Tonaufnahmen von Richard Nixon "Zur Hölle mit der Presse"

Tonaufnahmen von Richard Nixon: "Zur Hölle mit der Presse" Fotos
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Über Jahre hat sich Richard Nixon gewunden, bevor er in Folge der Watergate-Abhöraffäre schließlich doch sein Amt niederlegte. Geheime Tonaufnahmen zeigen jetzt, wie sehr sich der frühere US-Präsident von den Recherchen unter Druck gesetzt fühlte - und schon früh um sein Amt bangte. Von

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30. April 1973, Richard Nixon sitzt in seinem wohl feinsten Anzug am Tisch des Oval Office. Links die US-Flagge und ein Familienfoto, rechts die Präsidentenflagge, vor ihm zwei Mikrofone, ein Stapel Papier fest in der Hand. Zumindest ein bisschen bequem scheint es sich der Präsident an diesem Abend hier eingerichtet zu haben, für all das Unbequeme, was jetzt kommen wird.

Es ist Nixons erste Rede zur Watergate-Affäre. Zum ersten Mal wendet sich der Präsident in dem Abhörskandal ans Volk, zum ersten Mal übernimmt Nixon offiziell Verantwortung für den illegalen Lauschangriff auf seinen politischen Gegner, die Demokraten - wenngleich er jede persönliche Beteiligung an der Abhöraktion an diesem Tag weiter bestreitet. Und: Zum ersten Mal zieht er Konsequenzen aus der Affäre, an der wohl doch mehr zu stimmen scheint, als dem Präsidenten lieb ist: Er feuert seinen Stabschef Bob Haldeman und seinen Chefberater John Ehrlichman - "zwei der feinsten Staatsdiener, die ich je kennenlernen durfte", wie Nixon an diesem Abend sagt. Auch sein Justizminister Richard Kleindienst und sein Rechtsberater John Dean müssen gehen.

Die Rede gilt rhetorisch als eine der besten, die Nixon je gehalten hat. Er macht bedeutungsvolle Pausen, zwischendrin lächelt er seinem Volk per Kamera sogar zu. Für einen Moment scheint es, als habe Nixon die Bredouille im Griff, in die ihn die beiden "Washington Post"-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein ein paar Monate zuvor gebracht hatten.

Zur Hölle mit der Presse

Nun veröffentlichte Gespräche von damals zeigen aber, unter welchem Druck der frühere Präsident wohl tatsächlich gestanden haben muss - und dass Nixon seinen Rücktritt ein Jahr später möglicherweise schon damals kommen sah. Noch am Abend klingelte das Telefon im Weißen Haus zweimal. Zuerst am Apparat: Ronald Reagan, späterer US-Präsident und seinerzeit noch Gouverneur von Kalifornien. Mit ernster Stimme trägt er vor:

"Ich wollte Ihnen nur sagen, wir haben Ihre Rede gesehen. Wir haben mit Ihnen gefühlt. […] Ich möchte, dass Sie wissen: Ich bin in jedem Fall da für Sie. Sie können auf uns zählen. Wir stehen immer noch hinter Ihnen und schließen Sie in unserer Gebete ein."

Zerknirscht antwortet Nixon:

"Das ist sehr nett von Ihnen." Dann war es erst mal still.

Als Nächstes probiert George Bush senior sein Glück. Er sagt dem Präsidenten, dass er die Rede "mit Stolz" verfolgt habe. Erschöpft nimmt Nixon seine verbliebene Kraft zusammen und wettert gegen die TV-Kommentatoren, die den Präsidenten auch an diesem Tag wieder einmal zerreißen werden. "Die Leute könnten es vielleicht verstehen", sagt Nixon. Und die Presse? "Zur Hölle mit den Kommentatoren!"

"Nixon ahnte, was ihm blüht"

"Es muss wirklich eine der härtesten Nächte seines Lebens gewesen sein", sagt Ken Hughes, der die Nixon-Tapes ausgewertet hat. "Offenbar konnten ihn noch nicht einmal zwei so berühmte Parteikollegen wie Ronald Reagan und George H.W. Bush aufmuntern. Er hat wohl schon damals geahnt, was ihm

blüht."

Die Mitschnitte, die Wissenschaftler und Archivare jetzt ausgewertet haben, stammen aus Nixons Privatfundus. Heimlich nahm der ehemalige Präsident über Jahre jedes Gespräch im Weißen Haus auf, 3700 Stunden insgesamt - bis ihm die Recherchen der "Washington Post" und anderer US-Medien genau daraus einen Strick drehten. Die jüngst ausgewerteten Tapes zeigen die letzten Monate, die Nixon mitschnitt, bevor er ein knappes Jahr später als erster und einziger Präsident der US-Geschichte sein Amt freiwillig niederlegte, um einer Amtsenthebung zuvorzukommen.

Aber nicht nur zu Watergate bietet der Kassettensatz interessante Zeitzeugen-Dokumente - auch zu Nixons Entspannungspolitik gegenüber seinem Erzfeind Sowjetunion. Die wohl bizarrste Passage der jetzt veröffentlichten 340 Stunden Tonmaterial ist ein Nixon-Gespräch vom 18. Juni 1973 mit dem sowjetischen Staatchef Leonid Breschnew. In dem Telefonat mit Übersetzer behandeln sich die beiden im Vorfeld eines Gipfels wie zwei Familienfreunde, die sich gegenseitig über die Kinder und Enkel des jeweils anderen auf den neuesten Stand bringen. Ganz nebenbei besprechen die zwei bei bester Laune, wie es im Kalten Krieg weitergehen soll: "Wenn wir zusammenarbeiten würden, dann könnten wir die Welt verändern, weißt du?," sagt Nixon zu Breschnew.

Alles diplomatisches Kalkül? Möglich. Dennoch haben frühere

Tape-Veröffentlichungen Nixon vor allem als Paranoiden gezeichnet, der überall um sich herum nur Feinde sah.

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1.
Dieter Freundlieb 23.08.2013
Ganz so freundschaftlich wie hier suggeriert wird war das Gespräch zwischen Nixon und Breschnew wohl nicht. Es ist irreführend, so zu tun, als ob die beiden per Du gewesen sind und sich mit dem Vornamen angeredet haben. Es gibt bekanntlich im Englischen keinen Unterschied zwischen Du und Sie. Aber aus Originalzitaten kann man ersehen, dass Breschnew Nixon mit "Mr President" angeredet hat. Wie so oft in Beiträgen, in denen auf englische Originalquellen bezug genommen wird, findet man auch hier wieder Übersetzungsfehler. "Two of the finest civil servants" mit "zwei der feinsten (?!) Staatsdiener" zu übersetzen, ist wirklich daneben. Die Logik des "dennoch" im letzten Satz des Artikels entgeht mir.
2.
Peter Grolig 27.08.2013
Schön ist der Hinweis auf die Achse der Bösen: Nixon, Reagan, Bush sen. Man ahnte es bereits, dass die Reihe der Verbrecher im Präsidentenamt sich fortsetzen würde, die Geschichte bestätigt es. Alle drei waren Verbrecher am eigenen Volk. Unter Reagan begann die Karriere der Republikaner, die Hinrichtungen wurden immer mehr, die Todesurteile wurden auch immer mehr, fremde, friedliche Länder wurden überfallen (Grenada, Irak, Afghanistan), Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden begangen und die Folter wurde etabliert. Und Europa war stets ein braver Bündnispartner.
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