"Titanic"-Verfilmung Treffer, versenkt!

"Titanic"-Verfilmung: Treffer, versenkt! Fotos
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Eine uralte Geschichte, klischeebeladene Figuren, eine unglaubwürdige Handlung - und der erfolgreichste Film aller Zeiten. Warum James Camerons "Titanic" 1997 unerwartet zum Kassenschlager wurde, erklärt Alexander Kohlmann. Von

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Als "Titanic" Anfang 1998 in die deutschen Kinos kam, wurde der Film in vielen Feuilletons zunächst lustvoll verrissen. Die Actionszenen seien, wie vom erfolgreichen Genreregisseur und Technikfanatiker James Cameron nicht anders zu erwarten, gut in Szene gesetzt, die Dramatik zwischen den Figuren dagegen klischeebeladen und unglaubwürdig. Es sei ungerecht, dass ein Regisseur "soviel Talent zur folgenden Katastrophe und so wenig Begabung zur Dramatisierung von menschlichem Umgang" habe, schrieb die "Neue Zürcher Zeitung". "Man muss nicht unbedingt hineingehen", urteilte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ).

Erst als sich abzeichnete, dass "Titanic" ein Jahrhundert-Kassenerfolg und nur vergleichbar mit Klassikern wie "Vom Winde verweht" (USA 1939) werden würde, änderten auch die Feuilleton-Journalisten ihre Meinung und nahmen eine zweite Bewertung des zuvor geschmähten Werkes vor. Nun erkannte die "FAZ" plötzlich "altvertraute mythologisch-ikonographische Muster, Zitate" und der SPIEGEL widmete gar eine ganze Titelgeschichte dem "'Titanic-Gefühl", welches überall auf der Welt die Menschen immer und immer wieder in die Kinos lockte.

"Fühlt sich Liebe so an?"

Schwer einzuordnen in gängige Genremuster blieb das Werk dennoch. Was die Kritiker dabei besonders irritierte, war die Zusammensetzung des Millionenpublikums: Über 60 Prozent der Zuschauer waren weiblich und mehr als die Hälfte davon unter 25 Jahre alt. Diese Zahlen widerlegten die voreilige Klassifizierung des mit gigantischem Technikaufwand gedrehten Werkes als Katastrophen- bzw. Actionfilm, denn welcher Actionfilm hätte es wohl jemals geschafft, die junge weibliche Zielgruppe zu Tränen zu rühren, anstatt vorwiegend junge Männer mit überzeugenden Spezialeffekten zu begeistern? "Fühlt sich Liebe so an? Gewiss: In unseren Träumen. Und weil Kino der einzige Traum ist, der sich zuverlässig reproduzieren lässt, laufen die Kinos über von Wiederholungstätern", jubelte eine nicht mehr ganz junge "Titanic"-Besucherin in einem "Stern"-Artikel.

Auf der anderen Seite sprachen die Zuschauerzahlen auch nicht eindeutig für eine Zielgruppe mit Vorliebe fürs Melodramatische, wie eine Allensbachstudie belegte: Der Männeranteil war mit 40 Prozent deutlich höher als bei anderen "Frauenfilmen" der neunziger Jahre, deren Zuschauer teilweise zu über 70(!) Prozent weiblich waren: "Typische Frauenfilme aus der letzten Zeit waren vor allem 'Die Braut, die sich nicht traut', 'Notting Hill', 'Shakespeare in Love', 'Der Pferdeflüsterer' und 'E-Mail für dich'. Die überwiegende Zahl (73 Prozent) derjenigen, die 'Die Braut, die sich nicht traut' im Kino gesehen haben, waren Frauen. Männer machten nur 27 Prozent des Besucheranteils aus. Bei 'Notting Hill' verteilen sich die Besucheranteile ganz ähnlich in 71 Prozent Frauen und 29 Prozent Männer."

Eine auserzählte Geschichte?

In "Titanic" träumten (und weinten) beide Geschlechter, der Film lässt sich keiner Besuchergruppe eindeutig zuordnen. Doch wer träumte eigentlich wovon in dieser immerhin bereits zehnten Verfilmung des Jahrhundert-Medienmythos? Wie schafft es ausgerechnet dieser "Titanic"-Film, Zuschauer überall auf der Welt derart in seinen Bahn zu ziehen? Ein Film, in dem die einen das klassische Hollywood-Kino wiedererkannten, während andere einen Triumph des Autorenfilms vermuteten? Ein überraschender Gegensatz, wenn man bedenkt, dass der Autorenfilm immer wieder als Gegenpol zur industriellen Genre-Film-Produktion Hollywoods gefeiert worden ist. Mit welchen Film- und Erzähltechniken erzeugte der vormalige Action-Regisseur Cameron eine derartige Massenhysterie mit einer Untergangsgeschichte, die nach zahlreichen Verfilmungen bereits mehr als auserzählt schien?

Das Erfolgsgeheimnis liegt in der besonderen Dramaturgie des Epos begründet. "Titanic" ist ein Erinnerungsfilm, in dem die Vergangenheit nicht als abgefilmte Realität im Stil des klassischen Hollywoodmelodrams präsentiert wird, sondern als subjektive Erinnerung einer Zeitzeugin. Die Zuschauer werden durch verschiedene filmische Mittel eingeladen, an diesem "Erinnerungstraum" teilzunehmen, und akzeptieren deswegen auch Bilder, die in einer streng abbildlichen Illusionierung unglaubwürdig und konstruiert gewirkt hätten.

Im Reich der unbewussten Wünsche

Die Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit sowie Realität und Fiktion hat dabei einen höchst symbolischen Charakter. Die Gegenwart, die Welt des Kinozuschauers, befindet sich, wie die Welt der Bergungscrew, auf der Wasseroberfläche, während die Vergangenheit in der schwarzen Tiefe des Ozeans allenfalls teilweise zu beleuchten ist. Dort unten im Reich der unbewussten Wünsche findet der Traum der alten Rose statt, in dem eine idealisierte Teenagerromanze mit dem Untergang der Titanic symbolisch verknüpft wird. Dass die Tauchfahrten in die Vergangenheit in vielen Momenten der nonverbalen Struktur eines Traumes gleichen, wird dabei auch im Film selbst immer wieder thematisiert.

Cameron gelang es, durch diese Konstruktion Erinnerungsräume zu etablieren, in denen die Zuschauer die Vergangenheit nicht nur sehen, sondern fühlen können: "If you could feel it, not just see it", sagt Rose in einer geschnittenen Szene zu Lovett, dem Alter Ego des Regisseurs, und dieser antwortet fast programmatisch für "Titanic": "This is the general idea of this expedition". Millionen Kino-Besucher auf der ganzen Welt haben ihnen recht gegeben.

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