Töne aus der Vergangenheit Gedächtnis in Gelatine

Raubkopien, Konzertmitschnitte, klingende Grüße: Schallfolien waren das MP3 der dreißiger Jahre. Fast alle der flexiblen Tonträger sind längst vernichtet - Ralf Klee fand bemerkenswerte Aufnahmen deutscher Rundfunkpiraten.


Es ist der 29. August 1939. Die Stimmung in Deutschland ist gedrückt. Die gleichgeschaltete NS-Presse berichtet beinahe täglich über die Misshandlung von "Volksdeutschen" im Nachbarland Polen. Ein neuer Krieg liegt in der Luft. Viele Menschen ahnen: Die Entscheidung dazu in Berlin längst gefallen. Es wird mobil gemacht, immer mehr Soldaten werden eingezogen.

In diesem Klima finden sich einige Musikfreunde zusammen; sie nennen sich scherzhaft "Schallplattenaufnahmegesellschaft Johannisthal GmbH". In ihrem Besitz sind ein Schneidegerät, ein Mikrofon und ein Satz gelber Contiphon-Schallfolien. An jenem tristen Augusttag entschließen sie sich zu einer Aufnahme. Der Ansager tritt vor das Mikrophon und kündigt ein Lied an: "Einmal sagt man sich Adieu" - danach wird zu Klavierbegleitung musiziert.

Drei Tage später überfallen deutsche Truppen Polen und besetzen innerhalb kurzer Zeit fast das gesamte Land. Es ist der 8. September, als sich die Johannisthaler Musikfreunde wieder vor dem Mikrofon zusammenfinden. Diesmal wollen sie die Rückseite der gelbdurchsichtigen Folie bespielen - jedoch nicht mit lieblich klingender Hausmusik.

Das Mikro wird vor das Lautsprecherfeld eines Rundfunkempfängers gestellt, und man zeichnet einen ausländischen Schlager auf. Nachdem der Song vorbei ist, spricht der Ansager noch einige Worte über seinen Aufnahmeversuch, dann nimmt er die Nadel von der Folie. Er will nun die Nachrichten an dem ereignisreichen Tag mitschneiden, doch er verpasst einen Teil des Einstiegs.

Die Stimme der Großeltern

Dennoch wird es eine bedeutende Aufnahme der unbekannten Rundfunkpiraten. Sie haben mit ihrer Raubkopie ein Stück Zeitgeschichte gerettet - denn die Nachrichtensendung, die sie auf Schallfolie bannten, ist heute ansonsten nirgendwo archiviert - selbst nicht in der digitalen Datenbank des Deutschen Rundfunk Archivs.

Die Stiftung besitzt etwa 2000 Schallfolien - größtenteils Mitschnitte der Reichsrundfunkgesellschaft, die Bombenkrieg und Besatzung überstanden haben. Ungezählt sind die Folien, die noch auf Dachböden oder in Rumpelkammern lagern - und ständig drohen, in bundesdeutschen Mülltonnen zu landen. Denn kaum jemand kann die antiken Tonträger heute noch abspielen.

Die Folien sind die Überbleibsel aus der Gründerzeit des Rundfunks und der Schallaufzeichnung. 1932 hatte die Firma Telefunken einen Schneid- und Abspielkoffer auf den Markt gebracht, doch das Gerät war für den einfachen Mann noch zu teuer. Technikinteressierte bauten daher ihre Grammophone kurzerhand in einfache Plattenschneider um. Die heimischen vier Wände wurden nun zum privaten Tonstudio.

Endkampf zum Nachhören

Was den Menschen wichtig erschien, wurde in Lack-, Plastik- oder Gelatinefolien geschnitten: die Stimme der Großeltern, die ersten Worte des Kindes, tönende Geburtstagsgrüße, liebevolle Worte an die Braut, oder private Gesangsstücke. Doch man kopierte auch Platten, oder zeichnete Rundfunksendungen auf. Die Einsatzgebiete der Schallaufzeichnung waren vielfältig.

Einen bemerkenswerten Versuch unternahm der Ruderpressewart Erich Maak 1938 bei der Leipziger Regatta. Das Magazin "Wassersport" notierte: "(Es) wurden Berichte von den letzten 500m der wichtigeren Rennen mit Hilfe eines dem Fachamt gehörenden Plattenschneiders auf Schallplatte geschnitten. Diese Schallplatten, auf die auch das Ergebnis gesprochen wurde, wurden den siegreichen Vereinen sofort nach dem Rennen als Andenken übergeben. In den meisten Fällen waren sie fertig, wenn die Siegermannschaft nach dem Rennen aus dem Boote stieg. Sie wurden zugleich mit dem Preis überreicht. Auf diese Weise ist es möglich, den zu Hause gebliebenen Kameraden das Erlebnis des Endkampfes zu vermitteln. Ein Archiv aus solchen Platten gibt eine Chronik von so eigener Art, wie sie bisher noch nicht möglich war."

Heute sind nur noch wenige dieser Platten erhalten. Zu einem gut dokumentierten Thema hingegen wurde der Krieg. Euphorisierte Volksgenossen schnitten in der Heimat Rundfunksendungen mit, in denen die Erfolge der deutschen Wehrmacht gepriesen wurden. Sie wurden später unfreiwillig zu Zeugnissen der NS-Propaganda und der Instrumentalisierung der Medien.

Schall und Rauch: Töne von der Front

Bemerkenswert sind auch die wenigen Privataufnahmen, die von Soldaten an der Front gemacht wurden. Natürlich waren es meist Offiziere oder Fernmeldetechniker, die ein gesprochenes Kriegstagebuch führen konnten. Dem einfachen Soldaten gab man hingegen die Möglichkeit, einen tönenden Feldpostbrief in die ferne Heimat zu schicken. Die Worte waren mit Bedacht zu wählen - doch trotz der Schere im Kopf, konnten die Angehörigen meist etwas von der Kriegsrealität heraushören.

Auch vom Sterben an der Front. Nicht wenige gesprochene Feldpostbriefe wurden selbst postume Erinnerungsstücke - und bekamen in der Heimat einen Ehrenplatz im Plattenschrank. An Geburts- und Todestagen des geliebten Angehörigen wurde die Schallfolie hervorgekramt und vorsichtig auf dem Grammophon abgespielt. Die Winkelnadel des Tonabnehmers schnitt dann ins Fleisch vieler Familien. Riss alte Wunden wieder auf. Warum Du? Warum der Krieg?

Mit dem Ende des Krieges verschwand auch langsam die Schallfolie. In den fünfziger Jahren kamen günstige Tonbandgeräte auf den Markt und das kollektive Gedächtnis einer Nation wanderte auf den Dachboden. Auch das: ein Teil der bundesdeutschen Verdrängung.

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C.F. Romberg, 08.01.2008
1.
es wäre nett wenn man an dieser stelle mp3s der aufnahmen anhören könnte... sollte doch möglich sein!
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