Historiker Snyder zum Holocaust "Wir machen uns unschuldiger als wir sind"

Damit ein Massaker wie Babi Jar sich niemals wiederholt, braucht es ein tieferes Verständnis vom Holocaust über Moral hinaus, sagt Timothy Snyder. Die größte Gefahr sieht der US-Forscher heute in der Zerstörung von Staaten.

Das Torhaus von Auschwitz-Birkenau (2016)
DPA

Das Torhaus von Auschwitz-Birkenau (2016)

Ein Interview von Florian Harms und


Zur Person
  • Timothy Snyder, Jahrgang 1969, lehrt Geschichte an der Yale University im US-Bundesstaat Connecticut. Seine Forschungsschwerpunkte sind Osteuropa und der Holocaust. Bekannt wurde Snyder in Deutschland durch seine Bücher "Bloodlands" und "Black Earth".

einestages: Professor Snyder, deutsche SS-Männer und Polizisten erschossen fast 34.000 Juden Ende September 1941 in der Schlucht Babi Jar bei Kiew. Wie war ein solches Massaker knapp drei Monate nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion möglich?

Snyder: Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass die Deutschen diesen Krieg von Beginn an als Vernichtungskrieg planten. Das sowjetische System galt als illegitim und musste deshalb zerstört werden. Zusätzlich sollte nicht nur die Rote Armee physisch vernichtet werden, sondern auch Teile der sowjetischen Bevölkerung: kommunistische Funktionäre, aber auch gezielt Juden, die mit der kommunistischen Partei verbunden waren. In der nationalsozialistischen Ideologie wurden die Juden verteufelt und zu Schuldigen an allen deutschen Problemen erklärt. In dieser Denkweise waren die Juden mit dem Bolschewismus verbunden, der Bolschewismus mit den Juden.

einestages: Die Männer der Einsatzgruppen erschossen aber nicht nur Kommunisten, sondern wahllos jüdische Männer, Frauen und Kinder.

Snyder: Als sich in diesem Krieg eine Situation bot, die die These von der behaupteten jüdischen Aggression scheinbar bestätigte, wurde das ausgenutzt. Vor dem deutschen Einmarsch in Kiew hatte die sowjetische Geheimpolizei Sprengsätze in der Stadt deponiert, die später durch Zeitzünder explodierten. Diese Anschläge waren ein Schock für die deutschen Besatzer. Sie reagierten sofort und erklärten Kommunisten und Juden zu Schuldigen. Natürlich war es besonders obszön, auch die jüdischen Kinder für die von Sowjets gelegten Bomben haftbar zu machen.

einestages: Die Deutschen erschossen ihre Opfer stundenlang aus nächster Distanz. Wie lässt sich diese ungeheure Gewalt erklären?

Snyder: Ich denke, diese Frage entspringt der Moral unserer heutigen Zeit. Wir sind von den damaligen Ereignissen geschockt. Meiner Meinung nach sind wir aber schockierter, als wir sein sollten. Ich denke, heute ist es nicht viel schwieriger, Menschen dazu zu bringen, Zivilisten zu töten. Es braucht dazu keine SS-Ideologie oder so viel Propaganda, wie wir glauben. Wir machen uns unschuldiger, als wir tatsächlich sind.

einestages: Sie meinen, ein Massaker wie Babi Jar könnte heute erneut verübt werden? In Europa?

Snyder: Geschichte wiederholt sich natürlich niemals in solch buchstäblicher Weise. Aber lassen Sie uns nicht vergessen, dass Menschen vor nicht allzu langer Zeit in Europa auf ähnliche Weise ermordet wurden - in Jugoslawien. Mein Hauptpunkt: Was wir heute als Zivilisation erfahren, ist viel fragiler, als wir denken. Mir ist nicht klar, warum wir heute vor Massenmord eher gefeit sein sollten als die Menschen in den Dreißigerjahren.

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einestages: In Babi Jar mordeten aber nicht nur SS-Leute, sondern auch normale deutsche Polizisten.

Snyder: Die SS-Führer im Osten waren sich sicher, dass ihre Männer schießen würden. Und sie lagen richtig. Nicht sicher war, ob auch andere schießen würden. Sie taten es, etwa die Männer aus den Einheiten der Ordnungspolizei. Das wurde spätestens Ende September 1941 deutlich. Babi Jar war nicht allein ein Massaker der Einsatzgruppe C. Beteiligt waren auch reguläre Polizisten der Ordnungspolizei-Bataillone 45 und 303, Männer aus dem Stab des Höheren SS- und Polizeiführers Russland-Süd, Friedrich Jeckeln, die deutschen Zivilbehörden und die Wehrmacht. All diese Instanzen kooperierten. Babi Jar war eine Demonstration dessen, was Deutsche tun konnten.

einestages: Wie ließen sich Polizisten zum Morden bringen?

Snyder: Indem man die Männer in eine scheinbar chaotische Situation brachte und ihnen sagte, dass die normalen Regeln hier nicht gelten würden. Dann nahmen sie am Töten teil. Jeckeln erklärte ihnen, das massenhafte Morden diene einem, wie er es sah, höherem Zweck. Generell sind Menschen in unsicheren Situationen, in denen sie etwas getan haben, was unter normalen Umständen als Verbrechen angesehen würde, anfälliger für Propaganda.

einestages: Daher schossen die Männer?

Snyder: Diese zentrale Entdeckung des Kriegs im Osten meldeten die Einsatzgruppenleiter nach Berlin: Dort waren Dinge möglich, die anderswo undenkbar waren. Im Moment, in dem die Wehrmacht die sowjetische Grenze überschritt, begannen Einsatzgruppen überall, Juden zu erschießen. Zuerst waren es jüdische Männer im wehrpflichtigen Alter. Damit war ein Tabu gebrochen: das Töten von Zivilisten. Binnen weniger Tage nach Beginn der Invasion brachten Leute der Waffen-SS dann genauso jüdische Frauen und Kinder um.

einestages: Welche Bedeutung hat Babi Jar für die Entwicklung des Holocaust?

Snyder: Als Deutschland Wehrmacht, SS und Polizei in den Osten schickte, wusste die deutsche Führung noch nicht, dass ein Massenmord in diesem Ausmaß möglich war. Aber Babi Jar demonstrierte zusammen mit dem Massaker von Kamenez-Podolsk einige Wochen zuvor, dass die "Endlösung" das Ausmaß annehmen konnte, das wir heute den Holocaust nennen. In anderen Worten: Massenmorde wie diese - in der besetzten Ukraine wie auch in den okkupierten baltischen Staaten, in Weißrussland und Russland - ermöglichten es der deutschen Führung, die Idee der "Endlösung" in die Realität umzuformen. Dieses Modell der Massenerschießungen wandte sie überall in den besetzten Teilen der Sowjetunion an. Mit den gleichen Resultaten. Die Deutschen waren in der Lage, dort 95 Prozent der Juden zu ermorden. Der mit Kugeln durchgeführte Holocaust tötete schlussendlich über 2,5 Millionen Juden.

einestages: Demnach brachen erst durch die Massaker von Babi Jar und Kamenez-Podolsk die Dämme, durch die der Holocaust möglich wurde?

Snyder: Kamenez-Podolsk war eine Improvisation. Juden aus der Karpato-Ukraine waren durch die Zerstörung der Tschechoslowakei staatenlos gemacht worden. Ihre Heimatregion wurde von Ungarn annektiert, aber Ungarn erkannte sie nicht als Staatsbürger an. Als sich die Gelegenheit bot, deportierten die Ungarn diese Menschen Richtung Osten in die Sowjetunion, gerade als die Wehrmacht dort eintraf. Friedrich Jeckeln ließ diese Juden in Kamenez-Podolsk erschießen, zusammen mit Tausenden dort einheimischer Juden. Mehr als 23.600 Menschen wurden dort in drei Tagen getötet, ein bis dahin beispielloser Massenmord. Kiew, also Babi Jar, war ein besonderer Fall, weil dort demonstriert wurde, dass die gesamte jüdische Bevölkerung einer europäischen Metropole in nur zwei Tagen ausgelöscht werden konnte.

einestages: Welche Schlüsse zogen SS-Führung, Wehrmacht und die NS-Spitze aus den Massakern in der Ukraine? Was haben sie danach anders gemacht?

Snyder: In der zweiten Hälfte des Jahres 1941 sehen wir Strukturen der Kooperation zwischen SS, der Polizei und zivilen Autoritäten. Schon Babi Jar war ihre gemeinsame Entscheidung, alle Juden Kiews zu töten - und eben die Arbeitsteilung dieser deutschen Institutionen machte das Massaker möglich. Welche Juden wann zu töten waren, beschlossen sie zusammen, als die Wehrmacht weiter ostwärts durch die Ukraine zog.

einestages: Der Massenmord an den Juden war nicht das einzige deutsche Verbrechen im Osten.

Snyder: Das deutsche Kolonisierungsprogramm sah zudem vor, dass Millionen Sowjetbürger verhungern sollten. Die Deutschen lernten jedoch, dass es einfacher war, Juden in großer Zahl zu ermorden, als komplizierte Programme zum Verhungern der Bevölkerung durchzuführen. 1941 und 1942 schritt die "Endlösung" also ziemlich schnell voran. Die Kolonisierung dagegen gestaltete sich sehr schwierig und wurde am Ende mehr oder weniger aufgegeben.

einestages: Welche Ziele verfolgten die Deutschen in der Sowjetunion insgesamt?

Snyder: Hitler wollte dort "Lebensraum" erobern. Die Deutschen der Zwanziger- und Dreißigerjahre waren bereits mit einer sich globalisierenden Welt konfrontiert. Die Wirtschaft, ob man es nun mag oder nicht, folgt globalen Regeln. Hitlers Idee von "Lebensraum" besagte aber, dass die wahren Gesetze des Lebens denen der Biologie entsprachen: Rassen müssen sich demnach nehmen, was sie brauchen. Alles andere sei eine Täuschung. Das ist übrigens ein zentraler Punkt von Hitlers Antisemitismus: In seiner Weltsicht hatten Juden die Regeln des internationalen Rechts erfunden, um eine machtvolle Rasse wie die Deutschen niederzuhalten. Die Eroberung von Land bedeutete Widerstand gegen diese Regeln - nach Hitlers Überzeugung stellte Deutschland somit die natürliche Ordnung wieder her. Der Angriff auf die Sowjetunion war aus dieser Perspektive der Beginn eines Rassenkrieges gegen dort vermeintlich dominante Juden und vermeintlich minderwertige Slawen, denen das Land genommen werden sollte.

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Deutscher Überfall auf die Sowjetunion: "Unternehmen Barbarossa" - Krieg ohne Gnade

einestages: In Ihrem letzten Buch "Black Earth" entwickeln Sie die These, dass erst die Zerstörung von Staaten den Holocaust ermöglichte.

Snyder: Wir haben alle eine starke Tendenz zur Vorstellung, dass alles, was in der Geschichte geschieht, auf staatlichem Handeln basiert. Aber ein Element von Hitlers Ideologie war die Anarchie. Die Biologie, nicht die Politik, war die entscheidende Kraft. Deutschland zwischen 1933 und 1939 war keineswegs eine Art perfekte Zerstörungsmaschinerie. Es war nicht gewalttätiger als andere autoritäre Staaten dieser Zeit und weit weniger gewalttätig als die Sowjetunion. Die Besonderheit des Nazistaates war die Kultivierung einer nichtstaatlichen Institution: der SS. Sie inkorporierte eine antipolitische Ideologie, den Nationalsozialismus. Innerhalb Deutschlands war sie mit den Konzentrationslagern für Zonen der Gesetzlosigkeit verantwortlich. Außerhalb der deutschen Grenzen erhielt die SS dann wesentlich größere Handlungsfreiheit.

einestages: Und das führte in den Holocaust?

Snyder: Der Holocaust war ohne die Zerstörung von Staaten unmöglich. Der einzige Weg für Deutschland, die Juden zu töten - inklusive seiner eigenen -, war die Schaffung einer gesetzlosen Zone außerhalb seiner eigenen Grenzen. Dort wurden Dinge möglich, die eigentlich undenkbar waren. Die Geschichte des Holocaust zeigt, dass erst die Vernichtung eines Staates neue radikale Schritte ermöglichte. Was in sechs Jahren Naziherrschaft nicht durchführbar war, wurde 1938 im annektierten Österreich über Nacht möglich - und noch radikaler dann in der zerstörten Tschechoslowakei. 1939 folgte noch Polen, zwei Jahre später die Sowjetunion. Jeder neue Akt der Staatszerstörung machte noch brutalere Einschnitte gegen die Juden möglich.

einestages: Was ist mit dem Faktor Antisemitismus?

Snyder: Natürlich war Hitlers Ideologie antisemitisch. Viele, die Juden umbrachten, waren Antisemiten. Zur traurigen Wahrheit gehört aber auch: Viele andere, die ebenfalls Juden töteten, waren keine Antisemiten - oder wurden es erst, nachdem sie jüdische Menschen getötet hatten. Als eine Art Rechtfertigung. Antisemitismus als Weltanschauung kann zum Völkermord führen, aber nur unter bestimmten politischen Bedingungen. Hitler war an die Macht gekommen, den deutschen Staat umzuformen, war ihm nicht genug. Es gab keinen Holocaust in Deutschland zwischen 1933 und 1939. Er konnte erst erfolgen, als Deutschland seine Anarchie exportierte, Staaten zerstörte, Souveränität schwächte und es der SS erlaubte, politische und wirtschaftliche Angelegenheiten zu entscheiden.

einestages: Also spielte der Antisemitismus gar nicht die entscheidende Rolle?

Snyder: Vergleichen wir: In Estland wurden 99 Prozent der Juden umgebracht, in Dänemark überlebten 99 Prozent. Der Unterschied war keineswegs, dass in dem einen Staat Antisemitismus herrschte, im anderen nicht. Aber: Estland wurde Opfer einer Staatszerstörung, während in Dänemark eine sehr konventionelle Besatzung stattfand. Das ist eine generelle Regel - der gesamte Holocaust fand in einer Zone statt, in der Staaten zerstört waren.

einestages: Die Behörden besetzter Staaten halfen aber durchaus bei der Erfassung und Deportation der Juden.

Snyder: Die Idee der Staatszerstörung ist natürlich eine Abstraktion, ein extremer Fall. In Polen und im deutsch besetzten Teil der Sowjetunion nährte sich die Realität allerdings dem Extrem an. Die Deutschen erklärten, der Staat habe aufgehört zu bestehen; es sei keine normale Besetzung; das Recht aus der Vorkriegszeit gelte nicht mehr. Sie beseitigten Eigentumsrechte und Staatsbürgerschaften. Das waren die Bedingungen, unter denen Mordraten von 95 Prozent möglich waren. Von den Staaten blieben nur Fragmente - aber es gab neue Aufgaben. So wurden die Judenräte in Polen größtenteils von denselben Männern besetzt, die einst für die jüdische Autonomie im Polen der Zwischenkriegszeit verantwortlich gewesen waren. In der Sowjetunion beaufsichtigten dieselben Leute, die eine ähnliche Rolle schon zur Vorkriegszeit gespielt hatten, die Wohnblocks und meldeten den Deutschen später Juden.

einestages: Halfen nicht gerade niederländische Behörden den Deutschen in großem Maß bei der Judendeportation?

Snyder: Die Niederlande, das Land in Westeuropa mit der höchsten Prozentzahl ermordeter Juden, bestätigen mein Argument vollkommen. Warum? Weil dort das Besatzungsregime den Verhältnissen im deutsch eroberten Osten am stärksten ähnelte. In den Niederlanden waren das Staatoberhaupt und die Regierung verschwunden. Dort war die SS - normal in Osteuropa, einmalig in Westeuropa - für die Besatzung verantwortlich. Auch dass eine Bürokratie beim Holocaust half, widerspricht nicht meinem Argument. Ich sage: Je höher der Grad der Staatszerstörung war, desto höher war die Anzahl ermordeter Juden. Nach Zerschlagung eines Staates konnten Fragmente davon gleichwohl an Verbrechen teilnehmen. Auch polnische Polizisten beteiligten sich am Holocaust, etwa als Wache in den Gettos.

einestages: Und doch war es ein Staat, der nationalsozialistische Staat, der die Juden auslöschen wollte.

Snyder: Ich möchte nicht zu pedantisch klingen, aber Hitler war der "Führer": zugleich Spitze der NSDAP und der deutschen Regierung. Er übte zwei Funktionen in einer Art mythischen Personalunion aus. In seinem Ideenkonstrukt war der deutsche Staat eine der großen Leistungen der deutschen Rasse. Er förderte mit der SS aber eine Einrichtung nichtstaatlicher Gewalt, die sich mit der Polizei vermischte und diese veränderte. Und er ließ die SS als nichtstaatlichen Akteur Besatzungsregimes übernehmen. Zwischen 1938 und 1941 vernichteten die Deutschen Staaten, 1939 und 1940 auch in Kooperation mit der Sowjetunion, die bei der Eliminierung Polens und dann der baltischen Staaten half. Das Ausmaß der jeweiligen Staatszerstörung definierte, in welchem Ausmaß die Deutschen dort später den Holocaust durchführen konnten. Die Absicht lag natürlich darin, 100 Prozent der Juden zu töten. Überall. Aber derart umgesetzt werden konnte der Völkermord nur dort, wo der Staat zerstört war.

einestages: Was ist heute die wichtigste Lektion aus dem Holocaust?

Snyder: Wir dürfen den Holocaust nicht vergessen, aber manchmal erinnern wir uns daran auf die am wenigsten anspruchsvolle Art. Aus diesem Verbrechen ziehen wir die Lehre, dass wir unsere Nachbarn gut behandeln und niemanden unterstützen sollten, der Minderheiten unterdrückt. Ich stimme natürlich zu. Aber das ist bloß eine mögliche Lehre aus dem Holocaust. Und keine hinreichende: In dem Augenblick, in dem wir uns fragen, ob wir bei einem Verbrechen eingreifen sollen, sind die Massenmörder schon unterwegs. Dann ist es oft schon zu spät.

einestages: Kann man von Menschen, die während des Holocaust Juden halfen, Zivilcourage lernen?

Snyder: Auf der Ebene unseres täglichen Lebens mit unseren Familien, Freunden und Gemeinschaften ist es selbstverständlich richtig, jene zu feiern und als Vorbilder zu ehren, die Juden retteten. Damit haben die Ukrainer heute beim Gedenken an das Massaker von Babi Jar absolut recht. Aber: Auf einer globalen Ebene sind Beispiele von Judenrettungen unzureichend. Über den Holocaust müssen wir als ein Ereignis mit Gründen nachdenken. Und nicht allein aus moralischen Gründen. Wir müssen die Entwicklung von Ideologien im Auge behalten, wie in Hitlers Fall den Antisemitismus, ebenso die Zerstörung von Staaten in Konflikten sowie ökologische Entwicklungen.

einestages: Wo machen Sie aktuell große Gefahren aus?

Snyder: Der Konflikt in Syrien hatte viele Ursachen. Eine war die Entscheidung der USA, den irakischen Staat aufzulösen, was mehr als eine Million Iraker nach Syrien fliehen ließ. Eine weitere Million flüchtete innerhalb Syriens vor einer klimabedingten Überschwemmung.

einestages: Mittlerweile ist auch die Ukraine wieder zum Schlachtfeld geworden.

Snyder: Ich sage selbstverständlich nicht, dass dieser Konflikt dem Zweiten Weltkrieg gleicht. Betrachten Sie aber den russischen Krieg in der Ukraine, dann sehen Sie die Gefahren, wenn ein Land erklärt, dass ein benachbarter Staat nicht existiere. 2014 begründete Russland seine Aggression damit, dass die Ukraine keine legale staatliche Entität mehr sei. Niemandem fiel das damals auf: Ein europäischer Staat erklärte, ein anderer Staat existiere nicht. Warum bemerkten wir das nicht? Weil wir Staatslosigkeit und Staatszerstörung nicht in Beziehung zum Holocaust setzen. Weil wir uns nicht daran erinnern, wie es damals war. Der Punkt ist: Wir können den Holocaust nicht hinter Plexiglas betrachten. Dieses Ereignis zeigt, was möglich ist in der Politik. Wenn wir den Holocaust allein in Diskursen, Bildern und Erinnerungen behandeln, wenn wir die Gründe und Strukturen vergessen - dann können wir nichts lernen.

einestages: Heute wird Europa erschüttert von Konflikten wie in der Ukraine, der Flüchtlingskrise oder dem Erstarken der Rechtspopulisten. Welche historischen Verbindungen sehen Sie?

Snyder: Das europäische Staatensystem zerfiel in den Dreißigerjahren. Es kollabierte in Teilen, weil es von Nazideutschland und der Sowjetunion attackiert wurde, die sechs Staaten zwischen 1938 und 1941 zerstörten. Aber es scheiterte auch wegen der Nationalstaaten innewohnenden Schwäche. Die Europäische Union ist vor allem ein Weg, Staaten sicherer zu machen. Wenn die EU geschwächt wird, werden auch Staaten schwächer.

einestages: Auschwitz gilt in der heutigen Bundesrepublik als das Symbol für den Holocaust, Babi Jar ist weit weniger bekannt. Sollte dieser Ort den gleichen Stellenwert erhalten?

Snyder: Es ist sehr schwierig, mit Deutschen über dieses Thema zu sprechen. Deutschland ist das einzige Land, das eine so beeindruckende Erinnerungskultur besitzt. Der Charakter der Bundesrepublik, das Verhalten ihrer Eliten und der Diskurs in der Presse: All das ist klar ersichtlich vom Holocaust beeinflusst. Dennoch ist die Art und Weise, wie Deutschland mit dem Gedenken umgeht, unter anderem ein Weg des Vergessens. Denn als Auschwitz zum Ort der Judenvernichtung wurde, hatte der Holocaust längst begonnen, mit Massenmorden wie dem Erschießen von Menschen aus geringer Distanz in Babi Jar. Das vergessen die Deutschen durch das Erinnern an Auschwitz und die Gaskammern. Auschwitz ist eine Generalisierung, die Metapher einer Tötungsfabrik, einer Maschine.

einestages: Was konkret verdrängen wir damit?

Snyder: Schon bevor Auschwitz ab 1942 eine der Hauptvernichtungsstätten wurde, machten Zehntausende Deutsche bei der Ermordung der Juden mit, Hunderttausende waren im Osten anwesend, Millionen wurden über das Töten informiert. Allein was man von SS-Leuten, Polizisten oder Soldaten hörte, genügte oft, um Bescheid zu wissen. Zwar konnten Deutsche wahrheitsgemäß sagen, dass sie nicht wussten, was ganz genau in Auschwitz vor sich ging. Aber sie wussten um den Massenmord an den Juden, den wir heute den Holocaust nennen. Das Gedenken an Auschwitz ist richtig, gut und unverzichtbar. Der Holocaust war jedoch mehr als Auschwitz und begann früher. Wir dürfen das nicht gleichsetzen.

einestages: Ihr Buch "Bloodlands" stellte klar, dass der Holocaust als transnationales Ereignis erforscht werden muss. Welche Rolle können die Deutschen dabei spielen?

Snyder: Polen und Ukrainer, Russen und Litauer müssen genauso wie die Deutschen über den Holocaust nachdenken. Aber natürlich nicht über die gleiche Rolle. Im schlimmsten Fall könnten sich die heutigen Deutschen vorstellen, dass die Deutschen im Krieg durch die angebliche Barbarei der Menschen im Osten selbst in eine Art Barbarei verfallen wären. In Wirklichkeit brachten die Deutschen das Chaos und nutzten es, um massenweise Juden und andere umzubringen. Ich sehe es so: Wenn die Deutschen Verantwortung für den Holocaust übernehmen wollen, dann ebenso für die Situationen, die in besetzten Ländern zur Kollaboration mit den deutschen Besatzern geführt haben.

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einestages: Können Sie das näher erklären?

Snyder: Ein offensichtliches Beispiel: Die Deutschen ließen einen Großteil ihrer sowjetischen Kriegsgefangenen verhungern. Über drei Millionen starben. Gefangene, die sonst verhungert wären, waren allerdings bereit, für Essen mit den Deutschen zusammenzuarbeiten. Natürlich sind nicht alle Beispiele so eindeutig, teils kollaborierten Menschen aus politischen Gründen mit den Deutschen, inklusive Antisemitismus. Aber auch diese Politik ist ein Bestandteil der deutschen Verantwortung. Die anderen Nationen müssen das Problem vom anderen Ende her betrachten und untersuchen, warum Mitglieder ihrer Gesellschaften sich für oder gegen eine Kollaboration mit den Deutschen entschieden. Diese Geschichte richtig zu verstehen und den Menschen zu vermitteln, ist ein Teil des Entstehens einer politischen Nation. Und ein Stück des Weges zu einer europäischen Diskussion über die Vergangenheit.

einestages: Sie halten sich gerade in Kiew auf. Warum?

Snyder: Diese Woche haben die Ukraine und mehrere Nichtregierungsorganisationen Gedenkfeierlichkeiten zu Babi Jar organisiert, mit Vorträgen, Lesungen, Konferenzen und Konzerten in Kiew. Das ist eines der intensivsten Gedenken an den Holocaust, die wir je gesehen haben. Die Ukrainer wagen es sogar, über die Beteiligung von nichtjüdischen Kiewern am Massaker von Babi Jar und von sowjetischen Bürgern am Holocaust insgesamt zu diskutieren. Ich finde es sehr wichtig, dass die Deutschen diese Anstrengungen unterstützen. Nicht etwa, weil sie alle richtigen Antworten zur Erinnerung an den Holocaust hätten. Sondern damit sie an der Verständigung darüber teilnehmen, wie die deutsche Besetzung der Sowjetunion verlief.

einestages: Professor Snyder, wir danken für das Gespräch.

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