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Tina Turners 75. Geburtstag Die Überlebenskünstlerin

Rocksängerin Tina Turner: Die R'n'B-Legende wird 75 Fotos
AFP

Elvis starb mit 42, Michael Jackson mit 50 - und Tina Turner wird nun 75. Dabei hätte kaum einer der "Queen of Rock" ein langes Leben vorausgesagt: Zu viele Tragödien spielten sich ab auf ihrem Weg zum Ruhm. Von

St. Louis, Missouri, ein Winterabend im Jahr 1956: Zwei junge Frauen betreten den Club Manhattan, den angesagtesten Rhythm-and-Blues-Laden der Stadt, an dem es jeden Abend Livemusik gibt. Die beiden wollen die Kings Of Rhythm sehen, die neuen Stars der Szene. Anna Mae Bullock, gerade mal 17, und ihre ältere Schwester Aillene waren schon oft hier - und doch soll dieser Abend ganz anders verlaufen als ihre früheren Besuche.

Bandleader Ike Turner betritt die Bühne und die Musiker beginnen zu spielen. Anna ist fasziniert von dem Charismatiker, der mehrere Instrumente perfekt beherrscht. Schon vor einigen Wochen hatte sie Ike backstage kennengelernt und ihn seitdem immer wieder gefragt, ob sie im Backgroundchor mitsingen dürfe. Er hatte die Frage nur charmant weggelächelt.

Nun aber fasst sich Anna ein Herz: Sie springt während einer Pause einfach auf die Bühne, schnappt sich das Mikro und fängt an zu singen. Alle Blicke richten sich auf sie, ein Raunen geht durch den Saal. Ike Turner ist zunächst fassungslos, dann aber begeistert von der kraftvollen Stimme und vor allem dem unglaublichen Mut des Mädchens mit den wohlgeformten Beinen, das er fortan "Little Ann" nennen wird. Mit diesem unverschämten Auftritt im Club Manhattan wird sie ihren Aufstieg zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen der Pop-Geschichte beginnen.

Einziger Ausweg: Musik

Am 26. November 1939 war Anna Mae Bullock in Brownsville, Tennessee, geboren worden und im benachbarten 200-Seelen-Dorf Nutbush aufgewachsen, wo sie im örtlichen Gospelchor der Baptistengemeinde schon früh das Singen lernte. Von klein auf hatte sie nur einen Traum: Raus aus dem tristen Alltag, den zerrütteten Familienverhältnissen. Schauspielerin oder zumindest Sängerin wollte Anna Mae werden, bloß nicht als Baumwollpflückerin verkümmern wie andere junge Frauen aus ihrem Umfeld. Doch zunächst schien es nicht so, als würde dieser Traum je in Erfüllung gehen.

Auch für Ike Turner war die Musik die einzige Chance gewesen, aus seinen Verhältnissen auszubrechen: Während seiner Kindheit in Clarksdale, Mississippi, hatte er schon früh Rassismus und Gewalt kennengelernt: Sein Vater wurde von einem weißen Polizisten totgeprügelt. Schon als Teenager war Turner Blues-Musiker aus Leidenschaft und steckte seine ganze Energie in die Musik.

Als sich sein Weg mit dem von Anna Mae Bullock kreuzte, war er bereits auf dem Weg zum Star: Turner spielte nicht nur in zwei erfolgreichen Bands, er hatte auch Anfang der Fünfzigerjahre - lange vor Elvis - in den legendären Sun Studios in Memphis einen Nummer-eins-Hit aufgenommen. Das Stück "Rocket 88" ging als einer der ersten Rock'n'Roll-Songs in die Musikgeschichte ein.

Der kalkulierte Superstar

Ike erkannte das Talent von "Little Ann", förderte es - und nutzte es geschickt für sich aus: Er ließ sie für sich singen, zunächst als Gast, dann als festes Mitglied des Backgroundchors. Auf die begeisterten Reaktionen des Publikums hin machte er Bullock schließlich zur Leadsängerin seiner Band.

Turner begann, sie exakt nach seinen Vorstellungen zum Star zu formen. Zunächst gab er ihr einen neuen Namen: Tina Turner. Tina, weil ihn das an die wilde TV-Amazone "Sheena, die Königin des Dschungels" erinnerte. Ihr seinen Nachnamen zu geben, war ein erstes Zeichen von Besitzergreifung, denn verheiratet waren die beiden noch lange nicht. Ike gab Tina exakt vor, wie er sie sehen wollte: Sexy, wild, ungezähmt. Er besorgte ihr knappe Bühnenoutfits, beschenkte sie mit Kleidern und Schmuck.

Seine Schöpfung Tina Turner wurde zu seinem musikalischen Zugpferd: Sie traten nun nicht mehr als Teil der Kings of Rhythm auf, sondern als die Ike & Tina Turner Revue - mit großem Erfolg: Ihr Song "A Fool in love" wurde 1960 ihr erster großer Hit, verkaufte mehr als eine Million Singles und stieg bis auf Platz zwei der amerikanischen R&B-Charts auf.

Auch privat wurden Ike und Tina Turner bald ein Paar. 1962 heirateten sie in Tijuana. Das Rollengefüge war klar: Er war ihr Retter, der sie aus ihrem tristen Alltag befreit hatte und nach seinen Vorstellungen formte - und sie sein "meal ticket", sein Gutschein auf ein gesichertes Einkommen. Eine Konstellation, die kaum glücklich enden konnte.

Kraft in der Spiritualität

Bald begann Ike Turner seine dunkle Seite zu zeigen: Mit wachsendem Erfolg griff Tinas musikalischer Mentor gegen Ende der Sechzigerjahre immer öfter zu Alkohol und Drogen und ließ seine Launen an ihr aus. Er malträtierte sie mit psychischem Druck - und Schlägen. Im US-Magazin "Jet" erinnerte sich die Sängerin 1986: "Einmal schlug er mir direkt vor einem Auftritt ins Gesicht und brach mir den Kiefer." Sie trat trotzdem auf die Bühne und sang - obwohl sie den Mund voller Blut hatte. Es entwickelte sich eine Hassliebe: Sie hatte Angst vor ihm, kam aber nicht von ihm los. In ihrer Verzweiflung, so berichtete 1986 das US-Magazin "Jet", schluckte Tina Turner 1968 nach einem erneuten Prügelexzess ihres Mannes 50 Valiumtabletten. Sie überlebte. Turner erinnert sich, als sie im Krankenhaus aufgewacht sei und Ike neben sich sah, habe sie gedacht: "Na gut - im Himmel bin ich dann schon mal nicht."

Die Sängerin begann, sich gegen ihren Peiniger zu wehren. Im Juni 1976 kam es auf einem Flug von Los Angeles nach Dallas zu einem hässlichen Handgemenge, er schlug sie, sie schlug zurück. Am Ende bluteten beide. Tina Turner hatte endgültig genug: Sie ergriff die Flucht, versteckte sich bei Freunden und reichte die Scheidung ein.

Nach dem langwierigen Scheidungsprozess war Tina 1978 ganz unten. Sogar auf Unterhalt hatte sie verzichtet, um schneller von Ike loszukommen. Einzig ihren Künstlernamen behielt sie - doch damals war auch der nicht mehr allzu viel Wert. Tina war endlich frei - aber ihre mittlerweile gestartete Solokarriere war durch den langjährigen Beziehungsstress deutlich in Mitleidenschaft gezogen worden, als Sängerin war sie Ende der Siebzigerjahre kaum noch gefragt.

Um ihre Söhne durchzubringen, musste der einst umschwärmte Star nun als Haushaltshilfe jobben und Essensmarken sammeln. Trotzdem gab sie die Musik nie auf: Weiterhin trat Turner in kleinen Klubs auf, wenn auch oft vor nicht mal 100 Zuschauern. Doch eigene Hits gelangen ihr nicht mehr. In dieser schweren Zeit fand sie Kraft in der Spiritualität, im Nichiren-Buddhismus. Sie würde noch viele Male das Mantra "Nam Myoho Renge Kyo" chanten müssen, bis ihr 1984 schließlich mit dem Album "Private Dancer" das triumphale, allein in den USA fünffach mit Platin ausgezeichnete Comeback gelingen sollte.

Neues Leben in Europa

Während ihr Ex-Gatte Ike 1989 wegen Drogenbesitzes zeitweilig im Gefängnis landete und 2007 an einer Überdosis Kokain starb, entwickelte sich Tina Turners Solokarriere glänzend. Bis heute gilt die "Queen of Rock" als eine der wichtigsten Sängerinnen der Pop-Geschichte. Zahlreiche aktuelle Superstars wie Rihanna, Lady Gaga und ganz besonders Beyoncé hätte es ohne ihr Vorbild wahrscheinlich so nicht gegeben.

Auch in ihrer Heimat Tennessee, aus der die junge Anna Mae Bullock einst so verzweifelt zu entfliehen versuchte, hat man ihrem musikalischen Verdienst längst ein Denkmal gesetzt: Der Highway 19, der von ihrem Geburtsort Brownsville bis an die berühmten "Nutbush City Limits" führte, heißt heute "Tina Turner Highway". Die Sängerin selbst kommt hierhin nur noch selten zurück. Längst ist sie in Europa zu Hause, hat dort all die Turbulenzen ihrer Vergangenheit hinter sich gelassen - und endlich Frieden gefunden.

Ihr Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, Triumphen und Tragödien verlief nicht minder spektakulär als das von Ikonen wie Elvis Presley oder Michael Jackson - mit einem entscheidenden Unterschied: Der eine musste tragischerweise schon mit 42 gehen, der andere mit 50. Tina Turner aber hat überlebt.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Schweiz
Daniel Apostol, 26.11.2014
Ich denke so ein Artikel sollte ihre Heimat die Schweiz erwähnen, wo sie seit langem lebt und seit 2 Jahren auch die Staatsbürgerschaft besitzt. Auch eine Erwähnung wert, sie ist Schweizerin, und hat den amerikanischen Pass abgegeben.
2. Happy Birthday
Gerd Wiescher, 26.11.2014
Ich wünsche alles Gute, Gesundheit und viel Freude am Leben zum 75sten.
3. Sicher nicht sehr einfallsreich, aber...
Till Neumann, 26.11.2014
...simply the best!
4. Herzlichen Glückwunsch Tina
Günter Vrauer, 26.11.2014
schöner Artikel über eine der tollsten Frauen der Musikgeschichte. Und sie sieht immer noch verdammt gut aus. (Nein sie sah immer besser aus) Keep on rocking
5. Duerftiger Artikel
Freddy Kraus, 26.11.2014
Mehr als ein duerftiger Artikel ueber eine grossartige Kuenstlerin und Frau!
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