Ermordung von Thomas Sankara Afrikas Che Guevara

Vier Jahre lang versuchte Thomas Sankara das westafrikanische Armutsland Burkina Faso zu reformieren. Dann wurde der Revolutionär umgebracht - und zur Legende.

Sygma/Getty Images

Von und


"Wo ist der Imperialismus?", fragte der Präsident von Burkina Faso 1983. Und gab seinem Volk gleich selbst die so einfache wie plakative Antwort: "Ihr seht ihn auf euren Tellern: importierter Reis und Mais, importierte Hirse. Das ist Imperialismus."

Der Präsident war Thomas Sankara, Probleme der Weltwirtschaft beschrieb kaum jemand so überspitzt wie er. Ähnlich griffig taufte er 1984 sein Land, die ehemalige französische Kolonie Haute-Volta (Obervolta), in Burkina Faso um - was übersetzt etwa "Vaterland der Würde" heißt und die integren Bürger des Landes preisen sollte.

In Afrika liebt und verehrt man Sankara für solche Formulierungen bis heute - etwa jetzt wieder, am 15. Oktober, dem Jahrestag seiner Ermordung 1987. Wer in Afrika progressiv denkt, zitiert Sankara. Es gibt Lieder, Bücher, Comics über ihn. Jugendliche tragen T-Shirts mit Sankara als Soldat oder als Gitarrist. Und obwohl der Vergleich hinkt, wird er "Afrikas Che Guevara" genannt, ja mitunter zum "Jahrhunderthelden" erhoben. In Deutschland und Europa hingegen hat man den Mann fast vergessen.

Afrikas Che Guevara
AFP

Afrikas Che Guevara

Wie Che Guevara wurde Sankara zur Legende, weil er jung starb, mit 37 Jahren. Für viele Afrikaner ist sein Tod bis heute eine Tragödie. Sondersendungen erinnern daran, mancherorts wird ein "Sankara Day" verkündet.

Die nigerianische Onlinezeitung "The Cable" entdeckte gar eine "October 15 connection - Fela and Sankara": hier der Afro-Beat-Rebell Fela Kuti, der am 15. Oktober 1938 geboren wurde - da der Afro-Che Sankara, der am 15. Oktober 1987 starb. Beide Männer verband darüber hinaus noch mehr.

"Sie glaubten an Afrikas Unabhängigkeit", so "The Cable", "und dass der Kontinent nicht abhängig von westlichen Regierungen sein sollte, die mit der einen Hand Entwicklungshilfe geben und mit der anderen Afrika Naturschätze rauben". Fela Kuti gastierte mit seiner Band mehrmals in Burkina Faso; später trauerte er in seinem Hit "Underground System" um Sankara.

Fotostrecke

24  Bilder
Thomas Sankara: "Ein Soldat ohne Bildung ist ein potenzieller Krimineller"

Thomas Sankara war der Sohn eines Gendarmen, der sich im Zweiten Weltkrieg zur französischen Armee gemeldet hatte; das heutige Burkina Faso gehörte damals noch zu Frankreichs Kolonialreich. Wie sein Vater entschied sich auch Thomas für eine Militärkarriere und wurde als Hauptmann der Luftwaffe zum Fallschirmjäger ausgebildet.

Ein musikalischer Revolutionär

Dabei war der junge Offizier alles andere als ein sturer Kommiskopf. Auf seinem Motorrad besuchte er in seiner Freizeit die Klubs der Hauptstadt Ouagadougou. Er tanzte gern und stieg bei Sessions so gekonnt als Gitarrist ein, dass die populäre Band "Tout-à-Coup-Jazz" ihn schließlich engagierte.

Als "denkender Soldat" interessierte sich Sankara zudem intensiv für Politik, für Afrikas Kolonialgeschichte etwa und Fidel Castros sozialistisches Kuba. "Ein Soldat ohne Bildung", sagte er einmal, "ist ein potenzieller Krimineller".

Thomas Sankara
Gamma-Rapho/Getty Images

Thomas Sankara

Sankara, der 1969 Politik an einer Militärakademie in Madagaskar studierte, radikalisierte sich zunehmend. 1976 gründete er mit seinem Offizierskollegen Blaise Compaoré die Geheimorganisation "Regroupement des Officiers Communistes" (ROC). Die ROC-Verschwörer übernahmen am 4. August 1983 nach einem unblutigen Staatsstreich die Macht in einem Land ohne Zugang zum Meer, mit riesigen Trockengebieten - und ähnlich großen Problemen.

Sankara wurde Vorsitzender des Revolutionsrats und fünfter Präsident. Die Bevölkerung begrüßte den Putsch überwiegend: Das neue Regime reformierte überraschend schnell und radikal das korrupte Regierungssystem. Ministergehälter wurden drastisch gesenkt, Luxuslimousinen ganz abgeschafft. Die Politikelite musste plötzlich im Kleinwagen Renault 5 zur Arbeit. Auch Dienstflüge gab es fortan nur noch in der Touristenklasse. Sankara förderte das Schulsystem, ließ 2,5 Millionen Kinder gegen Meningitis, Gelbfieber und Masern impfen, Grüngürtel gegen die vorrückende Sahara angelegen.

"Ich spreche für alle Frauen weltweit"

In seinen vier Jahren an der Macht wagte er sich an viele Tabus, um seinem Land zu "mehr Freiheit, mehr Demokratie, mehr Würde" zu verhelfen. So verbot er die Beschneidung von Frauen, verurteilte die Vielehe, kämpfte für Familienplanung und Gleichberechtigung.

"Ich spreche im Namen aller Frauen weltweit, die unter einem System der Ausbeutung leiden, das Männer erzwungen haben", rief er leidenschaftlich vor der Uno. Das waren nicht nur leere Worte: Ungewöhnlich viele Stellen in seiner Regierung besetzte Sankara mit Frauen. Und während andere afrikanische Regierungen noch die Existenz von Aids leugneten, warnte er öffentlich vor der Epidemie.

Sein bedeutendstes Projekt aber war, die einheimischen Kleinunternehmen zu fördern. So setzte sich Sankara für die Verarbeitung von Rohbaumwolle, dem damals wichtigsten Exportgut, im eigenen Land ein. "Faso dan fasi", lokal gewobene Stoffe, wurden Pflicht für Schulkinder, Soldaten, Regierungsangestellte. "Faso dan fasi zu tragen ist eine wirtschaftliche, kulturelle und politische Demonstration gegen den Imperialismus", verkündete Sankara so programmatisch wie pathetisch.

Die Brandrede kurz vor der Ermordung

Während solche Maßnahmen breite Zustimmung fanden, machte sich der sozialistische Revolutionär auch viele Feinde. So verbot er Gewerkschaften und Oppositionsparteien; Sankara hatte gesehen, wie Parteien in Afrika fast immer Sammelbecken der verschiedenen Ethnien wurden. Lieber ließ er Komitees zur Verteidigung der Revolution gründen.

Die westlichen Länder empörte Sankara, als er sich 1987 in einer bald berühmten Rede vor der Organisation für Afrikanische Einheit weigerte, Staatsschulden zurückzuzahlen - und Afrikas Staatschefs aufforderte, seinem Beispiel zu folgen. "Die Ursprünge der Schulden liegen im Kolonialismus", argumentierte Sankara. Zahle man sie, werde man "sterben"; wer das tun wolle, solle eben brav zur Weltbank fliegen.

Drei Monate später wurden Sankara und enge Vertraute bei einem Putsch ermordet. Wie sein Freund Fela Kuti glaubten viele Afrikaner, der revolutionäre Soldat sei Opfer einer "imperialistischen Verschwörung" geworden. Als besonders verdächtig galt die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die entschieden Sankaras Politik abgelehnt hatte. Andere Gerüchte vermuteten die Elfenbeinküste und Togo, Gaddafis Libyen und Charles Taylors Liberia als Drahtzieher.

In Burkina Faso war es unzweifelhaft Sankaras einstiger Gesinnungsgenosse Blaise Campoaré, der den Sturz anführte und neuer Staatspräsident wurde. Dreist beschrieb er sich als Erben der Tradition von Sankaras Revolution 1983, die er nur habe "korrigieren" müssen - etwa weil Sankara die wirtschaftlichen Beziehungen zu befreundeten Staaten gefährdet und angeblich geplant habe, politische Gegner ermorden zu lassen.

Burkina Faso fiel wieder in alte Zeiten und Denkmuster zurück. Denn in Wahrheit kassierte Campoaré fast alle Reformen Sankaras. Er kooperierte fortan mit IWF und Weltbank, um die Wirtschaft zu retten, wie er sagte. Bis 2014 hielt er sich im Amt, dann begehrte das Volk nach umstrittenen Verfassungsänderungen gegen Campoaré auf. Er flüchtete angesichts von Massendemonstrationen nach Marokko.

Heute lebt er im Exil in der Elfenbeinküste; Burkina Faso fordert wegen des Sturzes Sankaras seine Auslieferung. Juristen und Historiker wollen derweil in Frankreichs Staatsarchiven herausfinden, ob der Putschplan damals von Paris aus orchestriert wurde. Bislang gibt es keinen Zugang zu allen Akten.

Sehnsucht nach Helden

Nach seiner Ermordung wurde Sankara, der ehemalige "Genosse Präsident", im Rundfunk als Verräter und Faschist geschmäht. Eine Zeitlang geriet er tatsächlich in Vergessenheit. Inzwischen aber streiten in Burkina Faso wieder Parteien für den "Sankarismus". Und über das Land hinaus begeistern sich junge Afrikaner für den Revolutionär, denn auf dem Kontinent herrscht eine große Sehnsucht nach Helden.

Zwar gibt es den Märtyrer Patrice Lumumba, der einem CIA-Mordkomplott zum Opfer fiel. Und natürlich Nelson Mandela, den großen Versöhner. Doch typischer für Afrika scheinen Männer wie Simbabwes Robert Mugabe zu sein, der sich vom Freiheitskämpfer zum korrupten Diktator wandelte, oder tumbe Feldwebel-Typen wie Ugandas Despot Idi Amin und Jean-Bedel Bokassa, der gnadenlose Kaiser von Zentralafrika. Andere Politiker mit Mut, Visionen und besten Absichten scheiterten im Laufe der Jahre an den harten Realitäten des politischen Tagesgeschäfts. Aus jugendlichen Hoffnungsträgern wurden ungeliebte Altpolitiker.

Das hätte auch Sankaras Schicksal sein können. Aber so bleibt ein blendend aussehender Mann in Erinnerung, der es verstanden hatte, sein Land zu beflügeln. Bis heute malen sich seine Bewunderer aus, was wohl wäre, wenn... Vielleicht hätte Sankara die Träume von einem besseren Afrika ja tatsächlich verwirklicht, ein bisschen zumindest.

insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Emil See, 15.10.2018
1. Frankreich
Natürlich liegt es nahe, Frankreich für den Sturz zu verdächtigen - bei den vielen Militärinterventionen in den ehemaligen Kolonien und dem "Austausch" ähnlich missliebiger Politiker in anderen afrikanischen Ländern. Nicht umsonst werden in Paris Akten geheim gehalten.
Christoph Pleger, 15.10.2018
2.
Afrikas Che Guevara? Nach Lesen des Textes über Thomas Sankara komme ich zu dem Ergebnis, dass das eine große Beleidigung ist. Über Massenmorde an Gegnern und die Einrichtung von KZ-ähnlichen Internierungslagern lese ich oben jedenfalls nichts. Aber hier gilt es ja auch in manchen Kreisen als schick, in T-Shirts mit dem Konterfei dieses Verbrechers Guevara rum zu laufen. "Die Petition bezieht sich auf Guevaras Rolle als oberster Ermittler nach der Revolution, der in der Festung La Cabaña in Havanna Hunderte politische Häftlinge inhaftieren und in Militärtribunalen zum Tode verurteilen ließ. Mindestens 216 angebliche Konterrevolutionäre wurden ohne rechtliche Grundlage erschossen. ..." https://www.weser-kurier.de/deutschland-welt/deutschland-welt-politik_artikel,-che-guevara-edler-mensch-und-skrupelloser-moerder-_arid,1655846.html
Andreas Loescher, 15.10.2018
3. Aluhutträger
bin ich keiner. Aber die Geschichte hat gezeigt dass solche Behauptungen nicht von der Hand zu weisen sind. Siehe Libyen und andere Länder wo versucht wurde von außen einen Umsturz herbeizuführen, manchmal unter fadenscheinigsten Begründungen.
Lars G., 15.10.2018
4. Afrikas Che...
... also hat er auch massenweise Menschen ermorden lassen? Ist natürlich toll, wenn Mörder gut zu Frauen sind... oder wie muss man das verstehen?
Dietmar Boehm, 15.10.2018
5. Frankreich und seine militärische
Vergangenheit - ein unrühmliches Thema. Nicht etwa weil man Dreck am Stecken hat (wie die Deutschen haufenweise), sondern wie man damit später umgeht. In Cannes z.B. wird ein Platz nach einem Militär benannt, der algerische Widerstandskämpfer aus dem Flugzeug ins Mittelmeer werfen ließ - lebend.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.