Weltkriegs-Fußballmythos Die wahre Geschichte des "Todesspiels"

Weltkriegs-Fußballmythos: Die wahre Geschichte des "Todesspiels" Fotos

5:3-Sieg für die Besiegten: Mitten im Zweiten Weltkrieg fegten ukrainische Fußballer gleich zweimal eine deutsche "Flakelf" vom Platz. Der Legende nach wurden sie dafür ermordet. Doch das "Todesspiel" ist ein Mythos. Sporthistoriker Markwart Herzog erklärt, was wirklich passierte.

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.1 (29 Bewertungen)

Der nackte Fußballspieler strotzt vor Muskeln. Grimmig schaut er nach unten, markant treten seine Rippen hervor, während er mit dem rechten Fuß zum Schuss ansetzt. Ein unter ihm kauernder Adler mit Hakenkreuz-Augen sperrt den Schnabel weit auf, als wolle er den Ball zerhacken. Mit seinem linken Flügel versucht das Tier, den Spieler zu Fall zu bringen. Die wuchtige Skulptur steht in Kiew, vor dem "Start Stadion", das früher "Zenit-Stadion" hieß: dem Ort, an dem sich eines der legendärsten Fußballspiele der Geschichte zutrug. Am 9. August 1942 schlug die ukrainische Mannschaft FK Start hier Hitlers "Flakelf" 5:3.

Ein Triumph von ungeheurer Symbolik, denn die Besiegten hatten die Sieger bezwungen: Am 22. Juni 1941 war die Wehrmacht in der UdSSR eingefallen, acht Wochen nach Beginn des "Unternehmens Barbarossa" hatten die Deutschen und ihre Verbündeten die ukrainische Hauptstadt Kiew besetzt. Unmittelbar nach dem Einmarsch erschossen sie in der Schlucht von Babij Jar nahe Kiew 33.771 Juden.

Um die Stimmung innerhalb der Bevölkerung zugunsten der Deutschen zu verbessern, hoben die Besatzer ab Frühjahr 1942 etwa die Lebensmittelrationen an - und ließen auch einen Fußball-Spielbetrieb zu. Unangefochtener Star in Kiew: der FK Start, Betriebsmannschaft der Brotfabrik No. 1. Die Start-Kicker gewannen alle zehn von ihnen zwischen Juni und August 1942 ausgetragenen Spiele, sieben gegen Mannschaften der Besatzer (Ungarn und Deutsche) und drei gegen ukrainische Teams.

Dem Direktor der Brotfabrik, glühendem Anhänger des ukrainischen Top-Clubs Dynamo Kiew, war es gelungen, zahlreiche Dynamo-Spieler sowie Profis des Vereins Lokomotive Kiew als Arbeiter für seine Fabrik zu gewinnen. Am 6. August 1942 gewann der FK Start gegen die Deutschen 5:1, auch das Revanchespiel drei Tage später entschieden die Ukrainer für sich. Direkt im Anschluss an die Partie, so will es die sowjetische Legende, wurden die Spieler noch in ihren roten Trikots von den auf dem Spielfeld gedemütigten Deutschen verhaftet und zur Strafe für den Sieg ermordet.

Der Mythos vom "Todesspiel" fand Eingang in die sowjetischen Schulbücher; jahrzehntelang kolportierten Filme, Romane, historische Dokumentationen und Zeitungsartikel die Legende. Obwohl 1992 freigegebene Akten den Mythos ad absurdum führen, erfreut er sich im Netz nach wie vor größter Beliebtheit.

Noch vor dem Freundschaftsspiel der Deutschen gegen die Ukraine im November 2011 erinnerten deutsche Journalisten an den berühmten Sieg von 1942, den die ukrainischen Kicker "mit dem Leben bezahlen" mussten. Auch ein jetzt angelaufener russischer Kinofilm wärmt den Mythos wieder auf. Sporthistoriker Markwart Herzog, Experte für Fußball im Nationalsozialismus, demontiert die langlebige Legende vom Spiel um Leben und Tod.

einestages: Wann begann die Mär vom "Todesspiel"?

Herzog: Die Legendenbildung setzte ein, nachdem die Rote Armee am 5. November 1943 Kiew von den Deutschen zurückerobert hatte. Spätestens seit 1944 findet sich der Begriff "Todesspiel" in der Presse. Es ging der Sowjetunion darum, ein antifaschistisches kollektives Identitätsbewusstsein zu schaffen. Dazu eignet sich so ein Mythos in hervorragender Weise. Nehmen Sie das "Wunder von Bern" etwa…

einestages: …den 3:2-Finalsieg der deutschen Nationalelf gegen Ungarn bei der WM 1954.

Herzog: Der Publizist und Historiker Joachim Fest ging sogar so weit, den 4. Juli 1954 zum eigentlichen Gründungsdatum der BRD bzw. Fritz Walter zum „mentalen Gründungsvater der Bundesrepublik“ zu erklären. Allerdings fand das "Wunder von Bern" tatsächlich statt - im Gegensatz zum "Todesspiel".

einestages: Fest steht, dass die Gestapo neun Start-Spieler nach dem deutschen Fußballfiasko verhaftete, vier von ihnen wurden ermordet.

Herzog: Die Ukrainer wurden nicht direkt im Zusammenhang mit dem "Todesspiel" verhaftet, sondern zwei Tage nach einem ganz anderen Match. Am 16. August 1942 besiegte der FK Start die aus kollaborierenden ukrainischen Nationalisten zusammengesetzte Mannschaft Rukh 8:0. Aktuelle Recherchen legen nahe, dass Rukh die Start-Spieler bei der Gestapo als NKWD-Mitarbeiter denunzierte, um sich für die Schlappe zu rächen und die übermächtige Kiewer Sport-Konkurrenz loszuwerden.

einestages: Der Fußballverein Dynamo Kiew galt als Gründung des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Mussten die Start-Spieler deshalb sterben?

Herzog: Einer der Start-Stürmer, Nikolai Korotkykh, bei dem die Deutschen einen NKWD-Dienstausweis fanden, starb an den Folgen der Folter oder wurde erschossen. Die anderen drei, Torhüter Nikolai Trussewitsch, Alexei Klimenko und Iwan Kusmenko, kamen ins berüchtigte KZ Siretz am Stadtrand von Kiew, wo sie bei einer Massenexekution erschossen wurden.

einestages: Grund für die willkürliche Ermordung…

Herzog: …war der Hund des KZ-Kommandanten Paul von Radomsky. Er soll aus der Lagerküche Würstchen gemopst haben. Darauf gingen einige Häftlinge auf das Tier los. Zur Strafe veranlasste Radomsky die Exekution.

einestages: Was stimmt überhaupt am Mythos? Bis heute heißt es, die Deutschen hätten rüde gefoult und der deutsche Schiedsrichter sei parteiisch gewesen.

Herzog: Die ukrainischen Wissenschaftler Maryna Krugliak und Viktor Yakovenko haben dafür keinerlei Beweise gefunden. Vielmehr scheint es genau umgekehrt gewesen zu sein: Der Mannschaftskapitän des FK Start sagte aus, dass im Hinspiel am 6. August 1942 gerade die Ukrainer sehr schmutzig und brutal spielten, einem Deutschen brachen sie gar das Knie. Beide Spiele waren für die unterjochten Ukrainer auch ein Ventil.

einestages: Während der Halbzeitpause des Rückspiels am 9. August 1942 soll ein SS-Mann in die Kabine der Ukrainer gekommen sein und den Start-Kickern nahegelegt haben, die Konsequenzen eines Sieges zu überdenken.

Herzog: Keiner der befragten Start-Spieler hat derartiges berichtet. Nicht einmal die Mär mit den roten Trikots stimmt. Die symbolisierten nicht die kommunistische Gesinnung der ukrainischen Kicker, sondern wurden von der deutschen Stadtverwaltung gestellt. Die Start-Kicker waren keine Vorzeige-Stalinisten - drei von ihnen waren sogar Gestapo-Spitzel, wie aktuelle Forschungen ergeben haben.

einestages: Aber die Niederlage gegen den FK Start war für die Deutschen unbestritten eine Demütigung.

Herzog: Nur Joseph Goebbels und sein Propagandaministerium sahen das so. Das Außenministerium hingegen hatte überhaupt keine Probleme damit, dass deutsche Fußballer verloren. Erklärtes Ziel solcher Spiele im Krieg war es ja, die unterworfene Bevölkerung bei Laune zu halten und als Verbündete gegen die Rote Armee zu gewinnen. Dafür eignet sich eine Schlappe doch viel besser als ein Sieg. Es gibt ein unmittelbar nach der Partie geschossenes, jahrzehntelang nicht gezeigtes Foto, auf dem die Spieler beider Mannschaften gut gelaunt in die Kamera lachen.

einestages: Warum waren die Akten der 1944 angestellten Untersuchungen zum "Todesspiel" bis 1992 unter Verschluss?

Herzog: Das Ganze war äußerst peinlich für die Sowjetunion. Sie hatte gezielt die Legende verbreitet, nach der die Start-Spieler ermordet wurden - gleichzeitig verlieh sie den überlebenden Kickern nach dem Krieg Tapferkeitsmedaillen und Verdienstorden. Das passte hinten und vorn nicht zusammen und durfte nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

einestages: 2005 schloss die Hamburger Staatsanwaltschaft endgültig die Akten zum "Todesspiel".

Herzog: Aber in Deutschland verbreiten Publizisten der politischen Linken die Legende immer noch. Der Mythos vom "Todesspiel" ist wichtiger Bestandteil einer linken Erinnerungskultur.

einestages: Im Mai 2012 kam der Film "Match" des russischen Regisseurs Andrej Maljukow in die ukrainischen Kinos. Auch er macht die Legende zum Thema und garniert sie mit einer schmalzigen Liebesgeschichte. Müssen die deutschen EM-Touristen sich vor Aggressionen fürchten?

Herzog: Der Streifen wird eher antirussische Ressentiments wecken, da er die Ukrainer als Kollaborateure der Nazis verunglimpft und nur die, die im Film Russisch sprechen, als gute, antifaschistische Helden verklärt.

einestages: Wieso hält sich der Mythos vom "Todesspiel" so hartnäckig?

Markwart Herzog: David besiegt Goliath - und das auch noch vor der dramatischen Kulisse des besetzten Kiews mitten im Zweiten Weltkrieg: Der Plot ist dramaturgisch genial. So genial, traurig und wunderbar, dass er einfach wahr sein muss. Dazu kommt, dass es keinen Fußballmythos gibt, der so lange, so effektiv und auf so vielen verschiedenen Ebenen transportiert worden ist wie der des "Todesspiels". Der Mythos ist fest im kollektiven Bewusstsein verankert - und von liebgewordenen Traditionen verabschiedet sich niemand freiwillig.

Das Interview führte Katja Iken

Artikel bewerten
3.1 (29 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
peter wilhelm 17.06.2012
wir lernen: fakten sollten einer guten geschichte nicht im wege stehen.
2.
Hans-Gerd Wendt 17.06.2012
Ich verstehe nicht ganz: Von den 11 Mitgliedern der Mannschaft wurden 9 verhaftet und vier davon ermordet. Einer davon nach Folter per erschießen und 3 im KZ exekutiert. Zwei werden als Nazispitzel genannt und überlebten wahrscheinlich zumindest die deutsche Besatzung. Aber was wurde aus den anderen drei? Die spitzfindige Verneinung eines ?Todesspiels? scheint mir doch eher ein Reinwaschungsversuch für die Nazis und ihre Fußballer zu sein. Denn trotz der etwas verspäteten Verhaftung der 9 ist eindeutig ein Zusammenhang mit dem siegreichen Spiel zu erkennen.
3.
Gerd Meinhold 18.06.2012
So wie ich das lese, wurden die Spieler von einer anderen konkurrierenden (ukranischen) Mannschaft denunziert. Nix also mit gekränkten Deutschen, wegen der Niederlage. Im Fußball verlieren, das ging offenbar noch, aber die Geschichte mit dem KZ-Hund ist schon übel. Daran sieht man wirklich die verbrecherische Ideologie der Nazis, ein Hund war mehr wert als drei KZ-Häftlinge.
4.
Theo Scholiastis 19.06.2012
tja die Geschichte wird immer von der Gewinner geschrieben ...und damals waren die Russen gewesen......wird jetzt wieder neu von der Deutschen neugeschrieben............?????!!!!
5.
michael mills 20.06.2012
Die 9 Start-Spieler wurden aus zwei berechtigten Gruenden verhaftet und eingesperrt: 1. Sie standen unter Verdacht, untergetauchte NKVD-Agenten zu sein, weil sie als fruehere Dynamo-Kiew-Spieler eine vermutliche Beziehung zum NKVD hatten. 2. Als Arbeiter in einer Brotfabrik hatten sie die Moeglichkeit, die Brotversorgung der Stadt Kiew zu sabotieren, wenn sie tatsaechlich NKVD-Agenten waren. Einer von den verhafteten Start-Spielern hatte beim NKVD als Automechaniker gearbeitet. Ob die anderen 8 eine tatsaechliche Beziehung zum NKVD hatten, bleibt fraglich. Doch musste gegen die 9 Start-Spieler als vermeintliche die Lebensmittelversorgung gefaehrdende kommunistische Agenten hart durchgegriffen werden, genauso wie heutzutage in Deutschland gegen Salafisten hart durchgegriffen wird.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen