Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Englands berühmteste Musiksendung Top of the Flops

Playback-Auftritte: Top of The Flops Fotos
BBC

Erzwungene Playback-Auftritte und Kuchenschlachten vor laufender Kamera: Vor zehn Jahren stellte die BBC ihren Dauerbrenner "Top of The Pops" ein. Ein Rückblick auf die schlimmsten Momente. Von

Es war ihre Chance. Ein Auftritt in der Musiksendung "Top of The Pops", dem Quotengaranten der BBC, in Großbritannien so heilig wie in Deutschland die "Tagesschau".

Bis zum 4. August 1988 galt die britische Band All About Eve als Geheimtipp. Doch jetzt konnte sie Millionen Fernsehzuschauern ihre Ballade "Martha's Harbour" vortragen, die auf Platz 22 der Charts geschossen war - so hoch wie keines ihrer Lieder zuvor.

Nur: All About Eve durfte beim Musik-Countdown nicht das tun, was sie nach Ansicht von Fans und Experten am besten konnten: live singen. Das war gegen das Konzept von TOTP, wie die Sendung abgekürzt hieß, und vor allem gegen den Willen der Musikindustrie. Die befürchtete: Ein schlechter Live-Auftritt ist schlecht für den Plattenverkauf. TOTP sollte nur schöne Bilder zu dem perfekten Sound liefern, den man aus dem Radio kannte - ohne Fehler, Kanten, Abweichungen.

Quotengaranten: Legs & Co hieß - aus feministischer Sicht wenig korrekt - die vorletzte Tanzgruppe, die bei "Top of The Pops" (TOTP) auftrat. Fünf Jahre lang, bis 1981, garantierten die Mädchen der BBC-Show gute Quoten; sie traten immer dann in der Musik-Countdown-Sendung auf, wenn die Stars sich nicht zu einem Auftritt im TOTP-Studio durchringen konnten. 1983 aber endete die Ära der Tanzgruppen, als die Plattenfirmen der BBC kostenlos professionelle Musikvideos zur Verfügung stellten.

Lasziv: Ex-Spice Girl Geri Halliwell räkelt sich bei ihrem TOTP-Auftritt 2001 auf dem Klavier. Der TV-Chart-Countdown war wichtig für den kommerziellen Erfolg einer Single; nach einem gelungenen Auftritt schnellten die Verkaufszahlen oft in die Höhe.

Quiiietsch! Die beliebte Fernsehsendung "Top of The Pops", hier eine Aufnahme aus dem britischen Studio im Jahr 2001, war für viele Teenager eine gute Möglichkeit, ihre Idole aus nächster Nähe zu erleben. Dass viele Musiker dort gar nicht live sangen, störte viele gar nicht.

Beginn einer Erfolgsgeschichte: Im Januar 1964 wurde die erste Sendung von TOTP ausgestrahlt. Der Auftritt der US-amerikanischen Popsängerin Brenda Lee mit ihrem Hit "Is It True?" im August 1964 fiel noch in eine Zeit, in der die Produzenten viel improvisieren mussten. Sie gerieten besonders dann in Not, wenn eine angesagte Band nicht ins Studio kommen wollte oder konnte. Anfangs wurde dann einfach das Lied gespielt und nur ins Publikum gefilmt; ab Herbst 1964 setzte die BBC dann Tänzerinnen ein.

Treffpunkt der Stars: Kaum ein Musiker wagte es, der einflussreichen Musiksendung dauerhaft fernzubleiben, schalteten doch regelmäßig Millionen junge Briten TOTP ein. Hier spielten im Juni 1966 die Beatles ihre Song "Paperback Writer". Es war ihr einziger Live-Auftritt in der Show.

Trost fürs Publikum: In gold-glitzernden Kostümen trat 1968 die Tanzgruppe Pan's People 1968 bei TOTP auf. Die Mädchen schwangen immer dann zu einem Chart-Hit ihre Beine, wenn eine Band gerade nicht selbst auftreten konnte oder wollte.

Erfolglose Männer: Nach fast acht Jahren wurden Pan's People von einer neuen Tanzformation bei TOTP abgelöst, Ruby Flipper. Erstmals gehörten auch drei Männer zu einer Tanzgruppe. Doch das Experiment ging schief. Schon nach wenigen Monaten kam das Aus und die BBC setzte fortan wieder auf reine Frauengruppen.

Netter Versuch, aber... Im April 1970 trat sogar die komplette britische Fußballnationalmannschaft im TOTP-Studio auf, um das Lied "Back Home" vorzutragen. Als amtierender Weltmeister galt Großbritannien als einer der Favoriten auf den Titel bei der WM 1970 in Mexiko, und die Euphorie war so riesengroß, dass der Mannschaftssong auf Platz eins der UK-Charts schoss. Genutzt hat es der Mannschaft aber nichts; sie schied im Viertelfinale gegen Deutschland aus und schaffte bei den nachfolgenden beiden Weltmeisterschaften nicht einmal die Qualifikation.

An die Spitze: Bis auf Platz drei schoss 1969 die Single "Sorry Suzanne" der britischen Rockband The Hollies. Das garantierte ihr natürlich einen Auftritt bei TOTP. Das Konzept der Sendung war so einfach wie beliebt: In den Anfangsjahren wurden Lieder aus den Top 20, später aus den Top 30 und dann sogar aus den Top 40 vorgestellt. Die Sendedauer nahm mit dem Erfolg der Sendung von 30 auf 45 Minuten zu. Es wurden auch Neueinstiege vorgestellt, die unterhalb der Top 40 in den Charts platziert waren - allerdings meist nur dann, wenn die Band prominent war oder ein Album hatte, das sich gut verkaufte.

Vergebliche Mühe: Im Frühjahr 1973 trat Soulsängerin Diana Ross mit The Supremes im Studio von TOTP auf, um das Lied "Bad Weather" zu promoten. Doch anders als ihre früheren Welthits wie "Baby Love" und "You Can't Hurry Love" floppte der Song - da half selbst der Fernsehauftritt nichts.

Jubiläum: Am 4. Oktober 1973 feierte TOTP seine 500. Sendung. 1759 weitere sollten folgen. 42 Jahre, vom 1. Januar 1964 bis zum 30. Juni 2006 wurde Großbritanniens beliebteste Musiksendung ausgestrahlt. Es überlebte bis heute eine Christmas- Sondersendung und "Top of The Pops 2", benannt nach dem Sender BBC 2. Hier wird sporadisch immer wieder das unendliche Archivmaterial von TOTP verwurstet.

Vielspieler: Die Rockgruppe Status Quo - hier 1982 - war die Band, die am häufigsten bei TOTP auftrat - insgesamt 106 Mal zwischen 1968 und 2005. Andere Musiker und Gruppen mieden die Show trotz der kommerziellen Bedeutung, die sie für den Verkauf der Singles hatte - oder benahmen sich, wie etwa Nirvana, derart daneben, dass sie nie wieder eingeladen wurden.

Schweißtreibend: Im Mai 1982 traten Hot Chocolate mit ihrem Hit "Girl Crazy" auf. Trotz des extrovertierten Auftritts schaffte es die Single nur bis auf Platz 7 der UK-Charts.

Medienstar und Verbrecher: Jimmy Savile, hier auf einer Collage aus den Siebzigern, war das Gesicht von TOTP und ein Grund für den Erfolg der Sendung. Der überdrehte Moderator mit seiner schrillen Kleidung und dem platinblonden Haar war der Starmoderator von TOTP, die er von 1964 bis 1984 moderierte (und danach gelegentlich auftrat). Savile nutzte aber seine Nähe zu den Popstars auch dazu aus, um sich an Minderjährigen zu vergehen. Gerüchte hatte es schon früh gegeben, doch erst nach Saviles Tod 2011 wurde das wahre Ausmaß des Missbrauchsskandals öffentlich, als sich Hunderte Opfer meldeten.

Auch...

… die jungen Frauen aus den TOTP-Tanzgruppen bedrängte Savile, hier eine Aufnahme mit Pan's People. In dieser Tanzformation trat auch Dee Dee Wilde auf, die später berichtete, Savile habe ihr und anderen Mädchen lächelnd die Rückbank seiner Limousine gezeigt - ein riesiges, umgebautes Bett. "Ich habe nur gedacht: Mein Gott, wie widerlich!"

An diesem 4. August war es aber die BBC, der ein fataler Fehler unterlief. Er machte All About Eve über Nacht berühmt, allerdings anders als erwünscht. Denn als überall im Land aus den Fernsehern die ersten Gitarrenakkorde von "Martha's Harbour" erklangen, hörte die Band: nichts. Also tat sie: nichts.

Die Kamera zoomte auf Tim Brichenos Finger, die auf den Saiten seiner Akustikgitarre schliefen. Dann schwenkte sie zur Sängerin Julianne Regan, die wahlweise gelangweilt auf den kunstnebelumwaberten Studioboden oder ins Publikum starrte. Ab und an schien sie was zu sagen. Nur eines tat sie nicht: zu singen oder zumindest so zu tun. Erst als ihr in der zweiten Strophe klar wurde, was passiert war, versuchte sie tapfer zu retten, was längst verloren war: Die Band war zur Lachnummer der Nation geworden.

Die Panne war auch für die BBC höchstpeinlich. Jetzt hatte auch der Letzte verstanden, dass in der berühmtesten Musikshow des Landes niemand live sang. Zwar hatten die Produzenten in dieser Frage oft mit sich gerungen und in der 42-jährigen Geschichte von TOTP mehrmals ihre eigenen Richtlinien geändert. So gab es immer wieder auch Live-Auftritte. Doch meist konnten Bands höchstens den Gesangspart live zur Instrumentalmusik vom Tonband einsingen - oder mussten Vollplayback-Auftritte hinlegen.

Boykottieren? oder sich zum Affen machen?

Das ärgerte nicht nur Zuschauer, sondern auch etliche Stars, die stets vor derselben Entscheidung standen: Sollten sie die Show boykottieren? Oder sollten sie lieber, um den kommerziellen Erfolg nicht zu gefährden, ihr musikalisches Ego über Bord werfen und sich ein paar Minuten zum Affen machen?

Viele Musiker wählten einen dritten Weg: Sie traten auf - und prangerten das erzwungene Playback mit humoristischen und irrwitzig überzogenen Darbietungen an. Es war ausgerechnet dieser Protest gegen das Playback, der TOTP ungewollt die legendärsten Momente bescherte.

Da lieferten sich etwa 2001 die Bandmitglieder von Travis eine wilde Kuchenschlacht, die den Irrsinn des Playbacks wunderbar parodierte: Längst waren Instrumente und Musiker völlig sahneverschmiert und doch erklang die Musik immer noch wundersam glasklar aus den Lautsprechern. Die Rocker von Eels traten sogar mit Spielzeuginstrumenten auf, die sie zertrümmerten, als gäben sie gerade das revolutionärste Konzert ihrer Karriere.

Kreativ persiflierte eine Band nach der anderen die ungeliebten Playbacks: Mikrofone fielen folgenlos zu Boden. Sänger sangen Kaugummi kauend und Zunge streckend. Gitarristen spielten plötzlich Cello und Drummer schlugen Luftlöcher, während Schlagzeuggewitter aus den Boxen dröhnten. Manche Musiker versteckten ihre Kritik auch etwas subtiler: Marillions Sänger etwa deutete in dem Moment auf seine geschlossenen Lippen, als die Songzeile "I'm miming" erklang.

Am lässigsten nahm Nirvana-Sänger Kurt Cobain die Show aufs Korn, obwohl er bei seinen Hit "Smells Like Teen Spirit" den Gesangspart live vortragen durfte. Doch Cobain sang einfach nicht in seiner weltberühmt-brüchigen Cobain-Stimme, sondern sonor und eine Oktave tiefer. Nebenbei änderte er eine Songzeile radikal um: Am Ende stand ein ironischer Aufruf zum Mord: "load up on drugs, kill your friends".

Die BBC und die Musikindustrie waren wenig amüsiert. Während glattgebügelte Sänger wie Cliff Richard mehr als hundert Mal bei TOTP auftreten durften, wurde Nirvana nie wieder eingeladen. Noch zwei Jahre später warnte ein Lobbyist der Plattenindustrie die BBC unverblümt vor der Wiedereinführung von "womöglich desaströsen" Live-Auftritten: "In manchen Fällen ist es für die Musiker überhaupt nicht förderlich, live zu singen."

Die Unbekümmertheit der Anfangsjahre war da schon längst verloren und TOTP ein Millionengeschäft mit Ablegern in Deutschland, Kanada und den USA. Dabei war das Konzept nach dem Start der Sendung am 1. Januar 1964 alles andere als ausgefeilt gewesen: In einer Zeit, in der es noch keine Musikvideos gab, hatte sich offenbar niemand Gedanken gemacht, was man dem Fernsehzuschauer denn zeigen wollte, falls eine Band nicht auftreten wollte oder konnte.

"Ich hasste ihn!"

Die Antwort war damals pure Improvisationskunst. Keine Musiker im Studio? Einfach ins Studiopublikum filmen! Müde Zuschauer? Schnell eine langbeinige Tanzgruppe zusammenstellen!

"Unsere Aufgabe war es, das Publikum zum Mittanzen zu animieren, weil die Leute sonst nur blöd durch die Gegend glotzten", erinnerte sich Dee Dee Wilde 2013 in der "Daily Mail". Wilde war Tänzerin der Gruppe Pan's People, die von 1968 bis 1976 fehlende Bands auf der Bühne ersetzten. Am Ende ergatterten Pan's People und andere Tanzkombos ein wenig vom Ruhm der Stars, zu deren Hits sie ihre Beine schmissen.

Bis zur Einführung des Musikvideos in den Achtzigern sicherten diese Tanzgruppen TOTP die Quoten, ebenso wie ihr überdrehter, platinblonder Starmoderator Jimmy Savile, der von 1964 an 20 Jahre lang durch die Musikshow führte. Doch auch hier täuschte der Schein: Savile nutzte seine Nähe zu den Stars, seine Prominenz und seine Rolle als sozial engagierter Wohltäter aus, um sich an Kindern und Jugendlichen zu vergehen.

"Ich hasste ihn", erzählte Dee Dee Wilde der "Daily Mail", aber Savile sei "extrem beliebt und einflussreich" gewesen. Also fühlte sich die Tänzerin genötigt, ihm zu seinem protzigen Van zu folgen, der vor dem Studio parkte. Savile habe ihr lächelnd die Rückbank seines Autos gezeigt - ein riesiges, umgebautes Bett. "Ich habe nur gedacht: Mein Gott, wie widerlich!"

Gerüchte hatte es schon viel früher gegeben, doch erst nach Saviles Tod 2011 wurde das wahre Ausmaß des Missbrauchsskandals öffentlich, als sich Hunderte Opfer meldeten. Eine interne Untersuchung sprach im Frühjahr 2016 von übertriebener Ehrfurcht vor dem Star und einem "Klima der Angst", das Savile geholfen habe, seine Taten zu vertuschen. Der Moderator der einst beliebtesten Musiksendung Großbritanniens hatte den Sender in eine seiner tiefsten Krisen gestürzt.

Zum Autor
Christoph Gunkel

Christoph Gunkel Der einestages-Redakteur (Jahrgang 1977) hat Geschichte, Politik und Publizistik studiert und freut sich immer, wenn er in alten Quellen lebendige Zeitzeugen-Berichte findet. Selbst gerne in der Ferne unterwegs hat er ein Faible für historische Reiseabenteuer und vergessene Orte.

Mehr Artikel von Christoph Gunkel

Artikel bewerten
4.2 (44 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
John King, 28.07.2016
Vox, RTL, ARD, Sat1, überall ist playback angesagt, ist auch besser so, die meisten können nur in der studio einigermaßen vernünftig singen. Fernsehen ist halt die letzte 40 Jahre verändert in eine große Musiklüge. Das allerschlimmste finde ich aber das bei deutsche texte, die Wörter halb eingeschluckt werden. Statt finden wird dann findnn gesungen. Traurig! Und für mich ein grund so ein lied nicht zu kaufen.
2.
Alexander Kuffner, 28.07.2016
... stammen in Wahrheit aus Los Angeles.
3. Kleine Korrektur
Robert Bosse, 28.07.2016
Die Eels kommen aus den USA und nicht aus Schottland ;)
4. Eels
Ralf Twellenkamp, 28.07.2016
Die Eels um Mark Oliver Everet kommen nicht aus Schottland sondern den USA :-) siehe Bild und Text zum tollen Song Novocaine for your soul
5. Bbc? Zdf!
Axel Weitermann, 28.07.2016
Am 20.08.1986 traten Iron Maiden im Bochumer Tarm Center im (wahnsinnig tollen) Peter Illmann Treff auf, was alleine deswegen schon ungewöhnlich war, weil Hard Rock oder gar Heavy Metal spätestens ab Mitte der 80er schwer verpönt im deutschen Fernsehen war. Es hob sich zu sehr von der bevorzugten Haarspray-Keyboard-Cool-Und-Steril-Atmosphäre der 80er ab. Maiden hatte die ganzen 80er über sowohl in England als auch in Deutschland sehr erfolgreiche Hitsingles (was vor allen Dingen an der attraktiven B-Seiten-Politik lag). So kamen sie wohl zu diesem "Auftritt" mit ihrer neuen Single "Wasted Years". Die ersten Sekunden verlaufen noch fast normal, wenn da nicht diese aufblasbare Banane wäre. Dann tauschen Bassist Steve Harris, Sänger Bruce Dickinson und Drummer Nicko McBrain die und treiben ihre Späße auf der Bühne, deutlich demonstrierend, was sie von Playback und damit der Show halten. https://www.youtube.com/watch?v=EuIol63oAmI Obwohl Iron Maiden später noch erfolgreicher waren, war es das für sie (und ähnliche Bands) in deutschen TV-Studios. Sie wurden nie wieder gesehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH