Top-Spion "Topas" Der heiße Draht zum Nato-Rat

Top-Spion "Topas": Der heiße Draht zum Nato-Rat Fotos
ddp images

Er war der gefährlichste Agent der DDR, Deckname "Topas": Von 1977 bis 1989 lieferte Rainer Rupp höchst geheime Dokumente aus dem Brüsseler Nato-Hauptquartier nach Ost-Berlin - und verhinderte damit womöglich einen Atomkrieg. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.0 (469 Bewertungen)

Rainer Rupp rechnete immer damit, dass er irgendwann auffliegen würde. Die drei Jahre zwischen dem Ende der DDR und seiner Festnahme seien "eine bleierne Zeit" gewesen, erzählte er später, aber er habe seiner Familie ein Leben auf der Flucht nicht zumuten wollen. Mit Hilfe der vom amerikanischen Geheimdienst CIA nach der Wende bei der "Operation Rosenholz" erbeuteten Zentraldatei des DDR-Auslandsnachrichtendienstes HVA (Hauptverwaltung Aufklärung) wurde Rupp schließlich enttarnt: Als der bärtige Brillenträger am 31. Juli 1993 seine Mutter zum 70. Geburtstag in der Nähe von Trier besuchte, stürmte ein Kommando der Staatsschutzabteilung des Bundeskriminalamts die Feier. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilte Rupp, der bis zuletzt mit seiner Frau und drei Kindern im Diplomatenviertel in Tervuren bei Brüssel gelebt hatte, am 17. November 1994 wegen schweren Landesverrats zu zwölf Jahren Haft.

Die Agentenkarriere des 1945 in Saarlouis geborenen Rainer Rupp hatte 1968 mit einem Teller Gulaschsuppe begonnen. Nach einer Demonstration gegen die Notstandsgesetze saß der Student mit Kommilitonen in einem Mainzer Restaurant und konnte seine Zeche nicht bezahlen - ihm fehlten 50 Pfennig. Ein freundlicher Mann am Nebentisch, der sich als Kurt vorstellte, spendierte den Fehlbetrag und lud die Gruppe zu einer weiteren Runde ein. Es war, wie sich später erwies, ein Werber des DDR-Geheimdienstes.

In der Folgezeit reiste Rupp immer wieder nach Ost-Berlin und wurde zum Spion ausgebildet. Er lernte, den Agentenfunk zu bedienen und tote Briefkästen zu bestücken. Aus dem Studenten wurde der Geheimagent "Mosel" - der Tarnname war wohl wegen seiner Herkunft gewählt worden. Rupp legte ein hervorragendes Examen in Volkswirtschaftslehre ab, heiratete und machte rasch Karriere. Er wurde Direktor für eine englische Handelsbank in Brüssel und bewarb sich 1977 erfolgreich für einen Posten bei der Nato.

"Im Allerheiligsten der Nato"

Die HVA hatte, wie Rupp später erzählte, "damals überhaupt nicht damit gerechnet und hatte es erst recht nicht geplant, dass ich es bis ins Allerheiligste des Nato-Hauptquartiere schaffen würde". 1979 erhielt er einen neuen Decknamen: "Topas" - wie der Agententhriller von Alfred Hitchcock. Zuerst habe er sich gefragt, "ob die in Ost-Berlin noch ganz gescheit sind", aber dann habe er die positive Seite erkannt: Falls je ein Verdacht auf ihn fallen sollte, hätte er sagen können: "Ihr habt wohl zu viele Hitchcock-Filme gesehen."

Als einer der Vorsitzenden der Current Intelligence Group im Nato-Lagezentrum hatte er bei Nato-Stabsübungen oder in Krisensituationen vor Botschaftern und Generälen regelmäßig über die eigene und die Feindlage Bericht zu erstatten - seine tagsüber gehaltenen Lagevorträge sprach er abends auf Tonbänder, die Aufzeichnungen sendete er mit einem Spezialgerät verschlüsselt von einer Telefonzelle aus nach Ost-Berlin. Geheime Dokumente fotografierte er mit einer Mikrokamera, Nachrichten übermittelte er "auch mal ganz klassisch mit Geheimschrift", wie er sagte. "Meist mit den üblichen Methoden", aber nicht immer mit denselben. "Man muss ja variieren, um der Gegenseite die Aufdeckung nicht zu erleichtern."

Das Spektrum seiner Informationen, so Rupp in einem Interview, "reichte von der Ost-West-Politik über die Rüstungsplanung aller Nato-Länder bis herunter zu Details wie Stationierung, Bewaffnung etc.". Rupps spektakulärster Coup war wohl die Übermittlung der als "Cosmic Top Secret" eingestuften Nato-Studie MC 161, einer Dokumentenserie, die das gesamte Wissen des westlichen Verteidigungsbündnisses über die militärisch relevanten Fakten des Warschauer Pakts enthielt.

"Atomkrieg verhindert"

Im Nachhinein glaubt Rupp, durch seine Spionagetätigkeit zur Vermeidung eines Atomkriegs beigetragen zu haben - eine These, die auch von amerikanischen Geheimdienstexperten nicht ganz von der Hand gewiesen wird. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten waren in den Jahren des Kalten Krieges fest davon überzeugt, dass der Westen einen nuklearen Raketenangriff plane. Ihren Höhepunkt erreichte die sowjetische Kriegshysterie im Herbst 1983 durch das Nato-Manöver "Able Archer", bei dem eine koordinierte Freigabe von Atomwaffen simuliert wurde.

Der Kreml versetzte damals seine eigenen strategischen Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft, ein Versehen hätte eine Katastrophe auslösen können. DDR-Kundschafter hätten mit Hilfe der von ihnen besorgten Informationen "die Empfänger in Moskau beruhigt" und so "einen Atomkrieg verhindert", sagt Rupp unter Berufung auf einen US-Strategen.

Obwohl ein HVA-Überläufer, der ehemalige Oberst Heinz Busch, dem Bundesnachrichtendienst (BND) schon 1990 Hinweise auf eine Spitzenquelle in der Nato gab, dauerte es mehr als drei Jahre, bis Rupp enttarnt wurde. Der BND-Informant, der in der Auswertungsabteilung der HVA arbeitete, kannte selbst keine Kundschafter im Westen. Anhand der gelieferten Materialien konnte der Ex-Oberst jedoch ziemlich genau eingrenzen, wo "Topas" in der Nato sitzen musste - fündig wurden die Fahnder trotzdem nicht.

Kampf fortgesetzt

Geschmeichelt fühlte sich Rupp, als ihn der Vertreter der Bundesanwaltschaft im Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht ironisch als "ständigen Vertreter des Warschauer Pakts bei der Nato" bezeichnete. Der Vorsitzende Richter Klaus Wagner urteilte nüchtern: "Topas" habe dem Osten einen "umfassenden Überblick" vor allem über die Streitkräfteplanung des westlichen Bündnisses verschafft. Dies hätte im Ernstfall "verheerend und kriegsentscheidend" für die Bundesrepublik und die Nato sein können, sagte Wagner.

Mit seinem Urteil - 12 Jahre Haft - blieb der Staatsschutzsenat unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft, die 15 Jahre gefordert hatte.

Schon aus dem Saarbrücker Gefängnis, wo Rupp einsaß, arbeitete der Ex-Spion regelmäßig als Autor für die Tageszeitung "Junge Welt", die in der DDR das Zentralorgan der SED-Jugend FDJ war. Seinen antiimperialistischen Kampf führt er dort bis heute als Kommentator weiter. Im Juli 2000 wurde Rupp auf Bewährung aus der Haft entlassen. Ende der neunziger Jahre, noch als Freigänger im offenen Vollzug, diente Rupp der PDS-Fraktion im Bundestag zeitweilig als Berater für Außen- und Sicherheitspolitik. Aus der PDS ist er jedoch 2003 ausgetreten, weil sie, so Rupps Begründung, "zu einer von Grund auf bürgerlichen Partei" geworden sei.

Artikel bewerten
3.0 (469 Bewertungen)
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Markus Krajewski, 31.07.2008
Die Geheimagentenromantik und der fast pazifistisch anmutende Hinweis, TOPAS habe möglicherweise zur Vermeidung eines Atomkriegs beigetragen, sollte nicht die Augen vor der Wahrheit verschließen: Topas hat sich als Bürger eines demokratischen und keinesfalls angriffslustigen Staates gegen denselben gewandt und hätte damit im Kriegsfall Hohe Verluste auf Seiten der Bevölkerung sowie der Soldaten riskiert. Möglicherweise hätte er durch seine Aufklärung sogar zu einem Atomkrieg beigetragen, wenn der Warschauer Pakt aufgrund seiner Informationen eine gute Chance auf einen siegreichen Angriffskrieg gesehen hätte. Solch ein Verhalten ist zutiefst verwerflich und sollte daher in keiner Weise verniedlicht werden. Topas war ein höchst gefährlicher Verräter unserer Demokratie und kein linksintellektueller Pazifist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH