Todesstrafe in der DDR Erich Mielkes ganz kurze Prozesse

Todesstrafe in der DDR: Erich Mielkes ganz kurze Prozesse Fotos
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Ende der "sozialistischen Gerechtigkeit": Vor 25 Jahren schaffte Erich Honecker die Todesstrafe ab. Mehr als 160 Menschen waren bis dahin in der DDR mitunter heimlich hingerichtet worden. Zu den Verurteilten zählten Stasi-Spitzel, die in Ungnade gefallen waren - und ein Saboteur, der keiner war. Von

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Der letzte Weg von Werner Teske war zehn Meter lang. Zwei Gefängniswärter hatten ihn am Morgen des 26. Juni 1981 aus seiner Zelle geholt und schleppten ihn nun durch einen gefliesten Gang der Strafvollzugseinrichtung Alfred-Kästner-Straße in der Leipziger Südvorstadt. Am Ende des Korridors trat der schmale Herr mit dem adrett gekämmten Haar in einen fensterlosen Raum der ehemaligen Hausmeisterwohnung.

Dort baute sich vor Teske Staatsanwalt Heinz Kadgien auf und las von einem Stück Papier ab, dass "der Vorsitzende des Staatsrates von einer Gnadenentscheidung abgesehen" habe. Wieder einmal entschied SED-Chef Erich Honecker in letzter Instanz persönlich über Leben und Tod. Sekunden später trat der Henker von hinten an den Verurteilten heran, zielte mit seiner schallgedämpften Dienstpistole, Typ Walther P38, auf dessen Hinterkopf und drückte ab.

Der 39-jährige Familienvater, einst ein glühender Kommunist, der dann am System zweifelte, brisante Stasi-Papiere sammelte und wegen Hochverrats verurteilt wurde, war der letzte Mensch, der auf deutschem Boden hingerichtet wurde. Und das ganz still und heimlich. Denn laut Sterbeurkunde starb er am 26. Juni 1981 um 10.10 Uhr im Johanniter-Krankenhaus Stendal an "Herzversagen". Seine Frau erfuhr erst nach der Wende, was ihrem Mann in Wahrheit zugestoßen war.

Hinrichtung wegen einer fehlgeleiteten Weiche

Erst sechs Jahre nach Teskes Erschießung sah die DDR-Führung ein, dass die Todesstrafe politisch nicht mehr tragbar war. Wie wollte man die Theorie von der moralischen Überlegenheit der DDR und der Friedfertigkeit des Sozialismus aufrechterhalten? Zudem stand 1987 ein wichtiges Gipfeltreffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn an. Also wagte das SED-Politbüro am 17. Juli 1987 die Flucht nach vorn: Stolz verkündetet es 17. Juli 1987, dass Exekutionen wegen der "konsequenten Bestrafung von Nazi- und Kriegsverbrechen" nunmehr überflüssig seien. Selbst die Abschaffung der staatlichen Liquidation wurde noch als Sieg verkauft.

Dabei war sie lange ein wichtiges Machtinstrument der SED-Diktatur gewesen. Insgesamt 231-mal wurde die Höchststrafe verhängt, zwei Drittel davon wurden auch vollstreckt. Und anders als offiziell verkündet, waren es keineswegs nur NS-Verbrecher, Mörder und Schwerstverbrecher, die die DDR exekutieren ließ. 1955 musste ein Kraftwerksdirektor sterben, weil er in den Westen fliehen wollte. Einem Eisenbahner, der im selben Jahr eine Weiche falsch gestellt hatte, unterstellten die Richter Sabotage. Er habe die Verteidigungskraft der DDR untergraben und musste dafür sterben.

Anfangs schlachtete der Arbeiter- und Bauernstaat seine Hinrichtungen noch mit viel propagandistischem Getöse aus und verkaufte sie öffentlich sogar als "Gebot sozialistischer Gerechtigkeit". Einige Verhandlungen fanden daher auf Bühnen in Kulturhäusern statt. Andere wurden per Tonbandaufnahmen für die Nachwelt dokumentiert. So auch der spektakuläre Prozess gegen Werner Gladow - den ersten Menschen, den die DDR hinrichten ließ.

Blutiger Auftakt

Gladow, ein Metzgersohn aus einem Berliner Mietskasernen-Viertel, war athletisch, aufgeweckt - und einer der gefährlichste Gangster Deutschlands. Gerade 17-jährig hatte er 1948 das Kartell der "Weißen Krawatten" aufgebaut, er selbst sah sich in der Tradition des skrupellosen Mafia-Bosses Al Capone. Entsprechend lang war die Anklageliste, als Gladow nach einem einstündigen Feuergefecht mit der Volkspolizei festgenommen war und im Frühjahr 1950 vor Gericht gestellt wurde: Zwei Morde warfen die Ermittler seiner Bande vor, außerdem 15 Mordversuche, massenweise bewaffnete Überfälle, Straßenraub, Diebstahl, 21 Entwaffnungen von DDR-Beamten. Das Urteil über Bandenchef Gladow: Tod durch die Guillotine.

Wenige Monate später, am Morgen des 11. November 1950, schnallten die Beamten den Gangsterboss in Frankfurt an der Oder auf ein bewegliches Holzbrett. Sie schoben das Brett nach vorne, bis Gladows Genick unter der mächtigen Klinge lag. Um 6.05 Uhr fiel das Beil - und blieb im Nacken des Verurteilten stecken, ohne ihn zu töten. Zügig zogen die Henker die Schneide wieder hoch, wieder stürzte die Klinge herab. Erneut ohne Erfolg. Gladow brüllte vor Schmerz und Todesangst. Erst nach dem dritten Versuch rollte sein Kopf.

Doch diese ebenso pannenreiche wie unmenschliche Hinrichtung brachte die DDR nicht zum Umdenken. 1968 ersetzte der "unerwartete Nahschuss in den Hinterkopf" die Guillotine. Viel wichtiger war ein innerer Strategiewechsel, der fast zeitgleich stattfand: Je mehr politische Gegner auf Geheiß in mitunter fadenscheinigen Prozessen zum Tod verurteilt wurden, desto unauffälliger sollten sie beseitigt werden. Ab 1972 wurden nur noch politische Gegner hingerichtet: Unbequeme und Zweifler, vermeintliche oder wahre Abtrünnige - die meisten von ihnen ehemalige Mitarbeiter des SED-Spitzelapparats, die irgendwie in Misskredit geraten waren.

"Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil"

Das staatliche Töten wurde nach und nach aus der Öffentlichkeit verbannt und in den kleinen Nebentrakt der Leipziger Strafanstalt verlegt. Diese Vertuschung war auch außenpolitischem Druck geschuldet. Die "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE), an der 1973 neben der Bundesrepublik auch gleichberechtigt die DDR teilnahm, erhob nach zweijähriger Verhandlung in ihrer Schlussakte die Menschenrechte zum höchsten Gut. Und als die Uno zwei Jahre später die DDR aufnahm, verpflichtete sich das sozialistische Neumitglied, die Völkergemeinschaft über jedes Todesurteil zu unterrichten. In Wahrheit schwieg die DDR - und tötete heimlich einfach weiter.

"Das ganze Geschwafel von wegen nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil - alles Käse, Genossen", polterte Stasi-Chef Erich Mielke noch im Februar 1982 im Kreise seiner Spitzenkader. Kühl fügte er hinzu: "Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil." Letztlich gestattete Mielke zwar Gerichtsverhandlungen, aber nur die "ganz kurzen". Denn Prozesse gegen Überläufer und Verräter sollten nicht fair sein, sondern abschreckend.

So wie im Fall von Stasi-Offizier Teske. Denn der war einst ein überzeugter Anhänger des Regimes gewesen. 1967 hatte er seine wissenschaftliche Laufbahn als Finanzökonom gegen das Angebot zur Stasi-Mitarbeit getauscht. Schnell stieg er zu einem der erfolgreichsten Wirtschaftsspione auf: 15 Spitzel unterstanden ihm später in der Bundesrepublik, seine Agentenberichte galten als erstklassig, die Nationale Volksarmee verlieh Teske zwei Verdienstmedaillen.

Drehbuch für den Schauprozess

Doch Mitte der siebziger Jahre entfremdete er sich von der DDR. Sein Lebenstraum war immer eine wissenschaftliche Karriere gewesen. Als ihm klar wurde, dass die Stasi ihn, auch wenn sie es erst anders versprochen hatte, nicht mehr in die Forschung zurückkehren lassen würde, geriet sein Leben aus der Bahn. Er begann zu trinken, seine Ehe kriselte. Teske begann, seine Flucht in den Westen vorzubereiten, hortete in seiner Waschküche 3300 geheime Stasi-Papiere. Dann wurde er entdeckt.

Sein Urteil stand von Beginn an fest. Staatsanwalt Kadgien hatte Stasi-Chef Mielke lange vor Eröffnung des Verfahrens die Todesstrafe vorgeschlagen, bei Honecker hatte er dies sogar schriftlich beantragt. Beide stimmten zu.

Die Juristen erstellten daraufhin eine "Konzeption zur Hauptverhandlung" - ein Prozessdrehbuch mit minutiöser Planung sämtlicher Argumente, Anträge und Lügen: Eröffnung des Verfahrens vor dem Militärstrafsenat des Obersten Gerichts am 10. Juni 1981 um 8.30 Uhr, Urteil tags darauf um 15.30 Uhr. Drei halbstündige Pausen waren vorgesehen, der Pflichtverteidiger durfte ebenfalls 30 Minuten sprechen. Abweichungen vom Zeitplan, den Teilnehmern oder gar dem Ergebnis waren nicht vorgesehen. Die letzten Worten des Konzeptpapiers: "Das Urteil ist rechtskräftig. Abführen."

16 Tage später war Teske tot, verurteilt wegen "Verbrechens der Spionage im besonders schweren Fall" und "vorbereiteter Fahnenflucht". Doch den DDR-Juristen reichte das nicht: Seine Frau Sabine musste eine neue Identität annehmen und mit ihrer 15-jährigen Tochter Jana von Berlin in die Nähe von Schwerin ziehen. Sogar den Hund des Paars hatten Stasi-Beamte einschläfern lassen.

Sabine Teske erfuhr erst 1990 von der Hinrichtung ihres Mannes. In welchem Massengrab seine Asche verscharrt wurde, weiß sie bis heute nicht. An das letzte Hinrichtungsopfer erinnert nur ein Gedenkstein auf einem Leipziger Friedhof - und der Eintrag einer namenlosen Anatomieleiche in den Unterlagen des Krematoriums.

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1.
Daniel Nemer, 17.07.2012
Den Artikel kann man auf wenige Worte zusammenstreichen: "Böse DDR". Klingt alles wie ein Propagandaartikel aus früheren Zeiten.
2.
Wolfgang Prestel, 17.07.2012
Mit dem Staatsanwalt ist sicher nichts passiert. Er hat nach der Wende weiter Karriere gemacht und bezieht heute eine hübsche Pension.
3.
Thomas M Cetti, 17.07.2012
Mielke war nur ein mieser, kleiner Karrierist, wie sie in unserer Welt zuhauf herumlaufen. Er liess meine Eltern, wie eine Katze die Maus, 12 Monate lang beobachten, dann am Heiligabend(!) 1954 verhaften, um als damals noch stellvertretender Stasi-Chef, sich dem ZK der SED als besonders harter Vollstrecker für höhere Aufgaben zu empfehlen. Dabei schreckte er auch nicht vor einer nachweisbar dreisten Lüge gegenüber dem ZK zurück, was die Gefährlichkeit meines Vaters gegenüber dem DDR-Regime betraf.
4.
Thomas M Cetti, 17.07.2012
Zum Foto nur 11 ist noch anzumerken, daß die Stadt Bernburg an der Saale, die "Rote Guillotine", Hildegard Benjamin, zur "Ehrenbürgerin" ihrer Stadt ernannt hat.
5.
Birgit Meseck-Thieme, 17.07.2012
Es wäre schön, wenn sich das zuständige Stasi-Museum in der "Runden Ecke" und die Stadt Leipzig dazu durchringen könnten, die Hinrichtungsstätte nicht nur zweimal im Jahr, sondern dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und nicht nur wegen "Personalmangel" seit Jahren immer wieder verschieben würden.
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