Eintritt der USA in den Vietnamkrieg 1964 Der gewollte Krieg

Sie feuerten auf einen Feind, der gar nicht da war: Vor 50 Jahren lieferten übernervöse Marines den USA den perfekten Vorwand, in den Vietnamkrieg zu ziehen. Die Lüge von der Attacke im Golf von Tonkin wirkte, bis einen Mann das Gewissen packte.

AP/ U.S. Defense Dept.

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John J. Herrick, Kapitän der USS "Maddox", steht auf der Brücke seines Zerstörers und blickt in die Dunkelheit. Etwas ist da draußen. Er hebt den Kopf zum Nachthimmel, sieht keine Sterne, keinen Mond. Er geht zurück zu seinem Radarmann. Seit Stunden verfolgen sie zwei seltsame Echolotpunkte. Die Offiziere melden Turbulenzen und Torpedogeräusche. Der Sonarmann empfängt nun ein drittes Echo. Bringt sich der Feind in Stellung? Herrick selbst sieht am Himmel Cockpitlichter und Suchscheinwerfer. Die junge Crew der USS "Maddox" ist in Angst und Schrecken versetzt.

Aus dem Golf von Tonkin funkt der Kapitän Nottelegramme nach Washington ins Pentagon, meldet Torpedoangriffe nordvietnamesischer Schnellboote auf die "Maddox" und die flankierende "Turner Joy". Er verlässt sich auf seine Jungs am Echolot. Direkten Sichtkontakt gibt es in dieser "finsteren Hölle" vor der Küste Nordvietnams nicht. Herrick gibt Befehle und seine Männer feuern Torpedos auf den unsichtbaren Feind.

Es ist die Zeit des Kalten Kriegs. Südvietnam und das kommunistische Nordvietnam liefern sich einen blutigen Bürgerkrieg. Herricks Schiff im Golf von Tonkin ist offiziell nur zur Patrouille unterwegs. Doch allein seine Erscheinung setzt für die Nordvietnamesen ein Zeichen: 114,8 Meter ist die USS "Maddox" lang, 12,2 Meter breit, bis zu 34 Knoten schnell und schwer bewaffnet: mit U-Boot-Abwehr, Maschinenkanonen und Torpedorohren. Vor wenigen Tagen, am 2. August 1964, war das Schiff bereits am helllichten Tag von nordvietnamesischen Booten angegriffen worden.

Go für die Bomber

Am anderen Ende der Welt, in Washington, ist es 11.15 Uhr. An diesem 4. August beginnt Daniel Ellsberg seinen ersten Arbeitstag im Pentagon. Seine Freunde rufen ihn "Dan", er ist ein attraktiver Typ, blaue Augen, 33 Jahre alt und von brillanter Intelligenz. Ein ehrgeiziger Top-Analyst für Politik. Ellsberg sitzt am Schreibtisch, als ein Bote mit Blitztelegramm in sein Büro stürzt. Ellsberg starrt auf die Worte und begreift die Hast.

Fünf Stunden später lässt US-Präsident Lyndon B. Johnson Bomber vom Flugzeugträger "Ticonderoga" aufsteigen. Sie sollen der "USS Maddox" zu Hilfe kommen. Es ist 11.37 Uhr, als sich der Präsident an das amerikanische Volk wendet: Er spricht von einem "absichtsvollen Muster" und von "nackter Gewalt" Nordvietnams.

Johnson zögert nicht. Am 6. August holt er sich das Go des Kongresses: Die sogenannte Tonkin-Resolution wird verabschiedet, eine Art Freibrief für Krieg - sie ermächtigt zu Bombardements. Grundlage sind die Geschehnisse auf der USS "Maddox". Amerika tritt damit in den Vietnamkrieg ein.

Herrick korrigiert

Was weder das amerikanische Volk noch die Kongressabgeordneten ahnen: Kapitän Herrick hatte sich kurz nach seinen ersten Telegrammen mit weiteren zerknirschten Nachrichten gemeldet: "Verrückte Wetterphänomene und übereifrige Jungs an den Sonargeräten machen Feindberührungen mehr als fraglich. Schlage genaue Untersuchung vor." Die Situation auf der USS "Maddox" ist unklar. Herricks Telegramme aber ändern nichts am Kurs des Präsidenten.

Mehr als 24 Stunden sollte Ellsbergs erster Arbeitstag haben und am Ende dämmerte ihm, dass Amerika aufgrund von Falschmeldungen einen Krieg begonnen hatte - und der Präsident die Verwirrung für seine Zwecke nutzte. Der Code-Name für die Operation der "Maddox", so erfuhr er im Pentagon, lautet Operation Desoto. Hinter vorgehaltener Hand sagten ihm viele, dass die "Maddox" nur zu einem Zweck vor der Küste Nordvietnams unterwegs war: der Provokation.

Wenige Tage später ist klar: Die Männer auf der USS "Maddox" hatten gegen Radarphantome gekämpft. Die Cockpitlichter des Feindes waren Wetterleuchten, die Männer an den Sonargeräten hatten in der Anspannung die Nerven verloren und auf eigene Motorengeräusche reagiert. Präsident Johnson soll gesagt haben: "Verdammt, diese saudummen Jungs haben nur auf fliegende Fische geschossen." Amerika aber hat einen Krieg begonnen, in dem in den kommenden elf Jahren 7,8 Millionen Bomben explodieren sollen, Napalm eingesetzt werden wird und 58.134 Amerikaner sterben sollen. Jedes Mal, wenn Präsident Johnson die Eskalationsspirale der Gewalt im Vietnam-Einsatz weiter anzog, berief er sich auf die Tonkin-Resolution, eine Lüge.

Top Secret: Pentagon Papers

Ellsberg sollte bei seiner Arbeit viele schmutzige Geheimnisse des Vietnamkriegs erfahren. Eines Tages bricht er weinend auf der Toilette zusammen. Er weiß, dass er auf der falschen Seite steht. Eine Stunde laufen ihm die Tränen über die Wangen. Er hat Schuldgefühle. Dann, im Herbst 1969, trifft er eine Entscheidung: Er stellt die Zahlenkombination in seinem Bürosafe ein, zieht einen Packen Papier heraus. Sein Herz, beschreibt er später, habe wie wild geklopft, als er die ersten Blätter in seiner Aktentasche an den Pförtnern vorbeischmuggelte. Mittlerweile ist er einer von "ganz oben", die Männer in der Loge wünschen ihm höflich einen schönen Feierabend: "Good night, Dan."

Er geht in die Werbeagentur einer Freundin, am Crescent Heights Boulevard, Ecke Melrose Avenue in Hollywood. Nächtelang wird er dort am Kopierer stehen und die Papiere ablichten, auf denen "Top Secret" steht. Die "Pentagon-Papiere", wie man sie später schlicht nennen wird, umfassen 7000 Blatt, insgesamt zwei Millionen Worte. Sie enthüllen die wahre Rolle sämtlicher amerikanischer Präsidenten im Vietnamkrieg.

Morgens, nach dem Kopieren, geht Ellsberg manchmal surfen: Einmal, als die Wellen in Malibu perfekt sind, schießt es ihm durch den Kopf: Ist es das wert, das alles aufzugeben? Für einen Haufen Papier, der die Verlogenheit seiner Regierung beweist? Ellsberg spielt die Papiere der "New York Times" (NYT) zu.

Einbruch beim Psychiater

Die Redakteure erkennen die Brisanz sofort: In einer Suite im Hilton am Times Square studieren sie die Geheimpapiere. Gründlich. Der Codename heißt "Project X". Ellsberg drängelt. Die Anwälte der "NYT" nennen die Veröffentlichung ein "existenzgefährdendes Risiko". Doch die Journalisten ahnen, dass sie erledigt wären, würden sie das Material zurückhalten: Die Amerikaner sind nicht in den Krieg hineingezogen worden, sondern die Regierung wollte diesen Krieg! Und sie wusste lange, dass er nicht zu gewinnen war.

Der Tonkin-Zwischenfall war eine - wenn nicht inszenierte, so doch willkommene - Rechtfertigung für den Kriegseintritt. Das wollen die Journalisten erzählen.

Am 13. Juni 1971 macht die "NYT" mit der Story auf - und kassiert eine einstweilige Verfügung. Die "Washington Post" setzt fort, denn Ellsberg spielt nun deren Redakteuren die brisanten Papiere zu. Doch auch der "Washington Post" wird ein Maulkorb verpasst. Senator Mike Gravel verliest die 7000 Seiten schließlich in einer Sitzung, deren einziger Teilnehmer er ist. Gravel weint beim Verlesen. Die Glaubwürdigkeit seiner Regierung, vieles woran er geglaubt hat, bricht zusammen. Aber die Wahrheit ist am Licht.

Ellsberg wird als Spion angeklagt. Für 115 Jahre soll er ins Gefängnis. Doch die Skrupellosigkeit seiner Gegenseite kommt ihm unverhofft zugute: Ein Einbruch bei Ellsbergs Psychiater wird publik, bei dem sich offenbar jemand belastendes Material über den Whistleblower erhofft hatte - und der Präsident, inzwischen ist es Nixon, hatte den Einbruch legitimiert. Wenn er nicht zurückzuverfolgen sei, hatte das Staatsoberhaupt säuberlich per Hand dazugeschrieben.

Fortsetzung Watergate

Die Truppe, die sich am Schrank von Ellsbergs Psychoanalytiker Dr. Lewis Fielding zu schaffen machte, sollte aber noch größere historische Berühmtheit erlangen. Es sind die gleichen Männer von FBI und CIA, die am 17. Juni 1972 nachts im Watergate Building festgenommen werden, dem Sitz der Demokratischen Partei. Sie hatten versucht, dort eine Wanze anzubringen. Später wird bekannt, dass sie im Auftrag des Weißen Hauses handelten und dass Ausspähungen wie die von Ellsberg zu Nixons gewöhnlichen Praktiken gehörten: Auf den Fall Ellsberg folgt der Watergate-Skandal.

Und auch dieser Skandal, an dessen Ende der Rücktritt Nixons steht, kommt durch einen Whistleblower ans Licht: "Deep Throat" fütterte die Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward genau wie Ellsberg mit Informationen. Die legendären Treffen fanden in einer Tiefgarage statt. Diese Männer sorgten dafür, dass die Lügen ihrer Präsidenten nicht mehr als Rechtfertigung für Kriege eingesetzt werden konnten.

Whistleblower Ellsberg, dessen Arbeit für die Regierung am Tag des Tonkin-Zwischenfalls begonnen hatte, gab seine Karriere für die Wahrheit auf. Heute, im Alter von 83 Jahren, lebt er als Friedensaktivist in Amerika - und hat Kontakt zu einem Nachfolger: Edward Snowden.

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
Jan Berger, 05.08.2014
1.
Interessanter Artikel, wirklich. Nur eine kleine Korrektur: "Vor 50 Jahren lieferten übernervöse Marines den USA den perfekten Vorwand, in den Vietnamkrieg zu ziehen." Marines steuern keine Schiffe, sie sind, soweit ich weiß, eine eigenständige Waffengattung innerhalb des US-Militärs..
Fabio Loetscher, 05.08.2014
2. Danke für den Artikel!
Gibt das einigen Journalisten hier nicht ein wenig zu denken,wenn sie nun Artikel aus der US Presseküche einfach als unumstössliche Wahrheit annehmen? Zum Beispiel aus der Ukraine? Dem Irak? Afghanistan ? Syrien?
Martin Klaus, 05.08.2014
3. Marines?
Ich habe jetzt den Zusammenhang zwischen amerikanischen Marine-Infanteristen und dem Artikel nicht ganz verstanden. Meinte die Autorin mit 'Marines' vielleicht gar die Navy?
Karl-Heinz Opel, 05.08.2014
4. Verbrecher
Und dies seit vielen Jahrzehnten. Nicht einer dieser amerikanischen Präsidenten hat keine Verbrechen begangen bzw. angeordnet. In dieser Beziehung sind sie alle gleich, die sogenannten "Mächtigsten Männer der Freien Welt". Hurra! Und "unsere" Regierung bzw. fast das gesamte Parlament knien vor diesem Pack. Traurig aber wahr ... .
Christian Landmark, 05.08.2014
5. Ruhm und Ehre!
Besonders der Abzug letzter amerikanischer Soldaten über eine Strickleiter aus der US-Botschaft in den darüber stehenden US-Helikopter, blieb mir in Erinnerung. Die können es eben nicht!
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