Trainer-Legende Kick mit der Staatssicherheit

Mit Jena führte er die DDR-Oberliga an, als Nationaltrainer verschaffte er der DDR-Auswahl einen Sieg über den Klassenfeind BRD: Trainer-Legende Georg Buschner wusste für seine Karriere alle Vorteile des Systems zu nutzen - bis er in der Zeitung von seinem Rauswurf las.

DPA

Von Hanns Leske


Der Schock war groß: In der 78. Spielminute ließ DDR-Stürmer Jürgen Sparwasser souverän erst Horst-Dieter Höttges und Berti Vogts stehen. Dann konnte auch Nationaltorwart Sepp Maier dem Ball nur noch hinterher gucken. 1:0 für die DDR gegen den haushohen WM-Favoriten BRD - damit hatte keiner vor dem Spiel im Hamburger Volksparkstadion gerechnet. Für den ostdeutschen Nationaltrainer Georg Buschner war der Sieg am 22. Juni 1974 wohl einer der wichtigsten Momente seiner Karriere.

Im August 1958 hatte der eigentlich noch aktive Verteidiger das Training des SC Motor Jena übernommen. Buschner revolutionierte die Methoden beim DDR-Oberligisten: Er führte den athletischen, auf Körperkontakt ausgerichteten Fußball in Ostdeutschland ein und berücksichtigte neueste wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Ausbildung. Schnell zahlte sich der neue Stil aus - Motor Jena wurde zum Jahresende 1958 Vizemeister, 1960 holte der Verein mit dem FDGB-Pokal den ersten Titel.

Autoritäres System

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beobachtete den erfolgreichen Trainer. In einem Bericht beschreibt der fußballerisch kenntnisreiche IM "Mathias" nach Buschners Trainingsmethoden präzise auch dessen Führungsstil: "Weiter klügelte er ein umfangreiches Prämiensystem aus, das große Abzüge vorsah bei moralischen Entgleisungen, bei schlechten Trainings- und Spielleistungen, aber ebenso enorme Summen bei Erfolgen versprach."

Weiter weiß der Ex-Dynamo-Spieler und Stasi-Zuträger "Mathias" in der Akte des MfS-Vorgangs "Georg" über Buschner zu berichten: "Dabei hielt sich Buschner trotz eines umfangreichen Mitarbeiterstabes stets die alleinige Entscheidungsgewalt vor. Und das selbst in den kleinsten Dingen! Er übte praktisch eine absolute Autorität aus, duldete niemand neben sich."

Buschner wurde mit Jena 1963, 1968 und 1970 DDR-Meister. Im Europapokal der Cupsieger führte er Motor 1962 bis in das Halbfinale - erst gegen die Profis von Atlético Madrid war Endstation. 1970 übernahm er die Nationalmannschaft und setzte seine Erfolgsserie fort: Bei den Olympischen Spielen 1972 und 1976 holten Buschners Mannen erst Bronze und dann Gold. Im Jahr 1974 krönte er seine Karriere mit dem 1:0-Sieg der DDR-Auswahl gegen den Klassenfeind BRD - auch wenn die Ost-Kicker in der zweiten Finalrunde ausschieden. Es blieb die einzige Teilnahme der DDR an einer Fußballweltmeisterschaft.

Rausschmiss per Zeitungsbericht

Gegen Ende der siebziger Jahre verschlechterte sich das Verhältnis des Trainers zu Funktionären und Aktiven. Der erfolgreiche Fußballlehrer blieb stur bei seinen Prinzipien, obwohl einiges nicht mehr zeitgerecht war. So hielt er unter der Woche mit Vorliebe Lehrgänge in Jena ab. Während seine Schützlinge in unzureichenden Unterkünften nächtigen mussten, schlief der "Graf" in seinem Haus in den Bergen. Ungeachtet seiner Erfolge gab es in der DDR nicht wenige Kritiker, die ihm vorwarfen, zu wenig auf Spielkultur zu achten.

Den Funktionären des Deutschen Turn- und Sportbunds (DTSB) war der unbequeme Trainer schon lange ein Dorn im Auge. Nach einer 2:3-Niederlage gegen die Volksrepublik Polen 1981 witterten sie ihre Chance, den ungeliebten Trainer-Star loszuwerden: Nur 48 Stunden später wurde Buschner entlassen. Seinen Rauswurf erfuhr er aus der Presse.

Buschner, SED-Mitglied seit 1946, besuchte 1948 die Kreisparteischule in Gera, absolvierte 1950 einen viermonatigen Lehrgang in der SED-Kaderschmiede in Kleinmachnow. Von 1966 bis 1981 arbeitete er offiziell und inoffiziell mit dem MfS zusammen: 1969 verpflichtete Buschner sich per Handschlag als Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit (GMS) "Georg". Nach Aktenlage hat er als Cheftrainer des FC Carl Zeiss Jena bis 1971 konspirativ dem MfS Informationen zukommen lassen. Ab 1972 kam es nur noch zu offiziellen Kontakten. Nachdem Buschner unsanft aus dem Amt des Nationaltrainers entlassen worden war, schloss die Stasi seine Akte am 17. November 1981.

"B. ist ein Karrierist und Individualist"

Bereits 1958 geriet Buschner in das Visier des MfS. Ein "Geheimer Informator" berichtete von Vorwürfen, Buschner habe sein Examen gefälscht. Später verlangt die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin per Fernschreiben von der Kreisdienststelle Jena Auskünfte über den Oberassistenten Buschner im Zusammenhang mit einer Republikflucht. Daraufhin antwortet die Jenaer Dienststelle: "Obwohl B. Mitglied der SED ist, ist er nicht zuverlässig. B. ist ein Karrierist und Individualist." Weitere Berührungspunkte zwischen dem MfS und Buschner sind bis 1966 nicht erkennbar.

Als Jenas Stürmer Michael Polywka 1966 ein Intercup-Spiel zur Republikflucht nutzte, begann die Phase der inoffiziellen wie offiziellen Zusammenarbeit von Buschner und dem MfS. Im November 1966 vernahmen die Genossen der Abteilung XX den Jenaer Trainer ausführlich. Buschner ließ es laut MfS-Aufzeichnungen nicht bei Bemerkungen über Polywka bewenden, sondern äußerte sich zu verschiedenen Spielern.

Dabei unterschied er zwischen Spielern mit einer politisch sauberen und offenen Einstellung in Verbindung mit gefestigter Haltung und Spielern ohne festen Standpunkt. Seine Angaben wirken nicht denunziatorisch, sondern oberlehrerhaft. Buschner wies auf die Gefahr der Abwerbung bei Kontakten hin, versicherte den Genossen, dass er alles tun werde, um einen weiteren DDR-Verrat auszuschließen und brachte zum Ausdruck, dass er unter Ausnutzung seines Einflusses und seiner Verbindungen versuchen werde, "näheres über P. in Erfahrung zu bringen".

In einem Bericht vom Januar 1974 hob das MfS hervor, dass Buschner nach Polywkas Flucht besonders eng mit dem Organ zusammen gearbeitet habe. Weiter heißt es: "Während seiner Tätigkeit als Cheftrainer des FC Carl Zeiß Jena zeigte der GMS eine gute Einsatzbereitschaft, besonders zur Klärung op. interessanter Fakten, bei der Sicherung der Sportreisekader im In- und Ausland und im Rahmen der Ermittlungstätigkeit kam er zum Einsatz."

Als er 1979 zur Flucht des ehemaligen BFC-Spielers Eigendorf und des Trainers Jörg Berger befragt wurde, äußerte er, dass alle in der Nationalmannschaft aufs tiefste empört seien. In den Gesprächen mit der Stasi bekräftigte er immer wieder die Notwendigkeit der Arbeit der Staatssicherheit und seinen festen Willen, das Organ entsprechend seinen Möglichkeiten zu unterstützen.

"Von dem Scheiß will ich nichts wissen"

Bei seinen zahlreichen Auftritten in den Medien hat sich Buschner als DDR-Nationaltrainer immer zu seinem Staat und der dort herrschenden Ideologie bekannt. Wenn Buschner 1974 im Gespräch mit den Genossen aus Mielkes Ministerium sagte, "dass seit mehreren Jahren in der DDR sehr günstige soziale Verbesserungen für die Fußballspieler getroffen worden sind und auch die Stärke im ökonomischen und politischen Maßstab sich positiv auf die ideologische Entwicklung der Mehrzahl der Fußballspieler auswirkt", dann ist das deckungsgleich mit seinen Statements gegenüber der Öffentlichkeit in jener Zeit.

Georg Buschner hat nach der Wende sowohl eine Tätigkeit für die Staatssicherheit geleugnet als auch eine Nähe zum Machtapparat des SED-Staates entschieden zurückgewiesen. Seine Rechtfertigungsversuche in bundesdeutschen Medien sind nicht bei allen Zeitzeugen gut angekommen. Der ehemalige DDR-Fußballer des Jahres 1963, Manfred Kaiser (Aue/Karl-Marx-Stadt), hat diese Versuche 1995 bissig kommentiert: "Was Buschner alles für Unsinn nach der Wende erzählt hat, da kann man einfach nur den Kopf schütteln." Als Walter Jahn die längst überfällige Aufarbeitung der Einflussnahme des MfS auf den Jenaer Klub präsentierte, wollte Buschner "von diesem Scheiß" nichts wissen. Buschner starb am 12. Februar 2007 im Alter von 85 Jahren.

Überarbeitete Fassung eines Artikels aus der Zeitschrift "Gerbergasse 18", herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Jena e. V., Heft 45, 2007



insgesamt 2 Beiträge
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Thomas Glöckner, 19.02.2008
1.
Ich weiß nicht, ob man sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens und gerade die so populäre Sportart "Fussball" der ehem. DDR immer darauf untersuchen muss, ob viellleicht irgendwelche Verbindung zum MfS nachzuweisen sind ? Besteht Ihrer Meinung nach das Historische, was Sie ohne Zweifel für sich in Anspruch nehmen, nur darin Verbindungen zum MfS ( und nicht, wie Sie schreiben "Stasi", was m.E. un-wissentschaftlich und un-historisch ist, weil man hier die Nähe zum "Bild"-lesenden "Proll" zeigt ) nachzuweisen ? Hochachtungvoll Thomas Glöckner
Thomas Kuhndt, 26.06.2012
2.
Machen wir uns nichts vor: Georg Buschners Arbeit konnte nur so gut sein, wie die Arbeit in den Clubs war. Fritzsch (Dynamo Dresden), Krügel (1. FC Magdeburg), der junge Hans Meyer (Jena) leisteten diesbezüglich und für DDR-Verhältnisse grossartiges. Auch die Nachwuchsarbeit des DFV konnte sich sehen lassen, die Auswahlmannschaften bis hin zur U23 zählten europaweit zu den führenden Vertetungen. Es ist übertrieben, nun Buschner den ganz grossen Ruhm zukommen zu lassen.
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