Todesstrafe in der DDR Der Henker kam von hinten

Todesstrafe in der DDR: Der Henker kam von hinten Fotos
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Die Todesstrafe war eines der größten Geheimnisse der DDR: 1987 schaffte das Politbüro Exekutionen ab. SED-Chef Honecker ging es dabei nicht um Humanismus und Menschenrechte - der Diktator brauchte den guten Willen des Westens, um seinen maroden Staat am Leben zu halten.

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Es war eine ungewöhnlich interessante Neuigkeit in den ansonsten zuverlässig langweiligen Abendnachrichten des DDR-Fernsehens. Das SED-Politbüro unter Generalsekretär Erich Honecker, so die Meldung der "Aktuellen Kamera" am 17. Juli 1987, habe die Abschaffung der Todesstrafe beschlossen. Dank der "konsequenten Bestrafung von Nazi- und Kriegsverbrechen" in der DDR und der stabilen sozialen Lage seien die "historischen Erfordernisse" für die Todesstrafe nun entfallen.

Der überraschende Ukas beendete eine lange Blutspur, mit der sich Honecker, sein Vorgänger Walter Ulbricht und Helfershelfer wie die blutrünstige Justizministerin Hilde Benjamin seit 1949 in die deutsche Geschichte eingeschrieben hatten. Während die Bundesrepublik die Todesstrafe im Grundgesetz von Anbeginn geächtet hatte, sahen die ostdeutschen Kommunisten in staatlich sanktionierten Liquidierungen geradezu ein "Gebot sozialistischer Gerechtigkeit", so ein DDR-Gesetzeskommentar von 1969. Insgesamt 227-mal wurde die Höchststrafe in 40 Jahren DDR verhängt - und in mehr als zwei Dritteln der Fälle auch vollstreckt.

Bei weitem nicht alle der Hingerichteten waren Kriegsverbrecher oder Kindermörder. Per Galgen, Fallbeil oder Genickschuss richtete der erste deutsche Arbeiter- und Bauernstaat neben Nazi-Schergen und Schwerverbrechern immer wieder auch "Agenten" oder "Saboteure", die den SED-Oberen aus politischen Gründen missliebig waren. Auf insgesamt 20 Delikte stand in der DDR der Tod - selbst im Kaiserreich im 19. Jahrhundert waren es gerade drei gewesen.

Auf das Schafott folgte der Nahschuss

Nicht der Richter entschied im realen Sozialismus, ob einen Angeklagten das Todesurteil traf - dergleichen behielten sich das Politbüro beziehungsweise der Parteichef vor. Auch Urteile gegen gewöhnliche Kriminelle waren in diesem Sinne "rechtswidrige Mordaufträge", so der Berliner Historiker Falco Werkentin, der die Hinrichtungspraxis der DDR erforscht hat.

Wie perfide das System funktionierte, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr des Mauerbaus 1961: Die Vorlage der Staatsanwaltschaft, den einen Angeklagten zum Tode, den anderen zu lebenslanger Haft zu verurteilen, beantwortete die Parteiführung völlig unverblümt mit einer Lüge: "Das Politbüro nimmt den Bericht zur Kenntnis, wonach gegen B. und K. die Todesstrafe zu beantragen ist." Der Ankläger verstand den Wink von oben genau: "Vorschlag muss umformuliert werden", vermerkte er in der Akte.

Bis 1968 wurden Verurteilte im Namen des Sozialismus guillotiniert; das Schafott, mit dem noch in den Fünfzigern Delinquenten in Dresden vom Leben zum Tode befördert wurden, hatten vor 1945 auch schon die Nazis genutzt. Danach wurden Verurteilte nach sowjetischem Vorbild mit einem "unerwarteten Nahschuss in den Hinterkopf" getötet: Beim Betreten des Hinrichtungsraums trat der Henker unvermittelt von hinten an den Verurteilten heran und gab ihm einen Genickschuss. Dem Opfer wurde so auch noch der letzte kleine Rest an Menschenwürde genommen - die Stasi hingegen begrüßte den Methodenwechsel "im Interesse des humanitären Anliegens unseres sozialistischen Strafrechts".

Während in den frühen Jahren der DDR stalinistische Schauprozesse mit vielen Todesurteilen noch an der Tagesordnung waren - etwa das Tribunal im sächsischen Waldheim 1950 -, breitete die SED-Führung seit den sechziger Jahren den Mantel des Schweigens über Gerichtsverfahren mit letalem Ausgang. Nur noch in Ausnahmefällen wurden Todesurteile veröffentlicht, die Existenz einer zentralen Hinrichtungsstätte in Leipzig - wo seit 1960 in einem Nebentrakt der dortigen Strafanstalt in der Alfred-Kästner-Straße alle Exekutionen durchgeführt wurden - zählte zu einem der dunkelsten Geheimnisse der SED-Diktatur.

Eine "interessante" Nachricht

Insbesondere politisch gefärbte Urteilsvollstreckungen wurden von den "Staatsorganen" mit größtem Aufwand vertuscht und verschleiert: Auf Totenscheinen erschien als Todesursache "Kreislaufversagen" oder "Herzinfarkt", die Leichen wurden umgehend verbrannt und anonym bestattet. Die Witwe des abtrünnigen Stasi-Hauptmanns Werner Teske, an dem am 26. Juni 1981 wegen "Verratsplänen" das letzte Todesurteil in der DDR vollstreckt wurde, wusste lange Zeit nichts über das Schicksal ihres Mannes - sie erfuhr erst nach dem Sturz der SED 1990 von seiner Hinrichtung.

Viele DDR-Bürger erfuhren überhaupt erst durch die Nachricht von ihrer Abschaffung verwundert von der blutigen Praxis in ihrem Staat. Honecker und der SED-Führung war die Meinung ihrer Untertanen allerdings ohnehin herzlich egal. Sie wollten mit der unerwarteten Kehrtwende nicht etwa zu Hause punkten, sondern vor allem bei der Öffentlichkeit im Westen: Vor allem anderen sollte mit dem "humanistischen, kulturvollen, historischen und weltpolitischen Schritt" gut Wetter für den bevorstehenden Besuch des Staatsratsvorsitzenden Honecker in der Bundesrepublik gemacht werden. Gezielt ließ die Ost-Berliner Regierung denn auch in Bonn streuen, das DDR-Fernsehen werde am Abend eine "interessante" Nachricht bringen.

Selten dürften so viele West-Politiker die "Aktuelle Kamera" geschaut haben wie an diesem Tag vor zwanzig Jahren. "Das ist schon toll, wie Honey seine Reisen vorbereitet", entfuhr es einem Bonner Unterhändler laut SPIEGEL. Doch die Bundesregierung mochte diese und andere wohlbedachte Morgengaben aus Ost-Berlin nicht mit dem dringend erhofften Geldsegen beantworten - zwei Jahre nach dem historischen Honecker-Besuch in Bonn ereilte den ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat im Herbst 1989 das Fallbeil der Geschichte.

Hans Michael Kloth

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 13.07.2007

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Christiane Theiß 25.01.2010
Und dann gibt es immer noch die Vielen, die sich dagegen wehren, wenn man die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet. Ein Regime, das auf seine Bürger schießen lässt, nur weil sie woanders hinwollen, das bespitzelt und mit der perfiden Taktik der "Zersetzung" arbeit, in Stasi-Knästen foltert - eine Willkürjustiz, die im staatlichen Auftrag hinrichten lässt .... Das hat ja wohl mit den Prinzipien eines Rechtsstaats nicht das mindeste zu tun.
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