Traumberuf Stewardess Laufsteg über den Wolken

Traumberuf Stewardess: Laufsteg über den Wolken Fotos

Von wegen Saftschubsen! Auf dem höchsten Laufsteg der Welt trugen Stewardessen früher nicht nur Verantwortung für die Passagiere, sondern auch richtige Gläser und adrette Kostüme. Als Fliegen noch als Privileg galt, waren immer auch Glamour, Stil und Sexappeal mit an Bord. Von Sebastian Heilig

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.1 (830 Bewertungen)

Erinnern Sie sich an Ihren Traumberuf als Kind? Feuerwehrmann, Lokomotivführer oder Pilot - Klassiker bei den Jungs. Bei den Mädchen: Entweder Prinzessin oder Stewardess. Was den Glamourfaktor anging, war das lange fast das Gleiche. Stewardessen waren nicht irgendwer, sondern echte Elite: ehemalige Mannequins (wie Models noch genannt wurden), die elegant geschnittene Kostüme und kecke Hütchen trugen, mit denen sie wie Grazia Patricia von Monaco aussahen, mindestens.

Stewardessen flogen in viermotorigen Luxuslinern um den Globus - zu einer Zeit, als andere sich im Familien-Käfer über die Alpen nach Rimini quälen mussten und das für die große weite Welt hielten. Stewardess zu sein, das hieß: zum internationalen Jet-Set zu gehören, im Wortsinn. Montag Shopping in Kopenhagen, Dienstag Piña Colada in Rio, Mittwoch mit Blumenkette am Strand von Honolulu, Donnerstag Disko in Miami, Freitag Café au lait in Paris - dabei immer souverän lächelnd, mit perfekter Frisur und ebenmäßigen Zähnen. Sexy, schon, aber nicht zu sehr.


Stewardessen im Aktion

Video 1: Werbespot der Southwest Airlines I: "Remember?"

Video 2: Werbespot II: In kurzen Hosen zum Dienst


Heute werden Stewardessen "Flugbegleiterinnen" genannt und rangieren bei den Traumberufen irgendwo zwischen Arzthelferin und Altenpflegerin. Spätestens die Billig-Airlines haben aus dem Glamour- einen Ballermannfaktor gemacht. Statt kosmopolitischem Flair herrscht heute an Bord der Bumsbomber Sonnenstudioatmosphäre, die schick geschnittenen Uniformen von einst sind unförmigen Poloshirts in Hansaplast-Rosé mit Halstüchern in Zahnbelag-Gelb gewichen. Und statt des Drei-Gänge-Menüs, serviert mit einem freundlichen "Guten Appetit!" von rotgeschminkten Lippen, wirft eine lustlose Jobberin mit deutlichem Übergewicht trockenen Marmorkuchen aus der Tüte auf den Klapptisch. Dazu gibt es schale Billigcola im Plastikbecher.

Sky Girls und Cabin Boys

Als der Zeppelin "Schwaben" 1911 mit dem ersten Steward der Luftfahrtgeschichte abhob, servierte der den Fluggästen noch Köstlichkeiten wie Masthuhn, Gänseleberpastete und Malossolkaviar, reichte dazu Champagner, gerne auch ein Likörchen für die Damen oder einen gediegenen Malt als Absacker für die Herren - das Selbstbild seines Berufsstandes war eben noch das des Butlers an Bord.

Eine Frau drang überhaupt erst 20 Jahre später in die Männerdomäne ein - was auch damit zu tun hatte, dass die Flugbegleiter des frühen Flugzeugzeitalters keineswegs nur Drinks servierten, sondern auch Koffer schleppten und die Maschine betankten. Am 15. Mai 1930 trat die 25-jährige Ellen Church im kalifornischen Oakland ihren Job bei "Boeing Air Transport" (BAT), dem Vorgänger von United Airlines, an - die erste Stewardess der Welt. Eigentlich hatte sich die Krankenschwester mit Flugschein als Pilotin beworben, doch es klappte nur mit Plan B: Churchs Argument, dass eine Krankenschwester an Bord doch eine tolle Sache sei, kam an.

Nach nur drei Monaten Testbetrieb mit Church engagierte die Fluglinie gleich sieben weitere junge Damen für den Dienst in den Wolken. Die "Sky Girls", so die offizielle Bezeichnung, verteilten vor dem Start Kaugummis, halfen den Passagieren dabei, ihr Gepäck zu verstauen, und servierten Hühnchen mit Fruchtsalat - zur offenkundigen Zufriedenheit der Fluggäste, doch zum entschiedenen Missfallen der männlichen Kollegen, der "Cabin Boys". Den Herren am Himmel waren die fliegenden Frauen suspekt: Sie seien zu beschäftigt, um sich während des Fluges auch noch um eine "hilflose Frau" zu kümmern, hieß es. Die Rekrutierung weiterer "Sky Girls" führte zu einer Flut von Beschwerdebriefen bei den Fluggesellschaften - Absender waren die Ehefrauen der Piloten.

Über Deutschlands Wolken waren zu diesem Zeitpunkt immer noch Männer für den Service zuständig. Erst 1938 stellte die Lufthansa sogenannte Luftstewardessen ein. Der damalige Verkehrsleiter legte bei der Auswahl viel Wert auf "ungekünstelte Liebenswürdigkeit, Welterfahrenheit und Beherrschtheit in jeder Situation". Diese konnten die Bewerberinnen gleich zu Beginn ihrer Ausbildung während eines "Kunstflugs" unter Beweis stellen: Der Pilot durfte zeigen, was man mit so einem Flugzeug alles anstellen kann. Bewahrten die Bewerberinnen auch während Sturzflug und Steilkurve die Contenance, bestand an ihrer Flugtauglichkeit kein Zweifel mehr. Die Aspirantinnen lernten dann ab 1955 an der in Hamburg eigens dafür gegründeten Stewardessenschule das Handwerkszeug einer Flugbebleiterin - neben Erster Hilfe, Aerodynamik und Etikette stand auf dem Lehrplan auch gerades Gehen in hochhackigen Schuhen.

Hotpants und Heiratsverbot

Wer weiß - das rasante Wachstum der Luftfahrtbranche nach dem Zweiten Weltkrieg war womöglich auch dem Chic der Stewardessen geschuldet. Die aparten jungen Damen, die dem Fluggast jeden Wunsch von den Augen ablasen, erwiesen sich jedenfalls von Anbeginn als zugkräftiges Argument beim Ticketverkauf. Und da die Kunden zumeist männlich waren, legten die Airlines großen Wert auf ein adrettes Äußeres. "Sky Girls" etwa durften nicht älter als 25 Jahre sein und höchstens 43 Kilogramm wiegen, bei einer Körpergröße von maximal 1,65 Meter.

Außerdem mussten sie unverheiratet sein - eine Bedingung, die bei United Airlines noch bis 1968 gültig war. So nahm hoch in den Wolken manche Affäre ihren Anfang, nicht selten auch gleich eine Ehe. Die damals 34-jährige Olympic-Airways-Stewardess Dimitra "Mimi" Liani landete 1988 den vielleicht größten Coup, der je einer Flugbegleiterin gelang, als sie sich den (verheirateten) griechischen Regierungschef Andreas Papandreou an Land zog.

"Sex sells Seats" jedenfalls wurde bei den Airlines früh zu einer erklärten Marketingstrategie - die in den Siebzigern mit dem Modetrend zu Minirock und Hotpants eine durchaus heiße Liaison einging. "Ich schaue mir erst die Beine an, dann wandert mein Blick nach oben", gab ein Sprecher der texanischen South-West Airlines unumwunden zu: "Wenn die Mädchen keine Hotpants tragen können, bekommen sie den Job nicht." Tatsächlich stöckelten South-West-Stewardessen mit orangefarbenen Hotpants und weißen, kniehohen Lackstiefeln durch die Kabine. Ein Krankenschwesterexamen war jetzt nicht mehr notwendig.

Lagerfeld oder Lidl?

Andere Fluglinien setzten auf klassischen Stil und beauftragten namhafte Designer, um Uniformen für ihr Personal entwerfen zu lassen: Coutouriers wie Christian Lacroix, Nina Ricci, Pierre Balmain oder Karl Lagerfeld beherrschen bei den renommierteren Fluglinien noch heute den Laufsteg namens Mittelgang. Wieder andere locken erfolgreich mit exotischen Nationaltrachten: Singapore Airlines etwa machte das in einen traditionellen Sari gewandte "Singapore Girl" bereits 1973 zum festem Markenzeichen - mit so durchschlagendem Erfolg, dass der amerikanische Spielwarenhersteller Mattel 1991 gar eine "Singapore Girl"-Barbie auf den Markt brachte. Dass die "Saftschubsen" und "Düsen" der Billig-Airlines jemals als Barbies verewigt werden, steht kaum zu befürchten.

Aber natürlich gibt es auch ein Leben nach dem Trolley: Unter deutschen Promis tummelt sich so manche Ex-Stewardess: Talkshow-Moderatorin Sabine Christiansen etwa oder die hessische SPD-Chefin und Fast-Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti. Und auch die Nachfolgerin von Alice Schwarzer als "Emma"-Chefredakteurin Lisa Ortgies hat in einem früheren Leben Passagieren mit einem routinierten Lächeln auf den Lippen den korrekten Umgang mit Schwimmweste und Sauerstoffmaske erklärt. Echte Stewardessen sind eben: Elite.


Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über

...die zwanziger Jahre ...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre ...die fünfziger Jahre ...die sechziger Jahre ...die siebziger Jahre ...die achtziger Jahre ...die neunziger Jahre

Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
3.1 (830 Bewertungen)
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH