"Topographie des Terrors" Manager des Massenmords

Wer plante die Verbrechen der Nazis? Die neue Ausstellung "Topographie des Terrors" im Berliner Regierungsviertel zeigt die kaum bekannten Köpfe hinter dem NS-Vernichtungssystem - und legt offen, wie viele hochrangige Täter nach 1945 von der Justiz unbehelligt blieben.

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Die Karteikarten füllen die ganze Wand, mehrere hundert Stück, in Rosa, Beige oder Flaschengrün, darauf Namen, Geburtsdaten, handschriftliche Notizen. Sie stammen von Berliner Staatsanwälten und Polizisten, ab 1963 sammelten die Ermittler Informationen über rund 7000 ehemalige Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamts.

16 Karten ragen aus der Wand hervor, sie stehen für diejenigen Beamten aus der Terrorzentrale der Nazis, die sich in einem Strafverfahren verantworten mussten. Drei Karten heben sich noch ein Stück weiter ab: Das sind die, die ein Urteil bekamen - 3 von 7000. Das Relief hängt in der überarbeiteten Dokumentation "Topographie des Terrors" im Berliner Regierungsviertel.

An diesem Donnerstag, kurz vor dem 65. Jahrestag des Kriegsendes, wird Bundespräsident Horst Köhler bei einem Festakt den quadratischen Neubau mit der metallgrauen Stabfassade eröffnen. Im Unterschied zum nahen Holocaust-Mahnmal soll die Dokumentation den Blick auf die Täter lenken, jene Planer und Bürokraten, die von Berlin aus die Massenmorde in Europa steuerten.

Reisekaiser Hitler

Sie führt damit zugleich einem breiten Publikum die schwerste Hypothek der bundesrepublikanischen Demokratie vor Augen: Dass Tausende Mörder und Mordgehilfen im Nachkriegsdeutschland ein ruhiges Leben führen konnten, unbehelligt von der Strafjustiz. Der Ort der Ausstellung ist historisch so kontaminiert wie kaum ein anderer in der Hauptstadt. Auf dem "Prinz-Albrecht-Gelände" südlich des Potsdamer Platzes residierten die zentralen Behörden der Repression.

1933 bezog die Geheime Staatspolizei die Kunstgewerbeschule in der Prinz-Albrecht-Straße 8. Das benachbarte Hotel Prinz Albrecht diente ab 1934 als SS-Zentrale, im selben Jahr nahm der Sicherheitsdienst (SD) der SS das Prinz-Albrecht-Palais an der Wilhelmstraße in Beschlag. Hier verwalteten die Beamten die Konzentrations- und Vernichtungslager, steuerten die tödlichen Feldzüge der Einsatzgruppen und führten Buch über die zu bespitzelnden Regimegegner.

Auch das Wannsee-Protokoll zur "Endlösung der Judenfrage" vom 20. Januar 1942 wurde in der SS-Zentrale angefertigt, den Tagungsort am Wannsee hatte die Runde aus Ministerialbeamten und SS-Funktionären eher zufällig gewählt.

Da Hitler wie ein Reisekaiser regierte, mal von der Wolfschanze aus, mal vom Obersalzberg, steht das Areal für die Köpfe hinter den Verbrechen. Auf dem Prinz-Albrecht-Gelände hatten Reichsführer SS Heinrich Himmler und SD-Chef Reinhard Heydrich ihre Schreibtische.

Weicher Fall von der Laufbahnleiter

Sie scharten Männer um sich, die so gar nicht zu den heutigen Stereotypen des NS-Täters passen wollen, weder zum dumpfen Sadisten noch zum blutleeren Bürokraten. Es waren ehrgeizige Akademiker um die 30, eher Ideologen als Technokraten. Sie wechselten zwischen Zentrale und Auslandsstationen hin und her wie heute Jungmanager in einem Großunternehmen, immer die Laufbahnleiter empor. Und nach dem Karriereknick von 1945 fielen die meisten weich.

Erich Ehrlinger etwa, Jurist aus dem schwäbischen Giengen, wurde schon im Alter von 25 Jahren Stabsführer einer Zentralabteilung des SD-Hauptamtes, dann war er Befehlshaber der deutschen Sicherheitspolizei in der Ukraine und leitete das Einsatzkommando 1b. Als nach dem Krieg im Jahr 1969 das Verfahren gegen ihn wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit eingestellt wurde, hatte Ehrlinger noch 35 Jahre zu leben.

Der Münchner Kaufmann Josef Spacil trat mit 27 in den Stab des Reichsführers SS ein, wechselte als SS-Wirtschafter in die besetzten Gebiete der Sowjetunion, kehrte als Abteilungsleiter zurück ins Reichssicherheitshauptamt. In den Nürnberger Prozessen trat er als Zeuge auf, wurde selbst aber nie vor Gericht belangt.

Auch Dr. iur. Werner Best, Dr. iur. Ernst Kaltenbrunner, Dr. iur. Hans Nockemann, alle Jahrgang 1903, blicken von Fototafeln herunter. "Man vergisst leicht", sagt "Topographie"-Stiftungsdirektor Andreas Nachama, "dass der Nationalsozialismus eine junge Bewegung war."

Eine Brache gerät in Vergessenheit

Der Direktor der Dokumentationsstätte führt stolz durch das lichte Gebäude mit den Sichtbetonwänden und dem dunklen Steinfußboden. "Das Gelände ist unser wichtigstes Exponat", sagt Nachama. "Wir brauchen keine Kulissenarchitektur, es ist alles da." Nachama verweist auf die Ausblicke. Gegenüber: das Luftfahrtministerium Hermann Görings, heute Dienstsitz des Bundesfinanzministers. Einige Meter weiter das Berliner Abgeordnetenhaus, einst für den Landtag Preußens erbaut. Angrenzend ein Stück Berliner Mauer, 170 Meter lang. Mehr deutsche Geschichte geht kaum auf so engem Raum.

Heute ist kaum zu verstehen, wie nachlässig die Politik die historische Stätte lange behandelte. Von 1949 bis 1956 ließen die Behörden die kriegsbeschädigten Gebäude abreißen. Ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen, doch man wollte den Schreckensort vergessen machen. Dabei halfen unfreiwillig die Machthaber im Ostteil der Stadt, als sie 1961 die Berliner Mauer errichteten, entlang der ehemaligen Prinz-Albrecht-Straße. Die über vier Hektar große Brache geriet in Vergessenheit und wucherte zu.

In den Plänen des West-Berliner Senats war der Grund für eine Schnellstraße vorgesehen, die aber nie gebaut wurde. Die Autos kamen dennoch, gefahren von Fahrschülern und Motorbegeisterten ohne Führerschein, die auf den Asphaltpisten des "Autodroms" ihre Runden drehten. Einen anderen Teil des Terrains belegte eine Baustofffirma, die hier die Überbleibsel abgerissener Altbauten weiter verwertete.

Chaos um einen Architektenentwurf

Es waren linke Bürgerinitiativen, die in den achtziger Jahren das Terrain nicht nur als Ort der Täter wiederentdeckten, sondern auch als Ort des deutschen Widerstandes. Rund 15.000 Menschen inhaftierte die Gestapo in ihrem Hausgefängnis im Erdgeschoss der Prinz-Albrecht-Straße 8, Männer wie Pastor Martin Niemöller, den Kommunisten Erich Honecker oder den Sozialdemokraten Kurt Schumacher.

Böden der Zellen fanden sich bei symbolischen Ausgrabungen, dazu Mauerreste und Fundamente. Eine provisorische Ausstellung entstand 1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins. Die Ursprungs-"Topographie", eine Reihe von Texttafeln im Freien, blieb über 20 Jahre bestehen und zog zuletzt eine halbe Million Besucher pro Jahr an.

Fast so lange dauerte das Bemühen, die Dokumentation angemessen unterzubringen. Eine Ausschreibung von 1993 endete im Chaos. Den Architektenwettbewerb gewann der Schweizer Peter Zumthor mit seinen Plänen für einen 125 Meter langen, aber nur 17 Meter breiten Riegel quer übers Gelände. Die Kosten explodierten, nach fünfjährigem Baustopp musste das Land Berlin 2004 endgültig die Notbremse ziehen. Bagger rissen die drei bereits errichteten Treppentürme und das Fundament des Torsos wieder ab, der Architekt wurde entschädigt. Mehr als zwölf Millionen Euro waren vertan.

Umfassende Antworten zu liefern war nie das Vorhaben

Erst der neuerliche Anlauf gelang, der Bau der Architektin Ursula Wilms und des Landschaftsarchitekten Heinz Hallmann wurde in zweieinhalb Jahren fertig und kostete die veranschlagten 20 Millionen Euro, für die der Bund und das Land Berlin in gleichen Teilen aufkommen. Er ist funktional und nüchtern, passend zum Konzept der Ausstellung und der bewusst unfertigen Anmutung der Außenanlagen.

Ein guter Abschluss eines Dauervorhabens? "Es spricht für die Qualität des Projekts, dass es all das überlebt hat", sagt Reinhard Rürup. Der 75-jährige Historiker baute die ursprüngliche Ausstellung mit auf, im Jahr 2004 trat er wegen der Zumthor-Hängepartie als wissenschaftlicher Direktor zurück. Im Rückblick das richtige Signal, sagt Rürup, die Politik beschloss kurz darauf den Neustart.

Doch seien wertvolle Jahre verschwendet worden, während derer sich das Berliner Regierungsviertel und seine Gedenkstätten rasant veränderten. Nun erscheine die "Topographie" als Nachzügler, kritisiert Rürup. Außerdem habe man die Gelegenheit versäumt, die verschiedenen NS-Gedenkorte der Hauptstadt in einer Bundesstiftung zusammen zu fassen. Die wäre besser in der Lage gewesen, mit den großen Dokumentationsstätten im Ausland, den Holocaust-Museen und Ausstellungen in Washington und London und dem Mémorial de la Shoah in Paris, auf Augenhöhe zu kooperieren.

Umfassende Antworten zu liefern, sei nie das Vorhaben der "Topographie des Terrors" gewesen, räumt Direktor Nachama ein. "Wir sind zufrieden, wenn uns der Besucher mit mehr Fragen verlässt, als er zu Anfang hatte."

Der Besucher steht etwa staunend vor dem Foto von Karl Wolff, Leiter des persönlichen Stabes von Himmler, wie er nach dem Krieg fröhlich vor seinem Haus am Starnberger See mit einem Schlauch die Pflanzen gießt.

Ein Farbfoto jüngeren Datums zeigt den ehemaligen Chef des SS-Sicherheitsdiensts von Genua, Friedrich Engel, 2002 vor dem Landgericht Hamburg. Die Verurteilung hob der Bundesgerichtshof wieder auf - auch Engel starb als freier Mann.



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Seite 1
Mathias Völlinger, 06.05.2010
1.
Letzter Satz des Artikels: "Ein Farbfoto jüngeren Datums zeigt den ehemaligen Chef des SS-Sicherheitsdiensts von Genua, Friedrich Engel, 2002 vor dem Landgericht Hamburg. Die Verurteilung hob der Bundesgerichtshof wieder auf - auch Engel starb als freier Mann." Wieder die üblichen "Verfahrensfehler" als Begründung? Ich bin ja kein Jurist und unterstelle den heutigen Richtern ja keine gewisse politische Gesinnung. Im Gegensatz zu denen welche auch direkt nach 1945 in "Amt und Würden" blieben. Aber ist unsere Strafprozessordnung nicht doch etwas verschwurbelt? Übrigens, ich weiß nicht warum, war mein erster Anlaufpunkt bei meinem allerersten Berlinbesuch, 1994, die "alte" Ausstellung. Und da gabs dann auch ein Büchlein preisgünstig zu erwerben. Dies war für mich ein "Leitfaden" für meine danach anstehenden Besichtigungstouren in der Stadt, wo gewisse "Lokalitäten" nicht als solche gekenntzeichnet wurden, wie in diesem Buch dargestellt. Z.B. wusste ich damals wirklich nicht, dass das Riesengebäude gegenüber des Ausstellungsgeländes mal Görings Luftfahrtministerium war. Da stand auch kein Schild diesbezüglich. Aber in diesem Büchlein wurde dies ausdrücklich erwähnt. Und jetzt wohne ich in Berlin, und ich werde nächste Woche, nach Feierabend, unbedingt dahingehen.
Jens Ziegenbalg, 07.05.2010
2.
Sehr geehrter Herr Völlinger, das ist nett von Ihnen daß Sie unseren heutigen Richtern keine politische Gesinnung unterstellen. Allerdings sind die Wege schon interessant - man nehme Roman Herzog, einst Präsident des Bundesverfassungsgerichts und ein Zögling von Theodor Maunz, auch ein Verfassungsrechtler - und was für einer. Pikanterweise mußte Herr Maunz wenigstens sein politisxcches Amt räumen - auf Initiative von Frau Hamm-Brücher. Die gleiche Frau Hamm-Brücher die 1994 bei der Wahl zum Bundespräsidenten Roman Herzog unterlag. Nein - es gibt nirgendwo eine Kontinuität in Deutschland. Die heutigen Richter sind bestimmt alle voller Ekel gegenüber ihren Ziehvätern.
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