Tom Wolfe über "The Electric Kool-Aid Acid Test" "Ich trat immer mit Anzug und Krawatte auf"

Acid-Tests und Verfolgungsjagden: 1964 reiste Schriftsteller Tom Wolfe mit der Hippie-Keimzelle Merry Pranksters durch die USA. Hier erinnert er sich an die Drogenexzesse - und warum er nicht daran teilnahm.

Ted Streshinsky Photographic Archive

Ein Interview von


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dpa

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Der US-Autor Tom Wolfe, der Bestseller wie "Fegefeuer der Eitelkeiten" schrieb, gilt mit seinem subjektiven Reportagestil als herausragendster Vertreter des New Journalism neben Truman Capote. Als junger Schreiber heftete sich Wolfe Mitte der Sechzigerjahre an die Fersen der reisenden Merry Pranksters, einer intellektuellen Chaostruppe um Schriftsteller Ken Kesey. Heraus kam "The Electric Kool-Aid Acid Test", Wolfes schriller Bericht über eine Jugend auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen, ein Trip durch das Amerika an der Schwelle zur psychedelischen Ära. Anlässlich einer aufwendig gestalteten Jubiläumsausgabe erinnert sich Tom Wolfe, 85, an seine Recherche in der Keimzelle der Hippie-Bewegung.

einestages: Herr Wolfe, wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal von den Merry Pranksters hörten?

Wolfe: Es war ein sonniger Nachmittag, in meinem Auto hörte ich im Radio diese Geschichte von Ken Kesey, der kurz zuvor "Einer flog übers Kuckucksnest" geschrieben hatte. Kesey wurde vom FBI gesucht und hielt sich in Mexiko versteckt. Es klang verrückt. Also fuhr ich runter in dieses kleine mexikanische Städtchen, um ihn zu treffen. Aber er und seine Anhänger waren gerade abgereist.

einestages: Als der Kontakt dann doch zustande kam, saß Kesey hinter Gittern.

Wolfe: Er versteckte sich in Kalifornien. Und weil er recht wenig Haare hatte, trug er ständig eine Perücke und einen falschen Bart. Eines Tages stand er in Los Angeles im Stau, ihm wurde heiß, er riss sich das Zeug vom Kopf. Gerade da fuhren zwei FBI-Agenten vorbei. Kesey rannte los, er war eigentlich sportlich, aber wohl etwas aus der Übung, denn weit kam er nicht. Im Gefängnis besuchte ich ihn zum ersten Mal.

einestages: Allein für die Flucht drohten ihm fünf Jahre Haft. Wie reagierte Kesey auf Ihren Besuch?

Wolfe: Er war erstaunlich gelassen. Wirklich privat war unser Gespräch nicht, es gab zentimeterdicke Scheiben, man musste in ein Mikrophon sprechen. Aber draußen vor dem Gebäude saßen seine Anhänger, junge Leute in Overalls, geschneidert aus der US-Flagge. Sie wollten nicht fortgehen, so lange Kesey eingesperrt war. Das waren die Merry Pranksters.

einestages: Ihre erste Begegnung mit Hippies?

Wolfe: Die Presse nannte sie damals noch "Acid Heads", eine ziemlich furchterregende Bezeichnung. "Newsweek" führte den Begriff Hippie ein - das fröhliche Gegenstück zum Hipster, der ja eher markenbewusst auftrat. Es gab auch den Hippie-Dippy mit Rauschebart und langen Haaren, der mystische Erfahrungen suchte. In diese Richtung entwickelten sich auch die Merry Pranksters: Bei Keseys Entlassung spielte sich vor dem Gefängnis eine bizarre Szene ab. Er kam heraus, sofort scharten diese jungen Leute sich um ihn und setzten sich ihm zu Füßen. Kesey sprach zu ihnen in Gleichnissen, wie ein biblischer Prediger. Das war eines der absurdesten Dinge, die ich je erlebt habe. In dem Moment wurde mir klar: Darüber muss ich ein Buch schreiben.

einestages: Die Merry Pranksters haben Sie aufgenommen?

Wolfe: Ich habe sie immer wieder besucht. Die Pranksters lebten damals in einer ehemaligen Krawattenfabrik, unter ziemlich fragwürdigen Umständen. Sie hatten zum Beispiel kein fließendes Wasser. Also schlichen sie immer um eine Tankstelle in der Nähe und versuchten, irgendwie an den Toilettenschlüssel zu kommen. Das Schreiben ging schneller voran als bei jedem meiner anderen Bücher. Ich habe manchmal 5000 bis 6000 Worte am Tag geschrieben und nur vier, fünf Monate dafür gebraucht, neben meiner Reportertätigkeit.

einestages: Sie waren ein junger, aufstrebender Journalist. Wie sehr konnten Sie sich mit ihren Altersgenossen identifizieren?

Wolfe: Ich war Anfang 30, Keseys Anhänger Anfang bis Mitte 20. Sie waren eine fast religiöse Gruppierung. Sie trugen lange Haare und verrückte Kleidung, ich hingegen trat immer mit Anzug und Krawatte auf und hatte Notizblock und Kugelschreiber dabei. Selbst wenn ich es wirklich versucht hätte, wäre ich nie einer von ihnen gewesen. Ihre Parties dauerten oft zwei oder drei Tage, so lange es etwas zu notieren gab, blieb ich dabei. Eines Morgens, als die Sonne schon wieder aufgegangen war und eine ganze Prankster-Gruppe auf dem Boden verstreut lag, sagte Kesey zu mir: "Warum legst du dein Zeug nicht zur Seite und bist einfach? Sei einer von uns. Just be." Ich habe mir das vielleicht zehn Sekunden lang durch den Kopf gehen lassen. Aber am nächsten Tag bin ich wieder in Anzug, Krawatte und Hut erschienen (lacht).

einestages: Sie beschreiben Acid Partys, bei denen alle die Kontrolle verlieren. Bekamen Sie es nicht mit der Angst zu tun?

Wolfe: Ich war auf zwei der sogenannten Acid Tests der Merry Pranksters, es waren wohl die beiden letzten. Die Hells Angels waren für die Sicherheit verantworlich, sie alle trugen Anzüge, allein das wirkte bedrohlich. Die Pranksters spielten eigentlich keine Instrumente, aber wenn sie high waren, dachten sie, sie könnten es. Das Publikum war davon weniger überzeugt. Es gab damals eine Art Machtkampf hinter den Kulissen, wer dieses Hippie-Ding jetzt übernehmen sollte. Kesey fand, er sei der Richtige. Im Morgengrauen des letzten Acid Tests ging Ken Babbs ans Mikrophon, einer der wichtigsten Pranksters. Die Musik verstummte, er rief mit monotoner Stimme: "We blew it! We blew it!" ("Wir haben's vermasselt!") Es war eine beängstigende Stimmung.

einestages: Haben Sie selbst jemals am legendären Kool-Aid Drink genippt?

Wolfe: Nein, es schien mir zu gefährlich. Jeder sechste Notruf, der damals in San Francisco einging, hatte mit LSD zu tun. Und ich hatte so viele Berichte gehört, so viele Menschen hatten mir von ihren Erfahrungen berichtet, dass ich nicht das Gefühl hatte, ich müsste es für mein Buch selbst nehmen. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst, was es mit mir machen würde.


Dokumentation "Magic Trip": Die Reise der Merry Pranksters

einestages: Einer der prominenteren Prankster war Neil Cassady. Für die Autoren der Beat Generation war er der Inbegriff des wilden, abenteuerlustigen Mannes. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Wolfe: Er zählte zu den Älteren und hatte schon eine Geschichte auf dem Buckel. Cassady war alles andere als ein Intellektueller. Er nahm Unmengen Methamphetamin, dann brabbelte er in einem fort die wildesten Geschichten von Frauen und Autos und seinen Reisen durch die USA. Egal, was man antwortete, er redete einfach weiter. Jack Kerouac gab später zu, den Schreibstil, den er für "On The Road" entwickelt hatte, haargenau von Cassadys Art übernommen zu haben. Wenn Cassady allerdings nüchtern war, war er der zuvorkommendeste Mensch, den man sich vorstellen kann.

einestages: Wenn die Merry Pranksters mit ihrem Vehikel, einem bunt angemalten Schulbus, auftauchten, waren die Menschen geschockt. Wäre es heute noch möglich, Bürger so in Aufruhr zu versetzen?

Wolfe: Es hat sich viel geändert seit den Sechzigerjahren, vor allem, was Sex und Drogen angeht. Marihuana kann man heute in vielen Staaten legal erwerben, damals wurde man dafür verhaftet. Es gibt Prostituierte, die sich halbnackt hinter Fenstern räkeln. Auch wenn Sie hören, wie manche Frauen sich heute ausdrücken - damals völlig undenkbar. Das letzte Tabu in unserer Gesellschaft ist die Gewalt.

einestages: Der Pranksters-Trip durch die USA, den Sie im Buch schildern, spielte sich im Schatten der Präsidentschaftswahl 1964 ab. 2016 wirkt Präsidentschaftskandidat Donald Trump selbst so, als wäre er einem üblen Horrortrip entstiegen. Leben wir in surrealen Zeiten?

Wolfe: Political Correctness fängt in den USA schon im Kleinen an. Wenn Sie zu einer Gruppe von Frauen und Männern sagen: "Hey Jungs" ("Hey guys"), dann ist das genaugenommen eine Mikroaggression, denn Sie übergehen das Geschlecht der Frauen. Trump schert sich nicht um solche Kleinigkeiten. All diese politischen Unkorrektheiten, die er ausspricht, fallen auf fruchtbaren Boden. Was er zu Beginn der Kampagne über Mexikaner und Muslime gesagt hat - viele Menschen denken wirklich so. Trump erfindet diese Stimmungen nicht, er bildet sie nur sehr sorgfältig ab. Schauen Sie, wie weit es ihn gebracht hat.

einestages: Die Merry Pranksters waren auf der Suche nach einem "Kool Place", einem coolen Ort, wie es im Untertitel ihres Buchs heißt. Haben sie ihn je gefunden?

Wolfe: Die Pranksters waren eine quasi-religiöse, fast sektenartige Gruppe, ihre Suche war mystischer Natur. Sie hatten diese seltsame Idee von einem Ort ohne Regeln und Gesetze, wo Gedanken frei fließen konnten. Viele haben diesen Ort für sich selbst gefunden. So haben sich die Merry Pranksters in ihren eigenen Leben aufgelöst.

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Andreas Falk, 12.10.2016
1.
Ah, Kesey, die Pranksters und die electric kool-aid acid tests ... ein Buch, das man den heutigen maingestreamten und utopiefreien 20-25-Jährigen mal als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen sollte. Am besten nach vorheriger Verabreichung eines Bechers Orangensaft. Schade, dass diese großartige Zeit nur noch als Erinnerungsfragment im kollektiven Gedächtnis vorhanden ist.
Mark Ehrentheit, 12.10.2016
2. Ja. Wäre lustig.
Aber als jemand, der (z.B.) eine LSD-induzierte gefühlte Erleuchtung ("Ach, klar, das meinen die in dem Songtext!") als Fehlinterpretation identifizieren konnte/musste ("Ocean Man" von Ween bezieht sich ziemlich offensichtlich auf "Echoes", und dieses Lied war mir im Moment der "Erleuchtung" unbekannt...) zweifle ich daran, dass LSD so großen praxisorientierten Nutzen hat. Aber auch wenn daraus keine Wassermannzeitalterwissenschaftler entstehen: Nach möglichst objektiver Erklärung der Substanz sollte man als Erwachsener in einem Land, in dem man Zell- und Nervengifte zum Konsum und Weltzerstörungstechnologie zum globalen Export herstellen darf, selber entscheiden können, ob man sich diese ungiftige Verbindung verabreicht. Utopiefreiheit sehe ich übrigens nicht so negativ... Utopien führen über Ideologien und/oder Religionen, Dogmatik und Dystopien meist zum Extremismus, wenn sie jemand ernst nimmt.
Thorsten Munder, 13.10.2016
3. Ach die Merry Pranksters ?!
Also was ich immer nicht verstehe ist der Fakt das es bei den Hippies darum ging sich von allem zu befreien, oder ? Und wieso muss man dazu irgendeine Chemiche Substanz konsumieren ? Das ist so als würde einer sagen wir mal Wein trinken um vom Alkohol wegzukommen, das wiederspricht sich, dieses Frei im Gedanken sein wollen gibt es schon ewig siehe alle Religionen allen voran der Buddhismus da will man auch weg von so Zwängen aber eben ohne Konsum (oder auch der Katolizismus) das Hippieding war von Vornherein Plötzinn es ging nicht um Befreiung sondern nur darum Anders zu sein als der so genannte Spießer und deswegen ist das alles längst vergessen denn alle hat längst die Realität eingeholt heute wissen wir alle das wir alle nur Durchschnittlich sind, und das ist richtig so denn das ist die Realität und damit muss jeder klarkommen, das es Leute gibt die meinen was besonderes zu sein na ja die sollen dann mal den Acid Test machen wenn's hilft ?!
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