Tour de France Philosoph auf Pedalen

Kaum jemand kennt ihn heute noch, dabei hat er Sportgeschichte geschrieben: Kurt Stöpel erkämpfte bei der Tour de France 1932 als erster Deutscher das Gelbe Trikot. Porträt eines Philosophen im Rennradsattel.

ullstein bild

Kurt Stöpel - dieser Name ist selbst Radsportfans oft nur aus Statistiken bekannt. Dort kursiert er als "der Mann vor": Er war der erste Deutsche, der (vor Rudi Altig) bei der Tour de France eine Etappe gewann. Der erste Deutsche, der (ebenfalls vor Rudi Altig) dort ins gelbe Trikot fuhr. Und der erste Deutsche, der (diesmal vor Jan Ullrich) am Ende der "Großen Schleife" das Podium auf den Champs Elysées besteigen durfte. 1932 hatte Stöpel dieses Kunststück vollbracht.

Bemerkenswert, dass er nach reiner Rennzeit seinem großen Kontrahenten André Leducq nach 4.479 km um nur drei Sekunden unterlegen war. Wegen dieses hauchdünnen Vorsprungs hatte der "fröhliche Dédé", wie er im Peloton genannt wurde, in Paris seinen Siegerblumenstrauß auch Stöpels Ehefrau mit den Worten überreicht: "Madame Stöpel, wir beide, Kurt und ich, haben die Tour de France gewonnen!" 1932 war im Sport ein Jahr der Galanterie, des Respekts, der deutsch-französischen Freundschaft. Kurt Stöpel, Protagonist dieser Geschichte, wäre am 12. März 100 Jahre alt geworden.

Der gebürtige Berliner machte seine ersten Fahrradversuche im Alter von fünf Jahren auf Kreuzberger Kopfsteinpflaster. Mit 14 fuhr er erste Jugendrennen. Parallel arbeitete er als Redaktionsbote der Nachrichtenagentur "United Press". Ob die Agentur gegenüber der Konkurrenz einen Geschwindigkeitsvorteil durch ihren schnellen Boten hatte, ist nicht überliefert. Bekannt ist indes, dass der hagere, zähe Junge mit den dünnen Beinen stets um drei Uhr morgens aufstand, sein Rad nahm - noch eines ohne Gangschaltung - und trainieren fuhr.

"Das wirst du eines Tages bereuen"

Mit 19 Jahren wurde Stöpel deutscher Meister im 100-km-Mannschaftszeitfahren im Team des RC Diamant Berlin. Im gleichen Jahr gewann er die 13. Etappe der Deutschlandtour, die damals noch eine Zusammenführung von Einzelrennen war. 1928 siegt er - weiterhin als Amateur - bei Berlin-Stettin-Berlin, Berlin-Cottbus-Berlin und Rund um die Hainleite. Dann wurde er Profi. "Ich will mit dem Radsport mein Geld verdienen", sagte er seinem Chef und kündigte. "Das wirst du eines Tages bereuen", prophezeite der ihm. Doch Stöpel, der viel las und gern Journalist geworden wäre, hatte sich die Sache gut überlegt.

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Tour de France: Philosoph auf Pedalen

In seinem ersten Profijahr 1930 wurde er Zweiter der Deutschlandtour. Er reiste ins Ausland, wurde Zweiter beim Criterium von Mailand, Vierter bei der Straßen-WM in Lüttich. Er machte sich einen Namen im internationalen Renn-Zirkus, auch weil er offen war, neugierig und sprachgewandt. Fließend beherrschte er englisch, französisch und spanisch. Er interessierte sich für die Länder, die er sah, ganz im Sinne des gescheiterten Romanautoren und Dramatikers Henri Desgrange, der die Tour de France als Bühne für Schmerz und Leiden, aber auch für intellektuelle Horizonterweiterung erfunden hatte.

Desgrange sollte wenig später einen Narren an dem polyglotten Deutschen fressen, der über Vogeljagd sinnieren konnte, sich im Casino vergnügte und das Grab des Dichters Heinrich Heine in Paris aufsuchte. Im Pyrenäenort Luchon besuchte ihn sein Kontrahent Leducq. "Er ist in seinem Schlafanzug über die Straße gekommen. Wir sprechen kaum über das Rennen, sondern über schöngeistige Dinge", berichtete Stöpel. Radprofis, die sich im Schlafanzug besuchen und über "schöngeistige Dinge" reden? Was für eine Zeit, dieses Jahr 1932? Was für Protagonisten!

Keuchende Ameisen, Riesen der Bergwelt

Stöpel, der gedankenschwere Radprofi, wurde von seinen internationalen Kollegen "der Philosoph" genannt, bei den Deutschen hieß er "Professor". Dass er diese Beinamen nicht zu Unrecht erhielt, belegt noch heute das Tagebuch, das er während seiner großen Frankreichrundfahrt 1932 führte und das erst 1952 verlegt wurde. Erstaunlich, dass Stöpel nach Etappen wie der von Nantes nach Bordeaux (387 km, die heutzutage meist als Transfer zurückgelegt werden) oder Luchon - Perpignan (323 km, teils durch die Pyrenäen) noch die Zeit fand für Niederschriften.

Kraftvoll und kontrastreich ist seine Prosa, ein sprachlicher Galibier angesichts des Flachetappendeutschs, mit dem heutzutage Journalisten und PR-Leute sogenannte "Rennfahrertagebücher" stricken. "Es ist eine tragische Nacktheit, das zerklüftete Felsgestein scheint uns angrinsen zu wollen", führte Stöpel in eine Pyrenäen-Etappe ein. "Jetzt kann man nicht mehr in das violett schimmernde Tal hinabblicken, die Wolken hüllen uns ein, als hätten sie Mitleid mit uns keuchenden Ameisen, die es gewagt haben, die Riesen der Bergwelt herauszufordern." Der Berliner Junge und Beinahe-Journalist war ein Enkel der Spätromantik à la E.T.A. Hoffmann und ein Cousin des Expressionismus Gottfried Benns.

Er war geschult an diesen Sprachbildern und projezierte sie auf sein Metier, den Rennsport. Damals aufkommende Reportageelemente, die die Dynamik des modernen Lebens einfangen wollten, waren ihm vertraut. Stöpel beobachtete auch die allgegenwärtigen Dopingpraktiken. Ob er selbst etwas nahm, ist unbekannt. Folgende Äußerung signalisiert zumindest eine skeptische Haltung: "Die Natur lässt sich nicht ungestraft vergewaltigen, jeder Organismus, der durch solche Dosis Gift aufgepeitscht wird, muss eines Tages versagen." Sein hohes Alter von 89 Jahren legt nahe, dass er den Giften abhold war.

Sein Erfolg ging in Deutschland unter

Doch vor allem fuhr und fuhr Kurt Stöpel. 1931 wurde er als Neuling 16. der Tour de France. Ein Jahr später kämpfte er um den Gesamtsieg. Mit dem Sieg der zweiten Etappe von Caen nach Nantes (300km, 9 Stunden, 51 Minuten) holt er sich das gelbe Trikot. Am Tag darauf - der finstere Morgen wurde durch Fackeln erhellt - schlug die Defekthexe zu.

Sieben Mal musste Stöpel vom Rad. Sein Material, bereitgestellt vom Rennveranstalter, war schlechter als das der französischen Nationalmannschaft. Leducq gewann nach zwölf Stunden und 54 Minuten die Etappe (387 km) und streifte sich das gelbe Trikot über. Stöpel fiel auf den zweiten Platz zurück, den er die gesamte Rundfahrt über behauptete.

Sein Erfolg ging in Deutschland unter. Kein deutscher Journalist war vor Ort. Rennberichte verschickte Martin Schmidt, Betreuer des achtköpfigen deutschen Teams. Immerhin sollen deutsche Fans mit Sonderzügen nach Paris gereist sein. Stöpel absolvierte noch die nächsten drei Frankreichrundfahrten. Dem gelben Trikot kam er nicht mehr nahe. Er belegte den zehnten und den 21. Platz. 1936 gab er nach einem Sturz auf, 1938 beendete er seine Radsportkarriere.

Dritter Radsportler in der "Hall of Fame"

Über sein Leben während des zweiten Weltkrieges ist wenig bekannt. Nach dem Krieg arbeitete er als Dolmetscher beim Alliierten Kontrollrat und beim Berliner Senat. Später wurde er Taxifahrer. Er soll es geliebt haben, ausländischen Gästen Berlin zu zeigen. Den Aufstieg des Mannes, der ihn als besten Deutschen bei der Tour de France ablösen sollte, bekam Kurt Stöpel noch mit. Er hatte Jan Ullrich zu seinem zweiten Platz 1996 gratuliert. "Mit heißem Herzen" habe er dessen Fahrt aufs Podium verfolgt, teilte er seinem Nachfolger mit.

Am 11. Juni 1997, drei Wochen vor Ullrichs größtem Auftritt, wollte sich Kurt Stöpel in seinem Altersheim in Berlin-Kladow etwas zu trinken holen. Er verwechselte die Flasche, griff zu einem Reinigungsmittel und starb. So wird sein Ende übermittelt.

Am 6. Mai 2008 wird Kurt Stöpel in Berlin in die "Hall of Fame" des deutschen Sports aufgenommen. Neben den Bahnsprintern Albert Richter und Gustav ist er der einzige Radsportler in dieser Ruhmeshalle. Vor zwei Jahren, vor der Operacion Puerto, wäre für seinen Nachfolger bei der Tour de France wohl noch ein Platz frei gewesen.



insgesamt 2 Beiträge
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Renate Franz, 25.03.2008
1.
Es stimmt nicht, daß Stöpel und Richter die einzigen Radsportler in der "Hall of Fame" sind, der dritte ist Gustav Kilian.
Redaktion einestages, 09.04.2008
2.
Der Hinweis, dass der dritte Radsportler in der "Hall of Fame" Gustav Kilian ist, ist richtig. Der Text wurde entsprechend korregiert. (Die Redaktion)
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