SPIEGEL-Gründer Wie Augstein zufällig Journalist wurde

SPIEGEL-Gründer: Wie Augstein zufällig Journalist wurde Fotos
Max Ehlert / DER SPIEGEL

Sie nannten ihn "Gigant des Journalismus", dabei wollte er gar nicht zur Zeitung. Zum zehnten Todestag des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein erinnert einestages an seine Anfänge als Lokalberichterstatter - und eine heikle Situation, die ihm schon als jungem Mann fast die Karriere gekostet hätte. Von

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"FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher nannte ihn damals, vor zehn Jahren, den "Giganten des Journalismus". Und Erich Böhme, 16 Jahre Chefredakteur des SPIEGEL, schrieb in seiner Würdigung: "Wie oft hat er gefragt, nachdem wir hämisch über einen geschrieben hatten: Hat er das verdient? Aber wir haben die Wahrheit gewollt. Darin war er unbestechlich, halt Journalist."

Er, das war Rudolf Augstein, Gründer des SPIEGEL und "dessen Inkarnation", wie ihn Michail Gorbatschow in seinem Nachruf nannte, fünf Tage nach Augsteins Tod am 7. November 2002. Dutzende davon erschienen im SPIEGEL, verfasst von Politikern, Künstlern, Kollegen, Hymnen allesamt und immer mit der gleichen Botschaft: Gestorben war ein außergewöhnlicher Journalist, einer der wichtigsten auf jeden Fall. Der größte? Vielleicht.

"Ich konnte doch nirgendwo hin. Ich konnte nicht studieren, weil ich nicht im Arbeitsdienst gewesen war. In den Arbeitsdienst wollte ich nicht. Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich konnte zu Hause rumlungern oder ich ging zu einer Zeitung."

So beschrieb Rudolf Augstein selbst seine journalistischen Anfänge 1941. Er tat das in einem Interview mit SPIEGEL TV, das die Autorin Tamara Duve und der damalige SPIEGEL TV-Chefredakteur Stefan Aust 1993 anlässlich von Augsteins 70. Geburtstag mit ihm führten. Das Interview, das nie vollständig ausgestrahlt wurde, ist ein sehr persönlicher Rückblick auf das bewegte Leben des Verlegers. Und darin schildert Augstein - oft lakonisch - auch seinen Berufsstart mitten im Zweiten Weltkrieg. Die vielleicht überraschendste Erkenntnis: Ausgerechnet der "Journalist des Jahrhunderts" ("Medium Magazin") wurde eher zufällig Journalist.

Im April 1941, nach dem Abitur, macht Augstein in Hannover sein erstes Volontariat. Er geht, statt zu Hause rumzulungern, zum "Hannoverschen Anzeiger" und macht fortan Lokaljournalismus. Er schreibt über Kaninchenzüchtervereine und verfasst Gedichte gegen das Rauchen - nicht, weil er es will, aber weil er es kann. Für den ziellosen jungen Mann muss es eine tolle Zeit sein, schließlich hat er sich entschlossen, selbige bei der Zeitung "möglichst vergnüglich und fruchtbar totzuschlagen". Es gelingt ihm vortrefflich. Ein besonderes journalistisches Talent attestiert sich Augstein im Rückblick jedoch nicht.

Im Gespräch mit Aust und Duve erinnert sich Augstein auch an eine Situation, die seine gesamte Karriere hätte ruinieren können, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Glück habe er damals gehabt, "wirklich Glück", erzählt Augstein. "Da hieß es: 'Ja, es kommt ein Staatsgast. Ein Herr Vidkun Quisling, muss empfangen werden, mit Foto.'" Der Lokalredakteur schickt Augstein auf den Termin. "Ich wusste ja nicht, wer es war, habe mich nicht erkundigt, war ja nur ein Foto."

Doch der Staatsgast ist norwegischer Ministerpräsident - und ein glühender Nazi, der sich selbst Fører ("Führer") nennen lässt. Schließlich nimmt doch der Lokalredakteur den Termin wahr und bewahrt den späteren SPIEGEL-Gründer vor einem lebenslangen Stigma. "Wäre ich dahin gegangen, hätte ich ohne Zweifel Herrn Vidkun Quisling die Hand gedrückt, das wäre fotografiert worden und Adé schöne Journalistenlaufbahn." Seine Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend habe man ihm nach dem Krieg nicht übel genommen, so Augstein. "Aber ein Bild mit Quisling, das wäre nicht gegangen."

Nach dem Volontariat beginnt für Augstein im April 1942 der Kriegsdienst. Der Kanonier und Funker wird per Zug ins russische Woronesch geschickt und bleibt ganze sechs Wochen. "Ich schoss einmal die Woche, am Sonntag gegen zwölf, eine 50-Zentimeter-Haubitzengranate über den Fluss. Ich fürchte, ich habe durch Zufall dort mal einen Menschen getroffen, was nicht meine Absicht war", erinnert sich Augstein in dem Interview. "Aber ich konnte nicht wissen - an sich streuen diese Haubitzen sehr weit, also 400 Meter - dass ich da gerade jemanden treffe, der da seine Notdurft verrichtete. Vielleicht ist ihm auch nichts passiert."

"Nimm das Fahrrad, deins ist geklaut"

Auch seine so kurze wie skurrile Fronterfahrung verarbeitet der Leutnant journalistisch. Der Artikel in seiner Heimatzeitung kommt bei den Lesern allerdings nicht so gut an. Denn Augstein beschreibt, "wie man so im Kriege doch ganz frisch-fröhlich vor sich hinleben kann. Wie schön es im Krieg ist. Da habe ich natürlich alle gegen mich aufgebracht." Für die Beschreibung der Reaktionen auf die vermeintlich vorlauten Worte des unerfahrenen Soldaten wählt er eine Passage aus Rudyard Kiplings "Dschungelbuch": "Der Schakal kam im August zur Welt, im September hat's geregnet, da sprach er, dass so viel Wasser fällt, ist mir noch nie begegnet."

Und Augstein ("Es war ein harmloser Artikel") hatte durchaus Verständnis für die Kritik. "Ich hatte doch im Grunde nichts erlebt außer einer Bahnfahrt. Die haben nicht auf uns geschossen und wir nicht auf sie." Die Leiden des Krieges verschonen den jungen Leutnant ansonsten.

Im Sommer 1945 steht Augstein erneut vor der Entscheidung: Was tun?

"Erst mal Arbeitsamt", erzählt er und beschreibt, wie ihm in einem Abstellraum das Fahrrad seiner Schwester gestohlen wird. "Und nachdem ich also nun meine Arbeitslosigkeit angemeldet hatte, kam ich in diesen Raum zurück und starrte auf eine leere Wand. Das Fahrrad war weg. Besonders unangenehm, weil es nicht mein eigenes war. Da habe ich immer unterwegs überlegt, bei jedem Fahrrad, das nicht angekettet war: 'Nimm das Fahrrad, deins ist geklaut, du klaust dieses.' Dann habe ich gesagt: 'Du bist lebend aus dem Krieg gekommen, tu's nicht.'''

Doch die Arbeitslosigkeit hat schnell ein Ende. Ein Bekannter ist Chefredakteur einer Zeitung, die, sagt Augstein, "hatte eine Vorderseite und eine Rückseite und erschien viermal die Woche": das "Hannoversche Nachrichtenblatt". Augstein stellt sich vor und bekommt einen Job als sogenannter Sub-Editor. Die Aufgabe des Redakteurs: Artikel bearbeiten, Überschriften machen.

200 Mark von der "Welt" - ohne Gegenleistung

Die Frage, ob das ein Herzensjob ist, stellt sich wieder nicht. Augstein macht, was sich eben gerade anbietet. "Ich war zu Hause, musste nicht frieren, musste nicht nach Göttingen, wo ich studiert hätte und auf Herrn von Weizsäcker getroffen wäre, der auch Jura studierte - das wusste ich aber damals nicht, sonst wäre ich vielleicht doch hingefahren." Ein fast belustigter Rückblick auf einen spontanen Entschluss, der zur Lebensentscheidung wird. "War ich eben Sub-Editor", so achselzuckend kommentiert Augstein seinen erneuten Ausflug in den Journalismus. Diesmal sollte es für immer sein.

Und nebenbei fällt sogar Geld ab für Arbeit, die der junge Schreiber gar nicht abliefern muss: "Ich war im Nebenberuf Satirenschreiber der 'Welt', habe aber nicht eine Satire jemals abgeliefert, kriegte aber 200 Mark im Monat."

Die politische Satire ist ohnehin Augsteins Favoritin. Aufspießen, zuspitzen - das kann der so kluge wie sprachmächtige Journalist am besten. Und so vermutet der Autor aus Hannover, dass man genau das von ihm erwartet, als er 1946 ein Angebot des deutsch-britisch-jüdischen Journalisten Harry Bohrer bekommt: "Wir wollen eine Zeitschrift machen, wie es sie in Deutschland nicht gibt, und wir brauchen jemanden, der uns das macht."

"Diese Woche" heißt die Wochenzeitschrift, die in der britischen Besatzungszone unter britischer Zensur erscheinen soll. Aber sie soll alles außer satirisch sein. Augstein macht sich trotzdem ans Werk und ist im Januar 1947, als das Magazin in deutsche Hand übergehen soll, plötzlich Herausgeber und Chefredakteur. Und am Ziel. Nur einen Namen braucht die Zeitschrift noch, die in der Bundesrepublik später Pressegeschichte schreiben soll. Augstein schwankt zwischen "DIE WOCHE", "DAS ECHO" oder "DER SPIEGEL". "Dann habe ich das meinem Vater gesagt, und der sagte: 'Och, DAS ECHO klingt nicht so gut.' Da habe ich gesagt: Hast recht. Also hieß es DER SPIEGEL." So einfach war das. Mal wieder.

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1.
Hartmut Braun 07.11.2012
Oje, SpOn, das hat Rudolf Augstein wirklich nicht verdient - und dann noch aus eigenem Hause. Eine Story im Stile "Ein Schwank aus der Jugend". Kaum mehr als unverfängliche Anekdötchen. Aber das passt zur Entwicklung vom ehemaligen "Sturmgeschütz der Demokratie" zur heutigen "Spritzpistole der Angela Merkel" (Tom Schimmeck). Diesen alten Ehrentitel kann man wirklich nicht mehr in den Mund nehmen, ohne sich heute fremdschämen zu müssen. Das, was den Spiegel unter Augstein mal groß und bedeutend gemacht hat, daran erinnert man lieber nicht. Heute würde sich kein Journalist mit einem Politiker anlegen, der auch nur das halbe Format eines Strauß hätte. Dafür wird eifrig Hofberichterstattung betrieben und jede noch so unsinnige Äußerung nicht hinterfragt, sondern breitgetreten, denn man will ja keinen Streit. "Und im übrigens sitzen wir ja alle in einem Boot".
2.
Birgit Hermann 08.11.2012
Die 50er: Als man noch vom Tellerwäscher zum angehenden Millionär werden konnte. Lang ist´s her. Waren schon "tolle Zeiten" damals. Heute wär er warscheinlich der Dauer-1-Euro-Praktikant.
3.
Juergen Frey 08.11.2012
>Oje, SpOn, das hat Rudolf Augstein wirklich nicht verdient - und dann noch aus eigenem Hause. Eine Story im Stile "Ein Schwank aus der Jugend". Kaum mehr als unverfängliche Anekdötchen. >Aber das passt zur Entwicklung vom ehemaligen "Sturmgeschütz der Demokratie" zur heutigen "Spritzpistole der Angela Merkel" (Tom Schimmeck). Diesen alten Ehrentitel kann man wirklich nicht mehr in den Mund nehmen, ohne sich heute fremdschämen zu müssen. Das, was den Spiegel unter Augstein mal groß und bedeutend gemacht hat, daran erinnert man lieber nicht. >Heute würde sich kein Journalist mit einem Politiker anlegen, der auch nur das halbe Format eines Strauß hätte. Dafür wird eifrig Hofberichterstattung betrieben und jede noch so unsinnige Äußerung nicht hinterfragt, sondern breitgetreten, denn man will ja keinen Streit. "Und im übrigens sitzen wir ja alle in einem Boot". Also, ich kenne da eine etwas andere Story vom Hoerensagen. Das britische Militaer.. erlaubte es , dass sich mehrere Zeitschriften etablieren durften. Darunter waren seinerzeit Der Spiegel, der Stern und einige andere! Und Herr Augstein war eben kein Exnazi und Nannen auch nicht.
4.
Boris Wedel 08.11.2012
Rudolf Augstein - "ganz normal". So wohltuend es ist von einem eigentlich "einfachen Menschen" zu lesen, so weichgespült schreibt Spon über seinen "Überopa". Der Beitrag changiert zwischen "Anekdötches" und Lobhudelei. Ob da nun im Krieg jemand beim scheissen von Augsteins Haubitzenattacke ums Leben kommt oder nicht - ist da Randnotiz. Ob er einem führenden Nazi die Hand gibt oder nicht bleibt dem Zufall überlassen. Irgendwie verliert der Mann durch den Artikel an Kontur bei mir. Schade.
5.
stefan maass 08.11.2012
>Oje, SpOn, das hat Rudolf Augstein wirklich nicht verdient - und dann noch aus eigenem Hause. Eine Story im Stile "Ein Schwank aus der Jugend". Kaum mehr als unverfängliche Anekdötchen. Verständlich, man stelle sich das Unbehagen das R. Augstein und seine Herangehensweise bei den jetzigen "Journalisten" hervorrufen muss. Beschämung bekämpft man am besten mit Marginalisierung, "Anekdotisierung", etc. Redaktionsmeinung heute : " der Alte war doch voll crazy mit seinem Idealismus und seiner Wahrheitsversessenheit. Da muss man auch mal locker sein dürfen."
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