Jameson in seinem Buch 1957 den Untergang der "Ark Royal". Die Namen der beiden Katzen nannte er nicht. Der Legende nach aber ist der wütende Kater jenes Tier, das während des Krieges vom deutschen in britischen Dienst wechselte und den Untergang dreier Schiffe überlebte. Sein Name: Sam. Genauer: Unsinkable Sam - der unsinkbare Kater.

Die "Bismarck" sinkt - Nazi-Oscar überlebt

Ob es den unsinkbaren Sam wirklich gegeben hat, lässt sich nicht vollständig klären - die Beschreibungen sind höchst widersprüchlich. Das britische Nationalarchiv soll Nachweise über seine Existenz besitzen - antworteten aber nicht auf mehrmalige Anfrage. Wahrheit oder Fiktion - vermutlich ist die Geschichte von Unsinkable Sam beides. Die Geschichte mehrerer Tiere könnte im Lauf der Jahre zur Sage von einem einzigen Kater verschmolzen sein. Überliefert ist diese Version, die gekürzt bereits 1952 im "Nautical Magazine" erschien:

Unsinkable Sam begann seine Reise Anfang der vierziger Jahre. Wann genau er an Bord des deutschen Schlachtschiffs "Bismarck" kam, ist nicht überliefert und auch nicht, wie ihn die deutsche Besatzung nannte, nur dass er durch die Gänge des damals weltgrößten Schlachtschiffs strich. Am 24. Mai 1941 hörte der Kater das Donnern der Salven, als die "Bismarck" auf den britischen Schlachtkreuzer "HMS Hood" feuerte - das britische Schiff sank, und mit ihm mehr als 1400 Menschen.

Die britische Marine nahm die Verfolgung der "Bismarck" auf, sie sank drei Tage später - ob durch die Hände der eigenen Besatzung, die das Schiff nicht in feindliche Hände fallen lassen wollte, oder durch die britischen Torpedos, ist bis heute umstritten. Fest steht: Ein Torpedotreffer machte die "Bismarck" bereits am Tag vor ihrem Untergang manövrierunfähig. Als das Riesenschiff unterging, zog es rund 2100 Mann mit in die Tiefe. Die Briten nahmen die wenigen Überlebenden an Bord. Ein Zerstörer, die "HMS Cossack", fischte keinen Menschen aus dem Wasser. Dafür den Kater, einen "Nazi" wie das "Nautical Magazine" schrieb. Die Besatzung taufte ihn Oscar.

Vom Maskottchen zum Unglückskater

Auf der "Cossack" lebte Oscar immerhin fünf Monate - bis auch sie unterging: Während der Zerstörer einen Konvoi von Gibraltar nach Großbritannien begleitete, feuerte das deutsche U-Boot 563 auf das Schiff, die "Cossack" sank am 26. Oktober. Ein Großteil der Crew wurde gerettet, unter ihnen auch der Kater. Man brachte ihn nach Gibraltar, wo er auf die "Ark Royal" kam - jetzt, nachdem er zum zweiten Mal einen Schiffuntergang überlebt hatte, gab man ihm auf der "Ark Royal" den Namen Unsinkable Sam. Nachdem auch sie versenkt worden war, wollte keine Mannschaft das Tier mehr für ihre Dienste. In Belfast setzte man den Unglückskater aufs Trockene. Dort lebte er bis 1955 in einem Seemannsheim.

Schiffskatzen wie den unsinkbaren Sam gab es bereits in der Antike. Sie hatten vor allem eine Aufgabe: das Schiff frei von Ratten zu halten. Die Nager fraßen sich durch die Vorräte der Mannschaft und konnten Krankheiten übertragen. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg gab es zahlreiche Katzen, die als Rattenfänger für unversehrten Proviant und Sauberkeit auf Zerstörern, Flugzeugträgern und Schlachtschiffen sorgten. Manche wurden zu bekannten Maskottchen.

Kater Simon gegen Mao Zedong

Eindeutig belegt sind die Schicksale zahlreicher Schiffskatzen des Zweiten Weltkrieges. Blackie von der "HMS Prince of Wales" umgarnte Winston Churchill während eines Landganges, Minnie erlebte 1944 den D-Day an Bord der "HMS Argonaut" mit, Smokey war dabei, als die deutschen Besatzer 1945 die Kanalinseln räumten und die BBC darüber berichtete.

Kater Simon erhielt gleich mehrere Ehrenmedaillen für seine Verdienste in China. Der Schnurreputz war 1948 von dem 17-jährigen George Hickinbottom in den Hafenanlagen von Hongkong aufgegriffen und an Bord der "HMS Amethyst" geschmuggelt worden. Als die Fregatte 1949 den Jangtse Richtung Nanking hinaufdampfte, um britische Diplomaten während des chinesischen Bürgerkrieges zu unterstützen, verletzte Großbritannien damit aus Sicht der chinesischen Kommunistenführers Mao Zedong die Souveränität des Landes. Die Volksbefreiungsarmee feuerte, die "Amethyst" musste beschädigt am Ufer des Flusses ankern.

Der Schiffskater wurde an Deck des Schiffes entdeckt. Seine Schnurrhaare waren versengt, an Rücken und Beinen klebte getrocknetes Blut. Ein Arzt zog ihm mehrere Metallsplitter und räumte Simon kaum Chancen ein, die kommende Nacht zu überleben. Der Kater trotzte seinen Verletzungen, erholte sich und tat das, was Schiffskatzen tun sollen: Er jagte Ratten. Denn während das Schiff am Ufer ankerte, waren zahlreiche Nager an Bord geklettert. Sie machten sich über die Vorräte der Mannschaft her, manche trippelten gar durch die Quartiere der Männer. Eine Ratte soll besonders groß und furchterregend gewesen sein. Die Männer nannten sie "Mao Tse-tung" und niemand glaubte ernsthaft daran, dass die verletzte Katze es mit ihr aufnehmen könnte. Aber Simon konnte es; er erlegte die Monsterratte.

Eine Medaille für eine Katze

Als der Kater schließlich an Bord der "Amethyst" nach Großbritannien kam, nahm man den Helden in Quarantäne. Simon aber bekam eine Darminfektion und starb am 28. November 1949. Postum wurde er mit der Dickin-Medaille ausgezeichnet, die in Großbritannien bis heute besonders verdienten Tiere im Kriegseinsatz verliehen wird. Unter ihnen: Tauben, Pferde und Hunde - und als einzige Katze Simon. Die Begründung: Der Kater habe sich während des Jangtse-Vorfalls vorbildlich verhalten, weil er trotz Verwundung viele Ratten zur Strecke gebracht habe. Der Text ist auf der Website der Dickin-Medaille nachzulesen - wie etwa auch die Begründung für Olga, das Polizeipferd, und Gustav, die Taube.

Unsinkable Sam erhielt keine Auszeichnung. Vielleicht, weil er ein deutscher Kater war. Vielleicht, weil es ihn gar nicht gab. Vielleicht, weil man ihm die Schuld am Untergang dreier Schiffe zuschrieb und das Versenken von Schiffen kein Grund für eine Auszeichnung ist.



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Barry Odiaka, 29.01.2010
1.
Zitat aus dem Artikel: "Als das Riesenschiff unterging, zog es rund 2100 Mann mit in die Tiefe. Die Briten nahmen die wenigen Überlebenden an Bord." Das stimmt so nicht. Nach dem Untergang der Bismarck trieben viele Überlebende im Atlantik. Die Briten brachen die Rettungsarbeiten aber, kaum dass sie begonnen waren, sofort wieder ab und überliessen die zahlreichen Überlebenden dem Tod. Begründet wurde dies mit der angeblichen Sichtung eines deutschen U-Bootes.
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