Kinostart von "Toy Story" Das Ende des Zeichentrickfilms

Dieser Film schuf ein neues Genre - dabei wäre er fast als Katastrophe geendet: 1995 begeisterte Pixars "Toy Story" mit lebenden Puppen aus dem Computer Kinder wie Erwachsene. Die schönsten Computeranimations-Hits aus zwei Jahrzehnten.

ddp images/Walt Disney Studios

Ein Konferenzraum der Walt Disney Studios im kalifornischen Burbank Anfang 1991: Am Tisch sitzen sieben Männer. Einer von ihnen ist Jeffrey Katzenberg, der mächtige Chef von Disneys Filmabteilung. Die anderen sechs kommen von einer unbekannten kleinen Firma namens Pixar - und wollen einen Deal: Pixar produziert den ersten Spielfilm, der komplett mit der obskuren neuen Technologie der Computeranimation entsteht. Und Disney zahlt.

Die Vorzeichen für das Geschäft stehen denkbar schlecht. Zu unterschiedlich sind die Männer am Tisch, zu gegensätzlich ihre Vorgeschichten. John Lasseter, Pixars kreativer Vordenker, hat schlechte Erfahrungen mit Disney: Er war 1983 als Zeichner gefeuert worden, weil er es gewagt hatte, sich schon damals für die Möglichkeiten der Computeranimation zu begeistern. Und Katzenberg gilt in der Filmbranche als Kontrollfreak, der sich angeblich in jedes Detail seiner Filmprojekte einmische und seine Untergebenen schlecht behandle. Aber das kleine Studio von Eigentümer Steve Jobs hat keine Wahl, es steht finanziell am Abgrund: Ohne Unterstützung von Disney droht Pixar das Aus.

Tatsächlich macht Katzenberg seinem schlechten Ruf direkt zu Beginn der Gespräche alle Ehre: "Jeder denkt, ich sei ein Tyrann. Und das stimmt. Aber ich habe einfach fast immer recht." Dann fegt er die erste Idee der Pixar-Mitarbeiter vom Tisch: Um Disney eine Zusammenarbeit schmackhaft zu machen, hatten die zunächst ein halbstündiges TV-Spezial vorgeschlagen, das auf dem Oscar-prämierten Pixar-Kurzfilm "Tin Toy" basieren sollte. Aber Katzenberg will kein TV-Spezial.

Dafür will er etwas anderes: Aus "Tin Toy" soll ein Kinofilm werden, Arbeitstitel: "Toy Story". John Lasseters Traum wird Wirklichkeit - er darf den ersten abendfüllenden, vollständig computeranimierten Film der Geschichte produzieren. Bis der aber anlaufen wird, soll das Projekt ihm noch Albträume verursachen.

Keine Ahnung vom Drehbuchschreiben

Von Anfang an war Lasseter klar, wer die Helden von "Toy Story" sein sollten: Spielzeugfiguren, die alles dafür tun, dass Kinder mit ihnen spielen. Völlig unklar war allerdings die eigentliche Geschichte. Im ersten Drehbuchentwurf von Lasseter, Andrew Stanton ("Wall.E") und Pete Docter ("Alles steht Kopf") waren das Blechspielzeug aus "Tin Toy" und die Puppe eines Bauchredners die Hauptfiguren.

Katzenberg war nicht überzeugt. Er schlug vor, aus der Puppe einen Cowboy namens Woody zu machen. Er sollte der Bösewicht des Films werden. Auf Katzenberg geht auch die Idee zurück, aus "Toy Story" ein Buddy-Movie zu machen, in dem sich zwei gegensätzliche Charaktere zusammenraufen müssen. Er verlangte, dass der Film nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene ansprechen solle.

Schon jetzt zeigte sich ein Problem, das bald die ganze Produktion bedrohen würde: Lasseter, Stanton und Docter waren zwar geniale Animatoren - vom Drehbuchschreiben aber hatten sie keine Ahnung. Ideen flogen hin und her, wurden eingebaut, umgeschrieben, verändert und doch wieder verworfen. Die drei nahmen sogar einen Crashkurs bei einem Drehbuch-Trainer, der ihnen die Grundzüge der Aristotelischen Poetik beibrachte. Irgendwie nahm das Drehbuch trotz des Chaos' Formen an: Das Blechspielzeug wurde durch die Raumfahrer-Puppe Buzz Lightyear ersetzt. Und Woody blieb, wie er war: hundsgemein.

Ende 1993 wollte das Disney-Studio endlich etwas von dem Film sehen, in den es investierte. Lasseter ließ einige Demo-Rollen zusammenschneiden und vertonen. Tom Hanks, die Stimme von Woody, rief während der Tonaufnahmen: "Mein Gott, dieser Typ ist ein richtiges Arschloch!". Dem Team schwante Böses.

Produktion auf Eis

Es kam schlimmer als befürchtet. Später würden Pixar-Mitarbeiter den Tag der Vorführung, den 19. November 1993, nur noch den "schwarzen Freitag" nennen. Katzenberg und seine Kollegen waren schlicht entsetzt: Die Animationen sahen großartig aus - aber was war mit der Geschichte los? Sogar Lasseter schämte sich: "Was ich auf der Leinwand sah, war eine Story ohne Hand und Fuß mit den traurigsten, gemeinsten Figuren, die ich je gesehen hatte."

Katzenberg ordnete einen Produktionsstopp an. Mehrere Disney-Manager wollten die Zusammenarbeit beenden. Aber Lasseter überredete sie, ihnen noch eine Chance zu geben. Er versprach, das Drehbuch binnen zwei Wochen zu überarbeiten. Katzenberg akzeptierte, drehte aber trotzdem den Geldhahn zu. Steve Jobs sprang mit seinen privaten Ersparnissen ein.

Aus zwei Wochen wurden drei Monate. Aber als das Story-Team wieder aus der Versenkung auftauchte, stand das Drehbuch: Woody war von einem tyrannischen Boss zu einem weisen Anführer geworden, der zögernd mit Buzz Lightyear Freundschaft schließt. Das neue Konzept überzeugte auch Disney: Im Februar 1994 gab das Unternehmen grünes Licht.

Nun wurde mit Hochdruck gearbeitet. Die Mannschaft wuchs in wenigen Wochen von 24 auf 110 Mitarbeiter. Mit immensem technischem Aufwand wurde an der Produktion geschuftet.

Todesstoß für den klassischen Zeichentrickfilm

Nie zuvor waren 90 Minuten Film komplett am Computer entstanden. Es gab keine Vorbilder, an denen man sich orientieren konnte. "Wir mussten diese Bilderwelt organisch wirken lassen, ihr eine Geschichte geben", so Lasseter über den schwierigen Animationsprozess. Die 27 Animatoren arbeiteten mit Modellen der Figuren aus Knete, um ihre Bewegungen zu studieren. Manchmal sprangen auch Schauspieler ein. Allein die Figur des Woody verfügte über 723 Bewegungsmuster. Die Animatoren kamen im Schneckentempo voran: Innerhalb einer Woche entstanden acht Sekunden Film.

Bei der Berechnung und Ausgabe der digitalen Bilder entstanden ungeheure Datenmassen, die die Rechner der Neunzigerjahre zu überfordern drohten. Eine Rechnerfarm, bestehend aus 117 Computern, arbeitete 24 Stunden am Tag, um sie zu bewältigen. Die Kalkulation eines einzelnen Standbildes dauerte je nach Komplexität zwischen 45 Minuten und 30 Stunden. Und insgesamt bestand "Toy Story" aus 114.240 Einzelbildern - an denen die Maschinen 800.000 Stunden arbeiteten.

So verliefen die letzten Wochen bis zur Fertigstellung äußerst hektisch. Als "Toy Story" am 19. November 1995 in den USA startete, hielt Steve Jobs seine Erwartungen bescheiden: "Wenn der Film ein kleiner Hit wird, um die 75 Millionen Dollar, und wir unser Geld zumindest wieder einspielen, bin ich zufrieden", soll er vor der Premiere gesagt haben.

"Toy Story" sollte seine Erwartungen weit übertreffen. Der Film spielte an den Kinokassen weltweit 362 Millionen Dollar ein - und trat eine Filmrevolution los: Wenige Jahre später gab Disney bekannt, keine handgezeichneten Zeichentrickfilme mehr produzieren zu wollen.


insgesamt 17 Beiträge
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Andreas Schindler, 19.11.2015
1. Nicht mein Geschmack
Die Filme von Pixar sind nicht mein Geschmack. Ich mag Anime lieber. Bei Anime gibt es häufig eine weit aus bessere Handlung und auch die Grafik muss sich schon lange nicht mehr Verstecken. Der Konzern "Walt Disney" ist in dem Zusammenhang auch schon Negativ Aufgefallen. Da Disney auch eine Vertriebsfirma hat die Filmlizenzen überall in der Welt kauft und nach eigen Gutdünken dann die Filme Weltweit Veröffentlicht. Dabei werden Disney Filme Bevorzugt, weshalb in Deutschland Anime kaum in die Kinos kommen oder erst Jahre später.
Sinned Kolk, 19.11.2015
2.
Interessant dass Final Fantasy als Flop dargestellt wird, ich finde ihn einen der besten Filme überhaupt, auch wenn die Figuren tatsächlich noch nicht das heutige Maß ausschöpfen können. Immerhin ist der Film knapp 15 Jahre alt. Damals ging man noch mit Wähl Modem und 14,4k Leitung ins Netz
Michael Stiewe, 19.11.2015
3. Gute Zeichentrickfilme
sind immer noch die Filme aus der ehemaligen Sowjetunion. Man denke nur an die wunderschön umgesetzten Märchen (Schneekönigin - die echte :-) ), Feuervogel, Feuerrote Blume usw. Das waren noch Trickfilme!
Michael Schnickers, 19.11.2015
4. Wunderbar menschlich!
Die Pixar-Filme haben Herz, Mut und Charakter- oftmals viel mehr als die meisten "Realfilme". "Toy Story" (alle Teile), "Up!" ("Oben"), "WALL-E" (-der Letzte räumt die Erde auf) und der neue unglaublich einfallsreiche Film "Alles steht Kopf"- das sind Perlen der Filmkunst! Und obwohl von Disney finanziert, trotzdem frei und immer wieder auf völlig neuen Wegen unterwegs. Ja, ich habe mit den animierten Figuren gelacht und geweint, sie haben mein Herz berührt und meinen Verstand. Danke, Pixar! Und macht weiter so!
Sven Stursberg, 19.11.2015
5. Planet 51
...fehlt leider komplett. Schade, dass immer nur nach Hollywood geschielt wird und solche Perlen dann untergehen.
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