Todesstrafe in der DDR "Alles Käse, Genossen. Hinrichten"

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Im Juli 1987 ließ SED-Chef Erich Honecker in der DDR die Todesstrafe abschaffen - zum Verdruss seines Alter Egos, Stasi-Boss Erich Mielke. Der hätte vermeintliche Verräter auch in den achtziger Jahren noch am liebsten ohne Verfahren an die Wand gestellt. Von

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"Wir sind nicht davor gefeit, dass wir einmal einen Schuft unter uns haben", gab sich Stasi-Chef Erich Mielke im Kreise seiner Spitzenkader selbstkritisch. An seinem persönlichen Patentrezept gegen Abweichler ließ der Genosse Minister seine Generäle auch gleich teilhaben: "Wenn ich das schon jetzt wüsste, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzer Prozess." Formalitäten fand Mielke entbehrlich: "Das ganze Geschwafel von wegen nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil - alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil."

Die abfällige Bemerkung des Stasi-Haudegens über die Verweichlichung der Sitten im Kampf der Klassen und Systeme galt nicht zuletzt seinem eigenen Dienstherren: SED-Chef Erich Honecker hatte zwar auch nicht unbedingt Skrupel, wenn es darum ging, gelegentlich einen seiner Untertanen an den Henker zu liefern. Doch als Staatschef eines halben Landes, dabei durchaus mit dem Drang nach Weltgeltung waren die potentiellen Folgen einer Todesstrafendebatte auf das DDR-Bild im Ausland für Honecker immerhin Teil einer politischen Mischkalkulation.

Zwar wurden Todesurteile in der DDR schon seit den sechziger Jahren nur noch höchst selten an die große volkspädagogische Glocke gehängt, wie ausnahmsweise im Fall des 1972 hingerichteten, 19-jährigen "pädophilen Blutsadisten" und dreifachen Kindermörders Erwin Hagedorn aus Eberswalde. Über die Durchführung von Exekutionen, die seit Anfang der sechziger Jahre in der hochkonspirativen zentralen Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig stattfanden, wurde ohnehin strengstes Stillschweigen bewahrt.

Schaurige Details von missglückten Hinrichtungen

Doch seit 1975 verlangten die Vereinten Nationen von ihren Mitgliedern, über Todesurteile informiert zu werden; zeitgleich erhob die "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa " (KSZE) die Achtung der Menschenrechte zum Leitprinzip des blockübergreifenden Dialogs - und das noch junge, aber überaus stolze Uno-Mitglied DDR (seit 1973) sah sich in einer gewissen diplomatischen Klemme.

Für den Staatsmann Honecker dürfte es ein durchaus belastender Gedanke gewesen sein, dass das dunkle Geheimnis der Todeszellen an die westliche Öffentlichkeit geraten könnte - vielleicht sogar mit schaurigen Details von missglückten Exekutionen wie einst der des Delinquenten, dem das Fallbeil in der Schulter stecken blieb. Oder den beiden Fälle, in denen der Genickschuss knapp daneben gegangen war: Der anwesende Arzt hatte seinerzeit dem Henker die Herzen der Opfer für den zweiten, tödlichen Schuss markieren müssen.

Mit dem Finger etwa auf die Amerikaner und ihren elektrischen Stuhl zu zeigen, wäre für die "Humanisten" im Osten da recht schwierig geworden. Honecker, der Staatsmann, neigte daher zu einem recht großzügigen Umgang mit Begnadigungen: Wer wegen Schwerverbrechen zum Tode verurteilt war, konnte in den siebziger und frühen achtziger Jahren zuversichtlich auf ein Pardon aus dem Politbüro rechnen; der letzte Mörder sühnte seine Tat just in jenem Jahr 1975 mit dem Leben. "Der Mann ist doch krank. EH", vermerkte der Diktator dann schon einmal auf einer Vorlage.

Keine Gnade gab es in der Ära Honecker dagegen für "Politische", zumeist abtrünnige oder überlaufgefährdete Stasi-Mitarbeiter. Um es sich mit seinem kratzbürstigen und unberechenbaren Konkurrenten Mielke nicht zu sehr zu verderben, ließ Honecker gerade "Verräter" aus den Reihen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) dem Henker zuführen, um sie mit einem "unerwarteten Nahschuss in das Hinterhaupt" zu liquidieren.

Der BND wusste nichts vom angeblich neuen Mitarbeiter

So erging es auch dem letzten bekannten Opfer der DDR-Justiz, dem Stasi-Hauptmann Werner Teske, hingerichtet am 26. Juni 1981. Der 39-jährige Offizier hatte MfS-Material gebunkert und geriet in den Verdacht, es dem BND andienen zu wollen. Wegen vollendeter Spionage in einem schweren Fall wurde Teske in einem Geheimprozess von knapp zwei Tagen Dauer zur Höchststrafe verurteilt; dass der BND von "seinem" neuen Mann in Ost-Berlin noch gar nichts wusste, interessierte die Richter nicht.

Erich Mielke war selbst das noch zu milde, wie seine Äußerung im Kollegenkreis ein gutes halbes Jahr nach Teskes Hinrichtung belegt. Honecker brauchte noch sechs weitere Jahre, um über den Schatten seines Alter Egos zu springen und das archaische Relikt im DDR-Strafgesetzbuch in die Wagschale der Diplomatie zu werfen - kurz vor seiner historischen Reise in die Bundesrepublik im September 1987 ließ der SED-Generalsekretär am 17. Juli 1987 verkünden, die Todesstrafe sei nunmehr abgeschafft.

Viele DDR-Bürger wussten bis zu diesem Tag nicht einmal, dass es die in ihrem Staat gegeben hatte. Mehr als 160 allerdings hatten es am eigenen Leib erfahren müssen.

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