Rätselhaftes Asphalt-Phänomen Das Geheimnis der Toynbee-Kacheln

Rätselhaftes Asphalt-Phänomen: Das Geheimnis der Toynbee-Kacheln Fotos
Steve Weinik

Kryptische Botschaften im Asphalt von Philadelphias Straßen. Ein Unbekannter, der Tote auf dem Jupiter zum Leben erwecken möchte: Seit den Neunzigern gibt das Phänomen der Toynbee-Kacheln Rätsel auf - ein Musiker aus Philadelphia glaubt, es nach jahrelanger Detektivarbeit endlich gelöst zu haben. Von

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Als Justin Duerr 1993 zum ersten Mal eine Toynbee-Kachel entdeckte, ahnte er nicht, dass er die kommenden Jahrzehnte seines Lebens darauf verwenden würde, ihr Geheimnis zu ergründen. "Ich war 17, hatte die Schule abgebrochen und mich mit Freunden in einem besetzten Haus einquartiert", erinnert sich der Künstler und Musiker heute. "Als ich wieder einmal in der South Street von Philadelphia unterwegs war, um Passanten um Geld anzubetteln, fiel mein Blick auf dieses ungewöhnliche Mosaik im Asphalt". Auf einer Fläche von 30 mal 15 Zentimetern waren dort die Worte zu lesen: "Toynbee idea, in movie 2001, resurrect dead, on planet Jupiter" ("Toynbee Idee, im Film 2001, Tote auferstehen lassen, auf dem Planeten Jupiter").

Wer oder was war Toynbee? Wer käme auf die Idee, Tote wieder zum Leben zu erwecken - und das ausgerechnet in der lebensfeindlichen Atmosphäre des Jupiters? Und was hatte Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltall" aus dem Jahre 1968 mit all dem zu tun? Duerrs Freunde hielten das Ganze für eine Werbekampagne oder für Street Art. Doch vieles sprach dagegen. Nicht nur ergaben die Sätze keinen erkennbaren Sinn, zudem waren die einzelnen Buchstaben sorgfältig aus Linoleum ausgeschnitten und mit Hilfe von heißem Teer in den Straßenbelag eingelassen worden. Um sie zu entfernen, hätte man die South Street aufreißen müssen. Kein Graffiti-Künstler der Welt war für ein derart aufwendiges Verfahren bekannt.

Im Jahr darauf ergatterte Duerr einen Job als Stadtkurier und stellte fest, dass ganz Philadelphia mit der Nachricht des unbekannten Fliesenlegers gepflastert war. Außer ihm nahm jedoch niemand davon Notiz. "Was mich mehr als alles andere dazu anspornte, das Geheimnis der Toynbee-Kacheln zu entschlüsseln, war das Desinteresse meiner Mitmenschen", sagt Duerr. Als die Stadtbibliothek von Philadelphia 1996 mit Arbeitsplätzen zur Internetrecherche ausgestattet wurde, setzte er sich hoffnungsvoll an den Computer. "'Toynbee idea' waren die ersten Worte, die ich jemals in das Eingabefeld einer Suchmaschine getippt habe", erinnert er sich. Das Ergebnis: kein einziger Eintrag.

Erste Spuren

Beinahe ein Jahrzehnt sollte vergehen, bevor Duerr der Identität des "Toynbee-Tilers" einen Schritt näher kam. Bis dahin war das Rätsel um die Straßenmosaike zu einem Phänomen angewachsen, das immer mehr Hobbydetektive auf den Plan gerufen hatte. Die Website www.toynbee.net dokumentierte bis 2006 nicht weniger als 160 Kachelfunde - die meisten davon in New York und Philadelphia, darüber hinaus jeweils eine in Rio de Janeiro, Buenos Aires und Santiago de Chile. Duerr selbst reiste nach Washington, Baltimore und Pittsburgh, um die dort entdeckten Kacheln zu fotografieren.

Auch der Begriff "Toynbee" warf mittlerweile kaum noch Fragen auf. Es lag nahe, dass damit der britische Geschichtsphilosoph Arnold J. Toynbee (1889 - 1975) gemeint war. In seiner Autobiografie "Experiences" (auf Deutsch: "Erfahrungen") schrieb Toynbee 1969, dass es angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse schwierig geworden sei, sich die Aufspaltung des Menschen in einen vergänglichen Körper und eine unsterbliche Seele vorzustellen. Wohl aber könne man sich das Leben nach dem Tod als eine körperliche Manifestation an einem anderen Ort denken.

Duerr erschien es offensichtlich, dass der Fliesenleger mit diesem Gedanken Toynbees vertraut war und ihn mit seiner eigenen Interpretation des Science-Fiction-Films "2001: Odyssee im Weltraum" zu einer kruden Weltanschauung verknüpft hatte. Die Identität dieses Menschen, der seine Vision vom ewigen Leben mit so wenigen Worten, aber umso mehr handwerklichem Geschick buchstäblich unters Volk brachte, lag jedoch weiterhin im Dunkeln.

2005 beschloss der Filmemacher Jon Foy, eine Dokumentation mit dem Titel "Resurrect Dead" über Duerrs Obsession zu drehen. "Die gemeinsame Arbeit an dem Film motivierte uns, die Recherche systematischer voranzutreiben", erinnert sich Duerr. Schon bald stieß man auf einen Namen: Ein gewisser James Morasco hatte 1983 einem Reporter der Tageszeitung "Philadelphia Inquirer" von der Möglichkeit erzählt, die Moleküle Verstorbener auf dem Planeten Jupiter wieder zu lebenden Menschen zusammenzusetzen. Wie zu erwarten, hatte der Journalist diese Theorie jedoch mit ironischer Skepsis kommentiert.

Etwa zur selben Zeit gingen mehrere Anrufe Morascos bei der Radiosendung des Talkshow-Moderators Larry King ein. Zwar konnten Duerr und Foy weder Aufzeichnungen der Sendungen ausfindig machen noch Larry King zu einem Interview überreden, doch Zeugenaussagen bestätigten, dass der Anrufer versucht habe, die selbe seltsame Botschaft zu verbreiten. King habe den Mann jedoch regelmäßig abblitzen lassen. Der Name des Unbekannten schien endlich bestätigt.

Doch Duerr und Foy stand eine herbe Enttäuschung bevor. Wie sich herausstellte, war Doug Worgul, ein Reporter des "Kansas City Star", zwei Jahre zuvor der selben Spur nachgegangen. Worgul hatte herausgefunden, dass der einzige in Philadelphia gemeldete James Morasco bereits 2003 gestorben war. Dessen Witwe beteuerte, dass ihr Mann niemals Interesse an Jupiter oder dem Wiederbeleben von Toten gezeigt habe. Zudem war Morasco bereits Anfang 70 gewesen, als die ersten Toynbee-Kacheln gelegt wurden.

Das Geheimnis lüftet sich

Ein Besuch der Hobbyfunker-Versammlung "SWL Fest" in Kulpsville brachte 2006 dann schließlich den Durchbruch. Duerr und Foy waren einem Hinweis nachgegangen, dass der Urheber der Toynbee-Kacheln - gekränkt durch die ablehnende Haltung der Medien - nicht nur damit begonnen hatte, Mosaike zu legen, sondern auch, seine Theorie über einen eigenen Piratensender in Philadelphia kundzutun. Ein Teilnehmer der Veranstaltung erinnerte sich, dass er von einem Mann kontaktiert worden war, auf den die Beschreibung passte. Und er erinnerte sich auch an einen Namen: Severino Verna.

Plötzlich fügte sich eins zum anderen. Duerr war nämlich zuvor auf eine Adresse im Süden Philadelphias gestoßen, die von einem Eigenbrötler bewohnt wurde, den Nachbarn nur "Sevy" nannten - eine Kurzform von Severino. Da im Asphalt um den besagten Häuserblock auffallend viele kleinere Kacheln zu finden gewesen waren, an denen jemand offenbar die Technik der Toynbee-Mosaike erprobt hatte, hatte Duerr Verna schon damals für einen möglichen Kandidaten gehalten. Doch der Name James Morasco hatte ihn auf die falsche Fährte geführt. Wie Duerr und Foy erst später herausfinden sollten, hatte Verna in einem Newsletter, den er per Post verschickte, mehrfach das Pseudonym "James Morasco" verwendet.

Die Auflösung?

Nun also stand man vor dem Haus des Fliesenlegers, nur wenige Schritte von der mutmaßlichen Wahrheit entfernt. Die Fenster waren teilweise mit Sperrholz verrammelt, dicke Vorhängeschlösser sicherten die Tür. Hin und wieder war ein Schatten hinter einem der Fenster zu sehen. Doch auf das Klopfen und Rufen von Duerr und dem Team der Dokumentarfilmer reagierte niemand. Aus Rücksichtsnahme ließ man nach mehreren Versuchen, Verna zu einem Gespräch zu bewegen, von ihm ab. Auch ein Brief Duerrs blieb unbeantwortet. Alle Hinweise deuteten darauf, dass man den richtigen gefunden hatte - aber eine Erklärung, ein endgültiges "Ich war es!" ist Severino Verna bis heute schuldig geblieben.

War also alles umsonst? Sind die mysteriösen Toynbee-Kacheln nicht mehr als die Spuren eines Verwirrten, die im Laufe der Jahre vom Straßenverkehr unkenntlich gemacht und vergessen werden? "Ich denke, dass Verna von der Idee, ewiges Leben könne tatsächlich erreicht werden, sehr ergriffen war", sagt Duerr. "Meine Interpretation ist die, dass er diesen Gedanken zunächst ins Bewusstsein der Menschen bringen und es dann der Wissenschaft überlassen wollte, ihn in die Tat umzusetzen."

Das wäre womöglich sogar im Sinne Arnold J. Toynbees gewesen. Denn der vertrat zeitlebens die Überzeugung, dass die Menschen sich unmögliche Ziele setzen müssten, um Großartiges zu erreichen.

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1.
Hans Holaf 05.08.2012
interessant sind doch auch die nicht übersetzten textzeilen unter dem "haupttext". Bild 9: "you must make + glue tiles!! you!!! as media siv." er forderte alle auf mit zu machen, kacheln zu kleben. gruselig kann man "siv" als abkürzung von simianes immundefizienz virus verstehen, siehe wiki. Bild 20: die medien würden mit den sowjets arbeiten. folglich verbinde ich diesen artikel mit dem neulich hier vorgebrachten artikel über die verschwörerische Herkunft des HIV aus den USA. Sevy hatte wohl alles vorher gewusst. hihi
2.
Christian Schmidt 05.08.2012
Ich finde das Thema sehr interessant, aber der Artikel erzählt ja nur den tollen Dokumentarfilm "Resurrect Dead" nach, den ich wirklich empfehlen kann. Der Ablauf, wie hier beschrieben, ist eben genau der des Films. Schade.
3.
herbert feilke 05.08.2012
gaga
4.
Detlef Mantz 06.08.2012
Der Autor hat leider von Bautechnik wenig Ahnung. Es sind natürlich keine "Kacheln", sondern "Fliesen". Zwar gibt es im Englischen dafür nur ein Wort (tile), aber im Deutschen wird da sehr genau unterschieden, flache "Dinger" (was auch immer, z. B. als Bodenbelag) sind hierzulande eindeutig "Fliesen". "Kacheln" sind z.B. am Kachelofen und sehen gaaanz anders aus.
5.
Petra Wegs 06.08.2012
Arnold J. Toynbee ist einfach ein weiterer Spiegel "Neue Soziale Weltordnung" Apologet für die "Weltkultur und den Weltstaat" Toynbee sah einen allgemeinen Weltstaat im Entstehen, dessen große Herausforderung seiner Ansicht nach darin bestehe, den Frieden zu garantieren. In seinem letzten, universalgeschichtlichen Werk Menschheit und Mutter Erde von 1974 schreibt er: ?Die gegenwärtigen unabhängigen Regionalstaaten sind weder imstande, den Frieden zu bewahren, noch die Biosphäre durch die Verunreinigung durch den Menschen zu schützen oder ihre unersetzlichen Rohstoffquellen zu erhalten. Diese politische Anarchie darf nicht länger andauern in einer Ökumene, die längst auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet eine Einheit geworden ist. Was seit fünftausend Jahren nötig ist - und sich in der Technologie seit hundert Jahren als durchführbar erwiesen hat -, ist eine weltumfassende politische Organisation, bestehend aus einzelnen Zellen von den Ausmaßen der neolithischen Dorfgemeinschaften - so klein und überschaubar, daß jedes Mitglied das andere kennt und doch ein Bürger des Weltstaates ist. [...] In einem Zeitalter, in dem sich die Menschheit die Beherrschung der Atomkraft angeeignet hat, kann die politische Einigung nur freiwillig erfolgen. Da sie jedoch offenbar nur widerstrebend akzeptiert werden wird, wird sie wahrscheinlich so lange hinausgezögert werden, bis die Menschheit sich weitere Katastrophen zugefügt hat, Katastrophen solchen Ausmaßes, dass sie schließlich in eine globale politische Einheit als kleinerem Übel einwilligen wird.? Kollektivismus Blabala. Danke für diesen tollen Versuch uns das unterzuschieben.
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