Top-Agent Philby Nutzlos in Moskau

Top-Agent Philby: Nutzlos in Moskau Fotos
Dolgopolow/Verlag Molodaja Gwardia

Er gab Stalin die entscheidenden Hinweise für den Bau der Atombombe: Über Jahrzehnte war der Brite Kim Philby der wichtigste Spion der Sowjets. Eine Biografie enthüllt nun Geheimdienstdokumente - und erzählt vom Ruhestand des Doppelagenten, der in Moskau plötzlich mit dem Kommunismus fremdelte. Von

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Der junge Brite machte auf Joachim von Ribbentrop, Hitlers Botschafter in Großbritannien, den besten Eindruck. Kim Philby, Jahrgang 1912, gehörte offenbar zu jenen Engländern, die auf ein Bündnis mit dem Deutschen Reich setzten - auch aus Abneigung gegen die Sowjetunion. Denn Philby, Absolvent der Universität Cambridge, war schließlich Redakteur der "Anglo-German Review", die wiederum von der "Anglo-German Fellowship" herausgegeben wurde. Der Verein, der 1935 gegründet worden war und dem zeitweise 50 Mitglieder beider Häuser des Parlaments angehörten, stand bei den Nazis hoch in der Gunst. Auf Fellowship-Versammlungen sprachen NSDAP-Amtsträger wie Ribbentrop zu SA - und Hitlerjugendführern.

Doch die Nazis ahnten nicht, dass die Sympathie des PR-Mannes Philby nicht dem "Führer" in Berlin galt. Sondern dessen größtem Feind.

Schon 1934 hatte sich Diplomatensohn Philby zum Spähen für die Sowjetunion verpflichtet, nicht für Geld, sondern aus Überzeugung. Enttäuscht von der Labour-Party begeisterte sich der linke Student in der Weltwirtschaftskrise für den Marxismus. Ein Aufenthalt in Wien, wo die Diktaturregierung den Februaraufstand niederschlug, bekehrte ihn endgültig. Aus Harold Adrian "Kim" Philby wurde ein glühender Kommunist - und einer der berühmtesten Spione der Geschichte.

Eine jetzt in Moskau erschienene Biografie Philbys im renommierten Verlag "Molodaja Gwardia" dokumentiert Details aus dem abenteuerlichen Leben dieses Mannes. Autor Nikolai Dolgopolow, stellvertretender Chefredakteur der Regierungszeitung "Rossiiskaja Gaseta", ist Verfasser mehrerer Bücher zur Geschichte der Sowjetspionage. Und weil Dolgopolow das Vertrauen des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR genießt, übergab ihm der Dienst einige bislang geheime Dokumente aus den umfangreichen Akten über Philby. Dolgopolow durfte auch Zeitzeugen der Auslandsaufklärung befragen, die einst mit Philby arbeiteten.

Der größte Fang des Agentenfischers

Der Autor schildert ausführlich, wer Philby für Moskau verpflichtete: Der Werber war Arnold Deutsch, eine legendäre Figur der sowjetischen Geheimdienstgeschichte. Der vielsprachige Spross einer jüdischen Familie aus Wien hat sich mit 20 Jahren dem Kommunistischen Jugendverband angeschlossen und ist dann zum Auslandsgeheimdienst gewechselt. Dort wird er bald zum Spitzen-Werber, der in verschiedenen europäischen Ländern junge Perspektivagenten gewinnt. Philby ist der wohl größte Fang des Menschenfischers.

Denn diesem gelingt es, ab 1940 beim britischen Geheimdienst Secret Service Karriere zu machen, auch mit kompetenten Vorträgen über die ihm vertraute Theorie des Marxismus-Leninismus. Im britischen Geheimdienst avanciert der Aristokrat 1944 sogar zum Leiter der Abteilung, die zuständig ist für die Bekämpfung des Kommunismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg koordiniert er 1949 bis 1951 in den USA die Zusammenarbeit der amerikanischen und britischen Geheimdienste.

Einblicke in das, was Philby im Einzelnen verrät, liefern Dokumente in Dolgopolows Buch. So berichtet der Brite im Mai 1941 über den Umgang der Briten mit dem nach England geflogenen Hitler-Stellvertreter Hess - ein Thema, das Moskaus Führung alarmiert. Denn im Kreml fürchtet man einen deutsch-britischen Schulterschluss gegen die Sowjetunion.

Wichtige Hilfe für den Bau der sowjetischen Atombombe

Vor der Panzerschlacht bei Kursk im Sommer 1943 übermittelt Philby Moskau Informationen des britischen Dienstes über die Kräfte der Deutschen. Stalins Mann im Secret Service liefert zudem Hintergrundinformationen darüber, warum Briten und Amerikaner zunächst mit der Eröffnung einer zweiten Front in Europa zögern. Und ab 1944 elektrisiert er seine Auftraggeber mit Hinweisen auf die US-amerikanischen Atombombenpläne. So trägt Philby entscheidend dazu bei, dass der sowjetische Geheimdienst zahlreiche Quellen auf die Bombenbauer ansetzt - und die Sowjets selbst eine Bombe bauen und 1949 zünden können.

Da ist der Kitt, der die Kriegs-Koalition gegen das "Deutsche Reich" zusammengehalten hat, schon zerbröckelt und der Kalte Krieg in vollem Gange. Philby hilft den Moskauer Freunden nun, ihren Machtbereich stabil zu halten. So informiert er über einen geplanten Einsatz antikommunistischer Söldner des amerikanischen Geheimdienstes gegen das Regime des damals noch mit Moskau liierten Stalinisten Enver Hoxha in Albanien. Dessen Staatssicherheit "Sigurimi" zerschlägt die Diversantengruppe und erschießt deren Mitglieder. Doch die Moskauer Philby-Biografie schildert auch, dass Stalin zumindest bis 1943 den Informationen des Londoner Konfidenten nicht traut.

Auch nach Stalins Tod bleibt Philby Moskaus treuester Brite. Doch nach fast dreißig Jahren endet sein heimlicher Einsatz abrupt im Januar 1963 in Beirut. Philby ist für den Secret Service und parallel als Korrespondent für die Zeitungen "Observer" und "Economist" in der libanesischen Hauptstadt tätig, als er von einer alten Bekannten verraten wird. Philby hatte 1937 vergeblich versucht, die Nazi-Gegnerin Flora Solomon zu überzeugen, "etwas für den Frieden zu tun" und für die Sowjets zu spionieren. Solomon lehnt ab, schweigt aber über das Angebot. Doch dann missfällt ihr die israelkritische Berichterstattung des Journalisten Philby - und sie entschließt sich 1962, ihn beim britischen Geheimdienst anzuschwärzen.

"Innere Tragödie" in Moskau

Dass Philby daraufhin von Secret-Service-Kollegen "befragt" werden soll, löst in Moskau Alarm aus. Die Sowjets organisieren ihrem Topagenten die Flucht. Die jetzige russische Veröffentlichung beendet auch die Spekulationen darüber, wie er den Weg in seine Wahlheimat findet. Der sowjetische Frachter "Dolmatow" bringt ihn aus dem Beiruter Hafen über Mittelmeer und Schwarzes Meer nach Odessa. Dort empfangen Männer der sowjetischen Auslandsaufklärung einen zerknirschten Philby, der traurig ist, dass er seine Mission abbrechen muss.

Dabei stehen ihm die eigentlichen Prüfungen noch bevor: Denn der Spitzenspäher a.D. macht in Moskau die überraschende Erfahrung, dass er nicht mehr gebraucht wird. Er schreibt Memoranden, die niemand liest, wartet auf Aufgaben, die ihm niemand gibt. Häufig wechselnde KGB-Betreuer erschweren ihm das Einleben, er wird isoliert statt integriert. Philby flüchtet sich in den Alkohol. Er leidet jahrelang unter Schlafstörungen. Ein KGB-Oberst a.D., der jahrelang mit Philby arbeitete, spricht in dem Buch offen von einer "inneren Tragödie" des Langzeitagenten. Dass er daran zerbricht, verhindert wohl vor allem seine russische Frau Rufina, die er in Moskau kennengelernt hat.

Der Brite hatte sich wie die meisten westlichen Kommunisten das Sowjetland aus der Ferne romantisch verklärt. In der geschlossenen Gesellschaft des Sowjetstaats fremdelt er jedoch. Bis an sein Lebensende 1988 spricht er nur schlecht Russisch. Die Armut vieler älterer Sowjetbürger schockiert ihn. "Er war enttäuscht vom System", sagt seine Witwe Rufina rückblickend.

Und den alten Kommunisten beschämen seine Privilegien: Er bekommt eine Vier-Zimmer-Wohnung in der Moskauer Innenstadt, von der selbst die meisten KGB-Offiziere nur träumen können und eine für sowjetische Verhältnisse üppige Rente in der Höhe eines Generalsgehaltes. Dass ihm britische Ressentiments näher sind als das Lebensgefühl der Russen, zeigt auch sein Verhältnis zu den Deutschen. Lange weigert er sich, die DDR zu besuchen. Erst 1981 folgt er einer Einladung des Chef der DDR-Auslandsaufklärung, Markus Wolf.

Veraltetes Geheimdienstwissen

Erst nach Jahren der Untätigkeit findet der Ex-Spion, der täglich BBC hört und anders als der gewöhnliche Sowjetbürger die "Times" lesen darf, wieder Verwendung. In einer konspirativen Wohnung in Kreml-Nähe schult er junge KGB-Offiziere, die unter diplomatischer Legende nach London geschickt werden. Doch dabei wird ihm bewusst, dass sein Wissen veraltet ist. Der britische Geheimdienst praktiziert neue Tricks, die Philby nicht kennt.

Gegen Ende der Sowjetzeit blüht der überzeugte Kommunist noch einmal auf. Unter Michail Gorbatschow hofft er auf Reformen und wird in sowjetischen Medien zum gefragten Interviewpartner. Doch den Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt Philby nicht mehr, auch seine britische Heimat hat er nie wieder betreten. Der "Spion des Jahrhunderts" ("L'Express") stirbt im Mai 1988 in Moskau.

Seinem Biografen Philipp Knigthley gegenüber sagte er in den achtziger Jahren, er sei eine gespaltene Persönlichkeit: "Ich vermute, dass ich eigentlich zwei Menschen bin." Wenn es nach der russischen Auslandsaufklärung geht, wird die gesamte Wahrheit über Kim Philby ohnehin nicht bekannt werden: Der SWR, erklärt der Leiter des Pressebüros, werde "höchstwahrscheinlich niemals alle Dokumente über Philby veröffentlichen".

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