Tiziano Terzani "Asien, die Bühne meines Vagabundenlebens"

Er spürte japanischen Schätzen nach oder einer indischen Räuberkönigin, am Ende hatte Tiziano Terzani mehr als 200 Reportagen für den SPIEGEL geschrieben. Bei einestages erinnert sich sein ehemaliger Chef Dieter Wild an den legendären Reporter - und an das Misstrauen, das dem Chinesisch sprechenden Italiener zunächst entgegenschlug.

Archiv Terzani

Auf nach Alfonso, einem Bergnest in der Provinz Cavite auf den Philippinen! Dort wühlten frühere US-GIs in einem Erdloch nach dem sagenumwobenen Schatz, den der japanische General Yamashita kurz vor seiner Kapitulation und Hinrichtung 1945 angeblich vergraben ließ: Gold und Preziosen, Beute der besiegten japanischen Südostasienarmee im Wert von vielen Milliarden Dollar - angeblich. Niemand hat diesen Schatz je gesehen und eventuell hat es ihn nie gegeben. Dennoch überwältigte das Schatzsuchfieber seither Tausende Philippiner und Amerikaner, die philippinische Erde zu durchwühlen.

An einem solch geschichtsträchtigen, fast mystischen Ort konnte der Journalist Tiziano Terzani nicht vorbei. Er musste ihn sehen und beschreiben. Als Leiter des Auslandsressorts des SPIEGEL sein unmittelbarer Chef, hatte ich nichts dagegen. Ich hatte nie etwas gegen seine Reiseziele. Sie waren immer ungewöhnlich, oft abenteuerlich, manchmal etwas mysteriös.

Sehen und beschreiben musste Terzani auch die indische Räuberkönigin Phoolan Devi, die "Rächerin der Gequälten". Unzählige Male vergewaltigt, elf Jahre eingekerkert, rächte sie sich an der Spitze einer Truppe wilder Banditen, die drei indische Bundesstaaten durchstreifte, an ihren Peinigern. Sie beraubte die Reichen, gab den Armen. Legenden wurden um ihr Leben gewoben, Filme über sie gedreht - ein Stoff, ganz nach Terzanis Geschmack. Wir verloren kein Wort darüber, ob eine solch schillernde Räuberin Terzanis und des SPIEGEL würdig wäre.

Terzani, der Asien-Besessene

Phantastischen Stoff fand Terzani sogar in Japan, dessen seelenloser Wirtschaftswahn und unmenschlich durchorganisierte Gesellschaft ihn abstießen. Dort, im Tokioter Stadtteil Mitaka, fand er Hanako Ishi, die Geliebte des weltberühmten Sowjetspions Richard Sorge, der Stalin aus dem mit Deutschland verbündeten Japan das Datum von Hitlers Angriff auf die Sowjetunion verriet - bis auf zwei Tage genau - und dafür von den Japanern hingerichtet wurde. Vieles um diesen Meisterspion liegt noch immer im Dunkeln, und das Eintauchen ins Dunkle reizte Terzani.

Im Goldenen Dreieck, an den Grenzen zwischen Burma, China und Thailand, lebte ein besonders Dunkler: der Opiumkönig Khun Sa, Chef der "Befreiungsarmee" des Schan-Volkes, auf dessen Ergreifung 20.000 Dollar gesetzt waren. Gegen amerikanische Wirtschaftshilfe wollte Khun Sa den Opiumanbau, von dem sein Volk lebte, aufgeben. Doch der Deal scheiterte. Auch das war natürlich Stoff für eine der insgesamt 200 großen SPIEGEL-Reportagen Terzanis, die allesamt über meinen Tisch gingen. Beschwerden oder auch nur Bedenken des Autors wegen vorgenommener Redigierungen, sonst Anlass für uferlose Debatten zwischen Korrespondent und Zentrale, gab es mit ihm nicht. Und wenn er einmal im Jahr mit Familie zum Redaktionsbesuch nach Hamburg kam, kam er ohne Beschwerdeliste und ohne Verlangen nach mehr Geld.

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Reportagen aus Asien: Der Chinesisch sprechende Italiener

Terzani war ein Asien-Besessener. Er kannte Asien "so gut, wie keiner seiner Kollegen", schrieb die "FAZ" in ihrem Nachruf auf ihn, und Frankreichs "Monde" urteilte, er sei "eine Persönlichkeit jenseits der Normen" gewesen. Gemeinsam recherchierten wir in China, Japan und auf Taiwan. Nie bekam ich zu spüren, dass er der bei weitem Asien-Kundigere war als ich. 9000 Bände Asiatica, meist Englisch geschrieben, standen in seiner Bibliothek.

Wie ein Kavallerieoffizier auf dem Weg zum Tennisplatz

Dabei hatten etliche in der Hamburger Redaktion die Nase gerümpft, als wir ihn anstellten. Ein Italiener, der behauptete, Chinesisch zu sprechen, konnte das gutgehen? Es ging viel besser, als auch ich erwartet hatte. Terzani war ein Intellektueller und zugleich ein emotionaler Abenteurer, ein draufgängerischer Rechercheur und zugleich ein sensibler Beobachter - nicht nur der Politik, sondern auch völlig unpolitischer Phänomene, wenn sie nur charakteristisch für das Land oder die Menschen waren, derer er sich annahm.

Unermüdlich, immer in Bewegung, bereiste und beschrieb er ganz Asien: Vietnam, China und Japan, Korea, die Philippinen und Indien, Burma, Sri Lanka und Nepal. "Reisen", schreibt er, "die Freude eines ganzen Lebens, ein Jugendtraum, der zum Beruf wurde, zu einer Lebensweise. Immer gleich und doch immer wieder anders."

Als Korrespondent von 1971 bis 1997 nacheinander in Singapur, Hongkong, Peking, Tokio, Bangkok und Delhi, durchstreifte er, von unbezähmbarer Neugier getrieben, den riesigen Kontinent: "Asien war die Bühne meines Vagabundenlebens." Er genoss es, Dinnergäste und ganze Abendgesellschaften an seinen Reiseerlebnissen, stets dramatisch erzählt, teilnehmen zu lassen. Er sprach fünf Sprachen und war mit seinem buschigen Schnauzer und dem stets weißen Anzug eine elegante Erscheinung, "wie ein Kavallerieoffizier nach dem Dienst auf dem Weg zum Tennisplatz", sah ihn Englands "Guardian". Doch sein liebenswürdiges Auftreten, das ihm überall Freunde zuführte, täuschte alle, die glaubten, leichtes Spiel mit diesem Florentiner zu haben, der für ein deutsches Nachrichtenmagazin auf Englisch schrieb (obwohl er auch Deutsch fließend sprach). So belehrte er einen chinesischen Parteifunktionär, der ihm die KP-üblichen Lügentiraden auftischte, lächelnd: "Das stimmt nicht. Sie wissen es. Und Sie wissen, dass ich es weiß. Also, warum reden Sie so?"

Abwendung von der Politik

Mehr als Politiker und Diplomaten in ihren Büros und auf ihren Empfängen interessierte ihn die Welt der kleinen Leute, der Straßenküchen und Märkte - und dann vor allem die Spiritualität Asiens: die Mythen und Legenden, die Hellseher, Heiligen Männer und Wunderheiler, und oft genug gab er sich selbst als Versuchsperson her, wenn ihm ein neues, noch so obskures Wundermittel angeboten wurde.

Mehr und mehr deprimierte es ihn, dass er das alte Asien zunehmend dahinschwinden sah. Resigniert schrieb er: "Die materielle Gewalt der westlichen Weltsicht hat die östliche überrollt. Asien hat seinen Frieden verloren auf der Jagd nach jener Art von Glück, das uns bereits unglücklich gemacht hat." Den westlichen Tourismus sah er als einen der Schuldigen an: "eine der widerwärtigsten, zerstörerischsten Industrien auf der Erde".

"Von einer Enttäuschung in die andere fallend", schreibt seine Frau Angela im Vorwort zu den 2008 als SPIEGEL-Buch erschienenen Reportagen "Asien, mein Leben", wandte er sich immer mehr von der Politik ab. Die Heroen seiner Jugend, Mao Zedong und Ho Chi Minh, die eine gerechte Welt versprochen hatten, waren Despoten geworden, in Kambodscha hatten die Roten Khmer blutig gewütet. "Und in Japan", schreibt Angela Terzani, "sah er für den Menschen des 21. Jahrhunderts keine Rettung" - vermutlich eine der psychischen Ursachen seiner Krebserkrankung, an der er dann 2004 starb.

Ein leidenschaftlicher Fotograf

In seinen letzten Jahren, schon schwer leidend, entsagte er dem profanen Magazinjournalismus, um auf dem Kamm des Himalaja in Gesellschaft nur eines alten, gebildeten Inders über das Leben und den Tod zu meditieren. Unweigerlich litt unsere bis dahin sehr nahe Beziehung nun - er erschien mir entrückt in eine andere Welt.

Zum Sterben zog er sich in sein Heimatdorf Orsigna in der Toskana zurück, einen Ort fast am Ende der Welt, wo er zuletzt für niemanden mehr, auch nicht für seine früheren Freunde, zu sprechen war. Aber noch einmal raffte sich der große Erzähler auf. In langen Sitzungen sprach er mit seinem Sohn über sein Leben und seine Gedanken angesichts des herannahenden Todes. Das daraus entstandene Buch "Das Ende ist mein Anfang" wurde der größte Erfolg aller Terzani-Bücher: über 500.000 verkaufte Exemplare in Italien, über 200.000 in Deutschland. Der nach dem Buch gedrehte Kinofilm mit einem wunderbaren Bruno Ganz als Terzani hat am 5. Oktober Uraufführung in München.

Der begnadete Reporter Tiziano Terzani, der seine eigene Betroffenheit stets hinter die objektive Beobachtung zurücktreten ließ, war auch ein leidenschaftlicher Fotograf. Wenn er mit seinem zerbeulten Aluminiumkoffer oder auch nur seiner Handtasche auf Reisen ging, immer hing die Kamera um seinen Hals. Alle seine Erlebnisse wollte er selbst fotografiert dokumentieren. Der am 20. September als SPIEGEL-Buch erscheinende Bildband "Die asiatische Reise" mit seinen von Folco Terzani ausgewählten Fotos zeigt, wie nuancenreich ihm das gelang.

Dieter Wild, 79, war von 1965 bis 1990 Auslandsressortchef, von 1994 bis 1998 stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL.

Zum Weiterlesen:

Tiziano Terzani: "Meine asiatische Reise - Fotografien und Texte, aus einer Welt, die es nicht mehr gibt". Deutsche Verlags-Anstalt, 2010, 303 Seiten.



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Björn Sc hiffner, 23.09.2010
1.
"Phantastischen Stoff fand Terzani sogar in Japan, dessen seelenloser Wirtschaftswahn und unmenschlich durchorganisierte Gesellschaft ihn abstießen." Gerade Terzanis Texte zu Japan lassen bei mir, sagen wir mal: leichte Zweifel aufkommen, ob der Mann wirklich als Asien-Kenner durchgehen kann. Sie sind so voreingenommen und oberflächlich, dass sie mehr über den Autor als über Japan erzählen. Ein paar Gedanken dazu: http://farorientalism.blogspot.com/2009/06/tizianos-taglicher-terzani-i.html
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