Tod an der Grenze Das ewige Opfer

Tod an der Grenze: Das ewige Opfer Fotos
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Jude - Kommunist - Deutscher: Als der Journalist Kurt Lichtenstein zwei Monate nach dem Mauerbau an der innerdeutschen Grenze erschossen wurde, machte ihn die westdeutsche Politik zum "Blutzeugen" der deutschen Teilung. Den Behörden aber blieb das ehemalige KPD-Mitglied bis zuletzt suspekt. Von

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Aus allen Teilen der Bundesrepublik waren die Trauergäste am 26. Oktober 1961 nach Dortmund gekommen. Auf dem Hauptfriedhof versammelten sich unzählige Journalisten und Gewerkschaftsvertreter; Wirtschaftskreise und die politischen Parteien hatten Blumen und Kränze geschickt. Der Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer (CDU), war persönlich erschienen, um dem Toten, dessen umrahmtes Bild in einem Blumenmeer auf dem Katafalk stand, die letzte Ehre zu erweisen.

Das Foto zeigte den Journalisten Kurt Lichtenstein, der am 12. Oktober 1961 "in Ausübung seines Berufes", wie der Trauerredner betonte, an der niedersächsischen Zonengrenze nordöstlich von Wolfsburg von DDR-Grenzern erschossen worden war. In Regierungserklärungen und Zeitungen war von der "Empörung und Abscheu" ob dieser Tat zu lesen. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Herbert Wehner würdigte Lichtenstein als "Blutzeugen" dafür, was "diesem geplagten deutschen Volk und diesem geplagten Land noch immer angetan" werde.

Der "Blutzeuge", dessen Tod die bundesdeutsche Öffentlichkeit so sehr bewegte und in dessen schrecklichem Schicksal führende Politiker das "gesamtdeutsche Leid" infolge der deutschen Teilung verkörpert sahen, war der gleiche Kurt Lichtenstein, der bis zu seinem Tod vergeblich mit bundesdeutschen Behörden darum gerungen hatte, für sein als Jude in Deutschland erlittenes Leid - seine Eltern und seine Schwester waren von den Nationalsozialisten ermordet worden - entschädigt zu werden.

Was die unerwartete Aufmerksamkeit auf die Person Lichtensteins lenkte, waren Zeitpunkt und Umstände seines Todes: Erst am 13. August 1961, also zwei Monate zuvor, hatte der Osten seine Grenzen abgeriegelt. Der Mauerbau in Berlin stand nicht nur symbolhaft für die Teilung der Stadt sondern ganz Deutschlands. Und Lichtenstein war das erste Opfer an dieser innerdeutschen Grenze. Er war zudem auch der erste Mensch, der aus Richtung Westen kommend unter Beschuss geraten war. Mitten im Kalten Krieg machte dieser Vorfall aus einem Mann, der jahrelang wenig erfolgreich nach seinem Platz in der Bundesrepublik gesucht hatte, plötzlich einen "Helden der freien Welt", wie es seine Witwe später ausdrückte.

Das Erstaunlichste an diesem Fall: Leben und Tod Lichtensteins schienen den ganzen Wahnwitz und die Irrungen des 20. Jahrhunderts zu bündeln. Denn als wäre der zwiespältige Umgang mit dem jüdischen auf der einen, und dem deutschen Schicksal des Kurt Lichtenstein auf der anderen Seite nicht schon seltsam genug, gab es noch eine andere Absurdität: "Lichtensteins Leben endete an der Grenze jenes Staates, für dessen Existenz er jahrzehntelang gekämpft hatte", wie sein Biograf Rainer Zunder schrieb. Gemeint war die DDR. Seit jeher hatte Lichtenstein vom Aufbau des Sozialismus in Deutschland geträumt. Zunders Buch erschien mehr als 30 Jahre nach Lichtensteins Tod. Zu diesem Zeitpunkt, 1993, war der Todesfall juristisch noch immer nicht abgeschlossen.

Aufbruch zur Grenze

Am 9. Oktober 1961 hatte sich der 49-jährige Dortmunder, Chefreporter der "Westfälischen Rundschau", morgens von seiner Frau und den beiden Töchtern verabschiedet und war mit seinem brandneuen roten Ford Taunus zu einer Recherchereise aufgebrochen. Zwei Monate, nachdem die DDR mit dem Mauerbau und der hermetischen Abriegelung der deutsch-deutschen Grenze begonnen hatte, wollte er "eine umfangreiche Reportage über das Leben an und mit der Grenze, über auseinandergerissene Dörfer und Familien, über Volkspolizei und Nationale Volksarmee drüben und Bundesgrenzschutz hüben" schreiben, wie sich seine Frau erinnert.


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Aus Richtung Lübeck kommend, so ergab die polizeiliche Rekonstruktion später, war er drei Tage darauf gegen 11.30 Uhr an einer Straßensperre eingetroffen, die das Dörfchen Zicherie im Westen von Böckwitz im Osten trennte. Bei einem westdeutschen Zollassistenten erkundigte sich der Reporter, ob man die Straße nach Kaiserwinkel - parallel zur Zonengrenze - risikolos befahren könne. Als dieser bejahte, machte er sich auf den Weg.

Nach rund zwei Kilometern stoppte er seinen Wagen auf dem Seitenstreifen. Mit dem Fotoapparat in der Hand stieg er aus, überquerte den trockengelegten Graben, der die Grenzlinie markierte, und lief über den geeggten, zehn Meter breiten Kontrollstreifen geradewegs auf eine Menschengruppe zu, die mit Maschinen und Traktor damit beschäftigt war, Kartoffeln zu ernten. Zäune und Minenfelder gab es damals noch nicht, die Lichtenstein hätten aufhalten können. Die Handzeichen der Feldarbeiter, die ihm signalisieren wollten, dass er verschwinden möge, nahm er offenbar nicht wahr oder ignorierte sie. Möglicherweise verhinderte auch der Motorenlärm, dass er verstand, was man ihm zurief.

Rückweg abgeschnitten

Zur Umkehr entschloss sich Lichtenstein offenbar erst, nachdem er den Grenzposten bemerkt hatte, der am Kontrollstreifen entlanglief, um ihm den Rückweg abzuschneiden. Schüsse fielen und die Menschen auf dem Feld sahen, wie der Reporter die Arme in die Höhe riss, wankte und schließlich Richtung Graben stürzend zusammenbrach. DDR-Grenzer und ein herbeigeeilter Treckerfahrer versuchten wenig später, die Wunden des an Bein und Oberkörper Getroffenen notdürftig zu versorgen, bevor sie ihn schließlich ins Hinterland zogen. Am späten Nachmittag des gleichen Tages starb Lichtenstein im Krankenhaus der nahegelegenen Kleinstadt Klötze.

Seine Leiche wurde daraufhin in die Bezirksstadt Magdeburg transportiert - und eingeäschert. Ein Telegramm kündigte der Witwe am 18. Oktober die postalische Zusendung der Asche an. Zur anberaumten Trauerfeier - mehr als eine Woche später - kam die Urne dann allerdings nicht pünktlich.

Während der Osten den Fall des "Grenzverletzers" auf seine Weise propagandistisch ausschlachtete und Lichtenstein einen "Provokateur" schimpfte, nutzte der Westen den Anlass für eine Verurteilung des "mörderischen" kommunistischen Regimes. Der "Mord"-Vorwurf entsprang dabei wohl vor allem der aufgeheizten Stimmung, die zu diesem Zeitpunkt zwischen den Machtblöcken herrschte.

Abgesehen davon begleiteten den Fall auch Spekulationen, ob Lichtenstein nicht tatsächlich gezielt liquidiert worden war. Schließlich war er mit einigen Mitgliedern des SED-Regimes persönlich bekannt: Mit Erich Honecker etwa, dem ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen und damit Koordinator des Mauerbaus, hatte Lichtenstein 1934/35 im Kommunistischen Jugendverband des Saarlandes gearbeitet. Lichtensteins Frau Gertrud hatte mit Erich Mielke, nunmehr Ulbrichts Minister für Staatssicherheit, in den dreißiger Jahren zusammen die Moskauer Leninschule besucht.

Parteiverfahren gegen Lichtenstein

1931 war Lichtenstein in die KPD eingetreten, hatte für sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und - obwohl Jude - illegal und als Fremdarbeiter getarnt in Nazi-Deutschland gearbeitet. Nach dem Krieg engagierte er sich weiter für die Partei, saß im Nordrhein-westfälischen Landtag. Zum Bruch kam es erst, nachdem er selbst wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem dogmatischen, Moskau hörigen KPD-Vorsitzenden Max Reimann in die Mühlen der parteiinternen stalinistischen Säuberungen geriet: Etwa zur selben Zeit, da der stalinistische SED-Flügel um Walter Ulbricht im Osten Schauprozesse gegen sogenannte Abweichler initiierte, gab es in der KPD im Westen ein Parteiverfahren gegen Lichtenstein, das er trotz versicherter Treue zur Partei und einem verzweifelten Besuch beim Ostberliner SED-Zentralkomitee nicht zu seinen Gunsten beeinflussen konnte. Es endete 1953 mit seinem Ausschluss.

Nach dem Rausschmiss aus der Partei, verbunden mit dem Verlust seiner Ämter und Einkünfte, versuchte Lichtenstein jahrelang, als Journalist in der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Obwohl längst nicht mehr Mitglied in der dort 1956 verbotenen KPD haftete ihm seine politische Vergangenheit weiter an - selbst noch, nachdem er 1956 in die SPD eingetreten war und zwei Jahre später eine Anstellung bei der SPD-eigenen "Westfälischen Rundschau" erhalten hatte. Weil er zum Stichtag 23. Mai 1949 noch Mitglied der kommunistischen Partei gewesen war und deren "antidemokratischen Ziele" unterstützt habe, wurde sein Anspruch auf "Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung" abgelehnt. Dass Lichtensteins Eltern rassisch Verfolgte waren, deportiert wurden und im KZ umkamen, bezweifelten die Behörden indes nicht.

Nur vier Wochen nach Lichtensteins aufsehenerregendem Tod an der deutsch-deutschen Grenze hatte sich die Haltung der Behörden offenbar gewandelt: Die Witwe erhielt die Nachricht, dass sich das Entschädigungsamt nunmehr bereiterklärt habe, die "rechtlichen Bedenken, die einer Entschädigungsleistung entgegenstanden, aufzugeben".

Der Prozess

Auf ein juristisches Urteil zum Tod ihres Mannes sollte die Witwe allerdings noch 36 Jahre warten. 1997 verhandelte das Landgericht Stendal die Todesschüsse auf den westdeutschen Journalisten. Anhaltspunkte dafür, dass man es gezielt auf Lichtenstein abgesehen hatte, fanden sich auch in der erst Mitte der neunziger Jahre ausgewerteten Stasi-Akte nicht. Das Gericht sah es als ebenso wenig erwiesen an, dass die beiden angeklagten Schützen vorsätzlich gehandelt hatten - und sprach die früheren DDR-Grenzsoldaten frei. Daran, dass sie die Schüsse abgegeben hatten, die zum Tode führten, zweifelte es nicht.

Lichtenstein sei, so die Erklärung, offenbar auf einen "besonders scharfgemachten Posten" getroffen. Etwa eine Woche zuvor hatte die DDR-Regierung die zunächst sehr restriktiven Vorgaben für den Schusswaffengebrauch gelockert: Nach Zuruf und Warnschuss durften nun Waffen auch gegen Flüchtende angewandt werden, sofern eine Festnahme anders nicht möglich war.

Noch einen Tag bevor Lichtenstein in Zicherie eintraf, war es dem Treckerfahrer einer Kartoffelernte-Brigade gelungen, in den Westen zu fliehen. Die Truppe, die der Reporter Lichtenstein am 12. Oktober 1961 fotografieren wollte, stand daher unter besonderer Bewachung. Der Kompaniechef hatte den Wachposten eingeschärft: "Keiner darf durchkommen." Womöglich hatte er damit Lichtensteins Urteil gefällt.

Zum Weiterlesen:

Rainer Zunder: "Erschossen in Zicherie". Dietz Verlag, Berlin 1993, 263 Seiten.

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1.
Siegfried Wittenburg, 05.08.2011
Am Ende des Artikels stolperte ich über den Verlag, in dessen Ausgabe diese Geschichte erschienen ist. Die Geschichte des Dietz-Verlages, es gab zwei davon, einer im Osten, einer im Westen, wäre auch eine interessante Mauergeschichte.
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