100 Jahre Carl Hagenbeck König der Löwen

100 Jahre Carl Hagenbeck: König der Löwen Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Als 15-Jähriger startete Carl Hagenbeck im Hinterhof des Fischladens seines Vaters den Handel mit Tieren. Bald galt er als Experte für Eisbären, Tiger oder Löwen. Geschickt baute er rund um die Exoten ein florierendes Showgeschäft auf, wurde damit weltberühmt und erfand den modernen Zoo. Von Johanna Lutteroth

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Ratlos betrachtete der Hamburger Fischhändler Carl Hagenbeck senior im März 1848 den Beifang, den ihm die Elbfischer mitgeliefert hatten. Was sollte er nur mit diesen sechs Seehunden anfangen? Nach einiger Grübelei kam ihm die zündende Idee: Er würde sie auf dem Spielbudenplatz zur Schau stellen - und dafür Geld verlangen. Die Seehund-Show war ein riesiger Erfolg, und am Ende konnte er die Tiere sogar noch gut verkaufen. Das Geschäft brachte dem Fischhändler nicht nur ein nettes "Sümmchen" ein, wie es sein Sohn Carl in seinen Erinnerungen formulierte, sondern auch "den Stein ins Rollen".

Er meinte damit den Hagenbeck'schen Tierhandel, der sich von diesem Tag an parallel zum Fischgeschäft entwickelte. Vater Hagenbeck handelte mit allem, was er in die Hände bekam. Bereits mit 15 Jahren übernahm Sohn Hagenbeck das Geschäft und baute es massiv aus. Egal, ob Elefant, Tiger oder Löwe - er beschaffte alles, was gefragt war, und belieferte Zoos, Menagerien und reiche Privatleute wie den deutschen Kaiser. Bereits mit Anfang zwanzig zählte er zu den wichtigsten Tierhändlern in Europa. Kein Auftrag schien ihm zu schwierig. Als er für die deutschen Truppen in Namibia 2000 Dromedare beschaffen sollte, schlug er ein und lieferte pünktlich.

"Niemand kann so verkaufen wie Hagenbeck", schwärmte etwa Heinrich Bodinus, bis 1884 Direktor des Zoologischen Gartens in Berlin. Und niemand hatte ein so gutes Gespür für das Geschäft, das sich mit den Exoten machen ließ. Hagenbeck handelte nämlich nicht nur mit ihnen, sondern baute rund um die wilden Tiere eine florierende Unterhaltungsindustrie auf, bestehend aus wandernden Raubtier-Shows, sogenannten Völkerschauen, einem Zirkus und dem vollkommen neuartigen Tierpark in Hamburg-Stellingen.

Als er vor 100 Jahren starb, trauerte nicht nur Hamburg um den einzigartigen Unternehmer und "König der Tiere", wie ihn seine Bewunderer gern nannten. Auf der ganzen Welt erschienen Nachrufe über den Sohn eines Fischhändlers, der sich zu einem der bedeutendsten Unternehmer seiner Epoche hochgearbeitet hatte. Die "New York Times" widmete ihm unter dem Titel "How Hagenbeck became the Wild Animal King" sogar eine ganze Zeitungsseite. Der Hamburger mit dem Lincoln-Bart und den blitzblauen Augen war schon zu Lebzeiten zum Mythos geworden.

Hagenbeck delegierte vom Schreibtisch aus

Legendär war von Anfang an Hagenbecks Tierhändlerhof, der erst am Spielbudenplatz und später am Neuen Pferdemarkt im Hinterhof des Hagenbeck’schen Kontorhauses untergebracht war. "Mich packte der wild malerische Anblick des Tierhändlerhofs", schrieb etwa der Journalist Heinrich Leutemann. Die Käfige standen "eng aneinander und übereinander gedrängt, und auf dem Erdboden standen Wannen mit Seehunden, Schildkröten und anderen Tieren". Die größte Attraktion aber fand sich im ehemaligen Pferdestall, "dessen rechte Seite die Raubtierkäfige enthielt".

Der junge Hagenbeck erkannte bald, dass sein Hof die Menschen magisch anzog, öffnete ihn für das neugierige Publikum und verlangte Eintritt. Die Hagenbeck’sche Tierhandlung, die im Grunde Zoo und Handelsfirma in einem war, machte dem Zoologischen Garten in Planten un Blomen bald mächtig Konkurrenz. Und so reifte über die Jahre die Idee, irgendwann einmal selbst einen ganz eigenen und neuartigen Zoo zu eröffnen.

Regelmäßig schickte Hagenbeck seine Jäger aus, um neue Tiere zu beschaffen. Sie reisten für ihn nach Afrika und Asien, fingen dort Affen, exotische Vögel, Elefanten, Nilpferde, Tiger und Löwen und brachten sie nach Hamburg. Die Ankunft der Hagenbeck-Transporte war jedes Mal ein riesiges Spektakel: wenn etwa ein Elefant am Hafenkran hing und vorsichtig an Land bugsiert wurde oder ein paar Strauße entwischten und wieder eingefangen werden mussten.

Hagenbeck selbst zählte nicht zu den Großwildjägern und nahm auch nicht an den Expeditionen teil. Er war durch und durch Kaufmann und kümmerte sich um die Finanzierung, die Logistik und den Vertrieb. Das war ihm Abenteuer genug. Er reiste nur durch die Lande, um die Tiere möglichst schnell und gewinnbringend wieder zu verkaufen.

Legendäre Raubtier-Nummern

Genauso schnell wie Hagenbeck mit seinen Tieren Geld verdiente, verlor er auch gigantische Summen, meist dann, wenn die Tiere auf dem Transport nach Hamburg verendeten oder vor Ort starben. Mehrmals geriet er in finanzielle Engpässe und musste sich neue Einnahmequellen suchen. Eine dieser alternativen Einnahmequellen waren die Völkerschauen, die er ab 1874 inszenierte. Dafür schiffte er Sioux-Indianer, Lappländer oder Eskimos ein, die dem deutschen Publikum ihre Bräuche und Traditionen vorführten. Die Shows waren stets bestens besucht, füllten die Kassen des Tierhändlers und machten ihn weltberühmt.

Mitte der 1880er-Jahre wurde es für Hagenbeck erneut eng. Er war auf einer Herde von Elefanten sitzengeblieben, die sich zum "fressenden Kapital" entwickelten. Eine neue lukrative Geschäftsidee musste her und war bald gefunden: ein Zirkus. "Ich stürzte mich sofort auf das neue Unternehmen, um wenigstens die Unterhaltskosten für meine Tiere herauszuschlagen", schrieb er in seinen Erinnerungen. Ab 1887 zog eine bunte Truppe aus Elefanten, Pferden, Löwen, Clowns und Akrobaten unter dem Namen Hagenbeck durch Deutschland - und finanzierte die Elefanten.

Der Zirkus brachte Hagenbeck auf die nächste Idee: die Raubtier-Shows. Er richtete eine Dressurschule für Wildtiere ein und stellte einige wilde Raubtiernummern zusammen, die dem Publikum regelmäßig den Atem nahmen. Einer seiner besten Dompteure war sein Schwager Heinrich Mehrmann. Unter dem Markenzeichen Hagenbeck ritten Löwen auf Pferden, fuhren Elefanten Fahrrad und trugen dabei einen Löwen auf dem Rücken. Besonders legendär war die Nummer, in der zwei Tiger einen römischen Streitwagen zogen, auf dem ein Löwe in rotem Mantel thronte. Mit seiner Raubtier-Show gastierte Hagenbeck unter anderem 1893 auf der Weltausstellung in Chicago und sorgte für Furore, als er selbst zu den Raubtieren in die Manege stieg, weil Dompteur Mehrmann erkrankt war.

Erfüllung eines Traums

Ein Herzensanliegen blieb Hagenbeck aber die Ausstellung der Tiere. Jahrelang dachte er darüber nach, wie man den Zoobesuchern die Illusion vermitteln könne, die Tiere in freier Wildbahn zu erleben. Alle Zoos der Zeit präsentierten die Tiere hinter Gitterstäben. Hagenbeck fand das bedrückend und entwickelte schließlich das gitterlose Gehege, in dem sich die Tiere vor einer Kulissenlandschaft nur durch einen breiten Wassergraben vom Publikum getrennt bewegten. Auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 präsentierte Hagenbeck seine Idee zum ersten Mal: Eisbären, Seehunde und verschiedene Vögel tummelten sich hier scheinbar frei vor einem 60 Meter tiefen und 25 Meter breiten Eismeerpanorama mit Eisschollen und Eiszapfen aus Pappmaché.

Knapp zehn Jahre später setzte Hagenbeck seine Idee vom Kulissen-Gehege im großen Stil um. In Hamburg-Stellingen hatte er ein 25 Hektar großes Gelände gekauft, aus dem er innerhalb von zwei Jahren einen Tierpark machte, der nichts mit den etablierten Zoos zu tun hatte. Kein Gitter war weit und breit zu sehen. Robben und Eisbären tummelten sich im Eismeer, die Löwen in der Löwenschlucht, die Affen auf dem Affenfelsen. Umjubelt von der Presse wurde am 7. Mai 1907 "Hagenbeck's Tierpark" eröffnet. Hagenbeck hatte sich im Alter von 63 Jahren seinen Lebenstraum erfüllt.

Die Fachwelt lehnte Hagenbecks Konzept indes durchweg ab. Zoologische Gärten seien "wissenschaftlich belehrende Institute", hieß es. Davon sei der Tierpark in Stellingen weit entfernt. Er sei nicht mehr als ein Schaustück, bestenfalls ein Handelstierpark. Doch trotz aller Kritik fand Hagenbecks Tierpark noch zu Lebzeiten seines Gründers Nachahmer, etwa in Rom oder in Wuppertal. Langfristig setzte sich das Konzept weltweit durch. Hagenbeck hatte den "Tierpark der Zukunft" geschaffen und sich damit selbst ein legendäres Denkmal gesetzt.

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1.
Wolfgang Quakernack 15.04.2013
Bei dem was Hagenbeck getan hat, handelt es sich um ausgesprochene Tierquälerei. Auch Menschen zählten für ihn nur wenig - siehe seine "Völkerschauen", bei denen Menschen vorgeführt wurden. Und wenn mal wieder ein Elefant oder ein "Neger" verreckt waren dann war Hagenbeck sehr traurig. Diese "Viecher" hatten ja schließlich einen Wert. Ein bisschen mehr Dustanz und Kritik hätten diesem Artikel gut getan.
2.
Peter Petronius 15.04.2013
"Dafür schiffte er Sioux-Indianer, Lappländer oder Eskimos ein, die dem deutschen Publikum ihre Bräuche und Traditionen vorführten." da fehlen noch die neger. also wenn man schon so hochmoderne begriffe wie indianer und eskimos benutzt. vorgeführt wurden wohl weniger die bräuche, als die menschen selbst. aber das hatte dieser auch sonst sehr kritische und differenzierte artikel sicher ohnehin intendiert.
3.
Jörg Hartmann 15.04.2013
Toller Beitrag über einen erfolgreichen Sklavenhändler! Ich empfehle einen ähnlich würdigenden Artikel über Francisco Félix de Sousa.
4.
Marvin Brodie 15.04.2013
Absolute Leseempfehlung ist folgender Artikel, der aufdeckt auf wessen Blut diese skrupellosen Geschäfte mit leidenden Lebewesen aufgebaut wurden u. nun heroisiert werden: http://tierrechtsgruppedd.blogsport.de/images/Readerweb.pdf - hoffentlich werden immer mehr Menschen merken, wie absurd Zoos sind u. dass die eingesperrten und zur Schau gestellten Individuen leiden und viel leiden mussten (Geschäft mit Wildtieren).
5.
Karin Meyer 14.04.2013
Schade: eine Darstellung über Hagenbeck, die sich wie eine Werbebroschüre liest. Kein Wort zur moralischen Dimension seines Handelns, besonders der Erfindung der Völkerschau, die Menschen herabwürdigte, zu Objekten degradierte. Dazu gibt es hier eine informationsreiche Arte-Dokumentation: http://www.youtube.com/watch?v=010vzm5XUj4 Aber es gibt auch zahlreiche Forschung zu dem Thema und inzwischen eine ganze Reihe Bücher. Und dann ist da natürlich noch die Frage der Tierhaltung...
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