Entertainer Tony Bennett "Die Hölle habe ich in der ersten Reihe erlebt"

Den "besten Sänger im Business" nannte Frank Sinatra ihn. Tony Bennett, 90, ist einer der populärsten US-Künstler. Hier spricht er über das Kriegsende in Deutschland, über Auftritte mit Lady Gaga und Amy Winehouse.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Tony Bennett, Sohn italienischer Einwanderer, wurde am 3. August 1926 als Anthony Dominick Benedetto in New York geboren. Entertainer Bob Hope endeckte und förderte den Jazzsänger 1946 während seiner Zeit in der US-Army in Deutschland. Titel wie "I Left My Heart In San Francisco" oder "Because of you" machten Bennett in den 50-ern berühmt. Er gewann 19 Grammys und lebt heute mit seiner dritten Frau Susan in Manhattan.

einestages: Mr. Bennett, "I Left My Heart In San Francisco" ist Ihr größter Hit - auch Ihr liebster Song?

Bennett: Unbedingt, und bis heute meine musikalische Postkarte. Ralph Sharon, 50 Jahre lang der Pianist an meiner Seite, war mit zwei Songwritern befreundet. Sie zogen von San Francisco nach New York und komponierten aus Heimweh "I Left My Heart In San Francisco". Dieses Lied hatte niemand auf dem Schirm. Auf USA-Tour stimmte Ralph es beim Proben spontan an, ich verliebte mich sofort in Melodie und Text. Ein Barkeeper hörte zu und sagte: Wenn ihr das rausbringt, werde ich der Erste sein, der die Platte kauft. Das ließ uns aufhorchen. Diesen Song habe ich bei fast jedem Konzert gesungen.

einestages: Ihre Vorfahren wanderten Ende des 19. Jahrhunderts von Kalabrien nach New York aus. Geboren wurden Sie 1926 mitten in die "Große Depression" hinein.

Bennett: Eine düstere Zeit. Mein Vater hatte einen kleinen Lebensmittelladen in Queens und starb, als ich zehn war. Meine Mutter musste als Schneiderin uns drei Kinder allein durchbringen. Sie nähte Tag und Nacht, es reichte nie. Ich habe noch heute das Nähmaschinentackern im Ohr, nur unterbrochen, wenn sie uns etwas zu essen machte.

Tony Bennett: "I Left My Heart In San Francisco" (1964)

einestages: War sie es, die Sie zum Singen motivierte?

Bennett: Mein Gesangstalent habe ich eher von meinem Vater geerbt. Er war immer kränklich, hatte aber eine gute Stimme und sang für sein Leben gern. Als er starb, schwor ich mir, dass ich eines Tages Entertainer werde und so erfolgreich, dass meine Mutter nie mehr schuften muss. Mit den ersten großen Hits Anfang der Fünfzigerjahre verdiente ich richtig Geld und kaufte ihr eine Wohnung. Sie musste bald nicht mehr arbeiten und war den Rest ihres Lebens glücklich.

einestages: Bis zu Ihrem Durchbruch war es ein harter Weg: 1944 wurden Sie mit 18 zum Militär eingezogen und mussten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges an die Front.

Bennett: Erst in Frankreich, in der Ardennenschlacht, dann in Deutschland. So etwas Grausames und Sinnloses kann man sich nicht vorstellen. Es war eiskalt, überall Schnee, direkt über uns Luftangriffe, dazu Artillerie und Bombeneinschläge. Ich sah vor meinen Augen Kameraden sterben. Und wer vom Schlachtfeld lebend zurückkehrte, fühlte sich deswegen schuldig. Ich fragte mich immer, wann es mich erwischen würde. Wir waren der Nachschub für die vielen Gefallenen. Die meisten jungen Soldaten fielen gleich in den ersten drei Tagen.

einestages: Ihre Erlebnisse bezeichnen Sie als "frontrow seat in hell".

Bennett: Ja, es war die Hölle, ich habe sie in der ersten Reihe erlebt. Der Krieg hat mich zu einem überzeugten Pazifisten gemacht. Ich bin gegen jede Form von Krieg, da gibt es nur Verlierer. Ich will, dass sich Menschen lieben und nicht hassen.

einestages: In der Army bekamen Sie auch Rassismus hautnah mit.

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Sänger Tony Bennett: "90 ist auch nur eine Zahl"

Bennett: Einmal saß ich beim Lunch mit einem schwarzen Soldaten aus meiner Einheit. Ein Freund, ich kannte ihn bereits aus den Staaten. Plötzlich schickte ein Vorgesetzter ihn zum Essen in den Nebenraum. Nur weil er schwarz war! Damals kämpften wir alle auf der gleichen Seite. Ich konnte es nicht fassen. Mich haben sie nach diesem Vorfall degradiert, das habe ich nie vergessen. Um Flagge zu zeigen, nahm ich Mitte der Sechzigerjahre an einem Marsch von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung teil. Mein Freund Harry Belafonte überzeugte mich mitzugehen.

einestages: Stimmt es, dass Ihre Karriere in Deutschland begann, als Sie 1946 in Seckenheim im Osten Mannheims stationiert waren?

Bennett: Genau. Nach dem Krieg haben wir Soldaten alle nur darauf gewartet, endlich nach Hause zu dürfen. Jeden Samstag veranstalteten wir eine Musikshow, die das Radio in ganz Europa ausstrahlte. Vor meiner Zeit in der Army hatte ich zu Hause in Queens als Kellner in italienischen Restaurants gesungen. Und schwor mir nach der Army, Musik zu studieren.

einestages: Zuerst traten Sie als "Joe Bari" auf. Wieso dieser Künstlername?

Bennett: Daran war der große Bob Hope schuld. Er gab ein Gastspiel bei US-Besatzungssoldaten in Europa und nahm mich nach einem Auftritt zur Seite: "Junge, Anthony Benedetto ist doch viel zu lang für die Anzeigetafeln der Klubs." So kam ich auf Joe Bari: Joe, weil es typisch amerikanisch klang, Bari formte ich aus den letzten Buchstaben meiner Heimat Calabria. Später in New York war traf ich Bob wieder. Er nahm mich mit auf Tour und taufte mich um in Tony Bennett.

einestages: Frank Sinatra sagte: "Tony Bennett ist der beste Sänger im Business." Was für ein Ritterschlag!

Bennett: Nach diesem Lob in einem Interview ging es mit meiner Karriere steil bergauf. Plötzlich interessierte sich das Sinatra-Publikum für mich. Und ich musste noch härter arbeiten, um seinem Kompliment gerecht zu werden. Neben Ella Fitzgerald war Frank, deutlich älter als ich, immer mein großes Vorbild, wurde mein Meister und bester Freund im Showbiz. Die Auftritte mit ihm gehören zu den Highlights meines Lebens.

einestages: Zur Nachwuchsförderung haben Sie 2001 in Queens eine Schule für Gesang, Tanz und Theater gegründet….

Bennett: …Und aus Dankbarkeit "Frank Sinatra School of the Arts" genannt. Er hat mir so viel beigebracht. Eine ganz wichtige Lektion war, dass man seine Fans lieben muss. Frank sagte immer: Denk dran, das Publikum ist dein Freund, nicht dein Feind!

einestages: Wie schafften Sie es, in den Neunzigerjahren auch bei jungen Fans hip zu sein - schon im Rentneralter?

Bennett: Das habe ich MTV zu verdanken. Zunächst kamen sie auf die gewagte Idee, ich solle bei einer Award-Show zusammen mit den Red Hot Chili Peppers performen. Hat funktioniert. Und 1995 gewann ich einen Grammy für ein "MTV Unplugged"-Album. So wurde das jüngere Publikum auf mich aufmerksam.

Tony Bennett & Amy Winehouse: Body and Soul (2011)

einestages: Und zur Zusammenarbeit mit Amy Winehouse kam es auch.

Bennett: Ein wunderbarer Mensch, mit so viel Talent und Sinn für Humor. Eines Tages war ich mit ihr zu Studioaufnahmen verabredet, da sagte Danny, mein Sohn und auch mein Manager: Amy wird heute nicht kommen. Warum, fragte ich. Und er sagte: Sie ist letzte Nacht gestorben. Das war grausam. Ich hatte mir noch fest vorgenommen, ihr beim nächsten Treffen zu sagen, dass sie das Leben etwas langsamer angehen lassen soll. Und aufhören, Drogen zu nehmen. Es war zu spät.

einestages: Bei einer Preisverleihung witzelte Robert De Niro kürzlich in seiner Laudatio: "Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, macht Tony Bennett wieder irgendwas Großartiges. Er verkauft Konzerte aus, gewinnt Grammys, singt mit Lady Gaga. Und er ist damals an der Seite von Martin Luther King marschiert. Kurzum: Er lässt uns im Vergleich alle schlecht aussehen."

Bennett: Da hat Bobby ganz schön übertrieben (lacht), er wollte wohl extranett sein. Aber über die Auszeichnung habe ich mich gefreut, und er hat mir sogar ein Ständchen gesungen. Toller Abend.

einestages: Apropos De Niro: Regisseur Martin Scorsese setzte Ihre Songs in Gangster-Filmen wie "Goodfellas", "Casino" oder "Wie ein wilder Stier" ein. Hat er Ihnen nie eine Rolle angeboten?

Bennett: Nein. Rollen als italienischer Gangster haben mich auch nie interessiert. In den Sechzigern habe ich mich mal überreden lassen, einen Hollywood-Agenten zu spielen. Der Film "The Oscar" wurde kein großer Erfolg, aber am Set habe ich Sandra kennengelernt, meine spätere Ehefrau. Das war das Beste daran.

einestages: Aber Sie pflegen eine andere Leidenschaft: die Malerei.

Bennett: Ich muss jeden Tag malen: den Central Park, die Golden Gate Bridge, Landschaften der Toskana oder Venedig, bevorzugt Aquarelle. Meine Gemälde signiere ich stets mit "Benedetto", meinem Familiennamen, weil ich den Maler und den Sänger Tony Bennett trennen will.

einestages: Ihren runden Geburtstag feierten Sie im August mit einer großen Fernsehgala und auch mit dem neuen Album "Tony Bennett celebrates 90".

Bennett: Das ganze Jahr 2016 stand irgendwie im Zeichen meines Geburtstags. Das Album ist eine Werkschau meiner Karriere, angefangen mit frühesten Aufnahmen als Joe Bari. Außerdem singen befreundete Künstler mehrerer Generationen meine bekanntesten Lieder: Lady Gaga, Stevie Wonder, Andrea Bocelli, Billy Joel, Elton John, Michael Bublé.

Tony Bennett & Lady Gaga: The Lady is a Tramp (2014)

einestages: Und Schauspieler Kevin Spacey überrascht als Sänger.

Bennett: Kevin singt ein Medley aus "The Very Thought Of You" und "If I Ruled The World". Wunderbar. Er ist sehr talentiert.

einestages: Mit 90 stehen Sie weiter auf der Bühne, nehmen Platten auf, malen, schreiben Bücher. Chapeau. Ist Ihre Energie grenzenlos?

Bennett: 90 ist auch nur eine Zahl. Ich fühle mich gut und lebe nach dem Motto: Ich fange jetzt erst richtig an. "Just getting started", so heißt auch mein neues Buch über spannende Begegnungen in meinem Leben. Und ich gönne mir Träume: noch einmal in Deutschland singen, am liebsten in Berlin.

einestages: Was sagt Ihr Arzt dazu?

Bennett: Mein Arzt? Der ist richtig sauer, wenn ich zum Durchchecken komme. Weil er nichts findet. Er wirft mir vor, dass ich ihm seine Zeit stehle.

insgesamt 8 Beiträge
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Marcus Straub, 15.01.2017
1. Der letzte große Grooner
Bitte machen Sie weiter so,Mr. Bennett. Mit allen Respekt, meine Hochachtung.
Ralf Gallasch, 15.01.2017
2. Traurig
Einen Sänger mit dem amerikanischen Präsidenten zu vergleichen ist vielleicht gewagt. Aber beim Lesen des Interviews dachte ich, was für ein lebensfroher, mutiger und aufgeschlossener Mensch dieser Tony Bennett doch ist. Und dagegen dieser kommende rassistische, twitternde, sich über Behinderte lustig machende "Präsident" der USA. Es ist einfach nur traurig und unfassbar wen die Amis da gewählt haben.
Richard Jas, 15.01.2017
3. bemerkenswerte Geschichte
Ich bin kein Fan seiner Musik,aber seine Statements und Vita klingen gerade heraus.Wofür er von mir eine große Anerkennung bekommt sind seine Sätze zu seiner Mama.Well done Sir.
Lutz Holzapfel, 15.01.2017
4. Wieder so ein großartiges Interview,
dass den Künstler in den Mittelpunkt stellt und sehr empathisch geführt ist. Ich selbst bin zwar kein großer Fan der Musik von Bennett und Sinatra.... das Interview macht aber deutlich, dass Bennett neben einem großartigen Sänger auch ein ebensolcher Mensch ist..... besonders die Worte zu Amy Winehouse haben mich stark berührt. Danke, die Lektüre hat meinen Sonntag bereichert ??
Franz Heidbüchel, 15.01.2017
5. großartig
Was für ein Leben! Und offensichtlich ein Mensch mit Haltung und Werten. Ein tolles Interview und ein Highlight von "einestages"! Danke dafür.
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