Tragische Anfänge eines Komikers Als Loriot auf die Hunde kam

Loriot gehörte zu den beliebtesten Deutschen - doch das war nicht immer so. Eine Cartoon-Serie für den "Stern" sorgte für wütende Proteste in ganz Deutschland - und ein Zerwürfnis mit dem Magazin-Chef. Erst ein Nashorn rettete den Ruf des grandiosen Komikers.

Von Kai Posmik


In einem Strandkorb sitzt eine Hundedame - aufrecht, im Bikini und mit Badekappe. Vor ihr im Sand spielt ein kleiner Mensch, daneben steht ein Hund auf seinen Hinterbeinen. "Kurverwaltung" steht auf seiner Armbinde, streng schaut er unter seiner Schirmmütze hervor. "Wenn nun jeder seinen Menschen an den Strand mitbrächte!", blafft der Ordnungshund.

Menschen als Hunde, Hunde als Menschen: 1953 wird dieser Rollentausch-Cartoon im "Stern" gedruckt. Der Zeichner ist ein Mann, der vier Jahre zuvor ein Studium der Malerei und Grafik in Hamburg beendet hat und sich nun leidlich als Werbegrafiker und Cartoonist durchschlägt: Vicco von Bülow. Auch für den "Stern" hat er gearbeitet. "Auf den Hund gekommen" soll die erste regelmäßige Serie werden. Ein wichtiger Auftrag, noch dazu für ein so renommiertes Magazin. Hunde und Menschen die Plätze tauschen zu lassen, hält der Mann, der sich Loriot nennt, für eine witzige Idee. Noch ahnt er nicht, dass er damit für einen Riesenskandal sorgen wird.

Den "Schöpfer des komischen Deutschlands" hat man Loriot Jahrzehnte später genannt, immer wieder wurde er zu den beliebtesten Deutschen gewählt. Dass ausgerechnet er in der Gunst des Publikums aber zunächst irgendwo zwischen Ablehnung und Hass lag, weiß heute kaum noch jemand.

Künstlerische Differenzen

Der damalige Chefredakteur des "Stern", Henri Nannen, hat von Anfang an seine Zweifel an diesem jungen und etwas steifen Preußen. Loriot selbst berichtete später über seine ersten Jahre in Hamburg, dass Nannen nie ganz sicher gewesen sei, "ob das, was ich mache, komisch ist". Doch irgendwie gelingt es ihm, den Verleger zu überzeugen. Für Loriot ist das in dieser Zeit auch schlicht eine Frage des Überlebens. Denn bis dahin ist er nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden.

Die Anfangsjahre im zerbombten Hamburg sind hart. Dem Vater in Berlin berichtet Loriot in Briefen regelmäßig über die finanziell angespannte Situation. Auf einen jungen Grafiker mit Ideen für schräge Cartoons hat man in der Hansestadt nicht eben gewartet. "Trotz wirklicher Anstrengung ist es mir nicht gelungen, auch nur einen Auftrag zu kriegen", teilt er zum Beispiel im Dezember 1949 dem Vater mit. Das Magazin "Die Straße", für das er gelegentlich arbeitet, reduziert die Aufträge. Offenbar auch wegen künstlerischer Differenzen. Im Herbst 1950 schreibt Loriot: "Es ist da ein Wechsel in der Redaktion eingetreten, der meinem Humor etwas abträglich ist."

Zusammen mit seiner Freundin Romi, die er 1951 heiratet, wohnt Loriot in einer kleinen Einzimmerwohnung in der Nähe des Dammtor-Bahnhofs - bei ständig steigenden Kosten. "Unsere ohnehin wahnsinnige Miete ist um 10 Prozent erhöht worden (jetzt ohne Gas und Strom DM 80,-)", empört er sich in einem weiteren Brief an den Vater. Ein paar Werbegrafiken sind oft die letzte Rettung, um über die Runden zu kommen. 1953 muss ein einigermaßen regelmäßiger Auftrag her, Romi ist schwanger.

"Diese Zeichnungen sind widerlich"

Loriots Entwurf der Serie "Auf den Hund gekommen" passiert schließlich die kritischen Augen von Henri Nannen. Der "Stern" beginnt mit dem Druck. Der Cartoon mit der Strandszene ist darunter. In einer anderen Zeichnung führt ein Hund einen Menschen aus - der Mensch erleichtert sich an einem Baum. Oder: Zwei Hunde schauen aus dem Fenster, sich auf dem Fensterbrett abstützend. Es regnet stark. Auf dem Fußboden liegt ein Mensch, zusammengerollt und schlafend. Sagt der eine Hund zum anderen: "Bei dem Wetter möchte man keinen Menschen vor die Tür jagen!"

Die Reaktion der Leser fällt vernichtend aus. Lachen kann offenbar niemand über Loriots Hunde-Cartoons. Einige der erbosten Leserbriefe hat Loriot später in seinem Buch "Möpse und Menschen" veröffentlicht. In einem heißt es: "Ich sehe in den Bildern eine starke Herabsetzung des 'homo sapiens'. So weit darf es doch nicht gehen!" In einem anderen Brief steht: "Humor soll nicht zu kurz kommen, aber derartige Zeichnungen sind alles andere als belustigend. Sie sind widerlich." Ein weiterer Leser empfiehlt dem "Stern" gar, diesem "Idioten" von Zeichner doch ein "Fläschchen E 605" zu verabreichen. Das Insektizid hieß damals im Volksmund "Schwiegermuttergift".

Dass sich Leser über Inhalte beschweren, ist für den "Stern" nicht neu. Doch im Fall der Hunde-Comics ist die Ablehnung derartig groß, dass die Macher des Magazins beginnen, sich um die Auflage zu sorgen. Leser drohen offen damit, den "Stern" nicht mehr kaufen zu wollen: "Die Bilder sind so beschämend scheußlich, daß ich nicht eher wieder einen 'Stern' kaufe, bis die Bildreihe beendet ist." Das Risiko Loriot ist Henri Nannen schließlich zu groß. Nach gerade sieben Folgen wird die Serie eingestellt. Nannen tobt und beendet die Zusammenarbeit unmissverständlich: "Ich will den Kerl nie wieder im 'Stern' sehen."

"Auf den Hund gekommen: 44 lieblose Zeichnungen"

Dass "Auf den Hund gekommen" dennoch sein Publikum finden würde, scheint zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Nach der Einstellung im "Stern" zeigt sich kein einziger Verlag in Deutschland interessiert, die Serie als kleines Buch zu drucken. Die Schwester einer Jugendliebe Loriots, die Buchhändlerin Lieselotte Büchner, sorgt jedoch für eine unerwartete Wende. Auf der Buchmesse in Frankfurt am Main lernt sie Daniel Keel kennen, einen jungen Verleger aus der Schweiz. Der sei "so sehr auf der Suche nach einem deutschen Witzzeichner", es gebe jedoch keine modernen.

Büchner empfiehlt Loriot in einem Brief, die Hunde-Cartoons doch an Keel zu schicken, "vielleicht könnte er so einen kleinen 4,60-DM-Band daraus machen." Büchner fügt noch hinzu, dass der Mann gelernter Buchhändler sei, "und vermutlich geschäftlich zuverlässig". Loriot sendet dem Schweizer die Zeichnungen und schon ein Jahr später - 1954 - sitzt er neben Daniel Keel auf der Frankfurter Buchmesse und präsentiert stolz sein erstes Buch: "Auf den Hund gekommen: 44 lieblose Zeichnungen". Für beide Seiten beginnt eine lebenslange Zusammenarbeit. Loriot publiziert fortan fast ausschließlich bei Daniel Keel. Und für den ist die Zusammenarbeit mit Loriot ein Baustein für den späteren Erfolg seines 1952 gegründeten Verlags - Diogenes.

Als Loriots erstes Buch herausgekommen war, hatten sich auch die Wogen in Hamburg längst wieder geglättet. Der "Stern" startet noch 1953 eine Kinderbeilage, das "Sternchen". Henri Nannen sucht nach Zeichnern, die Cartoons für Kinder liefern konnten. Loriot ist plötzlich wieder im Gespräch und schlägt die Serie "Reinhold das Nashorn vor". Nannen fragt, wie lange er das denn durchhalten könne. "Zwei Monate", sagt Loriot - und der Chefredakteur des "Stern" vergibt den Auftrag an den Zeichner, den er noch kurz zuvor nie wieder hatte drucken wollte. Aus zwei Monaten sollen schließlich 17 Jahre werden.

Denn im Gegensatz zu Loriots Hundegeschichten finden die Abenteuer des Nashorns Reinhold sofort Zuspruch, abgesehen von einigen Schülern gleichen Namens, die nun Hänseleien ausgesetzt sind. Einer davon fragt Loriot in einem Brief, ob er denn bitte den Namen des Nashorns ändern könne, weil er "in der Schule nur noch das Rhinozeros" sei. Doch der Zeichner bittet um Verständnis, dass das nicht möglich sei und bietet dem kleinen Reinhold dafür an, sich ein kleines Weihnachtsgeschenk auszusuchen - sofern es nicht zu kostspielig sei.



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Seite 1
bärbel roloff, 24.08.2011
1.
Fehlt der Hinweis auf die vernichtende Kritik von Bülows durch Horst Jansen, der mit ihm zusammen in Hamburg studiert hat. Das tut seinem Ruf (und auch dem Jansens) keinen Abbruch und zeigt nur, dass Kunst sehr verschiedene Ausprägungen haben kann.
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