Toter "Tarzan"-Tierstar Die Wahrheit über Cheetah

Toter "Tarzan"-Tierstar: Die Wahrheit über Cheetah Fotos
AP/The Desert Sun, Marilyn Chung

Er lebte das Leben eines Filmstars in Rente: Zuletzt malte Schimpanse Cheetah abstrakte Gemälde und spielte Football. Nun verstarb der Primat - angeblich im ungewöhnlich hohen Alter von 80 Jahren. Doch es gibt Zweifel an der Biografie der vermeintlichen Hollywood-Größe. Von

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Am Ende lebte er zurückgezogen in der Kleinstadt Palm Harbor im Sonnenstaat Florida und führte das typische Leben eines Filmstars in Rente: Er malte mit Fingerfarben abstrakte Bilder, spielte Football und hörte christliche Musik. Die Rede ist von Cheetah, dem haarigen Begleiter an der Seite von Johnny Weissmuller in den "Tarzan"-Filmen der dreißiger Jahre.

Jetzt ist das vielleicht berühmteste Filmtier Hollywoods tot. Cheetah sei bereits am 24. Dezember, wie die Nachrichtenagenturen nun melden, im biblischen Alter von 80 Jahren an Nierenversagen gestorben. Das Tierheim "Suncoast Primate Sanctuary", in dem Cheetah die letzten 50 Jahre gelebt haben soll, teilte auf seiner Internetseite mit, die Mitarbeiter hätten nicht nur "einen treuen Freund und ein Familienmitglied" verloren, sondern auch den "Star der Tarzanfilme". Auf der verlinkten Facebook-Seite "Remembering Cheetah" bedanken sich etliche Fans für die "vielen Lacher und die Freude" aus "Jahren kindlicher Unschuld".

Doch es gibt Hinweise darauf, dass die wundersame Affenbiografie nur eine hübsch gesponnene Legende Hollywoods ist. "Dass ein Schimpanse 80 Jahre alt wird, ist ziemlich unwahrscheinlich ", sagt Tierärztin Tamara Becker vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen im Interview mit einestages. "In menschlicher Obhut werden Schimpansen höchstens 50 oder 60 Jahre alt". In freier Wildbahn und ohne medizinische Betreuung, so die Expertin, seien die Tiere Infektionskrankheiten ausgesetzt und würden sogar oft nur etwa 30. Wurde Cheetahs Biografie also dreist frisiert?

Laune der Natur oder Wunder von Hollywood

Das extrem hohe Alter ist ein Indiz, aber kein Beweis. Natürlich könnte Cheetah, das sagt auch Tierärztin Becker, durch eine ungewöhnliche Laune der Natur Jahrzehnte länger gelebt haben als die meisten seiner Artgenossen. An dieser Stelle könnten wir uns also zurücklehnen, in Kindheitserinnerung schwelgen und davon träumen, dass es einfach wahr ist, dieses tierische Wunder von Hollywood. Wenn da nicht der US-amerikanische Schriftsteller Richard Dean Rosen wäre.

Der Amerikaner lieferte schon 2008 Beweise für das, was Fans des berühmten Primaten getrost ein "Cheetahgate" nennen könnte - nur dass sich für diesen Tierskandal kaum jemand interessierte.

Dazu muss man wissen, dass es zwei Cheetahs gibt, die beide angeblich in den Tarzanfilmen der dreißiger Jahre an der Seite Weissmullers mitgespielt haben sollen. Der nun verstorbene Cheetah lebte in Palm Harbor, Florida, während ein weiterer, vermeintlicher Affen-Methusalem und Filmstar noch heute im Rentnerparadies Palm Springs im Bundesstaat Kalifornien lebt - und ebenfalls 80 Jahre alt sein soll. Dieses Tier, das es ins Guinness-Buch der Rekorde als ältester Schimpanse der Welt geschafft hat, wird jedoch "Cheeta" geschrieben - ohne "h".

Wettkampf der Methusalem-Affen

Zwei ungewöhnlich alte Affen mit fast identischem Namen, die in ähnlich klingenden Orten leben (die freilich Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen): Da ist es kein Wunder, dass es in vielen Medienberichten über den tierischen Filmstar mitunter so chaotisch zugeht wie in Tarzans Dschungelcamp. Meist ist in den Berichten nur von einem "Cheeta" die Rede und die Schreibweisen gehen wild durcheinander - egal, ob nun von dem kalifornischen Cheeta oder dem Cheetah aus Florida die Rede ist. Auch einestages hat sich von den Affen verschaukeln lassen und in einer früheren Version dieses Artikels die beiden Primaten vertauscht.

Doch bei all dem Chaos ist eine Sache ziemlich klar: Weder Cheeta noch Cheetah dürften jemals in einem der Tarzan-Filmen der dreißiger Jahre mitgespielt haben. Zu dem Zeitpunkt waren sie vermutlich nicht einmal geboren. Und an dieser Stelle kommt der amerikanische Schriftsteller Richard Dean Rosen zum Zug - denn er konnte zumindest die Biografie des jetzt noch lebenden Cheeta aus Palm Springs auf beeindruckende Art entzaubern.

Eine Geschichte mit Rissen

"In Hollywood lügen sogar die Tiere mit dem Alter", schrieb Rosen im Dezember 2008 in einem langen Aufsatz der "Washington Post". Es war das Ergebnis monatelanger Recherchen und das abrupte Ende eines Auftrags, den er von Cheetas zweitem Besitzer, dem Tierpfleger Dan Westfall, bekommen hatte. Im Jahr 2007 hatte Westfall Rosen über seine Presseagentin fragen lassen, ob er nicht für ihn die Biografie des haarigen Hollywood-Stars verfassen wolle.

Rosen war begeistert von der Idee, die Geschichte eines Helden seiner eigenen Kindheit aufzuschreiben. Sofort machte er sich an die Arbeit, begann zu recherchieren - und stellte mit Entsetzen einen Widerspruch nach dem andern fest. Die Geschichte von dem Helden seiner Jugend bekam Risse. Dann brach sie in sich zusammen.

Da war etwa die offizielle Version von der Ankunft Cheetas in den USA, die auch von renommierten Zeitschriften wie "Newsweek" verbreitet wurde: Demnach hatte der Tierpfleger Tony Gentry das Affenbaby 1932 im Dschungel Liberias gefunden und auf einem Pan-Am-Flug außer Landes geschmuggelt. Dummerweise sei der junge Affe während des Fluges aus seinem Versteck entkommen, habe eine Stewardess in Hysterie versetzt und konnte selbst nur durch eine Flasche warme Milch beruhigt werden. Cheeta kam am 9. April 1932 in den USA an - und hatte schon wenig später seinen ersten Auftritt im Filmdschungel Hollywoods.

Ein Affe - drei Alter

Eine rührende Geschichte. Nur: 1932 gab es überhaupt keine Flugverbindung der Pan Am aus Liberia, wie Rosen herausfand. Tierpfleger Tony Gentry hätte demnach frühestens 1939 auf diesem Weg mit Cheeta einreisen können - erst sieben Jahre nach seinem angeblich ersten Auftritt in einem "Tarzan"-Film.

Rosen forschte nun weiter. Wie konnte es etwa sein, dass Cheeta seinen vermeintlich letzten Filmauftritt als Affe Tschi-Tschi in der Komödie "Dr. Dolittle" aus dem Jahr 1967 hatte? Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten hätte Cheeta etwa 34 Jahre alt sein müssen - doch im Film wird ein junger Schimpanse gezeigt, der etwa sieben oder acht Jahre alt gewesen sein mag. Zudem hatte sich Cheeta-Besitzer Tony Gentry selbst in Widersprüche verstrickt, als er im Jahr 1985 Reportern von verschiedenen Zeitungen drei unterschiedliche Versionen über die Herkunft seines Schützlings auftischte. Demnach war das Tier damals wahlweise 38, 53 oder 50 Jahre alt.

Schließlich sprach Rosen mit dem Tiertrainer Hubert Wells, einem engen Weggefährten Gentrys. Und der beteuerte, Gentry habe Cheeta nicht 1932 aus Afrika mitgebracht, sondern habe das etwa siebenjährige Tier 1967 von einem Elefanten- und Schimpansentrainer aus Santa Monica erworben. "Die große Lüge ist, dass Cheeta nie in 'Tarzan', nie in 'Dr. Dolittle', ja in überhaupt keinem Film mitgespielt hat", behauptet Wells 2007 gegenüber dem Schriftsteller Rosen.

Eklat im Sportstudio

Es wäre zudem nicht das einzige Mal, dass dem Publikum ein falscher Affe untergejubelt wurde. Schon 1971 flog eine erste Schummelei auf. Damals trat Tarzan-Darsteller Johnny Weissmuller, der vor seiner Schauspielkarriere Olympiasieger im Freistilschwimmen gewesen war, im "Aktuellen Sportstudio" auf - in Begleitung seiner Frau Maria und eines Schimpansen. Doch der erwies sich alles andere als handzahm: Er pinkelte den Filmstar an, biss ihn und riss dann auch noch Maria Weissmuller die Perücke vom Kopf. Später stellte sich heraus, dass der wild gewordene Affe gar nicht aus Hollywood kam - sondern ein normales Zootier namens Porgy war.

Von Porgy hörte seitdem niemand mehr etwas, während Cheeta mit zunehmendem Alter immer mehr zum Kulttier Hollywoods aufstieg. Jedes Jahr feierte der später an Diabetes erkrankte Affe in Palm Springs mit bekannten Schauspielern und Fans aus aller Welt seinen Geburtstag in einem luxuriös eingerichteten Primaten-Refugium für gealterte Affen aus dem Showbusiness - und verspeiste zum Vergnügen unzähliger Journalisten Unmengen von Sahnetorten und Nacho-Chips.

Selbst die Enthüllungen Rosens konnten seinem zweiten Besitzer Dan Westfall und dem Märchen vom Affen-Methusalem kaum etwas anhaben. Die Biographie des Schimpansen ("Me Cheeta") schrieb 2008 einfach ein anderer: der 37-jährige Verleger James Lever.

Warnhinweis für Träumer

Nur auf Dan Westfalls Internetseite steht seit 2008 ein verschämter Warnhinweis für alle Träumer: Recherchen hätten ergeben, so heißt es dort, dass "es unwahrscheinlich ist, dass unser Cheeta so alt ist, wie wir gedacht hatten" - auch wenn er zweifellos alt sei. Damit nicht genug: Außerdem sei es schwierig zu belegen, in wie vielen Filmen, "wenn überhaupt", Cheeta mitgespielt haben könnte.

Cheetas geschönte Biographie zeigt, dass Spendengelder fließen und Ruhm und Reporter kommen, wenn man einen Affen nachträglich zur angeblichen Filmlegende erhebt - und nährt den Verdacht, dass auch der nun verstorbene Cheetah in Wahrheit weit jünger gewesen sein könnte.

Vielleicht liegt der letzte Beweis im Namen der Tiere: "to cheat" bedeutet im Englischen "schummeln" und "betrügen".

In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, der nun verstorbene Filmaffe sei "Cheeta" aus dem kalifornischen Palm Springs - und nicht "Cheetah" aus Palm Harbor, Florida. Wir bedauern den Fehler und bedanken uns bei unseren Lesern für die Hinweise.

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1.
Florian Lamp 29.12.2011
"Me Cheeta" ist allerdings in keinster Weise eine ernstgemeinte Biografie sondern vielmehr eine Hollywood-Filmstar-Spoof-Biografie, also nix als Satire gewürzt mit vermeintlich harten Fakten aus "Cheetas" Leben.
2.
Harald Kucharek 29.12.2011
"This is the West, sir. When the legend becomes fact, print the legend"
3.
Wolfgang Stemme 30.12.2011
>"Me Cheeta" ist allerdings in keinster Weise eine ernstgemeinte Biografie sondern vielmehr eine Hollywood-Filmstar-Spoof-Biografie, also nix als Satire gewürzt mit vermeintlich harten Fakten aus "Cheetas" Leben. Glauben heißt immer noch "NICHT WISSEN". Ich habe hier eine Ameise, die ist schon 600 Jahre alt, sagte McLeod. Guten Morgen auch.
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