Top-Terrorist Carlos Treibjagd auf den "Schakal"

20 Jahre lang hetzten westliche Geheimdienste "Carlos, den Schakal". 1994 ging ihnen der damals meistgesuchte Terrorist endlich in die Falle. Eine Schachtel Lucky Strike, das Oktoberfest und Krampfadern an den Hoden leiteten sein Ende ein.

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AP

Der gefährlichste Terrorist der Welt schlief selig, als am 14. August 1994 gegen 3 Uhr morgens im sudanesischen Khartoum Sicherheitskräfte in seine Wohnung eindrangen. Betäubt von einer gewaltigen Dosis an Schmerz- und Beruhigungsmitteln, machte der gefürchtete Killer den Beamten keinerlei Probleme. Entsprechend reibungslos verlief der Zugriff: Kapuze über den Kopf, raus aus dem Versteck und ab in den Jet nach Paris. Als Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt unter seinem Decknamen "Carlos", nach zwölf Stunden Flug in Begleitung von Agenten des französischen Geheimdienstes DST in Paris landete, trug er immer noch einen Pyjama.

Die Verhaftung des meistgesuchten Mannes der Welt beendete eine blutige Epoche des internationalen Terrorismus. Mindestens 83 Menschen hatte der legendäre "Schakal" auf dem Gewissen, als er gefasst wurde; Hunderte Mordversuche, Geiselnahmen und Bombenattentate gingen auf sein Konto. Trotz einer Vielzahl blutiger Anschläge, die er verübte, entkam Carlos immer wieder; 20 Jahre lang hielt er Geheimdienste und Ermittlungsbehörden in Atem. "Fast schon unheimlich" sei es gewesen, resümiert der ehemalige CIA-Agent Billy Waugh in seinem Buch "Der Terroristenjäger", "wie er es schaffte, dass er nie geschnappt wurde".

Die Festnahme bei der Nacht-und-Nebel-Aktion von Khartum wirkte deshalb geradezu mühelos, fast zu einfach. Doch dem Triumph der Terroristenjäger war ein langer Kampf vorausgegangen. Wie ein räudiges Tier hatten die Verfolger von CIA, DST und auch dem deutschen Bundeskriminalamt den "Schakal" von Land zu Land getrieben - bis sie ihn an jenem Augusttag in Khartoum endlich stellten.

Feuerstöße und ein Kampfruf

Französische Fahnder hätten Sanchez um ein Haar schon im Juni 1975 zu fassen bekommen. Damals erschienen drei Agenten in der Pariser Wohnung des gebürtigen Venezolaners. Sie waren einem vagen Tipp nachgegangen und wollten den Mann zunächst nur befragen. Es war eine Routinekontrolle; die Waffen der Agenten steckten im Halfter. Sánchez zeigte sich zunächst kooperativ. Doch dann verschwand er unter dem Vorwand, seine Jacke zu holen - um mit einer Maschinenpistole im Anschlag zurückzukehren und sich den Weg freizuschießen. Zwei Fahnder starben; der einzige überlebende Agent berichtet später, Sánchez habe beim Feuern immer wieder gebrüllt: "Ich bin Carlos! Ich bin Carlos!" Eine Legende war geboren.

Beim ersten Zwischenfall konnte niemand ahnen, zu welcher Brutalität Carlos fähig war, seine blutige Karriere hatte gerade erst begonnen. Doch von nun an reihte sich eine Tat an die nächste. Darunter war auch der spektakuläre Überfall auf das Opec-Hauptquartier in Wien im Dezember 1975: Als Anführer einer sechsköpfigen Terrorgruppe namens "Arm der arabischen Revolution" stürmte Carlos das Gebäude und nahm 70 Geiseln, darunter elf Erdölminister arabischer Staaten. Drei Menschen wurden bei der Aktion erschossen, Carlos und seine Komplizen entkamen mit Millionenlösegeld. Später folgten die Entführung eines französischen Flugzeuges nach Uganda (1976), ein Bombenanschlag auf den Schnellzug Paris-Toulouse (1982) und der Anschlag auf das französische Kulturzentrum "Maison de France" in Berlin (1983). Carlos war durch nichts zu stoppen.

Das lag auch an seinen Unterstützern: In Staaten wie Syrien, dem damaligen Südjemen und Irak, aber auch in Ostblockländern wie Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der DDR fand Carlos Helfershelfer. Der sowjetische Geheimdienst KGB und die ostdeutsche Stasi sahen den gefürchtetsten Terroristen der Vor-al-Qaida-Ära zunächst als "Verbündeten im Kampf gegen die Imperialisten" an. Mit 15 Geheimdiensten soll Carlos insgesamt unter verschiedensten Pseudonymen geklüngelt haben.

Eine Packung Lucky Strike von "Peter Schmidt"

Doch auf Dauer verprellte Carlos' Neigung zu Gewaltorgien viele seiner Unterstützer. Der Mann sei ein "größenwahnsinniger Mörder" heißt es etwa irgendwann in den Stasi-Akten. Und mit dem Ende des Kalten Krieges zerriss Carlos' fein gesponnenes Sicherheitsnetz im kommunistischen Teil der Welt. So wurden arabische Länder Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre zu seinem Hauptrückzugsgebiet. Mit seiner Frau, der deutschen Magdalena Kopp, und der gemeinsamen Tochter Rosa lebte er zeitweise in Syrien und schlug sich mit gelegentlichen Mordaufträgen durch.

Auch dort war Carlos bald nicht mehr sicher. Die beiden deutschen Journalisten Peter Sandmeyer und Wilhelm Dietl hatten dem Killer hinterhergeforscht und im Mai 1991 in der Illustrierten "Stern" unter der Schlagzeile "Der Pate des Terrors" ihre Erkenntnisse veröffentlicht und den Aufenthaltsort des Gesuchten enthüllt: "Heute lebt Carlos, der meistgesuchte Terrorist der Welt, als Geschäftmann getarnt in Syrien", hieß es schon im Vorspann.

Mitarbeiter von Daimler-Benz erkannten im "Stern" auf Bildern ihren Kunden "Peter Schmidt", dem sie oft auf Partys begegnet waren - zuletzt auf dem Oktoberfest der Lufthansa-Niederlassung in Damaskus. Nun erfuhren sie, dass "Peter Schmidt" in Wirklichkeit Johannes Weinrich hieß und ein gesuchter Top-Terrorist war, zudem als rechte Hand von Carlos galt. Prompt traten die Geheimdienste auf den Plan. Deutsche Geschäftsleute mit Syrien-Kontakten wurden nach ihren Dienstreisen systematisch befragt und lieferten tatsächlich Hinweise auf Carlos. Schließlich gab es sogar einen stichhaltigen Beweis: Ein Mercedes-Mitarbeiter lieferte den Geheimen eine leere Lucky-Strike-Schachtel mit Fingerabdrücken von "Peter Schmidt" - die Untersuchung ergab: Es waren wirklich die von Carlos' Gehilfen Weinrich.

Unterwegs ins Nirgendwo

Die Schlinge begann sich zuzuziehen. Nachdrücklich rieten die Syrer ihrem bisherigen Schützling, das Land zu verlassen. Carlos kümmerte das nicht - doch dann fand er sein Haus im September 1991 plötzlich von Soldaten umstellt: Hausarrest, seine Frau durfte nicht einmal mehr zum Frisör. Dem gefürchteten Killer blieb nichts anderes, als die Koffer zu packen und sich ein neues Domizil zu suchen.

Doch das gestaltete sich schwierig. In Libyens Hauptstadt Tripolis, wo Sanchéz samt Familie zunächst Zuflucht suchte, durften sie nach der Landung nicht einmal das Flugzeug verlassen - ihre Identität war trotz gefälschter Diplomatenpässe aufgeflogen. Um keinen Preis waren die Libyer bereit, den gejagten Auftragskiller ins Land zu lassen, obwohl sie sich lange seiner bedient hatten. Also ging es zurück nach Syrien, von dort zunächst in den Jemen. Doch auch hier war Carlos nicht mehr willkommen; nach drei Tagen Aufenthalt in einem isolierten Hinterzimmer des Flughafens wurden er und die seinen weiter nach Jordanien geschickt. Dort immerhin fand die Familie für eine Weile Unterschlupf, zuerst im Hotel, dann in einem angemieteten Haus mit drei Schlafzimmern und Garten.

Doch Carlos begriff, dass für ihn die Zeit im arabischen Raum zu Ende ging. Er trennte sich im Juni 1992 von Frau und Kind, die er nach Venezuela zu seiner Mutter schickte, und ging selbst ein Jahr später zusammen mit seiner neuen Freundin, einer blutjungen Studentin, in den Sudan. Es war eine fatale Entscheidung: Carlos hatte den Einfluss unterschätzt, den die Franzosen - die ihm seit den Pariser Morden von 1975 hartnäckig auf den Fersen waren - auf das sudanesische Regime hatten.

Der Schlaf des Terroristen

Zusammen hatten die französischen, amerikanischen und deutschen Geheimdienste genug Informationen, um Carlos hochgehen zu lassen: Die BKA-Ermittler steuerten 1500 Seiten Stasi-Akten bei, die massenhaft neue Hinweise zu Carlos und seinen Kontakten enthielten. Die Franzosen für ihren Teil überzeugten die sudanesische Regierung, den Gesuchten auszuliefern - wahrscheinlich für eine vom französischen Innenminister versprochenen Gegenleistung: Die Verhaftung ging über die Bühne, nachdem Frankreich die Finanzierung neuer Flugzeuge für den Sudan übernommen hatte.

Und so begann der letzte Akt: Am Abend des 13. August ließ sich der "Schakal" von seinem Arzt Schmerzmittel verabreichen. Der mittlerweile 45-jährige Terrorist hatte sich einer kleinen Operation unterzogen und sich schmerzhafte Krampfadern am Hodensack entfernen lassen. Ihm entging, dass der behandelnde Mediziner ihm auf höhere Weisung eine deutlich stärkere Dosis verabreichte als nötig. Nach Jahren der Ruhelosigkeit versank der Gehetzte an diesem Abend wieder einmal in einen tiefen Schlummer - bis ihn seine Jäger unsanft weckten.

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Seite 1
annette wiechmann, 16.08.2009
1.
Guter Artikel, aber kleiner Fehler "...die Waffen der Agenten steckten im Halfter..." Ein Halfter ist ein gebissloser Kopfzaum, welcher zum Führen und Anbinden eines Pferdes verwendet wird. Richtig wäre: HOLSTER
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